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24.04.2017
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Bibelarbeit im März

Die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes

(Röm 8)

1. Herrliche Freiheit

Freiheit ist das Zauberwort der Moderne. Neben der Gleichheit und der Brüderlichkeit gehört es zu den drei Schlagworten der Französischen Revolution. Wie gut die Freiheit ist, versteht am besten, wer sie nicht als selbstverständlich nimmt und gar missbraucht, um auf Kosten anderer zu leben, sondern wer unfrei ist und sich nach Freiheit sehnt – oder wer ein wirklich freier Mensch ist und deshalb die eigene Freiheit nicht höher als die der anderen stellt.

Was aber ist Freiheit? Karl Marx bringt das populäre Verständnis der Freiheit auf den Punkt: Frei sei, wer einen Zustand erlangt habe, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe…" (Karl Marx – Friedrich Engels, Werke. III 33). Eines Menschen Freiheit ist demnach, seiner Lust und Laune, seinen momentanen Eingebungen, seinem spontanen Willen gemäß zu handeln. Nur der Kommunismus könne das garantieren. Joseph Ratzinger kontert kühl: "Wie frei ist der Wille eigentlich? Und wie vernünftig ist er? Und: Ist ein unvernünftiger Wille ein wirklich freier Wille? Ist eine unvernünftige Freiheit wirklich Freiheit? Ist sie wirklich ein Gut? Muß also die Freiheit vom Wollenkönnen und Tunkönnen des Gewollten her nicht durch den Zusammenhang mit der Vernunft, mit der Ganzheit des Menschen ergänzt werden, damit es nicht zur Tyrannei der Unvernunft komme? Und wird es nicht zum Zusammenspiel zwischen Vernunft und Wille gehören, dann auch die gemeinsame Vernunft aller Menschen und so die gegenseitige Verträglichkeit der Freiheiten zu suchen?" (Glaube – Wahrheit – Toleranz, Freiburg - Basel - Wien 2003, 188).

Das sitzt. Aber man darf wohl noch weiter fragen, selbst beim heutigen Papst. Ist die Sehnsucht, man selbst sein zu wollen, etwa gleichbedeutend mit der Sünde Adams, sein zu wollen wie Gott (Gen 3,5)? Gehört zur Freiheit nicht, auch einmal unvernünftig zu sein? Und muss ich die Freiheit des Gewissens nicht auch dort verteidigen, wo es irrt? Es hängt am Menschenbild, was als Freiheit gilt – und dieses Menschenbild hängt am Gottesbild.

Im Neuen Testament ist vor allem Paulus der Theologe der Freiheit. Was Unfreiheit ist, hat er am eigenen Leibe gespürt - so oft, wie er ins Gefängnis gesteckt wurde, weil er mutig war, öffentlich den Glauben zu verkünden, und so verbohrt, wie er war, aus blindem Eifer die Kirche zu verfolgen. Aber auch was Freiheit ist, hat er zu schätzen gelernt: als Mitglied des erwählten Volkes, als Apostel Jesu Christi, als Theologe der Rechtfertigung. Und er wusste um die Versuchung der Freiheit: als Leiter der von ihm gegründeten Gemeinden, die erst noch ihren Weg des Christseins jenseits von Enthusiasmus und Zaghaftigkeit, mitten durch Skrupel und Bedenkenlosigkeit hindurch suchen mussten. Im Galaterbrief formuliert er (Gal 5,1):

"Christus hat uns zur Freiheit befreit – nur nicht die Freiheit als Vorwand für das Fleisch!"

Kurz danach, im Römerbrief, holt er noch weiter aus, um von der herrlichen Freiheit der Gotteskinder mitten im gegenwärtigen und mehr noch im ewigen Leben zu sprechen. Er schaut nicht nur auf die Menschen, sondern auf die ganze Schöpfung, nicht nur aufs irdische, sondern auch aufs ewige Leben.

