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27.03.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Oktober 2008

"Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen"

Die Botschaft des Paulus (2Kor 4)

Wo immer Paulus seinen apostolischen Dienst reflektiert oder verteidigt, wann immer er kraft apostolischer Vollmacht argumentiert und handelt, bestimmt ihn seine Berufung vor Damaskus. Wenn äußere Umstände ihn dazu zwingen, kommt der Apostel explizit darauf zu sprechen (1 Kor 15,1-11; Gal 1,13-24; Phil 3,2-18; 1 Kor 9,1ff). Stets geht es entweder (in christologischer Akzentuierung) um die Sendung durch den auferweckten Herrn (vgl. 1 Kor 15,8) oder (in anthropologischer Akzentuierung) um die Lebenswende und den Erkenntnisgewinn des zum Apostel Berufenen (vgl. besonders Phil 3,8ff). Auch in seinem zweiten Brief an die Christen in Korinth kommt er auf das Grundmoment seiner Berufung zu sprechen. Zugleich führt er vor Augen, dass seine apostolische Indienstnahme nicht etwa der privaten Erbauung im Sinne spiritueller Verzückung dient, sondern vielmehr eingebunden ist in die Dynamik der Verkündigung des Evangeliums, deren Mitte das Geheimnis der Menschenfreundlichkeit Gottes selbst ist:

1. Der Text (2 Kor 4, 1-18)

V 1: Deshalb, weil wir diesen Dienst haben, da wir ja mit Erbarmen beschenkt worden sind, werden wir nicht mutlos;
V2: vielmehr haben wir, was uns betrifft, den schändlichen Heimlichkeiten abgesagt und wandeln nicht in Hinterlist und verfälschen nicht das Wort Gottes, sondern empfehlen uns durch die Offenbarung der Wahrheit jedem Gewissen der Menschen vor Gott.
V3: Wenn aber unser Evangelium auch verdeckt ist, so ist es doch nur denen, die verloren gehen, verdeckt,
V4: denen der Gott dieses Äons die Sinne der Ungläubigen geblendet hat, um nicht das Leuchten des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi strahlen zu sehen, der Gottes Bild ist.
V5: Denn nicht uns selbst, sondern Jesus Christus verkündigen wir als Herrn, uns selbst aber als Eure Sklaven um Jesu willen.
V6: Denn Gott, der sprach: "Aus Finsternis erstrahle Licht", er ist es, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist  zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.
V7: Diesen Schatz aber tragen wir in Tongefäßen, damit das Übermaß der Kraft Gottes sei und nicht aus uns komme:
V8: als in jeder Hinsicht Bedrängte, aber nicht in die Enge Getriebene, als Ausweglose, aber nicht völlig Ausweglose,
V9: als Verfolgte, aber nicht im Stich Gelassene, als zu Boden Geworfene, aber nicht Zugrundegehende,
V10: als stets das Sterben Christi am Leib Tragende, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar werde.
V11: Denn immer werden wir, die Lebenden, um Jesu willen in den Tod übergeben, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde.
V12: Daher ist der Tod in uns wirksam – in Euch aber das Leben!
V13: Weil wir aber denselben Geist des Glaubens haben entsprechend dem, was geschrieben steht: "Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet", glauben auch wir, und deshalb reden wir auch,
V14: wissend, dass der, der Jesus auferweckt hat, auch uns mit Jesus auferwecken und mit Euch vor sich stellen wird.
V15: Denn das alles geschieht um euretwillen, damit die Gnade dadurch, dass sie durch möglichst viele Glaubende ihre größte Fülle erhält, die Danksagung überreich mache zur Ehre Gottes.
V16: Deshalb verzagen wir nicht, sondern: Wenngleich unser äußerer Mensch zugrunde geht, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert.
V17: Denn das momentan Geringfügige unserer Bedrängnis verschafft uns über alle Maßen ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit;
V18: wir achten ja nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn das Sichtbare ist nur für eine Zeit, das Unsichtbare aber ist ewig.

2. Der theologische Hintergrund

Der Apostel Paulus hatte nicht nur Freunde. Es gab vielmehr eine nicht zu unterschätzende Gruppe, die sich ihm in den Weg stellte, weil sie der paulinischen Verkündigung ihre Authentizität und dem Apostel selber die Legitimität, Apostel zu sein, absprachen. Von solch einer Auseinandersetzung, wo es um nicht weniger als die Glaubwürdigkeit des Apostels und die Echtheit seiner Predigt ging, zeugt auch der Zweite Korintherbrief. Paulus betont darin nicht ohne Grund die Wertigkeit seines apostolischen Redens und Handelns angesichts der sich darin manifestierenden Herrlichkeit Gottes (vgl. 2Kor 2,14 – 4,6). Dass ihn die Kontroverse dennoch nicht dazu verleitet, hochmütig zu werden, zeigt der Apostel in 2 Kor 4,7-18. Was ihm seine Gegner nämlich angesichts seiner angeblich oder vielleicht sogar tatsächlichen "schwachen und erbärmlichen Existenz" als ein Verdecken der Herrlichkeit Gottes auslegen, kennzeichnet Paulus hier im Return auf äußerst intelligente Weise in kreuzestheologischer Brechung eben als den Erweis von Gottes Kraft, die sich besonders in der menschlichen Schwachheit Ausdruck verleihe. Gerade im Durchstehen und Aushalten aller Drangsale erweist Paulus sich als der Gesandte des Gekreuzigten und Auferstandenen (vgl. 2Kor 4, 8-12), als der aus der Kraft des Glaubens Lebende und Verkündigende und als solcher der Ehre Gottes Dienender (2 Kor 4, 13-15). So bezeugt das existentiell verkündete Evangelium als "Wort vom Kreuz" (1Kor 1,18) seine Kraft zur Rettung der Menschen aus allen Völkern und Nationen.

