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22.07.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
 

Bibelarbeit zum Neuen Jahr 2004

Wie neu geboren

1. Einstimmung:

Gute Vorsätze zum Neuen Jahr
Gute Vorsätze zum Neuen Jahr – ein wenig ist es ein Spiel. Manchmal hilft es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, alte Belastungen abzuwerfen und etwas Neues anzufangen. Wenn es gelingt, fühlt man sich "wie neu geboren". Im Grunde aber weiß jeder, dass die meisten Vorsätze nicht von langer Dauer sind. "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" (Mk 14,32).

Wie großartig wäre es dagegen, man könnte wirklich einmal ganz neu anfangen: Man brauchte seine Vergangenheit nicht zu verraten. Man brauchte nichts aufzugeben von dem, was einem lieb und teuer und wertvoll ist. Aber man könnte sich ein für allemal von allem Schlechten und Bösen, allem Halbherzigen, Mittelmäßigen, Abgeschmackten lösen – und am Guten desto mehr Gefallen finden. Und dies wäre einem nicht nur für kurze Glücksmomente beschieden, sondern auf immer und ewig. Das wäre wie eine Erlösung – nicht nur für diejenigen, die schwere Schuld auf sich geladen haben, sondern auch für diejenigen, die unter der Schuld anderer Leiden, unter der Last ungerechter Verhältnisse und unter der Tragik unglücklicher Umstände.

Freilich: Wirklich neu anzufangen und alles gut werden zu lassen – das steht nicht in unserer Hand. Wir können nicht aus unserer Haut, jedenfalls auf Dauer nicht. Wenn einer ganz neu anfangen kann, dann nur Gott. Aber kann er es? Will er es? Und wie lässt es sich erfahren?

2. Der Bibeltext:

Das Gespräch Jesu mit Nikodemus (Joh 3,1-8)
Unter den Pharisäern gab es einen Mann mit Namen Nikodemus, ein Ratsherr der Juden. Der kann des Nachts zu Jesus und sagt zu ihm: "Rabbi, wir wissen, dass du als Lehrer von Gott gekommen bist. Denn niemand kann die Zeichen tun, die du wirkst, wenn nicht Gott mit ihm ist."
Jesus antwortete und sprach zu ihm: "Amen, Amen, ich sage dir: Wer nicht von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes nicht schauen."
Nikodemus sagt zu ihm: "Wie kann ein alter Mensch geboren werden? Kann er etwa ein zweites Mal in den Schoß seiner Mutter eingehen und geboren werden?"
Jesus antwortete: "Amen, Amen, ich sage dir: Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes eingehen.
Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, was aber aus dem Geist geboren ist, Geist.
Wundere dich nicht, dass ich dir sage, ihr müsst neu geboren werden.
Der Wind weht wo er will. Du hörst seinen Klang, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Bibelarbeit

  

3. Hintergrund:

Die Rolle des Nikodemus
Nikodemus spielt im Johannesevangelium eine ganz bestimmte Rolle. Er ist einer, der es eigentlich nicht nötig hätte. Er ist ein "Pharisäer", d.h. er gehört derjenigen Richtung im damaligen Judentum an, der es besonders ernst war mir der Heiligung des Namens Gottes, mit dem Gottesdienst im Alltag der Welt, mit der Erfüllung seiner Gebote und der Bereitung Israels für das Kommen des Messias. In den Evangelien sind die Pharisäer zwar zuweilen geradezu Synonyme für "Heuchler". Aber anders als in unserem modernen Sprachgebrauch ist damit nicht gemeint, dass sie bewusst etwas anderes sagen, als sie tun, sondern dass sie zwar glauben, die Wahrheit Gottes zu kennen, aber Wesentliches und Unwesentliches durcheinanderbringen. Das ist der Vorwurf Jesu, den die Evangelisten vielfach verstärkt haben. Er ist aber getragen von einem tiefen Respekt gerade vor den Pharisäern, der sich noch in der Häufigkeit und der Schärfe der Kritik festmacht. Später im Gespräch nennt Jesus Nikodemus einen "Lehrer Israels" (Joh 3,9). Das genau ist die Hauptaufgabe der Pharisäer: Israel den Weg der Gerechtigkeit zu lehren, den Weg zur Erlösung und zum ewigen Leben.

