Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles  >  Archivartikel
24.05.2017
Artikel drucken
Logo kirchensite.
Aus dem kirchensite.de-Archiv
Was ist er, der Mensch?

Bibelarbeit im Juli 2007

"Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?"

(Ps 8,5)

Einführung

"Der Mensch? Wo ist er her? Zu schlecht für einen Gott; zu gut fürs Ungefähr." (so G. E. Lessing in seinen Fragmenten über die Religion.) Die Frage nach der Herkunft des Menschen ist zu ergänzen um die Frage nach seinem Ziel. Wo geht er hin, der Mensch? "Nur ein Narr wartet auf Antwort" (H. Heine). Heines Sicht auf den Weg und die Zukunft des Menschen zeigt die innere Zerrissenheit des Menschen in seinem Bemühen auf die Fragen nach dem Sinn seiner Existenz auf Erden, seiner Herkunft, seiner Bestimmung und seiner Zukunft eine Antwort zu finden. Woraus lebt der Mensch und woraufhin lebt er? Die vier Grundfragen jedoch, die Immanuel Kant in seinem Versuch zur philosophischen Anthropologie stellt: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?, gipfeln in der Frage: Was ist er, der Mensch? Dies ist eine der dringlichsten Fragen der Gegenwart und zugleich auch eine der ältesten, wohl eine der Hauptfragen, die Menschen immer bewegt haben, ob aus religiösem oder weltanschaulichen Fragehorizont heraus oder im alltäglichen Denken und Tun. In den Frage-, aber auch den Antworthorizont der Wesensbestimmung des Menschen gehört der delphische Spruch des Sokrates: "Erkenne dich selbst" um 400 v. Chr. in gleicher Weise wie die Gedanken des Augustinus in den "Confessionen" um 400 n. Chr.: "Des Menschen Herz ist unruhig, bis es ruht in Gott".

Neuzeit, Moderne und Postmoderne steigern die Dramatik der Frage. Nicht nur Philosophie und Theologie versuchen Antworten neu zu definieren, das Menschsein wird darüber hinaus stark von einer großen Zahl von Einzelwissenschaften in den Blick genommen, seien es die Neurowissenschaften, aber auch die Wirtschaftswissenschaften. Was ist er, der Mensch? Die Gottesfrage wird vielerorts nicht mehr gestellt, die Frage des Menschen nach sich selbst scheint jedoch unausweichlich zu seinem Wesen zu gehören. So ist der Mensch das Lebewesen, das nach sich selbst fragt. Das scheint zu seiner Existenz zu gehören.

Ob das zahlreiche Fragen und Antworten des Menschen um sein Menschsein im Laufe der Jahrhunderte mehr Erkenntnis und Einsicht gebracht hat, wird mancherorts bezweifelt. 1928 schreibt Max Scheler in seinem Hauptwerk "Die Stellung des Menschen im Kosmos", dass die Vielzahl der Einzelwissenschaften – mögen diese auch wertvoll sein –, "weit mehr das Wesen des Menschen verdeckt, als dass sie es erleuchtet".  In seinem Aufsatz "Mensch und Geschichte" schreibt er 1954: "...wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos 'problematisch' geworden ist, indem er nicht mehr weiß, was er ist, zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß."

Auch Ernst Jüngel geht in seiner "Philosophischen Anthropologie" in eine ähnliche Richtung, wenn er schreibt: "Die anthropologische Detailforschung hat den totus homo 'also: den ganzen Menschen' zu einem unbekannten Wesen gemacht." Die Summe des Fragens und Antwortens des Menschen, des Ringens und Definierens des Menschseins bilden diese Antworten jedoch nicht. Hier kennt die Menschheits- und Kulturgeschichte andere Definitionen des Menschseins.

Zu den bekanntesten zählt wohl die Auffassungen des Menschen als "animal rationale", das auf den antiken griechischen Ursprung "zoon logon echon" zurückgeht: Der Mensch ist demnach das Tier, das Vernunft besitzt. Diese Überzeugung begegnet vermehrt, zusammen mit anderen tradierten Bestimmungen, in der christlichen Theologie und Philosophie des Mittelalters. So sehen sie die Lehrbücher der Neuscholastik des 19. Jahrhunderts als wesentliches Element der Anthropologie. Von Aristoteles stammt die Bezeichnung des Menschen als zoon politikon. Hier ist der Mensch also das "Tier", das politische Verantwortung übernimmt, das über sich und die Art und Weise seines sozialen Status frei bestimmt. Freiheitlich ordnet der Mensch sein Zusammenleben.

Ein Aspekt, der erst später stark gemacht worden ist, ist, dass der Mensch wesenhaft Person ist, und zwar insofern er eine "unteilbare Substanz von vernünftiger Natur ist". Diese Definition des Menschen geht auf den um 480 n. Chr. geborenen Staatsmann und Philosophen Boethius zurück. Sie wird zusammen mit der Bezeichnung des Menschen als "animal rationale" für das Denken im abendländischen Mittelalter und weit darüber hinaus besonders bedeutsam. Bei allem Variantenreichtum waren sich die christlichen Anthropologien des Mittelalters in der Grundbestimmung des Menschen einig.

Erst in der Neuzeit kommt es mit dem Neuansatz philosophischen und profanwissenschaftlichen Denkens zu stark unterschiedlichen Konzepten. René Descartes denkt den Menschen im beginnenden 17. Jahrhundert als zusammengesetzt aus einer "res extensa", einer ausgedehnten Sache, gemeint ist der maschinenartig funktionierende Körper des Menschen, und einer "res cogitans", einer denkenden Sache, gemeint ist die Geistseele. Thomas Hobbes, ein Zeitgenosse Descartes, verortet den Menschen nah bei den Tieren. Aus dem "Leviathan" von Hobbes stammt das bekannte Zitat: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" – "homo homini lupus".

Im 19. Jahrhundert, das der Physiologie als naturwissenschaftliche Disziplin hohe Bedeutung zumisst, erscheint 1859 Jakob Moleschotts Buch "Nahrungsmittelkunde für das Volk". Ludwig Feuerbach schreibt in der Rezension dieses Buches: "Der Mensch ist, was er isst". Hat dieser Satz bei Feuerbach religionswissenschaftliche Bedeutung, interpretiert die Wirkungsgeschichte diesen Satz radikal anders, wenn daraus der Satz wird: "Der Mensch, eine Stoffwechselmaschine".