Dass 2 Kor 4,1-6 im Kontext der Apostolatstheologie steht, ist unbestritten. Diskutiert wird hingegen, ob Paulus in 2 Kor 4,6 seine Berufung zum Apostel anspricht. Hat er "Damaskus" vor Augen? Und welche besondere apostolatstheologische Aussage würde 2 Kor 4, 1-6 dann treffen?

Es gibt sehr ernst zu nehmende Deutungsalternativen, die ihrerseits ein großes theologisches Potential haben. Drei seien genannt.

(1) Man könnte 2 Kor 4,6 als Reflexion des Apostels über die Bekehrung und den Glauben aller Getauften lesen: Der Glanz des Evangeliums, von dem in 2 Kor 4,4 die Rede ist, überträgt sich auf die Glaubenden, insofern diese durch die Annahme des Evangeliums zur Erkenntnis Jesu Christi gelangt sind. Vom Apostel wäre dann durchaus auch die Rede. Aber Paulus schriebe nicht über sich selbst, sondern über die Illumination der Christen im Gefolge seiner Verkündigung.

(2) Nicht minder überzeugend wirkt eine zweite Deutungsvariante. Sie erklärt 2 Kor 4,6 als eine Sentenz, in der Paulus zwar einerseits, sich an das damaszenische Berufungsereignis erinnernd, seine ureigene Berufung zum Apostel in Analogie zum Schöpfungswillen Gottes beschreibt, jedoch andererseits eben diese Offenbarungserfahrung als eine modellhafte vorstellt. Paulus würde dann an dieser Stelle hervorheben, dass substantiell allen Christen in ihrem Christwerden – mit oder ohne "Damaskusstunde" – eine vergleichbare Erfahrung zuteil geworden sei. Entsprechend dieser Interpretationslinie lenkte 2 Kor 4,6 die Aufmerksamkeit weg von der spezifischen Beauftragung des Apostels qua göttlicher Berufung hin zu einem viel allgemeiner gefassten Berufungsverständnis all derer, die an Jesus Christus glauben.

(3) Die dritte Interpretationsrichtung geht davon aus, dass Paulus in 2 Kor 4,6 durchaus von sich selbst spreche, aber nicht unter dem Aspekt seiner Berufung zum Apostel, sondern seiner Initiation in die christliche Gemeinde. Darin liege die Übertragbarkeit auf die Korinther und auf die Dramatik jeder Konversion zum Christentum.

Aus der genauen Betrachtung des Kontextes, der Formulierung und der Traditionsgeschichte ergeben sich Argumente für eine apostolatstheologische Deutung, die weniger die Berufung denn die Bekehrung des Paulus hervorhebt und auf diesem Wege die Bedeutung seines Dienstes für den Glauben der Korinther erkennen lässt.

a) Der Kontext
2 Kor 2,14-7,4 stellt in literarischer und theologischer Hinsicht einen geschlossenen Textzusammenhang dar, in dem Paulus das Wesen und die Bestimmung seines Apostolates zum Thema macht. Das geschieht nicht ohne Grund. Einmal mehr befindet sich der Apostel in Auseinandersetzung mit Gegnern, die die Authentizität seines Apostolates in Frage stellen. So gewinnt 2 Kor 2, 14 – 7,4 apologetischen Charakter. Paulus gelangt aber über eine Verteidigung weit hinaus zu einer positiven Darstellung des ihm aufgetragenen "Dienstes der Versöhnung" (2Kor 5,18).

In 2 Kor 4, 1-6 zieht Paulus die ersten Konsequenzen des in 2 Kor 3, 7-18 beschriebenen Dienstes im Neuen Bund. Im Rückgriff  auf 2 Kor 3,6ff kommt es ihm jetzt darauf an, seine Beauftragung zum apostolischen Dienst auf die Barmherzigkeit Gottes zurückzuführen (vgl. auch 1 Kor 7,25). Mehr noch: Die ins Passivum Divinum gekleidete Parenthese ("gemäß gefundenen Erbarmens") lässt bereits erkennen, dass Paulus hier an die ihm von Gott her verliehene apostolische Vollmacht im Zuge seiner Berufung vor Damaskus denkt, in der ihm ja Gottes rettendes Erbarmen, seine überfließende Gnade aufschien (1 Kor 15,8ff).

Mit 2 Kor 4,2 wehrt Paulus sich gegen den Vorwurf unmoralischen Verhaltens und verfälschter Verkündigung des Gotteswortes, mit Vers 3 gegen den Vorwurf, seine Verkündigung sei unverständlich und deshalb nutzlos. Wer die paulinische Verkündigung im Sinne der Gegner unter Verdacht stellt und damit letztendlich die apostolische Heilsbotschaft  in den Wind schlägt, zählt zu denen, die vor Gott "verloren gehen" und dem Untergang geweiht sind. Eben diesen Verlorenen widmet Vers 4 weitere Aufmerksamkeit. Ihre Feindseligkeit und Ignoranz führt Paulus auf das Wirken des "Gottes dieses Äons" (Der Begriff ist im Neuen Testament singulär. "Dieser Äon" steht unter der Wirkmächtigkeit Satans, welcher folgerichtig als der "Gott dieses Äons" vorgestellt wird. Zugleich aber ist klar, dass seine Macht immer nur eine relative ist, weil sie durch den "neuen Äon" beschränkt bleibt, der ja in Christus bereits angebrochen ist. Der "Gott dieses Äons" also stellt sich der apostolischen Verkündigung des Evangeliums in den Weg, versucht, sie wirkungslos werden zu lassen, indem er das Fühlen und Denken der Ungläubigen blendet. Deshalb können sie auch nicht den "Glanz des Evangeliums" erfassen.) zurück.

