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24.05.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv
"Die Schlange sprach zum Weib: Sterben, sterben werdet ihr nicht, sondern Gott ists bekannt, dass am Tag, da ihr davon esset, eure Augen sich klären und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und Böse."

Bibelarbeit im Januar

"Da formte Gott, der Herr,den Menschen aus der Erde"

Gen 2 - 3

4 Am Tag, da ER, Gott, Erde und Himmel machte, 5 noch war aller Busch des Feldes nicht auf der Erde, noch war alles Kraut des Feldes nicht aufgeschossen, denn nicht hatte regnen lassen ER, Gott, über die Erde, und Mensch, Adam, war keiner, den Acker, Adama, zu bedienen: 6 aus der Erde stieg da ein Dunst und netzte all das Antlitz des Ackers, 7 und ER, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker, er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens, und der Mensch wurde zum lebenden Wesen. 8 ER, Gott, pflanzte einen Garten in Eden, Üppigland, ostwärts, und legte darein den Menschen, den er gebildet hatte. 9 ER, Gott, ließ aus dem Acker allerlei Bäume schießen, reizend zu sehn und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. 10 Ein Strom aber fährt aus von Eden, den Garten zu netzen, und trennt sich von dort und wird zu vier Flussköpfen. 11 Der Name des einen ist Pischon, der ists der alles Land Chawila umkreist, wo das Gold ist, 12 gut ist das Gold des Lands, dort ist das Edelharz und der Stein Karneol. 13 Der Name des zweiten Stroms ist Gichon, der ists der alles Land Kusch umkreist. 14 Der Name des dritten Stroms ist Chiddekel, der ists der im Osten von Assyrien hingeht. Der vierte Strom, das ist der Euphrat. 15 ER, Gott, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, ihn zu bedienen und ihn zu hüten. 16 ER, Gott, gebot über den Menschen, sprechend: Von allen Bäumen des Gartens magst essen du, essen, 17 aber vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem sollst du nicht essen, denn am Tag, da du von ihm issest, musst sterben du, sterben. 18 ER, Gott, sprach: Nicht gut ist, dass der Mensch allein sei, ich will ihm eine Hilfe machen, ihm Gegenpart. 19 ER, Gott, bildete aus dem Acker alles Lebendige des Feldes und allen Vogel des Himmels und brachte sie zum Menschen, zu sehn wie er ihnen rufe, und wie alles der Mensch einem rufe, als einem lebenden Wesen, das sei sein Name. 20 Der Mensch rief mit Namen allem Herdentier und dem Vogel des Himmels und allem Wildlebenden des Feldes. Aber für einen Menschen erfand sich keine Hilfe, ihm Gegenpart. 21 ER senkte auf den Menschen Betäubung, dass er entschlief, und nahm von seinen Rippen eine und schloss Fleisch an ihre Stelle. 22 ER, Gott, baute die Rippe, die er vom Menschen nahm, zu einem Weibe und brachte es zum Menschen. 23 Der Mensch sprach: Diesmal ist sies! Bein von meinem Gebein, Fleisch von meinem Fleisch! Die sei gerufen Ischa, Weib, denn von Isch, vom Mann, ist die genommen. 24 Darum lässt ein Mann seinen Vater und seine Mutter und haftet seinem Weibe an, und sie werden zu Einem Fleisch. 25 Die beiden aber, der Mensch und sein Weib, waren nackt, und sie schämten sich nicht.

