
- Kurz vor dem Ziel: Der Ludgerus-Schrein am Paradies des St.-Paulus-Domes.
Imposanter Einzug
Liudger ist Zuhause angekommen
Bistum. An ihrem 1.200. Geburtstag hat am Mittwoch (30.03.2005) die Diözese Münster ihrem Gründer einen imposanten Einzug in der Hauptstadt des Bistums bereitet. Mehr als 3.000 Gläubige feierten im St.-Paulus-Dom den heiligen Liudger. Vor genau 1.200 Jahren hatte er die Bischofsweihe empfangen – die Stunde Null des Bistums Münster.
Das Protokoll der Ludgerus-Tracht am 30. März 2005:
17.15 Uhr – 15 Grad Celsius, Sonne und Wolken wechseln sich am Himmel ab. An der St.-Josephs-Kirche an der Hammer Straße in Münster erwartet man einen Wagen-Konvoi aus Essen-Werden. Die kostbare Fracht: Ein Schrein aus Gold und Silber aus dem Jahr 1787. Wertvoller aber noch ist der Inhalt: Die sterblichen Überreste des ersten Bischofs von Münster.
17.20 Uhr – Der Platz vor der neugotischen Kirche füllt sich langsam. Pfarrer Stefan Rau kann viele Gemeindemitglieder begrüßen. 150 Menschen kommen. Unter ihnen auch viele Schaulustige. Der Himmel zieht sich zu. Bleibt es trocken?
17.30 Uhr – Volles Geläut des Gotteshauses für fünf Minuten. Aus Richtung Süden kommt die Kostbarkeit. Ein Polizeiwagen mit Blaulicht biegt auf den Kirchplatz; es folgt ein schwarzer Mercedes – unverkennbar ein Leichenwagen. Dahinter ein Audi mit dem Essener Weihbischof Franz Vorrath, dem Propst aus Essen-Werden, Johannes Kronenberg, und Weihbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.
17.34 Uhr – Die Heckklappe des Mercedes wird geöffnet und der Schrein mit den Gebeinen Liudgers hervorgezogen. Neugierige Blicke. Kamera-Objektive richten sich auf das Kleinod.
17.35 Uhr – Noch ist nicht klar, wie der Schrein transportiert werden soll. Denkmalpfleger hatten den Transport via Pferdegespann untersagt. Ein 1,70 Meter hoher Rollwagen steht bereit. Doch zunächst soll der Sarkophag im Fahrzeug bleiben.
17.55 Uhr – Die Glocken der Josephskirche beginnen wieder zu läuten.
18.05 Uhr - Die Polizei sperrt die Hammer Straße. Der berittene Fanfarenzug aus Warendorf-Freckenhorst bringt sich in Position. 15 Männer und Frauen lassen Fanfaren und Kesselpauken erklingen. Vier Polizei-Motorräder fahren vorweg, dahinter der Mercedes, die Essener Gäste, Weihbischof Tebatz-van Elst und knapp 50 Gläubige. Erstaunte Blicke am Straßenrand, Fragen von Passanten: "Ist das eine Beerdigung?" Noch hat der Zug wenig Prozessionscharakter. Doch das wird sich bald ändern.
18.30 Uhr – Der Mercedes biegt von der Königstraße auf den Platz vor der Ludgeri-Kirche ein. Ein kleiner Junge fragt seinen Vater: "Warum sind da Pferde?" Der Vater: "Um das alles würdig zu gestalten: Schließlich ist da der heilige Ludger drin."
18.32 Uhr – Ludgeri-Pfarrer Ludger Winner begrüßt: "Der heutige Tag ist so etwas wie eine außerordentliche Bischofsvisitation." Man könne mit Ludgerus Tuchfühlung aufnehmen. – Applaus brandet auf, als Winner das 25-jährige Amtsjubiläum von Bischof Reinhard Lettmann erwähnt.
18.37 Uhr – Der Schrein wird aus dem Mercedes geholt. Endlich ist der "Makel" eines Leichenzuges genommen. Der Bischof zieht mit dem Domkapitel in die mittelalterliche Ludgeri-Kirche ein.
18.40 Uhr – Bischof Lettmann beginnt die Andacht: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." – Gesänge, eine Lesung. Lettmann betet: "Gott, wir danken dir für den heiligen Bischof Liudger, der uns in der Kraft deines Geistes das Evangelium verkündet und die Liebe zur Kirche eingepflanzt hat."
19.00 Uhr – Die Ludgerus-Tracht setzt sich in Bewegung. Beeindruckend wird die Prozession vor allem durch die katholischen Verbände: 120 Banner-Abordnungen hatten sich angemeldet; es dürften aber sich mehr als 200 sein. Allein die Katholische Landjugend-Bewegung ist mit mehr als 40 Fahnen in der Prozession vertreten. Außerdem fallen die Kolping-Banner auf. Mit dabei aber auch Pfadfinder, Frauengemeinschaft, Katholische Arbeitnehmer-Bewegung, die Malteser und viele Schützenfahnen. Imponierend!
19.10 Uhr – Durch die Ludgeristraße ziehen die Gläubigen - die Polizei schätzt die Menge auf 5000 - betend und singend zum Prinzipalmarkt. In ihrer Mitte der Ludgerus-Schrein, getragen von acht Männern. Die Geschäfte haben noch geöffnet. Viele Passanten schauen neugierig zu; einige sind skeptisch; andere kritisch, "Opium fürs Volk", meint einer. Nicht neu, nicht originell, aber eine Meinung.