Die negative Aussage ist aber die Kehrseite der positiven, die dem Apostolat entspicht. Der Ausdruck "erleuchtet" verweist auf den Inhalt und die Wirkung des Evangeliums. Im Evangelium strahlt die Herrlichkeit Christi, des Ebenbildes Gottes, auf. Deshalb kann es die Menschen erleuchten. Die Herrlichkeit Christi aber ist keine andere als die Herrlichkeit Gottes, der "Ikone" Gottes. Paulus greift eine traditionelle Christusbezeichnung auf (vgl. Kol 1,15; Hebr 1,3), mit der die alttestamentliche Vorstellung der Weisheit Gottes (vgl. Weish 7,26) auf Jesus Christus übertragen wird, um deutlich zu machen, dass Christus der vollgültige Offenbarer Gottes ist. Insofern das Licht dieses Christus im apostolischen Evangelium aufstrahlt, geschieht in der Verkündigung des Evangeliums wahre Gottesoffenbarung. Dann aber liegt auch auf der Verkündigung der Glanz überragender Herrlichkeit (vgl. 2 Kor 3, 7-11).

Mit den Versen 5 und 6 zieht Paulus Bilanz aus dem zuvor Gesagten. Zunächst konfrontiert er die gegnerische Seite nun seinerseits mit dem Vorwurf, ihnen gehe es – im Unterschied zu Paulus –  um eine großangelegte Selbstproduktion. Demgegenüber zielt die Verkündigung des Apostels, seiner Berufung, gemäß einzig und allein auf Jesus Christus. Damit ist die Basis geschaffen für eine positive Bestimmung des apostolischen Selbstverständnisses: Jesus Christus ist der Herr, Paulus sein Sklave. Paulus aber ist in seinem selbstlosen Verkündigungsdienst auch der "Sklave der Gemeinde" (vgl. 1,24; 1 Kor 3,5.22; 9,19) – das allerdings, so fügt er erklärend hinzu, "um Jesu willen" (vgl. Röm 1,1; Gal 1,10; Phil 1,1). Die Kreuzestheologie bleibt implizit, bestimmt aber das gesamte Apostolatsverständnis.

Der Kontext lässt erwarten, dass auch Vers 6 eine apostolatstheologische Aussage trifft. Ob Paulus freilich auf "Damaskus" schaut oder auf die Wirkung seiner Predigt in Korinth, ist noch nicht entschieden. Einen deutlichen Hinweis gibt hingegen die Verbindung der Verse 5 und 62Kor 4,5 ist unzweideutig apostolatstheologisch geprägt, und zwar in jedem vollen Sinn des Wortes, der die lebendige Christozentrik des paulinischen Dienstes erfasst, die in der Berufung gründet. Wegen des kausalen Anschlusses ("denn") muss dann auch der folgende Hauptsatz auf den Apostel gedeutet werden.

b) Der Aorist
Das Verb des Hauptsatzes in 2Kor 4,6 ("aufgeleuchtet") steht im sogenannten Aorist, einer erzählenden altgriechischen Zeitform. Das Tempus markiert einen spezifischen Moment der Vergangenheit. Das kann sich ebenso gut auf die Bekehrung der Christen wie auf die Berufung des Apostels beziehen. In beiden Fällen steht das geschichtlich signifikante Ereignis der Erleuchtung und Berufung, der Entscheidung und Umkehr vor Augen. Im Kontext der Berufungstheologie markiert der Aorist das, was einmal passiert ist und prinzipiell unwiederholbar ist.

c) Die Lichtmetaphorik
Die Lichtmetaphorik von Vers 6 ist in Vers 4 vorgegeben, aber deshalb noch nicht identisch. Im Hintergrund steht Gen 1,3, also die Erschaffung des Lichtes aus der Finsternis als erster Schöpfungsakt. 2Kor 4,6 hat schöpfungstheologische Dimensionen. Das Zitat steht in einem breiten Strom alttestamentlicher und frühjüdischer Rezeption. Jes 9,1 öffnet die "kirchliche" Perspektive auf das Gottesvolk Israel und seine messianische Rettung, Ps 112,4 die parakletische auf die Gotteserfahrung des Gerechten, Hiob 38,15 hingegen deutet – ähnlich wie Paulus in 2 Kor 4,4 – im Blick auf die Gottabgewandten, die statt im Licht in der Finsternis leben. Das recht kurze "es werde Licht!" (V6a) passt zum Gegensatz von "Licht und Finsternis" (vgl. Gen 1,2.4.5), der häufig die Dimensionen der Bekehrung hervorhebt. Nach 2Kor 5,17 und Gal 6,16 sind die Glaubenden "neue Schöpfung". Das spricht dafür, dass auch 2Kor 4,6 von Bekehrung handelt.