2. Der Text: Röm 8,18-32

15Ihr habt nicht einen Geist der Sklaverei empfangen, wieder zur Furcht, sondern den Geist der Sohnschaft, in dem wir rufen: "Abba – Vater.". 16Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind, 17wenn aber Kinder, dann auch Erben: Erben Gottes, Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir mit ihm verherrlicht werden.
18Ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit in keinem Verhältnis stehen zur kommenden Herrlichkeit, die an uns offenbart werden wird.
19 Denn die Sehnsucht der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. 20Die Schöpfung aber ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat, doch auf Hoffnung hin. 21Denn die Schöpfung selbst wird befreit werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. 22Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mit stöhnt und ächzt bis zum heutigen Tag; 23aber nicht allein, sondern auch wir, die wir den Erstling des Geistes haben, wir stöhnen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes. 24Denn in Hoffnung sind wir gerettet, Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wer hofft, was er sieht? 25Wenn wir aber hoffen, was wir nicht sehen, so erwarten wir es in Geduld.
26So nimmt sich auch unser Geist unserer Schwachheit an. Denn was wir beten sollen, wie es not tut, wissen wir nicht; doch der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. 27Der aber unsere Herzen erforscht, kennt das Sinnen des Geistes, denn wie es Gott gemäß ist, tritt er für Heilige ein.
28Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten mitwirkt, denen, die seinem Ratschluss gemäß Berufene sind; 29denn alle, die er vorherwusste, hat er auch vorherbestimmt, mit dem Bild seines Sohnes gestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei. 30Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, hat er auch verherrlicht.

3. Der Kontext

Im Römerbrief entwickelt Paulus ein vielgliedriges Argument, um seine These zu begründen, dass jeder Mensch nicht aus Werken des Gesetzes, sondern aus dem Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt wird. Die Rechtfertigung ist die Bejahung seiner Existenz durch Gott, obgleich der Mensch Schuld auf sich geladen und sich dadurch der Macht des Todes unterworfen hat. Die Rechtfertigung des Lebens aber kann nicht nur in dem Grenzen des Irdischen bleiben. Sie muss ausgreifen auf das Jenseits. Sonst wäre doch der Tod der Sieger der Geschichte; es herrschte der Kampf uns Dasein; für Menschlichkeit und Freiheit wäre kein Platz.

Gott aber ist der, der die Menschen liebt. Das wird Paulus unmittelbar im Anschluss ausführen (Röm 8,31f. 38f.):

31Wenn Gott für uns ist – wer ist dann gegen uns?
32Der seinen eigenen Sohn nicht geschont, sondern für uns alle gegeben hat – wie er sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? …
38Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwart noch Zukunft, keine Kraft, 39weder Höhe noch Tiefe wird uns scheiden von der Liebe Gottes in Jesus Christus, unserem Herrn.

Deshalb schenkt Gott den Menschen Freiheit und Leben; aus reiner Liebe.

Aber die Menschen leben doch in einer Welt voller Not und Elend, voller Hass und Gewalt. Das leugnet Paulus nicht. Im vorangegangenen Kapitel, Röm 7 (vorgestellt in der Bibelarbeit des vergangenen Monats), hat der Apostel ausgeführt, dass auch diejenigen, die ganz nach dem Gesetz leben, nicht vor der Sünde geschützt sind. Röm 8 zeigt die Kehrseite: Alle, die leiden, ächzen und stöhnen, können doch Hoffnung schöpfen. Denn Gott ist ihnen nahe, in Jesus Christus.

Das Leitwort des Abschnitts ist: Hoffnung. Hoffnung ist keine vage Ahnung, keine unsichere Erwartung, sondern eine sichere Aussicht, die aus dem Glauben stammt und weiß, dass das Beste noch kommt: die unmittelbare Begegnung mit dem lebendigen Gott. In Röm 8 stehen dafür:

  • die Gotteskindschaft (oder Gottessohnschaft), die zwar bereits gegenwärtig den Glaubenden unbedingt zugesprochen wird, aber in ihrer ganzen Wirklichkeit erst im Jenseits, im Himmel ansichtig werden wird;
  • die Herrlichkeit, die zwar jetzt verbogen ist unter dem Elend der Sklaverei, für die das Böse verantwortlich ist, aber künftig vollendet sein wird, aus der Auferstehung von den Toten;
  • die Freiheit, die zwar verspielt werden kann, aber geschenkt ist und in ihrer ganzen Faszination, jenseits aller Versuchung zum Missbrauch, sich verwirklichen wird im vollendeten Reich Gottes.

Wie Gotteskindschaft, Herrlichkeit und Freiheit zusammenhängen – das erschließt Paulus in raumgreifenden Gedankengängen, die den ganzen Kosmos erfassen und doch jeden einzelnen Menschen ganz genau in den Blick nehmen.