1 Die Schlange war listiger als alles Lebendige des Feldes, das ER, Gott, gemacht hatte. Sie sprach zum Weib: Ob schon Gott sprach: Esst nicht von allen Bäumen des Gartens ...! 2 Das Weib sprach zur Schlange: Von der Frucht der Bäume im Garten mögen wir essen, 3 aber von der Frucht des Baums, der mitten im Garten ist, hat Gott gesprochen: Esst nicht davon und rührt nicht daran, sonst müsst ihr sterben. 4 Die Schlange sprach zum Weib: Sterben, sterben werdet ihr nicht, 5 sondern Gott ists bekannt, dass am Tag, da ihr davon esset, eure Augen sich klären und ihr werdet wie Gott, erkennend Gut und Böse. 6 Das Weib sah, dass der Baum gut war zum Essen und dass er eine Wollust den Augen war und anreizend der Baum, zu begreifen. Sie nahm von seiner Frucht und aß und gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß. 7 Die Augen klärten sich ihnen beiden, und sie erkannten, – dass sie nackt waren. Sie flochten Feigenlaub und machten sich Schurze. 8 Sie hörten SEINEN Schall, Gottes, der sich beim Tageswind im Garten erging. Es versteckte sich der Mensch und sein Weib vor SEINEM, Gottes, Antlitz mitten unter den Bäumen des Gartens. 9 ER, Gott, rief den Menschen an und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Er sprach: Deinen Schall habe ich im Garten gehört und fürchtete mich, weil ich nackt bin, 11 und ich versteckte mich. ER sprach: Wer hat dir gemeldet, dass du nackt bist? hast du vom Baum, von dem nicht zu essen ich dir gebot, gegessen? 12 Der Mensch sprach: Das Weib, das du mir beigegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich aß. 13 ER, Gott, sprach zum Weib: Was hast du da getan! Das Weib sprach: Die Schlange verlockte mich, und ich aß. 14 ER, Gott, sprach zur Schlange: Weil du das getan hast, sei verflucht vor allem Getier und vor allem Lebendigen des Feldes, auf deinem Bauch sollst du gehn und Staub sollst du fressen alle Tage deines Lebens, 15 Feindschaft stelle ich zwischen dich und das Weib, zwischen deinen Samen und ihren Samen, er stößt dich auf das Haupt, du stößest ihm in die Ferse. 16 Zum Weibe sprach er: Mehren, mehren will ich deine Beschwernis, deine Schwangerschaft, in Beschwer sollst du Kinder gebären. Nach deinem Mann sei deine Begier, er aber walte dir ob. 17 Zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört hast und von dem Baum gegessen hast, den ich dir verbot, sprechend: Iß nicht davon!, sei verflucht der Acker um deinetwillen, in Beschwer sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18 Dorn und Stechstrauch lässt er dir schießen, so iss denn das Kraut des Feldes! 19 Im Schweiß deines Antlitzes magst du Brot essen, bis du zum Acker kehrst, denn aus ihm bist du genommen. Denn Staub bist du und zum Staub wirst du kehren. 20 Der Mensch rief den Namen seines Weibes: Chawwa, Leben! Denn sie wurde Mutter alles Lebendigen. 21 ER, Gott, machte Adam und seinem Weibe Röcke aus Fell und kleidete sie. 22 ER, Gott, sprach: Da, der Mensch ist geworden wie unser einer im Erkennen von Gut und Böse. Und nun könnte er gar seine Hand ausschicken und auch vom Baum des Lebens nehmen und essen und in Weltzeit leben! 23 So schickte ER, Gott, ihn aus dem Garten von Eden, den Acker zu bedienen, daraus er genommen war. 24 Er vertrieb den Menschen und ließ vor dem Garten von Eden ostwärts die Cheruben wohnen und das Lodern des kreisenden Schwerts, den Weg zum Baum des Lebens zu hüten.

(Übersetzung nach Martin Buber)

"Erinnerte Zukunft – erhoffte Vergangenheit" (Jürgen Ebach) – der Rahmen

Liest man die Erzählung vom ersten Menschen in Gen 2 und 3 im Kontext der Kapitel Gen 1 – 9, malen Gen 1 – 2 das Bild einer sehr guten Welt. Es ist das Bild einer Welt, die nie war und die zu keinem bestimmbaren Zeitpunkt der Geschichte je sein wird. Die Erzählung von Gen 2 und 3 beschreibt Welt als Gegenwelt. Ab Gen 3 wandelt sich das Bild. In Gen 9 ist die Welt wie sie ist. Keine der für das Leben des Menschen grundlegenden Beziehungen, weder die zu seinem Lebensraum, noch die zu den Tieren als zu den Geschöpfen, die diesen Lebensraum mit ihm teilen, noch die zu seinen Mitmenschen ist noch ‚sehr gut’.