Das Bild gewinnt aber neue Facetten, wenn man jene Belegstellen der Apostelgeschichte hinzunimmt, die das Berufungsereignis von Damaskus beschreiben. Hier zeigt sich  eine bestimmte Verwendung von Lichtmetaphorik, die eine eigene Dynamik hat: Dreimal begegnet im Zusammenhang der Schilderung des damaszenischen Ereignisses das den Paulus umstrahlende Licht (Apg 9,3; Apg 22,6; Apg 26,13.18). Während Lukas in seinem Bericht den Aspekt der Bekehrung hervorhebt, kommt in den beiden Pauluspredigten immer stärker das Moment der Berufung hervor. Diese Beobachtung korrespondiert damit, dass in alttestamentlichen Propheten-Berufungserzählungen (vgl. nur Jes 6,1ff ; Jes 42,6; Ez 1,1ff) ebenso wie in den paulinischen Berufungs-Erinnerungen (1Kor 9,1) das Sehen (der Herrlichkeit Gottes und Christi) eine starke Rolle spielt.

d) Gott im Mittelpunkt: Die Theozentrik
2 Kor 4,6 argumentiert in theozentrischer Perspektive, insofern hier Gottes schöpferisches Handeln beschrieben wird. Dies wird zuweilen gegen eine apostolatstheologische Deutung geltend gemacht, weil Paulus ja vor Damaskus den erhöhten Kyrios gesehen habe. 1Kor 9,1 fragt er selbst: "Habe ich nicht den Herrn gesehen?" 1Kor 15,8 sprich von der Erscheinung des Auferstandenen, Phil 3,8 von der alles überragenden Christuserkenntnis.

Aber in Gal 1,15f formuliert Paulus seinerseits im Blick auf die Berufung theozentrisch: Gott "hat in mir seinen Sohn offenbart". Das rätselhafte "in mir" könnte geradezu durch 2Kor 4,6 etwas aufgehellt werden. Darauf deutet auch die inhaltliche Entsprechung der Verse 6 ("Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi") und 4 ("Herrlichkeit Christi, der Gottes Bild ist") hin. In Christus erweist sich die Herrlichkeit Gottes, Christus ist Gottes Repräsentant. Vers 6 kann darum tatsächlich als ein Rückblick des Apostels auf das Geschehen seiner Berufung verstanden werden (vgl. 4,1).

e) Die 1. Person Plural
Auch die pluralische Formulierung "in unseren Herzen" (2 Kor 4,6) mag die Vermutung nahelegen, Paulus nehme hier kein individuelles, sondern ein für alle Glaubenden typisches Geschehen in den Blick. Demgegenüber steht jedoch zunächst der Hinweis, dass der Apostel häufig pluralisch formuliert, wenn er von sich selbst spricht (vgl. 2 Kor 2,12 mit 2 Kor 2,15; 3,1; 4,1). Auch der häufige Wechsel von der ersten Person Singular zur ersten Person Plural (z.B. 1, 23f.; 9, 1-4; 10,8; 13, 1-4) und vice versa (z.B. 5,11; 13,9f.) deutet darauf hin, dass das "Wir" oft auf Paulus selbst zu beziehen ist. Schließlich zeigt auch 2 Kor 7,3, dass die pluralische Wendung "in unseren Herzen" allein für Paulus stehen kann. Richtig ist allerdings, dass alle anderen Berufungstexte des Apostels in der 1. Person Singular geschrieben sind. In 2 Kor 4,6 schlägt dieses Argument jedoch nicht durch. Denn im eindeutig apostolatstheologischen Vers 5 unterscheidet Paulus das "Wir" des Apostels vom "Ihr" der Gemeinde. Wenn Vers 6, mit "denn" eingeleitet, in der 1. Person Plural fortfährt, muss damit der Apostel sich selbst meinen.

f) Die Verknüpfung der Satzteile
Das entscheidende Argument zugunsten einer apostolats- bzw. berufungstheologischen Interpretation von 2 Kor 4,6 ergibt sich aus der der Verknüpfung der Satzteile, der Frage also, wozu bzw. woraufhin Gott "aufgeleuchtet ist in unseren Herzen". Der Satz hat unzweifelhaft einen finalen Sinn. Dadurch unterscheidet Vers 6 zwei Ebenen. Die Zielbestimmung "zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes"  (2 Kor 4,6) nimmt die Glaubenden in den Blick und bewegt sich damit auf derselben Ebene wie 2 Kor 4,4 (und 3,18). Dann aber muss der voranstehende Satzteil "der aufgeleuchtet ist in unseren Herzen"  auch inhaltlich ein vorgeordnetes Moment bezeichnen. Dies kann dem Sinn nach nur die besondere Berufung des Paulus zum Apostel sein. Seine Verkündigung ermöglicht und bewirkt "in Christus" die Illumination der Christen. Wollte man 2 Kor 4,6 auch im ersten Teil nicht auf den Apostel, sondern – idealiter – auf jeden Christenmenschen beziehen, müsste man entweder ein (implizit bleibendes) missionarisches Katechesemodell oder unterschiedliche Erkenntnisstufen des Christseins postulieren. Beides fände im Corpus Paulinum keine Entsprechung; es würden Ideen christlicher Gnosis in den Korintherbrief eingetragen.