Unterschiedliche Antworten auf die Frage nach dem Wesen des Menschen aus unseren Tagen sollten abschließend schlaglichtartig die Breite wie die Problematik der Antworten aufzeigen. Was ist er, der Mensch? Der Mensch, ein "nackter Affe" (Desmond Morris); ein "betendes Tier" (Alister Hardy), ein "Irrläufer der Evolution" (Arthur Koestler), ein "Reiz-Reaktions-Automat" (Burrhus Frederic Skinner), ein "Mängelwesen mit ausgleichender Handlungsfähigkeit" (Arnold Gehlen), die "zum Bewusstsein ihrer selbst gekommenen Evolution" (Julien Huxley), ein "Überlebensmechanismus der in ihm enthaltenen Gene" (Richard Dawkins). Wenn Jacques Monod, Nobelpreisträger 1965, in seinem Buch "Zufall und Notwendigkeit" schreibt: "...der Mensch weiß endlich, dass er in der teilnahmslosen Unermesslichkeit des Universums, aus dem er zufällig hervortrat, allein ist. Nicht nur sein Los, auch seine Pflicht steht nirgendwo geschrieben", ist das eine pessmistisch-zweifelnde Position, die jedoch dem unausgesprochenen Lebensgefühl vieler Menschen entsprechen dürfte.

Die Liste der Antworten, die auf die Frage nach dem Menschen gegeben wurden und noch immer diskutiert werden, ist lang, zugleich unvollständig. Sie soll einen Eindruck vermitteln auf die Breite der Antworten, die die Größe, Macht, den Einfluss und Glanz des Menschen ebenso in den Blick nehmen wie auf der anderen Seite seine innere Zerrissenheit, seine Einsamkeit, seine Hilflosigkeit und Schuldverfangenheit. Ein Aspekt, der bisher wenig bedacht wurde, ist die Frage, ob der Mensch nicht ein Wesen ist, das primär auf ein Absolutes, auf Gott hingeordnet ist. Diese Hinordnung, dieses Verhältnis muss nicht zwingend positiv bestimmt sein. Auch dem biblischen Menschen ist das vertraut. Ein Blick auf Psalm 8 will Aspekte biblischen Denkens vom Menschen aufzeigen.

Bibeltext: Ps 8

1 Für den Chormeister. Nach dem Kelterlied. Ein Psalm Davids.
2 Herr, unser Herrscher, / wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.
3 Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, / deinen Gegnern zum Trotz; deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.
4 Seh' ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt:
5 Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt:
8 All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.
10 Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde! (Einheitsübersetzung)

Hintergrund

Psalm 8 ist in seiner Anthropologie innerbiblisch unumstritten, zählt er darüber hinaus zu den bekanntesten  Texten des Alten Testaments. Im antiken wie im modernen Judentum gilt er geradezu als anthropologischer Schlüsseltext der Schöpfungstheologie, weil er den Menschen in einzigartiger Weise als Geschöpf in den Mittelpunkt stellt. Nicht die stärker neuzeitlich geprägte Frage nach dem Menschen als Individuum ist im Focus des Textes, sondern die Einbindung des Menschen als Geschöpf Gottes in die Schöpfung. Der Psalm selbst ist durchweg durch eine positive Anthropologie gekennzeichnet. Das macht seine Stärke aus. Kaum ein anderer Text im Alten Testament nennt als Wesenseigenschaft des Menschen in so deutlicher und uneingeschränkter Weise seine Herrlichkeit und Würde. Der Mensch wird ins Zentrum des Psalms gerückt. In hoher Selbstreflexivität stellt der Mensch die Frage nach seinem Wesen. Die Antwort verweist auf den Schöpfer. In der Gottesbeziehung ist der Mensch der ausgezeichnete. Damit bleibt die Anthropologie verwiesen auf die Theologie.

Komposition

Ein Blick auf die Komposition des Psalms stärkt diese Beobachtung. V.2a und 10 bilden einen Rahmen, indem sie den Lobruf Gottes in ihr Zentrum stellen. Dies ist die Blickrichtung des Psalms. Vorherrschend in diesen Versen ist die Bewegung vom Ich des Beters hin zum Lob Gottes. Durch die Gottesbezeichnung "Herr, unser Herrscher (bzw. Herr)" hat dieses Gotteslob gleichsam Bekenntnischarakter. Das Gotteslob gipfelt in der Doppelung des Gottesnamens Jahwe und des Epithetons "unser Herrscher". Dieses Epitheton verweist stets auf den Machtbereich Jahwes und wird vor allem verwandt, um Jahwes Herrschaft über alle Welt zum Ausdruck zu bringen. Hier treten besonders zwei zentrale Attribute und Funktionsbereiche Jahwes in den Blick: Er ist Schöpfer und König. Zudem war das Gottesepitheton "Herr/Herrscher" keine Seltenheit im Alten Orient. Dieser Ausruf setzt die Bekanntheit wie Vertrautheit Gottes als Herrn der Welt voraus. Seinem Wesen nach zeigt der Ausruf die Grundspannung des Psalms an, die im Verhältnis von Anthropologie und Theologie liegt. Der Mensch bekennt Gott als Herrn und verweist damit auf den Schöpfer, sich seiner eigenen Geschöpflichkeit dabei stets bewusst. Er bekennt ihn als Jahwe in der Offenbarung seines Namens. Dieser wird gepriesen in der Bezeichnung "gewaltig/herrlich", die sich auf den Namen Gottes bezieht, gepriesen wird in dieser Weise die göttliche Mächtigkeit. Diese Bezeichnung findet nicht selten in kosmologischen Zusammenhängen Verwendung (Ex 15,10; Jes 33,21 u.ö.), in denen Jahwe in seiner Funktion als Schöpfer herausgestellt wird. Dies ist für das Verständnis des Psalms bedeutsam, insofern dadurch die Herrlichkeit des Schöpfers vor der Herrlichkeit der Schöpfung selbst in den Blick kommt.

Der Lobpreis des Schöpfers umfasst "die ganze Erde" (V.2). Diese Aussage hebt herrschende Grenzen auf, Jahwes Name gilt als gewaltig, nicht nur in Israel (Ps 76,2) oder Jerusalem (Ps 74,7) als Ort des Tempels, sondern "auf der ganzen Erde". Die ganze Erde gilt als Eigentum des Schöpfers (vgl. Ps 24,1; 95,4f) und als Lebensraum des Menschen, der sich als Sprecher dieses Gotteslobes als Teil der Schöpfung begreift, an der Macht und Ruhm des Schöpfers erkannt werden. Der Kontrast jedoch, der in V.2b durch die Erwähnung des Himmels aufgetan wird, zeigt im Gegenzug deutlich, was mit der Bezeichnung "Erde" gemeint ist, nämlich die irdische Welt. Der Herrschaftsbereich Jahwes umfasst freilich auch den Bereich des Himmels, wie die V.2b und 4 herausstellen, doch liegt der Akzent der Offenbarung und Verherrlichung des Namens Gottes gerade auf dem irdischen Bereich. Hierauf zielt das Wirken Gottes. Dies betonen die Rahmenverse 2a und 10 in herausragender Weise. So haben diese Verse weit mehr als rahmenden Charakter. Sie bilden vielmehr Ausgangs- und Zielpunkt.