Dass Gen 2 – 3 Welt als Gegenwelt beschreibt, zeigt sich – am Beispiel des Verhältnisses von Mensch und Tier – im Rückblick von Gen 9:

1 Gott segnete Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Fruchtet und mehret euch und füllet die Erde. 2 Eure Furcht und euer Schrecken sei auf allem Wildlebenden der Erde und allem Vogel des Himmels, allem was auf dem Acker sich regt und allen Fischen des Meers, in eure Hand sind sie gegeben. 3 Alles Rege, das lebt, euch sei es zum Essen, wie das grüne Kraut gebe ich euch alles. (Gen 9,1–3)

Gen 1 – 2 zeichnet das Bild eines friedlichen Miteinanders nicht nur der Menschen, sondern auch von Mensch und Tier und der Tiere untereinander. Gen 1 – 2 beschreibt einen vegetarischen Zustand:

29 Gott sprach: Da gebe ich euch alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist, und alljeden Baum, daran samensäende Baumfrucht ist, euch sei es zum Essen, 30 und allem Lebendigen der Erde, allem Vogel des Himmels, allem was auf Erden sich regt, darin lebendes Wesen ist, alles Grün des Krauts zum Essen. Es ward so. (Gen 1,29f)

Texte wie Jes 11 benutzen vergleichbare Bilder, wenn sie von einer Zukunft sprechen, wie Mensch sie sich erhofft und sie als Gegenbild selbst erlebter Gegenwart als von Gott zugesagte glaubt:

7 Kuh und Bärin sind Weidegenossen, ihre Jungen lagern mitsammen, der Löwe frißt Stroh wie ein Rind. 8 Der Säugling erlustigt sich an der Höhle der Viper, nach dem Lichtloch der Kreuzotter patscht mit seiner Hand ein Entwöhntes. (Jes 11,7f)

Adam – "Erdling"

Die Welt in Gen 1 – 9, die, die sehr gut ist, wie die, die tatsächlich ist, ist eine aus der Sicht des Menschen und auf diesen hin erzählte Welt. (Gleiches gilt für Jes 11, wo dieser Sachverhalt besonders deutlich wird: Bärin und Löwe werden zu ihrer Zufriedenheit in Bezug auf Gras und Stroh nicht gefragt.) In Gen 2 beschreibt der Text der Bibel den Menschen in seiner Beziehung zu anderem Geschaffenen und anderes Geschaffenes im Verhältnis zu ihm.

Das hebräische ‚Adam’ ist zunächst Gattungsbezeichnung. In enger sprachlicher Verwandtschaft zur Gattungsbezeichnung ‚adam’ steht das hebräische Wort für den Ackerboden, die ‚adama’, von der im Text wiederholt die Rede ist. (Buber setzt je beim ersten Vorkommen des Begriffes die Umschrift des hebräischen Wortes neben die deutsche Übersetzung.) Außer dem ‚Erdling’ werden auch die Tiere aus dem Ackerboden geformt (3,19). Nur im Falle des Menschen bringt dessen Name diese seine Geschöpflichkeit bereits zum Ausdruck.

Mensch und Gott

Geformt aus Staub vom Ackerboden, (hebräisch ‚adama’) ist der Mensch (hebräisch ‚adam’) das einzige Lebewesen, von dem der vorliegende Text sagt, dass Gott ihm den Hauch des Lebens eingebläst. Versehen mit dem Hauch des Lebens wird der ‚Erdling’ zu einer lebendigen ‚näfäsch’ – ein Wort, das Buber mit ‚Wesen’ übersetzt. ‚Näfäsch’ repräsentiert eine Fülle von Bedeutungen. Der Wortbedeutung nach ist ‚näfäsch’ ‚Keele’ oder ‚Atem’. Häufiger wird das Wort - missverständlich – mit ‚Seele’ übersetzt. Tatsächlich beinhaltet ‚näfäsch’ all das, was den Menschen als lebendiges und lebenshungriges Wesen ausmacht. Durch die Erwähnung des Ackerbodens (‚adama’) und des Atems Gottes verbindet der Text den Menschen und Gott auf der einen, den Menschen und seine gleichfalls aus dem Ackerboden geformten Mitgeschöpfen auf der anderen Seite.

Mensch und Schöpfung

Das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung ist wesentlich bestimmt durch sein Sich-Verhalten in ihr. Indem er den Garten bewahrt und bebaut, dient er dem Menschen zur Nahrung. Indem er ihn bewahrt und bebaut (oder bedient – hebräisch ‚äwäd’ hat zuerst diese Bedeutung) wird er zum Mitschöpfer Gottes. Vor der Schöpfung des Menschen ist Schöpfung unvollendet, nicht nur weil der Mensch noch nicht geschaffen ist, sondern, "weil noch kein Mensch da war, den Acker zu bedienen." Die Arbeit des Menschen in der Schöpfung ermöglicht sein Überleben und wird als die Schöpfung vollendenden Dienst an ihr qualifiziert.