4. Seufzen und Stöhnen in der Not

Paulus leugnet nicht: Es gibt Unfreiheit, Knechtschaft, Sklaverei. Viele der Adressaten seines Briefes waren selbst Sklaven. Sie waren nicht frei. Sie konnten sich nicht einen eigenen Beruf wählen. Die meisten hatten keine Ausbildung. Sie gehörten zwar zum "Haus". Aber sie hatten zu dienen. Sie durften nicht heiraten, wen und wann sie wollten. Sie mussten Angst haben, dass ihnen ihre Kinder weggenommen wurden. Sie konnten verkauft werden. Sie hatten kein Stimmrecht. Politische Mitwirkung war ihnen verwehrt. An diesen Sklaven konnten alle Römer – von denen einige reich waren und selbst Sklaven hatten – erkennen, wie teuer die Freiheit ist. Und wie ehrlos die Unfreiheit.

Aber Paulus, der sich seinen Briefen immer wieder müht, das Los der Sklaven zu verbessern, sieht doch nicht nur die soziale Ungerechtigkeit. Er weiß, dass gerade auch die Freien und Reichen in der Gefahr der Sklaverei stehen: wenn sie andere versklaven, sind auch sie selbst nicht frei. Und wenn sie dem Druck zu sündigen nachgeben, machen sie sich zum Sklaven ihrer Triebe. Sie glauben vielleicht, frei zu sein und ihren Willen durchsetzen zu können. Aber gerade dann verfehlen sie ihr Menschsein.

Darunter leiden sie selbst und andere. Das Seufzen und Ächzen, das Stöhnen und Leiden hat Paulus nicht vergessen, wenn er Hoffnung macht. Und er denkt nicht nur an sich und die Christen; er denkt auch an die anderen Menschen; er hat die ganze Schöpfung vor Augen. Sie ist als ganze der Vergänglichkeit unterworfen. Und der Mensch tut viel dazu, die Lebensfrist der anderen Geschöpfe noch über Gebühr zu verkürzen. Er kann sich aber nicht aus der Schöpfung isolieren. Die Bibel erzählt auf der ersten Seite der Genesis, wie die Welt entstanden ist: nicht als Gefängnis, das den Menschen einsperrt, sondern als Ort, an dem die Menschen leben sollen, aber nicht allein, sondern zusammen mit den Tieren und Pflanzen unter Gottes Himmel auf der weiten Erde. Als "Gottes Ebenbild" haben die Menschen eine einzigartige Stellung und Verantwortung (Gen 1,26f.). Indem sie aber die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis essen, haben sie nicht nur das Leben im Paradies verwirkt, sondern auch das Leben auf der Erde, die "Natur" (wie es später heißen wird), mit ihrer Sünde kontaminiert: "Verflucht ist der Ackerboden deinetwegen" (Gen 3,17). Lange bevor von Umweltschutz und Klimawandel die Rede war, wird hier in der Bibel der tödliche Zusammenhang aufgedeckt zwischen der Zerstörung der Seele und der Umwelt.

Das Stöhnen der geschundenen Kreatur vereinigt sich mit den Seufzern, den Klageliedern und Schreien der leidenden Menschen, auch der Glaubenden. Paulus denkt nicht nur an die Verfolgung um Jesu willen, obgleich gerade die römische Gemeinde sie schon kennt und noch blutig kennenlernen wird. Er denkt auch an das alltägliche Leid, an körperliche und an seelische Schmerzen. Er denkt an den Tod. All das ist nicht nur böser Schein, sondern bittere Wahrheit. Menschen leben inmitten dieses Elends. Sie sind mal Opfer, mal Täter zugleich, auch die Christen.