Der Psalm besteht aus zwei großen Hauptteilen:

a)einer Frage, der eine größere Einleitung und Hinführung vorausgeht (V.2-5) und
b)einer Antwort (V.6-9)

V. 2 widmet sich dabei dem Lob Jahwes. Zu ihm hin wendet sich der Beter, dessen Worte die Macht und Größe Jahwes preisen. In dieses Lob des Schöpfers sehen sich auch die anthropologischen Aussagen des Psalms eingebunden, wird doch die zentrale Frage nach dem Menschen, seinem Wesen, seiner Stellung und seiner Aufgabe im Lob des Schöpfers und angesichts der Größe der Schöpfung vorbereitet (V.4). In zweierlei Weise wird die Macht Jahwes als Schöpfer gepriesen: als erkennbare wie als erfahrbare. Erkennbar ist sie am Himmel, an dem Jahwe "seine Hoheit ausbreitet" (V.2b) und dessen "Mond und Sterne" (V.4) bestaunt werden, erfahrbar für die Erde wird sie jedoch in herausragender Weise, am Menschen (V.3a).

Weiter ausgeführt und anthropologisch zugespitzt wird diese Erfahrbarkeit in der Hauptfrage des Psalms nach der Wesensbestimmung des Menschen (V. 5) und der Antwort, die darauf gegeben wird (V.6-9). Die sichtbare Macht Gottes und seine Bestimmung als Herrscher und Schöpfer bilden so den notwendigen Hintergrund für die anthropologischen Fragen. V. 4 spielt dabei eine Schlüsselrolle. Er bereitet die Hauptfrage des Psalms unmittelbar vor und gibt mit der Größe und Pracht des Firmaments den Staunenshorizont für die Frage vor. Er ist Explikation dessen, was V. 2b über die Hoheit Jahwes über den Himmeln andeutet. Zugleich, und das ist anthropologisch wie theologisch von hoher Tragweite, setzt dieser Vers und damit das Staunen und Fragen des Menschen das Verstummen der Gegner voraus. Die Gegner Jahwes spielen im zweiten Teil des Psalms keine Rolle mehr, vielmehr rückt die Bestimmung des Menschen vor Jahwe einerseits und über die nicht-menschliche Kreatur andererseits ins Zentrum.

Der Neubeginn setzt am Ende des ersten Teils mit der Betonung des Ichs des Beters und dem Staunen über die Schöpfermacht Jahwes ein. Hier zeigt sich für den Menschen zunächst eine Diskrepanz zwischen seiner Winzigkeit vor Jahwe und dessen Schöpfermacht und seiner ihm zugewiesenen Stellung in der Welt. Die aufgeworfene Frage nach dem Wesen des Menschen jedoch, nach dem, was ihn ausmacht und charakterisiert, wird unmittelbar beantwort durch die Gottesnähe des Menschen. Diese Beschreibung findet zunächst einen negativen Ausdruck: Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott (V.6a), die königlichen Auszeichnungen "Herrlichkeit und Ehre" (V.6b) jedoch werden dem Menschen in positiver Konnotation zugeschrieben. Betont wird auch der enge Zusammenhang zwischen der Gottesnähe und den königlichen Auszeichnungen. In dieser engen Zusammengehörigkeit zählen nach dem Psalm zu den Charakteristika des Menschen.

Im Weiteren wird der Mensch nun in seine Herrschaftsposition gesetzt. Er wird zum Herrscher eingesetzt über das Werk Jahwes (V.7a). Alles wird ihm von Jahwe unter die Füße gelegt (V.7b). Deutlich wird: Ohne Rückbindung an den Bereich Gottes ist der Herrschaftsbereich des Menschen nicht vorstellbar. Denn es bleibt das Werk Jahwes, über das der Mensch Herrschaft gewinnt, und es ist Jahwe, der den Menschen einsetzt. Der Herrschaftsbereich des Menschen wird im Weiteren näher benannt: am Land sind es Schafe, Ziegen, Rinder und wilde Tiere (V.8), am Himmel sind es die Vögel (V.9a) und im Meer die Fische (V.9b).

Es ist schon darauf verwiesen worden, das V.2 und 10 Ausgangs- und Zielpunkt des Psalms sind. Die rahmenden Aussagen geben den anthropologischen Aussagen einen schöpfungstheologischen  Rahmen. Der Mensch ordnet sich hier als Geschöpf in die Schöpfung ein, und er erkennt damit sein Geschaffensein an. Was hier mitschwingt ist der Glaube an eine gewollte Herkunft und ein klares Kontingenzbewusstsein. Das menschliche Leben umfasst die Zeitspanne zwischen Geburt und Tod. Nur in diesem Raum-Zeit-Kontext kann das Mensch-Sein verwirklicht werden. Geschaffensein und Vergänglichkeit zählen zu den stärksten Konstanten des Menschseins. Daher beginnt die Reflexion über den Menschen hier auch bei seiner Geschöpflichkeit und dem Bezug zu seinem Schöpfer. Schöpfungstheologischen Gedanken kommt in der Anthropologie daher eine zentrale Bedeutung zu.

Die Frage nach dem Menschen

Im Zentrum des Psalms bleibt die Frage nach dem Menschen. Es ist eine offene Frage, die eine Antwort erwarten lässt. Nicht in ausschweifenden Argumentationen, sondern mittels eines Gebetes wird sie beantwortet. Was ist der Mensch...? – dass du seiner gedenkst? Und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst...? In der Antwort dienen nicht die zu erwartenden anthropologischen Konstanten Trauer, Freude, Glück, Leiden und Sterben, wenn auch gerade die Schwachheit und Vergänglichkeit des Menschen nicht ausgeblendet, sondern im Gegenteil stark eingeholt wird. V. 5 verwendet zwei Begriffe für den Menschen, die wohl wesentlich Aussagen über den Menschen machen? Für "Mensch" findet nicht das übliche Wort "adam" Verwendung, sondern zwei Begriffe, die die Schärfe der Frage unterstreichen: enosch und ben-adam. Durch diese Bezeichnung wird der Abstand zwischen Gott und Mensch markiert. Enosch meint in Hiob und den Psalmen den (vor Gott) kleinen Menschen, gewissermaßen das Menschlein. Der Mensch wird als schwach, zerbrechlich und sterblich charakterisiert. Der Gattungsbegriff ben-adam hebt die Vergänglichkeit oder das Menschsein als solches hervor. Zudem ist eine klare Unterscheidung zwischen "Adamssohn" und "Gottessohn" gegeben.