Ergebnis
2 Kor 4,6 ist also den Aussagen zuzuordnen, in denen Paulus auf Damaskus als Beginn seines Apostolates zu sprechen kommt. 2 Kor 4,6 bewegt sich damit inhaltlich auf gleicher Höhe wie 1 Kor 9 und Phil 3, die ihrerseits das Moment der apostolischen Berufung mit der besonderen Erkenntnis Jesu Christi bzw. dem Sehen des Kyrios verbinden.

Die Lichtmetaphorik zeigt jedoch, dass Paulus – aus gegebenem Anlass – nicht so sehr seine apostolische Freiheit (1 Kor 9), seine Zugehörigkeit zu den primären Zeugen des Evangeliums (1 Kor 15) und seine Sendung zur Heidenmission (Gal 1) betont, sondern die Lebenswende und Glaubenserkenntnis, die ihm zuteil geworden ist. Insofern ist Phil 3 am nächsten.

3. Interpretation

Kommt man zu dem Ergebnis, 2 Kor 4,1-6 apostolats- und berufungstheologisch einordnen zu dürfen, weil es hier um die göttliche Beauftragung des Apostels geht, stellt sich in einem zweiten Schritt die Frage, aus welchem besonderen Blickwinkel heraus Paulus die ihm eigene Berufung hier thematisiert. Zwei Aspekte treten hervor: eine schöpfungstheologische, aber auch eine mystische Dimension.

(1) Die schöpfungstheologische Dimension
Paulus deutet seine apostolische Berufung im Rückgriff auf Gen 1,3 so, dass Gott selbst helles Licht aufscheinen ließ im Herzen des Apostels. So wie der Schöpfer am Anfang Licht in die noch finstere Welt brachte und nach seinem Plan alles "sehr gut" werden ließ, so erleuchtete Gott nun das Herz des Paulus, um aus dem "maßlosen Verfolger der Ekklesia" (vgl. Gal 1,13) den "Apostel der Heiden" (Röm 11,13) werden zu lassen und auf diese Weise der in Christus begonnenen Neuen Schöpfung mittels apostolischer Evangeliumsverkündigung zu dienen. Die schöpfungstheologische Lichtmetaphorik 2 Kor 4,6 steht in einem engen Zusammenhang mit 2 Kor 4,1, wo das Erbarmen Gottes angesprochen ist. Gemeint ist das rettende Erbarmen Gottes gegenüber dem Paulus, der sich in seinem bisherigen Leben verrannt hat und der sich nun gemäß der Gnade und der Barmherzigkeit Gottes zu dem überragenden Dienst der Verkündigung des Evangeliums berufen weiß. Der Akzent liegt auf der Neuschöpfung: Gott hebt ins Sein, was es vorher nicht gab. Das gilt für die Schöpfung des Lichtes zu Beginn der Welt ebenso wie für die Kreation des Apostels zum Werkzeug der Gnade Gottes. Mit der Berufung des Paulus zum Verkünder des Evangeliums, die sich  in der Konsequenz des soteriologischen Grundereignisses der Auferweckung des Gekreuzigten vollzieht und darum im Dienst an der universalen Heilsberufung aller Getauften steht, setzt Gott etwas - alles Bisherige überbietendes - Neues ins Werk.

Paulus ist sich dessen bewußt, dass sich für ihn mit seiner Berufung zum Apostel für alle Zeiten alles verändert hat (Phil 3; Gal 1,16). Er selbst ist ein anderer geworden. Immer wieder bringt er zur Sprache, wie er das Alte abstößt und das Neue als seine gültige Zukunft ergreift. Dadurch erhält die ihm zuteil gewordene Berufung ihre eschatologische schöpfungstheologische Dimension. Auch für ihn gilt: "Das Alte ist vergangen, siehe: Neues ist geworden" (2 Kor 5,17). Er ist "dem Gesetz gestorben und lebt Gott" (Gal 2,19),  er lebt nicht mehr selbst, sondern Christus lebt in ihm (Gal 2,20). Nach Gal 6,14 ist die Welt ihm gestorben und er der Welt. Um des überragenden Wertes Jesu Christi willen, wertet er alles ab, selbst seine tadellose Gesetzesobservanz (Phil 3, 6-9). All diese Aussagen sind – wann immer im einzelnen formuliert – Reflex der einen Grunderfahrung, dass Paulus nämlich von innen heraus einsieht, seiner im Willen Gottes gründenden Lebensberufung vor Damaskus nicht entsprochen zu haben und jetzt unter dem Primat der Barmherzigkeit Gottes anfangen darf und anfangen muß, diese Lebensberufung vollends zu realisieren.

Die Gnade Gottes jedoch bleibt auch in der Sicht des Paulus nicht auf seine individuelle Person allein bezogen, sondern läßt alle Wirklichkeit  in einem ganz neuen eschatologischen Licht erscheinen. Damit bestätigt sich die schöpfungstheologische  Dynamik von 2 Kor 4,6, die zwei Ebenen miteinander verbindet: die Ebene des berufenen Apostels einerseits, die der Adressaten seiner Verkündigung andererseits. Dass Gottes Licht im Herzen des Paulus (wie einst bei der Erschaffung der Welt) aufschien,  ist die eine Seite der Medaille. Dass die Berufung des Apostels immer schon auf die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes unter den Christen seiner Gemeinde zielt (und ihnen somit ein eschatologischer Horizont eröffnet wird), ist die andere Seite derselben Medaille.