Mensch und Mitgeschöpfe

Dass dem Menschen das Tier, sein wie er selbst aus dem Ackerboden geschaffenes Mitgeschöpf, ein hinreichendes Gegenüber nicht ist, erweist sich erst im Experiment. Das Tier genügt dem Menschen nicht. Erst der andere Mensch ist dem Menschen eine Hilfe und setzt seiner Einsamkeit ein Ende. Der Mensch braucht den anderen Menschen als sein Gegenüber, um wirklich Mensch zu sein.

An anderer Stelle der hebräischen Bibel bezeichnet das Fehlen dessen, was Buber hier mit ‚Hilfe’ übersetzt, eine Situation existentieller Bedrohung (Ps 17,12 u.a.). In positiver Wendung steht das hebräische Wort an zahlreichen anderen Stellen der hebräischen Bibel für das hilfreiche und rettende Eingreifen Gottes (Ps 33,20; 70,6 u.a.).

Arnulf Rainer, Erschaffung Evas aus Adams Rippe, 1995/98 (http://www.sammlung-frieder-burda.de/index1.html)

Der Mensch als Mann und Frau

Veranschaulicht wird das Miteinander von Mensch und Mensch am Beispiel von Mann und Frau. Der hebräische Text, mehr noch seine Übersetzungen in zahlreiche moderne Sprachen, spielen mit dem Leser ein Verwirrspiel. ‚Adam’ ist mehrdeutig. Im Bewusstsein vieler Leser, im Text aber erst an späterer Stelle wird ‚Adam’ zum Eigennamen des ersten Menschen männlichen Geschlechts. Entsprechend seiner Grundbedeutung ist ‚adam’ zunächst Gattungsbezeichnung, weniger häufig bezeichnet das Wort geschlechtlich differenziert einen ‚Mann’. Im Text changiert ‚adam’ zwischen seinen möglichen Bedeutungen. Nicht immer ist eine eindeutige Zuordnung möglich. ‚Adam’ ist ‚Mensch’ bis zur Differenzierung des Menschen in Mann und Frau, ‚adam’ meint ‚Mann’ in der Gegenüberstellung ‚des Menschen und seiner Frau’. An welcher Stelle ‚Adam’ zum Eigennamen wird, ist nicht sicher feststellbar.

Üblicherweise bezeichnet das auch im Text verwendete ‚isch’ den geschlechtlich differenzierten Mann. Davon, dass er ein Mann (hebräisch ‚isch’) sei, spricht der Mensch (‚adam’) selbst erst, als er im Gegenüber des anderen Menschen, den er als einen erkennt, der ist, wie er selbst, und ihm eng verwandt, eine Frau (hebr. ‚ischa’) und sich selbst im Gegenüber zur ihr als Mann erkennt.

Zum Ende des Textes hin – im Kontext der Aufzählung der aus Übertretung des Gebotes Gottes und dem Essen vom Baum erwachsenen Konsequenzen – meint ‚adam’ über den Mann hinausgehend noch einmal den Menschen überhaupt. Die Realität des Todes wie wohl auch die mühevolle Arbeit auf der ‚adama’ trifft Mann und Frau.

Grammatisches Verwirrspiel – oder über die Macht der Definition

Zu unterscheiden ist der Blick des Textes auf den Menschen als zunächst undifferenzierten Erdling/‚adam’, später in seiner Differenziertheit als Mann (‚isch’) und Frau (‚ischa’), der im Text geschilderte Blick Gottes und der im Text geschilderte Blick des Adam – des Menschen (oder des Mannes?) selbst. Bereits im Blick auf die ‚sehr gute’ Welt vor Gen 3 ergeben sich Spannungen. Gott spricht davon, dass es nicht gut sei, dass der ‚Mensch’ allein sei. Angesichts der Frau (‚ischa’) erkennt sich der Mann als Mann (‚isch’). Im Text sind erst nach dem Eingriff Gottes aus dem einen in seiner Geschlechtlichkeit nicht weiter beschriebenen Menschen Mann und Frau.

Der Mensch (‚adam’), der sich selbst als Mann (‚isch’) erkennt, sieht sich selbst aber sehr wohl in der Kontinuität des ‚adam’.