19.21 Uhr – Ungestört zieht die Prozession durch die Altstadt. Am Historischen Rathaus grüßt und gratuliert Bürgermeisterin Karin Reismann: Liudger habe die Zivilisation gebracht. "Ohne Liudger gäbe es Münster nicht." – Bischof Lettmann dankt für die guten Wünsche.
19.45 Uhr – Wenige hundert Meter weiter der nächste Halt. Ein wichtiger. Vor der evangelischen Apostelkirche drei protestantische Pfarrer. Eine besondere Freude sei der Besuch bei der evangelischen Gemeinde, erklärt Pfarrer Heinrich Kandzi. Dies dokumentiere das gute ökumenische Miteinander in der Stadt, für dessen Zukunft man gemeinsam arbeiten wolle.
19.55 Uhr – Es soll weitergehen. Dem katholischen Vorbeter versagt die Mikrofon-Anlage kurzzeitig den Dienst. Pfarrer Kandzi hilft aus: "Wir singen das Lied auf Seite 12." Die Bläservereinigung Albachten stimmt an, die Gläubigen stimmen ein "Nun singe Lob, du Christenheit." – Die evangelischen Geistlichen reihen sich ein – mit Pfarrer Kandzi sind dies Pfarrer Johannes Krause-Isermann von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen und Martin Mustroph vom Evangelischen Kirchenkreis.
20.07 Uhr – Das Vortrage-Kreuz und die ersten Banner treffen im St.-Paulus-Dom ein. Schier endlos scheint der Einzug.
20.13 Uhr – Die Gemeinde beginnt singt das große Loblied der Kirche: "Großer Gott wir loben Dich!" Immer lauter wird der Gesang.
20.15 Uhr – Die Schar von 32 Messdienern erreicht den Chorraum. 150 Priester und Priesteramtskandidaten ziehen ein.
20.19 Uhr – Der Schrein ist im Paradies des Domes angekommen. Dessen Hausherr, Dompropst Josef Alfers begrüßt ihn "voll Ehrfurcht und voll Freude".
20.23 Uhr – Mit einer Auftragskomposition des Bistums wird der Liudger-Schrein Willkommen geheißen. "Pavana L." heißt das Werk von Jürgen Essl. "Langsam schreitende Musik (Pavane) zu Ehren des Hl. Liudger unter Verwendung der Gregorianischen Antiphon vom Tage 'Venite benedicti Patris mei'. Um die zeitliche Dimension von 1.200 Jahren ahnen zu lassen ist das Klangbild archaischen Typen nahe", heißt es im Liedheft dazu.
20.25 Uhr – Der Liudger-Schrein erreicht den Chorraum; er wird vor dem Ambo abgestellt. Bischof Lettmann inzensiert das Reliquiengehäuse mit Weihrauch.
20.34 Uhr – "O Gott, komm mir zu Hilfe": Bischof Lettmann eröffnet die Vesper.
20.46 Uhr – In einer kleinen Prozession wird das Evangeliar aus dem Westchor zum Ambo getragen. Zudem werden die Liudger-Kerze und der Liudger-Leuchter, die ein Jahr lang durch Gemeinden wanderten, mitgebracht. Der Leuchter findet seinen Platz vor dem Schrein. Die Liudger-Kerze stellen Bischof Lettmann und die Vorsitzende der Laienvertretung im Bistum, Margret Pernhorst, gemeinsam neben die Osterkerze.
20.58 Uhr – Bischof Lettmann predigt: "Am Schrein des heiligen Liudger schauen wir zurück in seine Zeit, in die Gründungszeit unseres Bistums. Zugleich jedoch schauen wir in die Zukunft hinein. Auf dem Weg in die Zukunft macht uns das zweite Wort aus der Lesung Mut. Es ist das letzte Wort Jesu überhaupt, das uns das Evangelium überliefert: 'Seid gewiss, ich bin bei euch, alle Tage, bis zum Ende der Welt.' "
21.10 Uhr – Weihbischof Franz Vorrath gratuliert zum Bistumsjubiläum und verweist auf Ludger: "Der heilige Liudger ist für uns deswegen so lebendig, weil er durch sein Leben und sein missionarisches Zeugnis für Jesus Christus seit 1.200 Jahren ansteckend und anspornend auf uns Christen wirkt."
21.15 Uhr – Bischof Lettmann spricht den Segen. Der Auszug beginnt…
21.22 Uhr – Der 75. Bischof von Münster verneigt sich beim Auszug vor dem ersten in der Reihe der münsterschen Oberhirten: dem heiligen Liudger.
21.25 Uhr – Die letzten Banner-Abordnungen haben den Dom verlassen. Viele Gläubige strömen nach vorn. Sie knien nieder und beten vor dem Schrein. Eine ergreifende Stimmung.
21.30 Uhr – Willi Wessels vom Bischöflichen Generalvikariat, Chef-Organisator der Ludgerus-Tracht, ist zufrieden: "Besser konnte es nicht laufen."
21.35 Uhr – Tief beeindruckt von der großen Teilnahme zeigt sich Bischof Lettmann. Damit habe er nicht gerechnet.
21.40 Uhr – Bis Sonntag bleibt der Gründervater Ludgerus in der Mutterkirche der Diözese. An den kommenden Tagen finden Betstunden am Liudger-Schrein statt. Am Samstag feiert Reinhard Lettmann sein 25-jähriges Amtsjubiläum als Bischof von Münster; am Tag drauf ist im Dom die offizielle Eröffnung der Feiern zum Bistumsjubiläum. Am Sonntagnachmittag geht der Schrein auf eine weitere Reise nach Billerbeck – dorthin, wo er am 26. März 809 starb.
Text: Norbert Göckener / Fotos: Michael Bönte, 30.03.2005
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