(2) Die mystische Dimension
Die Rede von der "mystischen Dimension" paulinischer Theologie ist vor dem Hintergrund diverser Irritationen und theologischer Auseinandersetzungen alles andere als unproblematisch. Insbesondere die protestantische Exegese vermeidet gerne den Begriff "neutestamentliche Mystik" im Allgemeinen und "paulinische Mystik" im Besonderen. Im Hintergrund der Konfliktgeschichte steht der in protestantischer Tradition gepflegte Grundsatz des "Salus extra nos" im Sinne einer klaren Unterscheidung von göttlicher Gnade und menschlichem Ich. In anderen konfessionellen Traditionen hat dagegen der Begriff der Mystik einen guten Klang, weil er Dimensionen der Gottes- und Christuserfahrung aufdeckt, deren Intensität jenseits des Rationalismus von einzigartiger Qualität ist. Wichtig ist also eine Begriffsbildung, die von den neutestamentlichen Texten selbst ausgeht. 2 Kor 4,6 kann einen Beitrag leisten.

Das Aufstrahlen Gottes im Herzen des Apostels, von dem in 2 Kor 4,6 die Rede ist, zielt nicht allein auf die Rettung des Paulus, sondern – mittels seines apostolischen Dienstes - auf das "Leuchten der Erkenntnis" der Herrlichkeit Gottes bei den Adressaten des Evangeliums. Daraus ergibt sich eine bemerkenswerte Parallele zu der in Gal 1,16 begegnenden Formulierung des Apostels, dass nämlich Gott seinen Sohn "in ihm" offenbarte, "damit ich ihn den Völkern als Evangelium verkünde". Sowohl 2 Kor 4,6 als auch Gal 1,16 argumentieren theozentrisch: Gott ist der Urheber des Geschehens, in seinem Willen gründet die "Apokalypsis Jesu Christi" (Gal 1,12.16) ebenso wie sein "Aufstrahlen im Herzen des Apostels" (2 Kor 4,6). Damit ist die mystische Mitte der apostolischen Berufungserfahrung benannt: Gott selbst gibt zu erkennen, dass er die Rettung der Menschen durch Jesus Christus machtvoll verwirklicht. Diese Erkenntnis schließlich bedeutet die einzigartige, das Leben des Apostels verändernde Selbstmitteilung Gottes, in der Paulus, dem Träger der Offenbarung, aufgeht, dass Jesus Christus als Grund der Rettung aller Menschen zugleich Inhalt des Evangeliums ist, das der Apostel Paulus fortan verkündet.

Eine weitere Parallele findet sich in Phil3,8f. Die "überragende Gnosis Christi Jesu" weiß  Paulus auch hier als die einschneidende Lebenswende, so dass der Glaube an Christus ihm als Grund der Rechtfertigung durch Gott aufgeht und er in exemplarischer Weise sein ganzes Leben daran orientiert. 2 Kor 4,6;  Gal 1,16 und Phil 3,8f zeigen, wie eng der Zusammenhang von Berufung und Sendung im Sinne von Erkenntnis des Willens Gottes und Beauftragung des Apostels zur Verkündigung des Evangeliums zu sehen ist. Darüber hinaus aber finden Gal 1,16 und auch Phil 3,8f in 2 Kor 4,6 eine richtungsweisende Erklärung: dass nämlich die dem Paulus zuteil gewordene innere Berufungserfahrung keinen spirituell verzückenden Selbstzweck in sich darstellt, sondern immer schon eingespannt ist in die größere Dynamik des universalen Heilswillen Gottes.

Das Ziel der Sendung des Apostels liegt nach 2 Kor 4,6 in der "Erkenntnis" der Adressaten seiner Predigt. Der Gemeindegründer Paulus hat als Apostel den Korinthern das verkündet, was ihm selbst mittels seiner Berufung aufgegangen und zuteil geworden ist. Die Weisheit, von der Paulus hier spricht, ist die Weisheit Gottes, die sich als Torheit für die Welt (vgl. 1 Kor 1, 18-25) im Kreuz manifestiert (1 Kor 1, 24.30). Als solche ist sie ein göttliches Mysterium (vgl. 1 Kor 2,1), das unerkennbar und verborgen bleibt für die Weisheit dieser Welt – nicht aufgrund der Art seiner Vermittlung oder der esoterischen Ausrichtung der Adressaten, sondern von seinem Inhalt her, der der im Kreuz zur Geltung gebrachte Heilswille Gottes ist. Als Mysterium ist die Weisheit Gottes eine für die Menschen gänzlich unfaßbare eschatologische Größe, die gerade wegen ihrer Bindung an das Kreuz allein durch Offenbarung zugänglich wird.

Paulus weiß nichts als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2). So erschließt sich die göttliche Weisheit im Evangelium, bleibt dabei jedoch im Geheimnis verborgen und an die Wahrheit des Kreuzes gebunden. Nur so kann sie die von Anbeginn in Gottes Heilsplan bestimmte Verherrlichung der Christen bewirken, die nicht ohne die Konformität zum gekreuzigten und auferweckten Herrn zu haben ist. Die von Paulus den Christen vermittelte Weisheit ist eine verkündigte, den Menschen zugesprochene Weisheit.

Es ist die geistgewirkte Erkenntnis (1 Kor 2,12), die den Apostel zur Verkündigung der Fülle der von Gott geschenkten und eröffneten eschatologischen Zukunft veranlaßt: Es geht um jene göttliche Herrlichkeit, die dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu eigen ist (1 Kor 2,8b), die schon jetzt in der apostolischen Verkündigung des Evangeliums aufleuchtet (2 Kor 4,4), umgestaltend wirkt (2 Kor 3,18) und den Glaubenden einst als Herrlichkeit des ewigen Lebens zuteil werden wird.