Das Mensch-Sein, das hier angesprochen wird, verweist auf Gen 2-8. "ben-adam" ist der Mensch, der die Grenzen ausreizt und bis zur Grenzüberschreitung (sein wollen wie Gott) geht (vgl. Gen 3+11). Es ist der Mensch, der sich mit dem Brudermord konfrontiert sieht und mit der Provokation der Flutgeschichte (Gen 6). "Adam" ist der Mensch aus "adama". Einerseits ist das ein deutliches Vergänglichkeitsmotiv, andererseits zeigt es aber auch in besonderer Weise die Nähe des Menschen zum Schöpfer. Denn der "adam" aus "adama" wird lebendig nur durch die "ruach" Gottes. Das Geschaffensein des Menschen und seine Nähe zum Schöpfer sind charakteristische Merkmale des Menschen. Der Mensch ist geschaffen – nicht zum Nutzen des Schöpfers (wie es in altorientalischen Menschenschöpfungserzählungen z.T. anklingt -, sondern im Gegenteil: dem Menschen gilt die Zuwendung seines Schöpfers! In Gen 2 bspw. zeigt sich ein großes Vertrauensverhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf – und darüber hinaus aber auch ein Fürsorgeverhältnis und eine besondere Verantwortung des Schöpfers seinem Geschöpf gegenüber (vgl. Gottesgarten Eden!).

Die Niedrigkeit des Menschen

Das Niedrigkeitsmotiv wird vor allem durch die beiden Nebensätze bestimmt, die einerseits den Menschen in seinem Wesen näher beschreiben – das sicher stärker implizit –, andererseits den Bezug und das Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer zum Ausdruck bringen. Beide Verben, das Gedenken und das Annehmen betonen das positive, fürsorgliche Handeln Gottes am Menschen. Die Frage nach dem Menschen ist demnach ohne die Frage nach dem Menschen nicht zu stellen, oder anders gesagt: Die Frage nach dem Menschen wird gestellt als Frage seiner Gottesbeziehung! Es sind  genuin anthropologischen Betrachtungen, insofern, als im Blickfeld das Handeln Jahwes am Menschen ist! Theologie und Anthropologie lassen sich hier nicht trennen. Der Spannungsbogen bleibt jedoch  erhalten – auch die Ambivalenzerfahrung -, Zielpunkt bleiben jedoch das Gedenken und das Annehmen, sich kümmern. Jahwe wird so beschrieben als einer, den das Schicksal der Menschen anrührt, der sich erinnert, nicht nur an den Menschen, sondern zum Heil der Menschen an die Verheißungen.

So meint das Gedenken im Hebräischen mehr als ein Erinnern oder  An-etwas-denken. Es entstammt einer in Israels Umwelt vorgeprägten religiösen Begrifflichkeit und zielt weniger auf den Bereich des Intellekts als vielmehr auf den Bereich des Tuns. Das Gedenken bezieht sich auf die "helfende und notwendende Zuwendung zum Menschen" (Schottroff). Durch das Gedenken soll das Gedachte in die heilende Gegenwart Gottes (zurück-)gebracht werden: Gott nimmt sich seines Volkes (Ex 3,16) oder Saras (Gen 21,1) an. Das Gedenken Jahwes meint ein "tathaftes Eingehen Gottes auf den Menschen" (Schottroff). Es meint darüber hinaus "die Aufnahme und Erhaltung des Lebensbezuges zwischen Jahwe und seinem Verehrer" (Schottroff). Das Gedenken ist das Bedenken und Ernstnehmen dieser Beziehung. "Gedenken, Sich Erinnern ist das Sich-Bewusstmachen von Verbundenheit" (Zenger), aus dem solidarisches Tun hervorgeht. So beginnt die alttestamentliche Klage häufig mit dem Gedenken, und auch die erfahrene Wende von Not wird im Danklied häufig mit dem Gedenken zusammengefasst.

"Annehmen, sich kümmern" weist vielfältige Bedeutungen auf. Es scheint in einem Doppelsinn vorzuliegen, das positive wie negative Konnotationen erfahren kann. Eine Grundbedeutung, die jedoch allen anderen zugrunde liegt und ihnen gemeinsam ist, ist die Bedeutung: "jdn. oder etw. nachprüfen, kontrollieren, nach dem Rechten sehen, genau beobachten." Für weitere Unterscheidungen ist zentral, ob es bei dem Referenten des Objekts um eine Person oder einen Gegenstand handelt: Sind Gegenstände Objekt des Verbs, nimmt seine Bedeutung im profanen Sprachgebrauch die einer Kontrollfunktion an: eine Sache wird auf Unversehrtheit und Vollständigkeit hin überprüft (Hiob 5,24). Im theologischen Sprachgebrauch ist die Semantik vergleichbar: Jahwe betrachtet eine Sache (ein Land, einen Weinstock etc.) auf ihr Gedeihen hin (Ps 65,10: Dus sorgst für das Land und tränkst es; du überschüttest es mit Reichtum). Sind Personen Objekt des Verbs – und das ist im Blick auf den Psalm relevant –, kommen folgende Bedeutungsmöglichkeiten vor: eine Person ansehen und sie prüfen, wie mit ihr weiter verfahren wird (2 Kön 9,14), misstrauisches Beäugen (1 Sam 20,6), (militär.) Musterung, Prüfung eines Menschen vor der Übertragung eines verantwortungsvollen Amtes oder Auftrages (Dtn 20,9). Im theologischen Sprachgebrauch: Jahwe sieht nach dem Menschen, er interessiert sich für ihn und sein Tun (Ps 8,5).Untersuchungen an weiteren Stellen zeigen, dass dieses Interesse in zwei Richtungen qualifiziert wird: a) wohlwollendes Prüfen, b) Interesse am Tun der "Frevler", verbunden mit einer kritischen Prüfung durch Jahwe. In jedem Fall kommt ein starkes Interesse Jahwes an dem jeweiligen Menschen zum Ausdruck, sei es in allgemeiner Anteilnahme an seinem Geschick, in wohlwollendem Einschreiten zugunsten eines Gemeinschaftstreuen oder um Rechenschaft einzufordern gegenüber einem "Frevler". Wichtig ist dabei, dass dieser nicht "bestraft" , sondern "nicht aus der Haftung entlassen" sein bzw. sein Handeln "nicht folgenlos bleibt".