Wenn Paulus schreibt, die "gegenwärtigen Leiden" stünden "in keinem Verhältnis zur kommenden Herrlichkeit" (Röm 8,18), redet er nicht klein, was Mensch und Tier gegenwärtig zu erdulden haben. Auf diese Idee könnte man verfallen, wenn man die Einheitsübersetzung liest, dass diese Leiden "nichts bedeuten" im Vergleich zur kommenden Herrlichkeit. Aber sie bedeuten sehr viel; sie machen ja die Erlösung notwendig; sie werden erlitten, und zwar nicht zum Schein. Auch die Lutherbibel ist nicht besser; sie übersetzt, die gegenwärtigen Leiden "fielen nicht ins Gewicht gegenüber der Herrlichkeit"; aber das kann man doch angesichts des Gekreuzigten und so vieler leidender Menschen nicht sagen. Paulus denkt auch anders. In Röm 5 hat er den Gegensatz, um den es ihm geht, so ausgedrückt: Mag die Sünde auch groß sein, unendlich größer ist die Gnade; mag der Tod auch noch so stark sein, unendlich stärker ist das Leben Gottes. So auch hier: Mag das gegenwärtige Leiden noch so schmerzen, unendlich größer ist die himmlische Freude. Wäre es anders, hätte Jesus mit seiner Verkündigung der Gottesherrschaft nicht Recht gehabt. Paulus aber will zeigen, wie sehr er Recht hat und wie gut es ist, auf Jesus zu setzen.

Das schärft die Sinne. Im stummen Schrei der Klage hört Paulus den stummen Schrei nach Erlösung. Wer an Ungerechtigkeit leidet, hat eine Ahnung von Gerechtigkeit. Wer sich mit dem Leiden nicht abfindet, hat ein Gespür, was Glück ist oder sein könnte. Wer den Tod nicht einfach hinnimmt, ist vom Feuer der Hoffnung entbrannt. Das alles macht die Ungerechtigkeit, das Leiden, den Tod nicht besser. Aber er es ist ein Zeichen, dass es besseres gibt, geben kann, geben sollte: Gerechtigkeit, Freude, ewiges Leben.

5. Beten im Geist

Wer die Hoffnung wachhält, ist der Geist Gottes. Er ist – durch die Taufe – in die Herzen der Glaubenden ausgegossen (Röm 5). Röm 8 ist ein kleines, aber inhaltsreiches Kapitel Theologie des Heiligen Geistes.

  • Der Geist Gottes, der heilige Geist, versklavt nicht, sondern befreit (Röm 8,15). Zum Glauben gehört zwar der Gehorsam gegen Gott. Doch gerade dieser Gehorsam befreit von allen menschlichen Abhängigkeiten. Der Geist befreit aber nicht nur von der Angst vor Menschen, sondern auch von der Angst vor Gott: der tiefsitzenden Furcht, ihm und seinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden und im Grunde von ihm, dem Heiligen, verachtet zu sein. Im Gebet wird die Freiheit entdeckt und geschätzt, die aus der Einsicht resultiert, von Gott unbedingt geliebt zu sein.
  • Der Geist Gottes lehrt zu beten (Röm 8,15). Paulus zitiert Jesus. "Abba" ist Aramäisch, die Muttersprache Jesu. Jesus hat zu Gott "Abba" gesagt: "Vater" (vgl. Mk 14,36). Jesus, der Sohn, betet zum Vater. Im Vaterunser gibt er den Jüngern Anteil an seinem eigenen Gottesverhältnis. Wie großartig und befreiend das ist, hat Paulus erkannt. Nicht von selbst, sondern nur "in Christus", nicht aus eigener Überlegung, sondern nur im Geiste Gottes können die Glaubenden "Abba" rufen. Aber dass sie es können, zeigt die Freiheit, die ihnen geschenkt worden ist. Sie (ob Mann, ob Frau) "Söhne" Gottes, weil Jesus der Sohn Gottes, ihr Bruder ist.
  • Der Geist Gottes stimmt mit dem Geist des Menschen zusammen (Röm 8,16), indem er ihnen ihre Gotteskindschaft bezeugt. Der menschliche Geist ist ein Geschenk Gottes, eine Gabe des Schöpfers. Er ist das Organ, Gott wahrzunehmen, sein Wort zu verstehen, zu verarbeiten, zu verinnerlichen. Mit diesem Geist wirkt Gottes heiliger Geist zusammen. Denn das Evangelium stülpt den Menschen, die zu Hörern des Wortes werden, nichts ihnen Fremdes über, sondern lässt sie entdecken, worauf sie in ihrer Seele tiefstem Grund immer schon aus waren: im Stöhnen und Seufzen, im Schreien und Klagen. Jetzt entdecken sie im Gebet, was ihnen immer schon auf der Seele brannte. Sie entdecken sich selbst neu. Das Gebet des Geistes bringt sie zu sich selbst. Im Beten sind sie frei und entdecken ihre Freiheit.
  • Der Geist weiß um die Schwäche der Menschen. Aber nutzt sie nicht aus, sondern hilft ihr auf. Gott nimmt sich der Schwachen an (Röm 8,26). Dazu sendet er seinen Geist. Im Gebet können die Glaubenden ihre Schwäche Gott und einander gestehen, ohne befürchten zu müssen, blamiert zu werden. Gerade wenn es kritisch ist, dürfen die Christen darauf vertrauen, dass der Geist ihnen Flügel verleiht und ihnen die rechten Worte eingibt. Das hatte Jesus seinen Jüngern verheißen (Mk 13,11). Paulus konkretisiert und erweitert diese Verheißung: Nicht nur vor Gericht, sondern überall wirkt der Geist und nicht nur in der Verteidigung, sondern in jedem Gebet.