Nikodemus ist aber nicht nur ein Pharisäer von vielen, sondern ein Mitglied des Hohen Rates, des damals einflussreichsten politischen und juristischen Gremiums, das den Juden unter römischer Oberhoheit verblieben war. Unter dem Vorsitz des Hohenpriesters erfüllt er wichtige Verwaltungsaufgaben, koordiniert die Beziehungen zur römischen Besatzung, ist für den Tempel zuständig und führt wichtige Prozesse durch. Nikodemus gehört zur jüdischen Führungsschicht.

Das macht ihn für den Evangelisten Johannes interessant. Was bringt einen wie Nikodemus, der es anscheinend nicht im Mindesten nötig hatte, zu Jesus? Und wie ergeht es ihm bei Jesus? Dass er des Nachts kommt, zeigt die Unsicherheit, das Tastende, Fragende, Suchende dieser ersten Begegnung.

Unmittelbar zuvor hat der Evangelist – pauschal und ohne auf Einzelheiten einzugehen – davon berichtet, dass Jesus in Jerusalem einige Wunder gewirkt hat: sichtbare, spürbare Zeichen des Heiles an Leib und Seele (2,23ff). Diese Wunder Jesu haben die Menschen fasziniert. Sie haben Interesse an Jesus geweckt, neugierig gemacht, Staunen verursacht. Jesus weiß zwar, was von einem "Glauben" zu halten ist, der nur auf Wundern beruht. Er ist nicht belastbar und steht in der Gefahr, Jesus auf das Bild des mächtigen Helden, des strahlenden Messias, unwiderstehlichen Gottesmannes festzulegen. Aber das Staunen über Jesu Wunder ist ein Anknüpfungspunkt, von dem aus Jesus die Menschen auf einen langen Glaubensweg abholen kann.

Dafür ist Nikodemus ein Beispiel. Was er über Jesus einleitend sagt, ist ein Ausdruck größten Respekts. Mit ihm macht er sich zum Sprecher aller Jerusalemer, die dankbar sind für den Wundertäter Jesus. Nikodemus hält augrund seiner Werke auch die Worte Jesu für glaubwürdig. Er sieht ihn als "Lehrer", der "von Gott kommt", und Wunder wirken kann, weil "Gott mit ihm ist".

4. Die Verheißung Jesu:

Die Wiedergeburt aus dem Geist
Jesus knüpft an die Respektbezeugung des Nikodemus an. Aber er bestätigt sie nicht einfach noch kritisiert er sie als unzureichend, weil er eben nicht nur "Rabbi", sondern Gottes Sohn ist. Vielmehr führt Jesus das Gespräch auf eine neue Ebene. Es ist dies die Ebene, auf die Motive, die Nikodemus zu seinem Besuch bei Jesus geführt haben, überhaupt erst angesprochen und geklärt werden können – unabhängig davon, ob Nikodemus sich ihrer bewusst war. Im fragenden Staunen ob der wunderbaren Zeichen, die Jesus wirkt, kommt eine viel tiefer liegende Frage zum Vorschein: die Frage nach dem Sinn des Lebens. Es ist die Frage aller Fragen. Es ist die Frage, ob mit dem Tod alles aus ist oder neues Leben beginnen kann. Es ist die Frage, ob Menschen wirklich Grund zur Hoffnung haben – zu einer Hoffnung, die niemals mehr enttäuscht werden wird. Es ist die Frage, ob Gott wirklich und rückhaltlos auf der Seite der Menschen steht und ihrer Schwachheit aufhilft oder sie letztlich allein lässt.