Der königliche Mensch

Die Zuwendung Jahwes löst beim Beter offensichtlich Staunen aus, ähnlich wie in Ps 144,3. Die Antworten fallen jedoch unterschiedlich aus. Ps 8 gipfelt in V. 6f, der Beschreibung der Stellung des Menschen als königlicher Herrscher. Die positive Anthropologie wird schon in V. 5 in den beiden Verben des Gedenkens und der Annahme des Menschen durch Jahwe grundgelegt. Ab V.6 wird sie jedoch näher entfaltet. Die hohe Stellung des Menschen, die auf der Zuwendung Jahwes gründet, wird durch königliche Terminologie ausgedrückt, zum einen durch das Verb "bekränzen/krönen", zum anderen durch die Hoheitsprädikate Ehre und Herrlichkeit. Ein Blick auf die Verwendung dieser königlichen Terminologie im alttestamentlichen Sprachgebrauch zeigt jedoch, dass insbesondere das hebräische Verb für "bekränzen/krönen" sehr spärlich belegt ist. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Nomen "Krone". Hinzu kommt, dass der Begriff ein großes Bedeutungsspektrum umfasst und nur selten im direkten Kontext von Königtum und Herrschaft Verwendung findet. Auffallend ist jedoch die Nähe zu Ps 21, wo das Begriffspaar "krönen/Krone" im Zusammenhang mit einer Königskrönung genannt wird.

Die Würde des Königs wird regelrecht wie ein Gewand angelegt: "Groß ist sein Ruhm durch deine Hilfe, du hast ihn bekleidet mit Hoheit und Pracht" (Ps 21,6). Hier ist als Hintergrund ein bestimmtes judäisches Königsritual zu vermuten, das vornehmlich betont, dass die Krone aus der Hand Jahwes stammt. Die Krönung durch eine Gottheit ist allerdings kein genuin judäisches Element, vielmehr sie auch in der Königsideologie der Umweltreligionen Israels bekannt. Seine Herrlichkeit und Hoheit erhält der König von der Gottheit bzw. im jüdäischen Kontext von Jahwe. So hat der König Anteil an der Herrlichkeit Jahwes. Er wird zum Stellvertreter Jahwes. Wird nun der Mensch in Ps 8,6b mit Herrlichkeit und Ehre durch Jahwe selbst gekrönt, wird er zum königlichen Menschen. Durch den traditionsgeschichtlichen Hintergrund von Ps 21 und die Einspielung altorientalischer Königsideologie hebt der Psalmist die enge Beziehung zwischen Gott und Mensch hervor. Die Verwiesenheit des Menschen auf seinen Schöpfer, aber auch seine hohe Stellung in der Schöpfung sowie die Zugewandtheit Jahwes zu den Menschen kommt gerade in den Würdeprädikaten "Herrlichkeit und Ehre" zum Ausdruck, handelt es sich um Zuschreibungen, die primär Jahwe vorbehalten sind und die dem König als Abglanz göttlicher Attribute zugeordnet werden.

"Herrlichkeit" meint im Psalter vorrangig die Herrlichkeit Jahwes, wenn auch mit je unterschiedlichen Implikationen: Gemeint sein kann "Ehre", die vor allem Jahwe, aber auch seinem König und Personen hoher Auszeichnung gebührt. Jahwe bleibt jedoch der Höchstgeehrte, Gott der Herrlichkeit. Der König in Jerusalem hat Anteil an der Herrlichkeit Jahwes (vgl. Ps 21,6) und wird als Stellvertreter Jahwes auf dem Zion genannt (Ps 145,11f.).

Der Begriff "Herrlichkeit" wird aber auch mit Bezug auf Gott, seine Stadt, seinen Tempel, seinen König verwendet. Dies zeigt eine enge Verbindung zwischen der "Herrlichkeit der Gottheit" und den der Gottheit zugerechneten Gegenständen bzw. Personen. Von besonderem Interesse ist, dass die göttliche Herrlichkeit im Alten Orient ihren Ausdruck in der Krone der Gottheit fand (vgl. Weinfeld). Im Alten Testament ist die Vorstellung einer Krone Jahwes jedoch nur in metaphorischer Rede erwähnt (vgl. Jes 28,5). In Ps 8,6 ist diese im Umfeld Israels bekannte Vorstellung jedoch sehr konkret zum Ausdruck gebracht, indem  "Herrlichkeit und Ehre" als Krone gedacht werden. Ps 8,6 zeigt so eine enge Verwurzelung im altorientalischen Kontext der göttlich-königlichen Herrlichkeitsvorstellungen, sie geht aber noch weit darüber hinaus, wenn die Herrlichkeit hier nicht der Gottheit oder dem König verliehen werden, sondern dem Menschen bzw. der Menschheit, denn gemeint – und das ist einzigartig – ist jeder einzelne Mensch. Interessanterweise wird hier nicht unterschieden zwischen dem Erschaffensein des Menschen als Mann und Frau. Diese Differenzierung ist für den Psalmisten nicht von Bedeutung. Die anthropologischen Aussagen und Zuschreibungen geben dieser Differenzierung und dem damit häufig verbunden patriarchalischen Gefälle gerade keinen Raum.

Der Begriff "Herrlichkeit"  ist der zentrale Begriff, wenn von der "Würde des Menschen" in Ps 8 gesprochen wird. Dennoch ist eine solche Bezeichnung nicht unproblematisch, da der Begriff "Würde" biblisch ohne semantisch eindeutiges Äquivalent bleibt, und der Begriff "Menschenwürde" kein genuin biblischer Begriff ist. Nichtsdestotrotz meint der hebräische Begriff für "Herrlichkeit", kabod, auch "Schwere" und gibt damit eine Wertigkeit des Menschen an. So ist es ein Begriff, der unmittelbar zum Menschsein gehört. Dem ganzheitlichen Ansatz alttestamentlicher Anthropologie entsprechend, greifen die Aspekte Wert, Ansehen, Wertigkeit im Begriff "Herrlichkeit" unmittelbar ineinander. Gemeint sind Respekt und Anerkennung, und doch noch viel mehr: es ist ein unverlierbares Moment des Menschseins, das dem Menschen nur von Jahwe her zukommt. Zugleich ist es eine Anteilgabe an Jahwes eigener Herrlichkeit.