6. Gotteskindschaft

Die Freiheit, die Paulus verkündet, ist die der Kinder Gottes. Er macht sie aber in erster Linie nicht an neuen Handlungsmöglichkeiten fest, sondern am Status der Glaubenden: Sie sind nicht Sklaven, sondern Freie, nicht Unmündige, sondern Mündige. Sie sind Söhne, also sind sie Erben. Was es zu erben gibt, ist der Segen der Verheißung, der Abraham für alle Völker zugesagt worden war und der, so betont Paulus, allen Völkern zuteil wird.

Entscheidend ist die Beziehung zu Jesus, dem verheißenen Abrahamssohn, der Gottes Segen bringen wird (Gen 12: Röm 4). Im Lichte Christi zeigt sich, wie Gott die Menschen sieht: als was er sie geschaffen hat und wie er sie erlösen wird. Paulus geht zurück in den Schöpfungsbericht. Dort liest er (in der griechischen Übertragung), Gott habe den Menschen "nach" seinem Bild erschaffen (Gen 1,26f). Was aber ist dieses Bild Gottes, nach dem die Menschen gestaltet worden sind? Das frühe Judentum hat sich intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt und nie eine ganz überzeugende Antwort gefunden, die einerseits das Gottsein Gottes, seine Transzendenz, seine Heiligkeit, voll wahrt, andererseits aber das Menschsein des Menschen achtet und nicht mir irgendwelchen Mittelwesen rechnet.

Das Christentum hat hier eine andere Möglichkeit – nicht aus überlegener Intelligenz, sondern aus dem Glauben an Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes. Er ist nicht Gott "ähnlich" (Gen 1,26), sondern ihm "gleich" (Phil 2,6). Er ist nicht geschaffen, sondern Mittler der Schöpfung. Er ist nicht "nach" dem Bilde Gottes geschaffen, er ist das Bild Gottes selbst (2Kor 4,4), das Original, ein echter Mensch, der wahre Mensch. Wenn die Menschen "nach" Gottes Bild geschaffen sind laut Gen 1,26f., so zeigt sich im Lichte Jesu Christi, dass sie nach dem Modell Jesu Christi geschaffen sind. Jesus Christus aber ist kein "zweiter Gott" oder eine Art Halbgott, sondern der ewige Sohn des Vaters im Heiligen Geist – und als solcher ein wahrer Mensch aus Fleisch und Blut. Er ist dem Vater unendlich nahe und ebenso den Menschen. Deshalb ist er kein Mittelwesen, sondern der einzig wahre Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Paulus greift diesen Gedanken aus der Genesis und dem Christusbekenntnis der Kirche auf und bezieht ihn auf das Leben, das die Menschen – auch wenn sie zur Kirche gehören – jenseits von Eden führen müssen. Deshalb entwickelt der Apostel den Gedanken der Gotteskindschaft auf die Zukunft hin, als ein Thema der Hoffnung. Gott hat die Glaubenden dazu "bestimmt, mit dem Bild seines Sohnes gestaltet zu werden" (Röm 8,28). Das wird sich in Zukunft vollenden. Aber schon in der Gegenwart wird den Glaubenden das Bild Jesu Christi eingeprägt: durch die Taufe. Das macht sie frei.