Auch der "Nous Christou" (1 Kor 2,16), d.h. das planende Denken Gottes in Christus, bleibt dem Menschen an sich unergründlich und verborgen. Dem Apostel jedoch ist – und im Ergebnis seiner missionarischen und apostolischen Predigt dann allen geisterfüllten Menschen – das Geheimnis des Kreuzes als der zentrale Inhalt des göttlichen Heilsdenkens durch Gottes Geist zugänglich geworden (V12), so dass sein Denken fortan mit dem Denken Christi übereinstimmt, insofern es durch Christus geprägt ist. Darum kann er paradigmatisch sagen, dass er den Nous Christi "hat". Christus ist für Paulus immer der Gekreuzigte (1 Kor 1,17.23f.30; 2,2). Der Geist, der das Heilsgeschenk Gottes zu verstehen lehrt, ist also nicht eine magische Potenz, sondern das Pneuma des Gekreuzigten.

Damit schließt sich der Kreis: Paulus, erfüllt vom Pneuma des gekreuzigten und auferweckten Herrn, gelangt so zur Erkenntnis des göttlichen Heilswillens und erfährt sich aus dessen innerer Dynamik heraus zur Verkündigung des Evangeliums berufen. Indem er dieser Berufung folgt, führt er die Hörer des Wortes in dasselbe Glaubensgeheimnis ein, das ihm aufgegangen ist, und leitet sie zu der Konformität mit Christus an, die er selbst – in all seiner Schwäche - vorbildlich lebt.

2 Kor 4 liegt auf dieser Ebene. Paulus stellt einen Zusammenhang zwischen mystischer Erkenntnis und apostolischer Sendung her. Die Berufung zum Apostel ist nicht bloß die Initialzündung seiner apostolischen Verkündigung, sondern zuerst eschatologische Gottes- und Christuserfahrung, aber dies nicht als spiritueller Höhepunkt seiner privaten Erbauung, sondern als Initialzündung seiner Sendung und als integraler Bestandteil des Evangeliums, das Paulus fortan verkündet, insofern sich in seiner Berufungserfahrung der innere Zusammenhang von Auferweckung, Erscheinung und Sendung manifestiert.

Die paulinische Christusfrömmigkeit wurzelt letztendlich in seiner theozentrischen Grundperspektive, die sich nicht nur durch das Bekenntnis zur Einzigartigkeit Gottes (vgl. 1 Thess 1,9; 1 Kor 8,6)  Ausdruck verleiht, sondern auch im Beten des Apostels (1 Kor 14,15.25) und im Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes (1 Thess 1,9f; 4, 1-8; 5,18; Röm 12,1f). Weil damit sowohl die Lebenshingabe und das überragende persönliche Engagement des Paulus für das Evangelium als auch seine enge persönliche Gottesbeziehung in den Blick gerät, kann an dieser Stelle m.E. angemessen von der Gottesliebe des Apostels gesprochen werden, die einerseits Antwort auf das Geschehen der Berufung, andererseits Voraussetzung zur Teilhabe an den Verheißungen Gottes ist.

Diese Gottesliebe ist die authentische, von Gott selbst erwirkte Antwort des Apostels auf das Geschenk der ihm in seiner Berufung zuteil werdenden Gnade Gottes. Damit bleibt sie eng auf das eschatologische Heilshandeln in Jesus Christus bezogen. Denn zur liebenden Bejahung des Heilshandelns Gottes gehört notwendigerweise die Bejahung des auferweckten Gekreuzigten, seiner Proexistenz ebenso wie seiner Theozentrik. Die Gottesliebe des Apostels findet ihren Ausdruck in seiner Christusbeziehung, die der Gottunmittelbarkeit nicht als Konkurrenz entgegentritt, sondern sie stattdessen in noch größerer Intensität eröffnet. In 2Kor 4,6 wird ein schöpferischer Anfang sichtbar, der Paulus bis ins Martyrium tragen wird.

4. Konsequenzen: Berufung und Bekehrung

Kommt Paulus auf die grundlegende und alles verändernde Wende seines Lebens zu sprechen, geschieht dies  deshalb, weil ihn die Bestreitung der Echtheit seines Apostolates dazu zwingt. 1 Kor 9,1ff, 1 Kor 15,1ff und auch Gal 1,12ff stellen den Ursprung und die Legitimation des paulinischen Apostolates heraus, indem sie das Ereignis von Damaskus thematisieren, und zwar unter dem besonderen Aspekt der Berufung des Apostels aus dem Willen Gottes heraus.

Neben dieses Verständnis der damaszenischen Beauftragung des Paulus im Sinne seiner apostolischen Berufung tritt die Deutung im Licht von Umkehr und Neuorientierung. Insbesondere für die Briefe der sogenannten Paulus-Schule verbindet sich mit der Berufung des Paulus zum Apostel immer auch der Gedanke seiner Bekehrung (vgl. Eph 3,2ff; 1 Tim 1,12ff). Berufung und Bekehrung sind hier zwei Seiten derselben Medaille. Das ist unbestreitbar in Phil 3 vorgegeben. Wird 2Kor 4 apostolatstheologisch gedeutet, tritt eine weitere Stelle hinzu.