Der Mensch ist so nach Ps 8,6b mit dem Abglanz der göttlichen Herrlichkeit und Ehre ausgestattet wie ausgezeichnet. Das verschafft ihm königliche Würden, aber auch Pflichten. Die königliche Erhöhung des Menschen bringt so in gekonnter Weise die Beziehung des Menschen zu Gott als dem Weltenschöpfer und –könig zum Ausdruck. Das Menschenbild von Ps 8,6ff. ist so ein anderes als das, das in V. 5 mit der Frage nach dem Menschen und den Bezeichnungen ben-adam und enosch für den Menschen aufgeworfen wird. Der vergängliche, schwache, hinfällige und schuldverhaftete Mensch wird erhöht zum König, erhält Anteil an der göttlichen Herrlichkeit und Macht und wird eingesetzt zum Herrscher über die Schöpfung ( vgl. Gen 1,1-2,4a), unmittelbar unter Jahwe selbst (V. 6a.7). Die neue, erhöhte Stellung des Menschen wird im Psalm als Gabe Jahwes angesehen. Die königliche Stellung des Menschen ist Explikation dessen, was in V. 6a durch den Gedanken der Nähe des Menschen zu Gott vorbereitet wird. Das enge Verhältnis zwischen Gott und König war in gedanklicher Nähe zu altorientalischen Vorstellungen im Alten Testament als (adoptierte) Sohnschaft (vgl. Ps 2,7; 110,3), als Sitzen zur Rechten Gottes (vgl. Ps 110,1) oder als Erwählung (vgl. Ps 89,4.20) beschrieben worden.

Dieses Verhältnis versucht Ps 8 neu zu formulieren, indem dem Menschen eine größtmögliche Nähe zur Gottheit, jedoch bei bleibender Differenz, zugemessen wird. Das Hebräische spricht an dieser Stelle von "Mangel leiden lassen". Dieser Mangel in Bezug auf die Gottheit drückt die Differenz aus. Relativiert wird dieser Mangel durch den Zusatz "wenig" (V.6a). Im Denken der Differenz bleibt die Hoheit Jahwes gewahrt, dass es jedoch nur ein geringer Mangel im Vergleich zur Gottheit ist, zeichnet den Menschen zusätzlich aus und hebt erneut seine Nähe zu Jahwe hervor. Von "Gottheit" wird hier gesprochen, da das Hebräische auch in Ps 8 zwei unterschiedliche Gottesbezeichnungen unterscheidet. Die eine ist Jahwe in den Rahmenversen (V.2.10), übersetzt meist mit "Herr", die andere ist Elohim, in der EÜ übersetzt mit "Gott". Traditionsgeschichtlich steht hier jedoch eine andere Vorstellung dahinter. Der Begriff kann im Singular wie im Plural übersetzt werden. Im Plural sind es Götter oder auch Jahwe untergeordnete Götter oder in abgeschwächter Bedeutung Gottwesen. Für Letztgenanntes ist jedoch nicht die Bezeichnung Elohim, sondern benei-elohim vorherrschend. Im Blick auf Ps 8 soll darauf hingewiesen werden, dass der Psalm zwischen beiden Gottesbezeichnungen unterscheidet. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass der Grundsinn von Ps 8 dem hebräischen masoretischen Text nach den Menschen mit Gott (= Jahwe) vergleicht und nicht etwa mit Gottwesen oder Göttern.

Es soll jedoch nicht übersehen werden, dass die Septuaginta als bedeutsame griechische Übersetzung des hebräischen Alten Testaments den Begriff Elohim pluralisch versteht und entsprechend wiedergibt. Ein solches Verständnis bedeutete jedoch einen gewaltigen Interpretationsunterschied, wenn der Mensch nicht direkt mit Gott verglichen wird, sondern mit Gottwesen, die Gott selbst untergeordnet sind. Das hätte zur Folge, dass der Mensch auch die königliche Würde und Herrschaft nicht direkt aus der Hand Gottes verliehen bekommt und so auch die Stellvertretungsposition Jahwes auf der Erde nicht einnimmt, bliebe auch der Herrschafts- und Verantwortungsbereich über die nichtmenschliche Schöpfung dieselbe. Die Stellung des Menschen wäre jedoch ganz und gar nicht dieselbe. Für die Verwendung der Gottesbezeichnung "Elohim", aber gedacht und gemeint "Jahwe" spricht primär die Kennzeichnung des Menschen als königlich mit den königlichen Prädikaten, die ausschließlich Jahwe und keinesfalls ihm untergeordneten Gottwesen oder Göttern beigemessen wurden. Auch wird vermutet, dass die Bestimmung des Menschen in der Nähe Gottes durch Verwendung der Gottesbezeichnung "Jahwe" den Missbrauch des Namens impliziert hätte und aus diesem Grund "Elohim" gewählt wurde. Das Gottsein Jahwes bleibt so unberührt, auf der anderen Seite bleibt die Nähe des Menschen zu Gott trotz Differenz gewahrt: Als König agiert der Mensch in der Schöpfung Jahwes.

Die Aufgabe des Menschen in der Schöpfung

Diese Aufgabe des Menschen wird in V.7 entfaltet. Der Herrschafts- und Verantwortungsbereich des Menschen liegt in allem (V.7b), was Jahwes Hand erschaffen hat. Dies alles wird dem Menschen durch Jahwe unter die Füße gelegt. In den Formulierungen von V. 7 wird die menschliche Herrschaft räumlich anschaulich: Der Mensch herrscht über das Werk Jahwes, das ihm unter die Füße gelegt wird. Die Anteilgabe der göttlichen Herrschaft an den Menschen liegt gerade im Bereich der nichtmenschlichen Schöpfung. Die Aufzählung der Tiere und ihrer drei zentralen Lebensräume Land, Himmel und Meer eröffnet ein globale Perspektive. Dies betont die Universalität des Herrschaftsbereiches des Menschen. Das Verhältnis Mensch-Mensch bleibt davon jedoch bewusst unberührt.