Im Gegenüber zu den Tieren tritt der Mensch als Subjekt der Tätigkeit ihrer Benennung auf. Im Gegenüber zur Frau konstatiert der Mann (‚isch’), dass man sie Frau (‚ischa’) nennen werde. Er selbst tritt nicht als Subjekt des Aktes ihrer Benennung auf. Zu einem solchen wird er erst in Gen 3. Wenn der Text ihn sie dort ‚mit dem Namen Hawa/Eva rufen lässt’, gebraucht er die gleiche Wendung wie in Gen 2,20 im Kontext der Benennung der Tiere.

Die Störung der guten Schöpfung

Auch die Störung der guten Schöpfung beschreibt der Text im Blick auf den Menschen. Gestörte Schöpfungsordnung spricht sich in gestörten Beziehungen aus. Gestört ist die initiale Beziehung von Gott und Mensch, wo der Mensch die seinem Mitschöpfertum und seiner verantwortlichen Herrschaft gesetzte Grenze nicht respektiert.

In der Folge gestört ist nicht nur die Beziehung von Gott und Mensch, sondern auch die Beziehung des Menschen zu seinem Lebensraum, wie zu den Tieren, mit denen er sich seinen Lebensraum teilt. Nachhaltig gestört ist die Beziehung von Mensch und Mensch, die in Gen 3 in der Störung der Beziehung von Mann und Frau, in Gen 4 in der Störung der Beziehung von Geschwistern ausbuchstabiert wird.

Wenn der Mensch sich seiner Nacktheit bewusst wird, deutet das nicht so sehr auf Scham im Kontext von Sexualität. Nacktheit bedeutet Schutz- und Statuslosigkeit. Im Alten Orient werden Kriegsgefangene nackt fortgeführt. Nur in einer ‚sehr guten’ Welt kann Mensch es sich leisten, ohne Schutz und Status zu sein. Aus der gegenseitigen Zuordnung und wechselseitigen Hilfe von Mann und Frau wird jetzt ein Herrschaftsverhältnis. Unmittelbar nach Äußerung der aus der Übertretung des göttlichen Gebotes und dem Essen vom Baum der Erkenntnis von ‚gut’ und ‚böse’ erwachsenen Konsequenzen handelt der Mann in eben diesem Sinne an seiner Frau, wenn er ihr, sich selbst zum Subjekt dieser Handlung erhebend, mit einem Namen ruft.

Arnulf Rainer, Der Sündenfall I, 1995/98 (http://www.sammlung-frieder-burda.de/index1.html)

Die Bäume in der Mitte des Gartens

Im Zusammenhang des Essens von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von ‚gut’ und ‚böse’ ist von ‚Sünde’ – ganz im Gegensatz zu Gen 4 – im Text nicht die Rede. Erst die Fähigkeit zur Unterscheidung von ‚gut’ und ‚böse’, die die Fähigkeit zur Entscheidung zwischen ‚gut’ und ‚böse’ mit sich bringt, eröffnet dem Menschen die Möglichkeit der Störung der guten Schöpfung. Was daraus folgt, steht allerdings im Gegensatz zum Bild einer sehr guten Welt aus Gen 2.

Der Mensch, der die Weisung Gottes übertreten und vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, darf vom Baum des Lebens nun nicht mehr essen. Nicht das Essen vom Baum der Erkenntnis selbst, wohl aber die daraus zu ziehenden Konsequenzen führen dazu: Der Mensch ist sich der Bedrohung seines Lebens durch den Tod bewusst. Er weiß jetzt, dass das Essen vom Baum des Lebens für ihn keine Perspektive (mehr) darstellt.

Vor dem Hintergrund von Gen 2 beschreibt Gen 3 die Welt des Menschen, wie sie ist. Die Rede von "vorher" und "nachher" ist ein literarischer Trick. Die Bibel trägt Wertungen in die Beschreibung der Welt ein, indem sie manches als durch Gott selbst unmittelbar verursacht beschreibt – und anderes nicht. Erst die Fähigkeit zu Erkenntnis und unterscheidender Entscheidung mit ihren Folgen erlebter Ungleichheit und des zu erwartenden Todes lässt den Leser den Menschen in Gen 3 als einen erkennen, der ist wie er selbst.