Auf diese Frage gibt Jesus eine Antwort. Es ist die Antwort seines Lebens, für die er letztlich sogar in den Tod geht. Jesus stellt sich auf die Seite all derer, die sich ihre Hoffnung trotz aller Widerwärtigkeiten nicht ausreden lassen wollen. Er stellt sich auch auf die Seite derer, die niedergerückt sind von ihren eigenen Depressionen und vom Leid der Welt und nicht glauben können, dass endlich einmal alles gut wird.

Jesus spricht von der Möglichkeit, ganz neu anzufangen und alles gut werden zu lassen. Er spricht aber auch von der Notwendigkeit dieses neuen Anfangs. Es ist kein ewiges Leben zu gewinnen, wenn man nur nach und nach das jetzige Leben zu verbessern trachtet. Das scheitert immer an der Schwäche der Menschen, an ihrer Endlichkeit und Sterblichkeit, und an den Grenzen dieser Welt. Gott allein schenkt das wahre Leben – das irdische und das ewige. Das bringt Jesus mit dem Bild des Windes zum Ausdruck – für den im Griechischen dasselbe Wort wie "Geist" steht. Niemand kann ihn ausrechnen – aber er weht doch, und sein Wehen ist der Atem des Lebens.

Wind

"Der Wind weht wo er will. Du hörst seinen Klang, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht."

Um diese Hoffnung auszudrücken, spricht Jesus von einer zweiten Geburt. Im griechischen Original steht ein Wortspiel, das man im Deutschen nicht nachmachen kann. "Von neuem" und "von oben" geboren werden, wird mit einem und demselben Wort ausgedruckt. Die Geburt "von oben", das meint: Gott selbst, der Vater, stiftet denen, die an Jesus glauben, eine neue Identität ein. Er vernichtet nicht das alte Leben. Er macht es von Grund auf neu. Dieses neue Leben, das wahre Leben Gottes, ist ein Leben der Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Das Missverständnis des Nikodemus macht aber ganz deutlich, dass Jesus von dieser Gottesgeburt spricht, indem er das große Zauberwort der "Wiedergeburt" zitiert. Auch heute hat es für viele einen guten Klang. In der Antike sprechen viele Religionen und Philosophien von einer "Wiedergeburt". Aber entgegen einem modernen Vorurteil ist damit nicht die Verheißung immer neuer Abwechslungen verbunden, die zu immer mehr Erfahrungen führt. Vielmehr wohnt der Vorstellung eine tiefe, unauflösliche Ambivalenz inne: Einerseits verbindet sich mit der Wiedergeburt der Menschheitstraum eines unendlich glücklichen Lebens voller Freude; andererseits aber der unerbittliche Ernst, die Fehler eines ganzen Lebens im folgenden mit unbarmherziger Härte büßen zu müssen.

Jesus spricht von der Wiedergeburt als einem reinen Gnadengeschenk Gottes. Er redet nicht einem Kreislauf von Werden und Vergehen das Wort. Er predigt nicht die stete Wiederkehr des Gleichen. Er weiß um die Kostbarkeit und Einmaligkeit eines jeden gelebten Lebens. Aber er weiß auch um die Möglichkeiten Gottes, jenseits der Grenze des Todes das ewige Leben zu schenken – und dessen Vorgeschmack schon hier und jetzt spüren zu lassen.

Die Wiedergeburt "von oben" ist eine "aus Wasser und Geist". Johannes denkt an die Taufe. Sie ist eine neue Geburt. Mit ihr beginnt ein neues, das wahre Leben.

Heute werden – wie in neutestamentlicher Zeit – immer mehr Erwachsene getauft, die in freier Glaubensentscheidung den Weg in die Kirche gehen. Wer als Säugling getauft worden ist, dem und der tut die Erinnerung an die Taufe gut: an das bedingungslose Ja, das Gott ihm und ihr gesagt hat, und an die Verheißung ewigen Lebens, die schon dem irdischen abgelesen werden kann.