"Als Herrscher" wird der Mensch von Jahwe "eingesetzt" (V.7a). Die Art der Herrschaft wird durch eine bewusste Wahl des Verbs in klarer und unterscheidender Weise als menschlich charakterisiert. Das Hebräische kennt mehrere Verben, die im Deutschen mit "herrschen" wiedergegeben werden. Das hier verwendet "maschal" hebt sich jedoch deutlich von dem sonst üblichen "malach" ab, das im Blick auf das Königtum Jahwes, aber auch das bisherige Königtum in Israel Verwendung findet. Zu beiden Herrschaftsformen setzt "maschal" einen deutlichen Unterschied. Die Herrschaft des erhöhten, königlichen Menschen erhält so ein besonderes Profil: Sie ist Anteilgabe wie Anteilnahme an der Herrschaft Jahwes, ohne die Priorität seiner Herrschaft über die Welt in Frage zu stellen. Und sie ist ein qualitativ neue Herrschaft, die sich radikal abgrenzt vom historisch gescheiterten Königtum Israels.

Die Formulierung "unter die Füße legen" (V. 7b) entstammt der judäischen Königstheologie. Zahlreiche alttestamentliche Belege sowie literarische und ikonographische Beispiele aus Ägypten und den Staaten des Zweistromlandes zeigen, dass Ps 8,7b ein zeitlich und geographisch breit bezeugtes Herrschaftsmotiv aufnimmt. Das "Fußmotiv" lässt sich in zweierlei Weise interpretieren: es wird gerne verwandt in der Beschreibung von Kampfsituationen, darüber hinaus kommt es aber auch in eher statischen Aussagen über die andauende Herrschafts- und Ordnungspotenz des Königs vor. Das "unter die Füße legen" in Ps 8,7b dürfte zu zweiterer Verwendungssituation gerechnet werden, stellt es ja die dem Menschen verliehene Herrschaftsaufgabe über die nichtmenschliche Welt fest. Ein Blick in die altorientalische Königsideologie, aber auch die judäische Königstheologie zeigt, dass der Entwurf einer solchen Herrschaft der Stilisierung dient. Es ist zunächst einmal ein Entwurf jenseits der historischen Realität. Entworfen wird ein Herrschaftsideal, das jedoch nicht als Utopie missverstanden werden darf. Denn als Ideal beeinflusst und bestimmt ein solcher Herrschaftsentwurf gerade die Realität, indem der Vorstellungshorizont für eine gelingende Herrschaft festgeschrieben wird. Die Einsetzung des Menschen über die Schöpfung Jahwes ist damit konstitutiv.

Die königliche Aufgabe des Menschen besteht in der Verwaltung und Bewahrung der gut geordneten Schöpfung (vgl. V.8ff). Auch hier bleibt der Mensch verwiesen auf den Schöpfer und wird selbst als Geschöpf gekennzeichnet. Denn zum einen ist die königliche Zuschreibung des Menschen von Jahwe her übernommen, zum anderen bezieht sich die Herrschaft des Menschen ausschließlich auf das Werk Jahwes. Als Verwalter erhält der Mensch kein Recht an den Lebensbereichen der Tiere. Dies bleibt dem Ideal der menschlichen Herrschaft über das "Werk seiner Hände" verpflichtet.

Die wesentlichen Momente der Anthropologie von Ps 8 sind demnach: 1. Im Unterschied zu judäischen, aber auch altorientalischen Vorstellungen erhalten nicht nur (oder gerade nicht) bestimmte herausragende Menschen königliche Zuschreibung, sondern es ist jeder einzelne Mensch, dem diese Auszeichnung, aber auch die damit verbundene Aufgabe, Verantwortung und Verpflichtung zuteil wird. 2. Angesprochen ist nicht der biblische Mensch oder der Israelit, sondern jeder Mensch. 3. Definiert wird der Mensch als Geschöpf vor seinem Schöpfer. Die hohen anthropologischen Aussagen des Psalms verweisen letztlich auf Jahwe als Schöpfer. Die Theozentrik der Anthropologie des Psalms ist so nicht zu übersehen. Der Mensch ist ohne ein Gottesverhältnis dem Psalm nach nicht denkbar. Denn von Gott her erhält er seine Würde wie seine Aufgabe. Das Gottesverhältnis wird dabei als durchweg positiv beschrieben, wenn Jahwes des Menschen und seiner Verheißung gedenkt und sich seiner annimmt. 4. Der Psalm läuft nicht Gefahr den Menschen überhöht, ausschließlich positiv konnotiert darzustellen. Vielmehr bleibt er gerade als idealer Herrschaftsentwurf der Realität verhaftet, indem er in der leitenden Frage nach dem Menschen das Fragmentarische, Schwache und Niedrige als zum Wesen des Menschen gehörend annimmt und ihm doch die Anteilgabe an der Herrlichkeit Gottes und die damit verbundenen Aufgaben überträgt.

Die Sichtweise des Menschen verändert sich bei der breit gegebenen Rezeption des Psalms. Hier sei lediglich auf zentrale Rezeptionsstellen im Alten wie im Neuen Testament verwiesen. Inneralttestamentlich ist das Ps 144,3; Hiob 7,17; 15,14; Sir 18,8. Im Neuen Testament ist der Psalm besonders prominent. Vier Stellen sind es, die sich dem Psalm in direkter Weise widmen und ihn zur Deutung des Christusereignisses heranziehen: Mt 21,16;1 Kor 15,27; Eph 1,22; Hebr 2,6-8.

Bibelarbeit

Sich einfinden

GL 300,1-5: Solang es Menschen gibt auf Erden

"Zwei Forschungsreisende kamen einmal zu einer Lichtung im Dschungel. Weil dort viele Blumen und Kräuter wuchsen, sagte der eine von ihnen: "Es muss einen Gärtner geben, der dieses Stück Land bebaut." Doch der andere widersprach ihm: "Es gibt keinen Gärtner." Um herauszufinden, wer von ihnen im Recht sei, schlugen sie ihre Zelte auf und überwachten die Lichtung. Doch kein Gärtner ließ sich sehen. Da aber noch die Möglichkeit bestand, dass es sich um einen unsichtbaren Gärtner handelte, zogen sie einen Zaun aus Stacheldraht, den sie unter Strom setzten und mit Spürhunden abschritten. Dennoch vernahmen sie weder einen Schrei, noch geriet der Draht durch einen Unsichtbaren in Bewegung. Auch die Spürhunde schlugen niemals an. Selbst das vermochte den Gläubigen noch nicht zu überzeugen. "Es gibt doch einen Gärtner, unsichtbar, unberührbar, unempfindlich gegen elektrische Schläge, einen Gärtner, der keine Spur hinterlässt und keinen Laut von sich gibt, der aber heimlich kommt und sich um den Garten kümmert, den er liebt." Der Skeptiker hielt ihm jedoch verzweifelt entgegen: "Was ist denn eigentlich von deiner ursprünglichen Behauptung übriggeblieben? Wie unterscheidet sich denn dein unsichtbarer, ewig unbegreifbarer Gärtner von einem eingebildeten oder gar von überhaupt keinem Gärtner?"