Der These, dass die "Berufung" des Apostels auch seine "Bekehrung" sei, begegnet man im Bereich der Exegese nicht selten mit einer gewissen Reserviertheit, die von der Vorstellung herrührt, der Begriff "Bekehrung" trage eine antijüdische Komponente in sich. Diese Reserve wäre berechtigt, würde die Wende "vom Saulus zum Paulus" im Sinne einer Abkehr vom Judentum und Hinkehr zum Christentum gedeutet. Das wäre indes eine Fehlinterpretation von Phil 3, vor allem aber auch von 2Kor 4. Paulus stellt an keiner Stelle seine neugewonnene apostolische Identität der jüdischen Vergangenheit so gegenüber, als habe er sich im Zuge seiner Berufung vom Judentum als einer Religion, deren Wahrheit und Relevanz durch das Christusereignis prinzipiell in Frage gestellt wird, abgekehrt. Das "Judentum" als Ausdruck für die Sozialgestalt einer Religion, auf die Paulus gewissermaßen von außen schauen und sich gar von ihr abwenden könnte, gibt es für Paulus nicht. Paulus begreift sich noch und vor allem als Apostel als Teil des Gottesvolkes Israel.

Wenn von "Bekehrung" zu reden ist, steht eine andere Dimension im Vordergrund. Zieht man Gal 1 und 1Kor 15 zu Rate, hat Paulus seine antikirchliche Verfolgertätigkeit im Sinn; er behauptet ja selbst, "maßlos" in der Verfolgung der jungen Kirche gewesen zu sein (Gal 1,13). Von dem Übereifer, in den hinein er sich gesteigert und verrannt hatte, sagt er sich los. Seine Berufung setzt eine Bekehrung voraus. Es besteht ein sehr großer Unterschied zwischen der Beauftragung etwa des Maulbeerfeigenzüchters Amos "von hinter der Herde weg" (vgl. Am 7,15) und der Umkehr eines maßlosen Verfolgers der Kirche zum Apostel Jesu Christi. Als Vertreter der pharisäischen Linie, insbesondere als Schüler des Gamaliel (Apg 22,3), hätte Paulus nicht notwendigerweise zum Bedränger der Christenheit avancieren müssen. Dass er es war, sieht er als seine Schuld, die ihm vergeben werden musste und vergeben worden ist.

Phil 3 bringt einen weiteren Aspekt: Gerade an seiner eigenen Lebenswende geht ihm auf, dass der Eifer für das Gesetz, wenn er sich gegen den Glauben an die Messianität des auferweckten Gekreuzigten wendet, de facto die "eigene Gerechtigkeit" sucht. Die "überragende Erkenntnis Jesu Christi" (vgl. Phil 3,8) wirft Paulus nicht nur aus der Bahn seines bisherigen Lebens, sondern ändert grundlegend sein Denken über die Gerechtigkeit Gottes. Wo ihn die Erkenntnis Christi fortan ganz und gar bestimmt, kann diese Neuorientierung des Paulus vor dem Hintergrund seiner Biographie zutreffend als Bekehrung gekennzeichnet werden.

Ein solches Verständnis legt sich auch für 2 Kor 4, 1-6  nahe. Die "Erkenntnis Jesu Christi", von der Phil 3 spricht, wird in 2 Kor 4,6 als schöpferische Offenbarung Gottes gedeutet. Der Auftrag zur Heidenmission, von dem 1Kor 15 und Gal 1 reden, wird von 2 Kor 4 als Vorgang einer Bekehrung gedeutet, die zugleich Berufung ist. 2 Kor 4 zeigt, welch spirituelle und mystische Dimension der Christusglaube hat, zu dem Paulus die Völker führen soll – und dass dies in der eigenen Christusmystik des Apostels gründet.

5. Vorschlag für eine Bibelarbeit:

Bibel-Teilen in 7 Schritten

Einladen:

Wir werden uns bewusst, dass der Herr in unserer Mitte ist (vgl. Mt 18,20). Dies soll in einem freien Gebet zum Ausdruck gebracht werden.

Lesen:

Wer möchte die Verse vorlesen?

Verweilen:

Wir suchen nun Verse oder Gedanken aus dem Text heraus und sprechen sie laut und betrachtend aus. Dazwischen wird jeweils eine Zeit der Stille gehalten. Danach wird der Text noch einmal im Zusammenhang gelesen.

Schweigen:

Wir werden still und lassen in der Stille Gott zu uns sprechen.

Austauschen:

Wir tauschen uns darüber aus, was uns angesprochen und berührt hat. Was klingt nach? Was kann mein eigenes Denken, meinen Glauben bestimmen?

Beten:

Alle sind eingeladen eine Bitte oder einen Dank an Gott zu richten.

Lobpreisen:

Wir singen ein gemeinsames Lied (z.B. GL 505 "Du hast uns, Herr, gerufen"; GL 644 "Sonne der Gerechtigkeit").

Literatur

  • C. Wolf, Der zweite Brief des Paulus an die Korinther, Berlin 1989
  • U. Schnelle, Paulus. Leben und Denken, Berlin 2003
  • R. Vorholt, Der Dienst der Versöhnung. Studien zur Apostolatstheologie bei Paulus, Neukirchen-Vluyn 2008

Pfarrer Dr. Robert Vorholt, Dülmen, Oktober 2008
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster
(www.kirchensite.de)
Foto: Markus Nolte

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