5. Bibelstunde:

Aus dem Geist neu leben

  • Sich Einfinden
    Lied: Gotteslob 241: Komm, heil’ger Geist, der Leben schafft

  • Miteinander ins Gespräch kommen:
    Meine guten Vorsätze – und was daraus geworden ist

  • Die Heilige Schrift lesen
    Joh 3,1-8: Jesus und Nikodemus

  • Das Wort Gottes still meditieren:
    Neu geboren werden
    - welche Bilder sehe ich vor mir?
    - an welche Situationen erinnere ich mich?

  • Über das Evangelium sprechen:
    - Welche Fragen, Reaktionen, Emotionen löst das Gespräch bei mir aus?
    - Wie hätte ich an Stelle von Nikodemus reagiert?
    - Was sagt mir das Wort Jesu von der neuen Geburt?

  • Das Evangelium ins eigene Leben übersetzen:
    - Was ist mir von meiner eigenen Geburt und meiner eigenen Taufe erzählt worden?
    - Wie war es bei der Geburt und der Taufe meiner eigenen Kinder?
    - Wie sehe ich Gott, wenn ich an meine eigene Geburt und Taufe, an die Geburt und Taufe meiner oder anderer Kinder denke?
    - Wann habe ich einmal neu anfangen dürfen? Wann anderen die Chance eines neuen Anfangs gegeben? Wie ist es mir damit gegangen?
    - Kann ich den Tod als eine Geburt zu ewigen Leben sehen – weil Jesus von den Toten auferstanden ist?

  • Das Leben ins Gebet nehmen
    Gotteslob 50,2

Eine Geschichte zum Weiterdenken:

Die Geschichte von den zwei Knaben
Es geschah, dass in einem Schoß Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen, und die Knaben wuchsen heran. In dem Maße, in dem ihr Bewusstsein wuchs, stieg die Freude: "Sag, ist es nicht wunderbar, dass wir leben?!" Die Zwillinge begannen, ihre Welt zu entdecken. Als sie aber die Schnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband und die ihnen die Nahrung gab, da sangen sie vor Freude: "Wie groß ist die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!"
Als aber die Wochen vergingen und schließlich zu Monaten wurden, merkten sie plötzlich, wie sehr sie sich verändert hatten.
"Was soll das heißen?", fragte der eine.
"Das heißt", antwortete der andere, "dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald seinem Ende zugeht."
"Aber ich will gar nicht gehen", erwiderte der eine, "ich möchte für immer hier bleiben."
"Wir haben keine andere Wahl", entgegnete der andere, "aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt!"
"Wie könnte das sein?", fragte zweifelnd der erste, "wir werden unsere Lebensschnur verlieren, und wie sollen wir ohne sie leben können? Und außerdem haben andere vor uns diesen Schoß verlassen, und niemand von ihnen ist zurückgekommen und hat uns gesagt, dass das es Leben nach der Geburt gibt. Nein, die Geburt ist das Ende!"
So fiel der eine von ihnen in tiefen Kummer und sagte: "Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Schoß? Es ist sinnlos. Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem."
"Aber sie muss doch existieren", antwortete der andere, "wie sollten wir sonst hierher gekommen sein? Und wie könnten wir am Leben bleiben?"
"Hast du je unsere Mutter gesehen?", fragte der eine. "Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir dadurch unser Leben besser verstehen können."
Und so waren die letzten Tage im Schoß der Mutter gefüllt mit vielen Fragen und großer Angst. Schließlich kam der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verlassen hatten, öffneten sie ihre Augen. Sie schrieen. Was sie sahen, übertraf ihre kühnsten Träume.

(Aus Amerika, überliefert von Pfarrer H. Hoffmann, Hannover, gefunden bei Klaus Berger, Wie kommt das Ende der Welt, Stuttgart 1999, 227f.)

Prof. Dr. Thomas Söding, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
(Januar 2004)
In Kooperation mit kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

Bibelarbeit im Januar zum Download...

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