Arnulf Rainer, Daher vertrieb der Engel sie von dort weg, 1995/98 (http://www.sammlung-frieder-burda.de/index1.html)

Kant

Der Philosoph Immanuel Kant liest Gen 2 und 3 in einer Weise, in der der Text vom Mündigwerden des Menschen erzählt – als eine notwendige und – allerdings erst sehr weit unter dem Strich, wenngleich anders als im biblischen Text im Verlauf der Geschichte prinzipiell erfahrbare – positive Entwicklung.

Die Veranlassung, von dem Naturtriebe abtrünnig zu werden, durfte nur eine Kleinigkeit sein; allein der Erfolg des ersten Versuchs, nämlich sich seiner Vernunft als eines Vermögens bewusst zu werden, dass sich über die Schranken, worin alle Tiere gehalten werden, erweitern kann, war sehr wichtig und für die Lebensart entscheidend. Wenn es also auch nur eine Frucht gewesen wäre, deren Anblick (...) zum Versuche einladete; (...) so konnte dieses schon der Vernunft die erste Veranlassung geben, mit der Stimme der Natur zu schikanieren (III,1), und, trotz ihrem Widerspruch, den ersten Versuch von einer freien Wahl zu machen, der, als der erste, wahrscheinlicherweise nicht der Erwartung gemäß ausfiel. Der Schade mochte nun gleich so unbedeutend sein, als man will, so gingen dem Menschen hierüber doch die Augen auf (nach der Buberübersetzung: klären sich die Augen) (V.7). Er entdeckte in sich ein Vermögen, sich selbst eine Lebensweise auszuwählen, und nicht gleich anderen Tieren an eine einzige gebunden zu sein. Auf das augenblickliche Wohlgefallen, dass ich dieser bemerkte Vorzug erwecken mochte, musste doch so fort Angst und Bangigkeit folgen:

aus: Immanuel Kant, Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte

Als Mensch, der frei Entscheidungen zu treffen in der Lage ist, ist der Mensch immer auch einer, der von dieser Entscheidung fragwürdig Gebrauch macht.

Fazit

Der Mensch erlebt die Welt, in der er lebt keineswegs als ‚sehr gut’ und in allen ihren Ausprägungen seinen Sehnsüchten wie dem geglaubten Willen Gottes entsprechend. Der Text erzählt von einer Welt, wie sie menschlicher Sehnsucht entspricht als von einem Garten, der ihm endgültig verschlossen und aus dem er immer schon hinausgeworfen ist. Als solche ist sie Anspruch und notwendige Korrektur. Menschen erhoffen sich ihre Wiederherstellung jenseits menschlicher Geschichte von Gott.

Bibelarbeit

Lied: Gib mir die richtigen Worte (1+2)

Hinführung zum Text

(evt. Lesen des Textes)

Baustein A:

Vier Bibelübermalungen Arnulf Rainers (Erschaffung Evas aus Adams Rippe; Der Sündenfall I und II; Die Vertreibung aus dem Paradies; Quelle: http://www.sammlung-frieder-burda.de/index1.html) bieten sich in diesem Zusammenhang insofern an, als sie die vorhandenen / nicht vorhandenen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, Gott und Mensch betonen. Die Bibelübermalungen lassen sich auch im Kontext einer eigenen Bildbetrachtung zum Einstieg nutzen.

Arnulf Rainer, Erschaffung Evas aus Adams Rippe: Farbige Linien auf der Schwarz-Weiß-Vorlage trennen sowohl Gott von den ersten Menschen als auch Adam von Eva. Dieselben Linien stellen eine Verbindung her zwischen der Weltscheibe, auf der Gott thront, und dem Paar aus Mann und Frau. Die von Rainer eingetragenen Linien dominieren und lenken den Blick des Betrachters.

Arnulf Rainer, Der Sündenfall I: Die einzelnen Striche, die sich zu einem weißen Blitz vor dem grünen Hintergrund des Bildes zusammensetzen verdichten sich zwischen Adam und Eva zu einem Lichtpunkt. Die Assoziation eines ‚Erkenntnisblitzes’ drängt sich auf. Gleichzeitig stellen diese Linien eine Verbindung zwischen den Protagonisten her.

Arnulf Rainer, Der Sündenfall II: Schwarze Linien verbinden Adam und Eva miteinander wie mit dem Baum.

Arnulf Rainer, Die Vertreibung aus dem Paradies: Schwarze Linien, die von der erhobenen Hand des Engels – der Engel als Bote Gottes – ihren Ausgang nehmen, lassen statt des Schwertes, das der Engel hebt, viel eher eine Peitsche assoziieren. Gleichzeitig verbinden sie sowohl den Engel mit Adam und Eva als auch diese miteinander.

Welche Bezüge macht dieser Maler stark, welche lässt er außer Acht?

  • Gruppen- oder Einzelarbeit: Erstellen einer Collage

  • Lesen des Textes

Baustein B:

  • Schreibspiel: Ein großes Stück Papier, Kärtchen mit der Aufschrift ‚Gott’, ‚Mensch’, ‚Mann’, ‚Frau’, ‚Ackerboden’, ‚Tiere’, ‚Schöpfung’. Positionieren der Karten. Beziehungen herstellen.

  • Kontrolle der Ergebnisse der Bildbetrachtung/Collagen am Text

  • Weil der Text mythische Züge trägt und Allgemeinmenschliches beschreibt, eignet er sich für Rezeptionen, Bearbeitungen und Übertragungen.

Baustein C:

  • Edvard Munch, Jealousy (1895/96) (http://ghc.ctc.edu/HUMANITIES/art100/)

  • Bild beschreiben, erste Eindrücke wiedergeben: Was ist dargestellt?

  • Titel nennen. Weitere Eindrücke.
    Munch hat das Motiv in den Jahren 1995/96 mehrfach gemalt. Die Figur im Vordergrund dominiert, je nach Version, die rechte oder linke Bildhälfte und ist in den meisten Versionen vom Hintergrund farblich deutlich abgesetzt. Sie trägt beinahe karikaturhafte Züge. Die Szene im Hintergrund spielt durch die Positionierung des Paares vor dem Baum, in der frühesten Variante des Bildes (1895) greift die Frau nach einer der Früchte des Baumes, deutlich auf Gen 3 bzw. eine breite an Gen 3 ihrerseits anknüpfende Bildtradition an. Das Gewand der Frau ist geöffnet. Das Motiv erhält damit eine – sexuelle – Konnotation, die die biblische Erzählung nicht hat, die ihre Wirkungsgeschichte aber stark prägt. Ein Katalog einer Ausstellung bezeichnet Munchs Bild als "Travestie der heiligen Schrift".
  • In welcher Beziehung steht die Darstellung zu den Schöpfungserzählungen? Wessen Stelle vertritt der Mann im Fordergrund? Mit wem identifiziert sich der Betrachter?

Baustein D:

  • Immanuel Kant, Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte.
  • Den Text kann im Ausschnitt oder ganz gelesen werden. Wie interpretiert Kant den biblischen Text? Welche Beziehungen treten in den Fordergrund? Welche treten zurück? An welcher Stelle trägt Kant ‚Vernunft’ und ‚Instinkt’ in den biblischen Text ein? Welche Rolle spielt ‚Geschichte’ – anders als im biblischen Text – in der Version Kants?

Die Teilnehmer formulieren offene Fragen

Lied: Komm Herr, segne uns

Literatur:

  • Erich Zenger, Das Buch Genesis, in: Erich Zenger (Hg.), Stuttgarter Altes Testament. Einheitsübersetzung mit Kommentar und Lexikon, Stuttgart 2004, 18–22.
  • Benno Jacob, Das Buch Genesis, Stuttgart 2000.
  • Jan Alberto Soggin, Das Buch Genesis, Darmstadt 1997.
  • Magdalena L. Frettlöh, Wenn Mann und Frau im Bilde Gottes sind. Über geschlechtsspezifische Gottesbilder, die Gottesbildlichkeit des Menschen und das Bilderverbot, Wuppertal 2002.
  • Immanuel Kant, Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte, in: Immanuel Kant, Werke, Bd. 11: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie und Pädagogik 1, Frankfurt a.M. 1964.
  • Mara-Helen Wood (Hg.), Edvard Munch, The Frieze of Life, London/New York 1992.
  • Helmut Friedel (Hg.), Arnulf Rainer, Bibelübermalungen. Aus der Sammlung Frieder Burda, Ostfildern-Ruit, 2000.

Johanna Erzberger, Kassel, , Januar 2007
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)

in Kooperation mit
kirchensite - online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

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