Vielleicht irritiert, wie stark Paulus in Röm 8 den Gedanken der Vorherbestimmung betont. Für den Apostel geht er mit der menschlichen Freiheit ganz überein. Denn Gott und Mensch kommuniziern zwar miteinanderm aber sie agieren auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Gott ist kein Konkurrent des Menschen, sondern sein Befreier; die Menschen sind keine Marionetten Gottes, sondern freigelassene Geschöpfe. Warum es Paulus geht, ist ein ganz wichtiger Gedanke: Gott ist sich selbst treu. Er schwankt nicht hin und her. Er weiß, was er will – und er will das Heil der Menschen, ja der ganzen Welt. Und er will es, nicht weil er sich spontan dazu entschlossen hätte (was dann die Gefahr heraufbeschwören würde dass er es sich auch einmal plötzlich wieder anders überlegen könnte), sondern weil es seinem Wesen entspricht. Gott wird sich selbst gerecht, wenn er die Menschen nicht nur ins Leben ruft, sondern die Glaubenden durch Jesus Christus rettet (Röm 3,25f.).

7. Freiheit, die ich meine …

Joseph Ratzinger hat Paulus genau studiert – und Augustinus, den genialen Schüler des Apostels. Ratzinger steht auf der Seite des Paulus, wenn er einklagt, wie unfrei der Wille eines Menschen sein kann und wie schwach ein Gewissen – gerade wenn es sich der Verantwortung zu entziehen trachtet. Mit Paulus kann man aber noch deutlicher erkennen: Die Freiheit, die er meint, ist die Freiheit, "Ich" zu sagen. Nur ist dieses "Ich" nicht das eines Autisten, som wenig es das anonyme Mitglied eines Kollektivs ist. Vielmehr gilt, was Paulus im Galaterbrief so ausgedrückt hat (Gal 2,20):

Ich lebe –
aber nicht mehr lebe ich,
in mir lebt Christus, der mich geliebt und sich für mich dahingegeben hat.

Nur in Christus lebt das "Ich" auf – wenn es glauben kann, dass es zur Gemeinschaft mit Christus, zur Teilhabe an der Einheit des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist bestimmt ist. Das ist die große Entdeckung der Freiheit. Das individuelle Gewissen kann nicht dagegen angeführt werden – so sehr es zu respektieren ist, was immer es sagt. Denn das Gewissen muss gebildet werden. Gebildet werden aber kann es am besten in Christus.

8. Vorschlag für eine Bibelarbeit

Gebet zur Eröffnung: 

GL 4,6
Atme in mir, Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.

Augustinus zugeschrieben

Einstieg

Die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind (nach Jes 11):

  • Weisheit,
  • Einsicht,
  • Rat,
  • Stärke
  • Erkenntnis,
  • Frömmigkeit,
  • Gottesfurcht.

- Welche erscheinen Ihnen am wichtigsten? 
- Welche Rangskala würden Sie aufstellen?

Lesung:

Der Text aus Röm 8 wird langsam laut vorgelesen.

Auslegung: 

Welche Fragen stellen sich? 
Was ist ungewohnt, erklärungsbedürftig, fragwürdig? 
Wo würde man spontan zustimmen? 
Was ist der Hauptgedanke? 
Wie wird er entwickelt?

Vertiefung: Die Freiheit der Christenmenschen 

Sprechen Sie in der Gruppe über folgende Fragen:

  • Kennen Sie Menschen, die in Ihren Augen wirklich frei sind? Welche Bedeutung spielt bei ihnen der Glaube?
  • Kennen Sie Menschen, die innerlich unfrei sind? Welches Gottesbild und welches Menschenbild nehmen sie bei ihnen wahr? Was könnte Ihnen helfen, frei zu werden?

Betrachtung: Meine Freiheit – meine Fesseln 

Nehmen Sie sich Zeit zu stillen Besinnung:

  • Wo bin ich selbst unfrei? Wo will und muss ich befreit werden? Von wem?
  • Welche Bindungen muss ich eingehen, um meine Freiheit nicht zu vespielen?

Abschluss: Gebet

GL 5,1
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein  Herr und mein Gott,
gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.

Nikolaus von der Flüe

Weiterführende Literatur:

  • Zum neutestamentlichen Menschbild
    Eckart Reinmuth, Anthropologie im Neuen Testament, Tübingen 2006
  • Zur Exegese von Röm 8:
    Eduard Lohse, Der Brief an die Römer, Göttingen 2005
  • Zur paulinischen Christologie
    Thomas Söding, Der Gottessohn aus Nazareth. Das Menschsein Jesu im Neuen Testament, Freiburg - Basel - Wien 2006

Thomas Söding, März 2007
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)

in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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