(aus: A. Flew, in: P.M. van Buren,
Reden von Gott – in der Sprache der Welt, Zürich 1965, 8f.)

Impulsfragen:
Wie verstehen wir heute die Rede von Gott als dem Schöpfer? Woran /worin erkennen wir ihn? Muss die Gottesfrage und damit verbunden die Vorstellung Gottes als Welt- und Menschenschöpfer im Angesicht biologischer, medizinischer und technischer Errungenschaften nicht verstummen? Zeigt sich der Mensch noch als Geschöpf, oder ist er vielerorts nicht selber Schöpfer, will es zumindest sein? Wie lässt sich die Rede von Gott als dem Schöpfer neu bestimmen? Welche Worte lassen sich finden? Wo ist eine Neubesinnung und Neubestimmung besonders virulent? Wie lässt sich die Gottesfrage nicht nur privat und individuell für jeden einzelnen Menschen denken und glauben, sondern wo ist sie gerade auch im öffentlichen Diskurs notwendig und in welcher Form lässt sie sich einbringen?

Den Bibeltext lesen
Ps 8 in unterschiedlichen Übersetzungen

Über den Bibeltext sprechen

Ps 8 beschreibt eine hohe, positiv konnotierte Anthropologie, behält den Menschen aber auch in seiner Hinfälligkeit und Schwäche im Blick. Wie entwickelt der Psalmist die Aussagen über den Menschen? In welchen Bezügen steht der Mensch? Welche Aufgaben und Verantwortungsbereiche kommen ihm zu? Welches Menschenbild bringt der Psalm zum Ausdruck? Welche Aspekte erwähnt der Texte gerade auch nicht, die uns heute wichtig wären? Das Menschenbild, das der Psalm entwirft, bildet zu heutigen Menschenbildern einen massiven Kontrast. Diskutieren Sie heutige Vorstellungen vom Menschen, seinen Eigenschaften und Aufgaben/Zuschreibungen in Biologie, Psychologie, Neurowissenschaften, Wirtschaft, Technik, Umwelt und Sport. Wie lässt sich Ps 8 hier einfügen? Bietet er möglicherweise Anhaltspunkte eines Korrektivs für heutige Menschenbilder? Wie und wo lässt er sich zu Gehör bringen?

Den Bibeltext ins eigene Leben übersetzen

Der frühere israelische Ministerpräsident David Ben Gurion (1886-1973) gab einmal einen Empfang, zu dem auch der Religionsphilosoph Martin Buber (1878-1965) eingeladen war. Bei dieser Gelegenheit fragte ihn der Regierungschef: "Professor Buber, warum glauben Sie eigentlich an Gott?" Buber erwiderte ihm: "Wenn es ein Gott wäre, von dem man reden kann, dann würde ich auch nicht glauben. Weil es aber ein Gott ist, zu dem man reden kann, darum glaube ich an ihn."

Als Psalm ist der Text Gebet. Gott wird an zahlreichen Stellen angesprochen. Wie sehr wir unsere eigene Verwiesenheit auf den Schöpfer? Wo und in welcher Weise findet das einen Ausdruck? Welche Formen des Gebets, des Gesprächs mit Gott sind uns wichtig und vertraut? Welche neuen Wege ließen sich erschließen?

GL 292: Herr, dir ist nichts verborgen

Weiterführende Literatur:

  • Ben-Chorin, Shalom, Was ist der Mensch, Tübingen 1986,25-34
  • Hieke, Thomas, Menschenwürde - Menschenrechte. Staub vom Ackerboden oder wenig geringer als Gott? Menschenbilder des Alten Testaments in spannungsvoller Beziehung, in: Lebendiges Zeugnis 53 (4/1998) 245-261.
  • Frevel, Christian, "Eine kleine Theologie der Menschenwürde" - Ps 8 und seine Rezeption im Buch Ijob, in: Hossfeld, Frank-Lothar/Ludger Schwienhorst-Schönberger (Hgg.), Das Manna fällt auch heute noch. Beiträge zur Geschichte und Theologie des Alten, Ersten Testaments, HBS 44, FS Erich Zenger, Freiburg 2004, 244-27
  • Frevel, Christian/Oda Wischmeyer, Menschsein. Perspektiven des Alten und Neuen Testaments, Die Neue Echter Bibel, Bd. 11, Würzburg 2003
  • Hossfeld, F.-L./Erich Zenger, Die Psalmen. Psalm 1-50. Die Neue Echter Bibel, Kommentar zum Alten Testament, Würzburg 1993.
  • Janowski, Bernd, Die "Kleine Biblia" - Zur Bedeutung der Psalmen für eine Theologie des Alten Testaments, in: Zenger, Erich (Hg.), Der Psalter in Judentum und Christentum, Freiburg 1998, 383-420.
  • Neumann-Gorsolke, Ute, Herrschen in den Grenzen der Schöpfung. Ein Beitrag zur alttestamentlichen Anthropologie am Beispiel von Psalm 8, Genesis 1 und verwandten Texten, Neukirchen-Vluyn 2004.
  • Oeming, Manfred, Das Buch der Psalmen. Psalm 1-41, NSK-AT13/1, Stuttgart 2000, 82-90.
  • Seybold, Klaus, Die Psalmen, HAT I/15, Tübingen 1996.
  • Söding, Thomas: Mehr als ein Buch - Die Bibel begreifen, 2. Auflage, Freiburg 1996, 145-157.
  • Spieckermann, Hermann, Heilsgegenwart, FRLANT 148, Göttingen 1989, 227-239.
  • Schieringer, Helmut, Psalm 8. Text - Gestalt - Bedeutung, ÄUAT 59, Wiesbaden 2004.
  • Wolff, Hans Walter, Anthropologie des Alten Testaments, Gütersloh 72002

Dipl.-Theol. Esther Brünenberg, Juli 2007
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)
in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster (kirchensite.de)
Foto: www.pixelio.de/

Die Bibelarbeit zum Download...

(Zum Anzeigen der Texte ist der Acrobat-Reader erforderlich. Falls Sie diesen nicht haben, können Sie ihn hier kostenlos runterladen: Der Acrobat-Reader zum Download…)

Weitere Bibelarbeiten im Internet:
kirchensite.de/bibelarbeiten

Das Evangelium hören

Service für Sie

Facebook

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web


Anzeigen-Sonderthema


Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand