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27.03.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im September

Das Erste Gebot - Schma Jisrael

1. Bibeltext: Das Hauptgebot
(Dtn 6, 4-9)

Reden (6,4-9)

Höre Jisrael:
ER unser Gott, ER Einer!
Liebe denn
IHN deinen Gott
mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht.
Es seien diese Reden, die ich heuttags dir gebiete, auf deinem Herzen,
einschärfe sie deinen Söhnen,
rede davon,
wann du sitzest in deinem Haus und wann du gehst auf den Weg,
wann du dich legst und wann du dich erhebst,
knote sie zu einem Zeichen an deine Hand,
sie seien zu Gebind zwischen deinen Augen,
schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und in deine Tore!

(Buber-Rosenzweig-Übersetzung)

2. Auslegung

Diese Verse zählen zu den bekanntesten und bedeutendsten des Alten Testamtens. Sie stehen in einem größeren Zusammenhang innnerhalb des Pentateuch, der Tora, die in der Übersetzung oft mit Gesetz wiedergegeben wird. Tatsächlich sind es 613 Ge- und Verbote, die die Tora enthält. Es bleibt jedoch offen, ob der Begriff Gesetz der glücklichste ist, wird er doch oft allzu sehr mit starker Reglementierung, mit Zwang und Strafe in Verbindung gebracht. Eine Übersetzung, die Weisung oder Gebot vorzieht, zeigt eine andere Richtung an, nimmt die Zielrichtung und Sinnspitze der Gebote in den Blick, sind sie dem Menschen doch für ein gelingendes, glückendes Leben in seiner Beziehung zu den Menschen und in seiner Beziehung zu Gott gegeben. All diese Gebote münden in eines ein, das so genannte Hauptgebot, das die obigen Verse umfasst. Dieses Hauptgebot der Gottesliebe wird oftmals auch als Glaubensbekenntnis Israels bezeichnet. Betrachten wir die Struktur dieses Textes näher, so fällt auf, dass das eigentliche Bekenntnis der Form nach ein recht knappes ist. Das berührt keinesfalls den Inhalt. "Höre Jisrael: ER unser Gott, ER Einer!" - das ist die Bekenntnisformel, während die folgenden Verse die Ausführungen des Gebotes der Gottesliebe umfassen. Ein Gebet ist der Text der Form nach nicht. Gott selbst wird nicht angesprochen, vielmehr ist es das Volk Gottes, das angerufen wird: Höre! Höre Israel! Im Hebräischen lautet dieser Anruf: Schma Jisrael! Das ist häufig auch die Bezeichnung für diesen Abschnitt. Zum Hören ist das Volk aufgerufen. Ohren, Mund und Augen werden in Israel als Einheit zusammengedacht. Wenn es in Psalm 38 heißt: "Ich aber bin wie ein Tauber, ich höre nicht, wie ein Stummer, der seinen Mund nicht öffnet. Ja, ich bin wie ein Mann, der nicht mehr hört in dessen Mund keine Antwort mehr ist" - dann wird deutlich, wie sehr Ohr und Mund zusammenhängen und explizit zum Menschsein und zur menschlichen Kommunikation gehören. Auf das Hören eines Wortes folgt eine Antwort. Das Hören geht dem Sprechen somit voraus, nicht nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation, sondern auch und gerade in der Zwiesprache zwischen dem Menschen und Gott. Dies kommt besonders gut in den Sprüchen zum Ausdruck: "Wer Antwort gibt, ehe er hört, Torheit ist´s ihm und Schande" (Spr 18,13). Nicht zuletzt besteht Salomos Weisheit darin, dass er nicht um langes Leben, um Reichtum oder um das Leben seiner Feinde bittet, sondern um ein hörendes Herz (1 Kön 3,9-12). Gerade als hörendes ist es ein weises und kluges Herz, das ihn dazu befähigt das Volk zu regieren und zwischen gut und böse zu unterscheiden. Das Hören geht dem Sprechen und Handeln voraus. Das gehörte Wort jedoch fordert eine Antwort des Menschen ein.

Worin besteht das Gehörte und worin die Antworten des Menschen in diesem für Juden und Christen so zentralen Text? Der Anruf des Volkes ist knapp, theologisch jedoch von erheblichem Gewicht, vier Wörter sind es nur, die in der Übersetzung aus dem Hebräischen unterschiedliche Fassungen mit je eigenem Akzent ermöglichen: 1. "Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig", 2. "Jahwe, unser Gott, ist ein (einziger) Jahwe", 3. "Jahwe ist unser Gott, Jahwe ist einer", 4. "Jahwe ist unser Gott, Jahwe ist einzig". Die hier vorgestellte jüdische Übersetzung "ER unser Gott, ER Einer" schließt sich am ehesten dem dritten Übersetzungsvorschlag an, hat aber dennoch ein eigenes Profil.

Entstehung des Monotheismus

Um die Sinnspitze dieser Übersetzungen zu erfassen, wird ein kurzer historisch-theologischer Abriss über die Entstehung und Bedeutung des Monotheismus in Israel eingefügt, ehe ein dezidierter Blick auf das gehörte Wort, den Bekenntnissatz aus dem "Schma" und die Antwort des Menschen geworfen wird.

Der biblische Monotheismus als der Glaube an den einen und einzigen Gott ist das Zentrum der jüdisch-christlichen Glaubenstradition. Monotheistischer Glaube wird im Gegensatz zu polytheistischen Strömungen oft als fortgeschrittener, reflektierter Glaube angesehen. Er gilt als Erbe des Judentums. Dabei darf nicht übersehen werden, welche unterschiedlichen Ausdrucksformen sich der Monotheismus bis heute geschaffen hat und ein zweites ist wichtig, will man seine Bedeutung verstehen: Wenn der Leser die Genesis aufschlägt, könnte er meinen der Glaube an Jahwe als den einen und einzigen Gott sei von der Erschaffung der Welt an die einzige Form des Gottesglaubens gewesen. Denn die Texte des Alten Testaments, vor allem die Geschichtsbücher, entwerfen ein Geschichtsbild, nach dem der Glaube an den einen Gott am Anfang steht und Israel im Laufe der Zeit zum Glauben an andere Götter verführt wird.  Wer jedoch kanonisch weiterliest, wird auf massive Infragestellungen dieses Glaubenskonzepts und Widersprüche stoßen. Wer die Texte mit dem Interesse einer chronologischen Verortung liest, wird feststellen, dass nicht wenige alttestamentliche Texte nach dem immensen Einschnitt innerhalb der Geschichte Israels, dem Exil, geschrieben sind und sich kanonische und chronologischen Reihenfolge der Texte nicht decken. Wer die Texte von hinten liest, trifft auf eine polytheistische Ausgangssituation.

Zahlreiche Bibelstellen sprechen offen von der Existenz anderer Götter. Einige Überlieferungen der Patriarchenzeit belegen, dass es eine Vielzahl von Gottesnamen gibt: El Eljon (höchster Gott), El Roi (Gott, der nach (dem Menschen) sieht), El Olam (Gott, der Ewige), El Schaddai u.a. Auch wird Jahwe im Kreis anderer Götter geschildert, in der Mitte eines Pantheons (Ps 82,1).

Der Polytheismus, der Glaube also an und die Verehrung vieler Götter, wurde in einem langen Prozess abgelöst durch die Monolatrie, die die Existenz anderer Götter nicht leugnet, sich jedoch auf die Verehrung eines Gottes beschränkt. In Auseinandersetzung mit den polytheistischen Vorstellungen des alten Vorderen Orients betonen die biblischen Texte die Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit der Nationalgottheit des Volkes Israel (Dtn 32, 8). Jedes Volk kennt so seine eigene Nationalgottheit. Die Ausschließlichkeit zeigt sich z.B. im Bund zwischen Jahwe und Israel, aber auch in der Charakterisierung Jahwes als eifersüchtigen Gott.

Eine solche Entwicklung ist auch andernorts, nicht nur in Israel zu beobachten. Hier jedoch nimmt sie einen einmaligen Verlauf. Aufschluss über diesen Verlauf geben uns vor allem  biblische Texte, die zu einem sehr viel späteren als den uns hier interessierenden Zeitpunkt kanonisiert wurden, und archäologische Funde (Bildprogramme, Kultstätten u.ä., vor allem aus der Spätbronzezeit: 1500 v.Chr. - Exilszeit. Einige Darstellungen sind unter http://bible-orient-museum.ch/ zu sehen). Erst über die Monolatrie findet Israel den Weg vom polytheistischen zum monotheistischen Glauben.

Der biblische Eingottglaube ist also nicht unhinterfragt von Beginn der Geschichte Israels an gegeben, sondern ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Vier Säulen haben diese Entwicklung gefördert: 1. Das Königtum, 2. Das Verhältnis zu anderen Völkern, 3. Das Babylonische Exil, 4. Das Bilderverbot. Nicht zuletzt hat die Kultur der Erinnerung und Fortschreibung zur Ausprägung des Glaubens an den einen Gott entscheidend beigetragen.

Monolatrische Züge des Jahwe-Glaubens gehen bis in die Zeit des Exodus zurück. Die älteste biblische Darstellung zeichnet Mose als den ersten, der nach der Namensoffenbarung Jahwes diesen Gott als den einzigen verkündet. Die Monolatrie war auch zur Zeit König Davids vorherrschend in Israel. Gerade die Epoche des Königtums hatte mit starken Anfechtungen gegen den Jahwe-Glauben zu kämpfen. So bestanden die kanaanäischen Traditionen weiter fort, der Baals-Kult konkurrierte mit dem Jahwe-Kult, der sich durch prophetisches wie königliches Einschreiten durchsetzen konnte. Da sich Israel nach dem Verlust der Eigenstaatlichkeit in fortwährender Auseinandersetzung mit Fremdherrschaften befand, bestand auch eine fortwährende Gefahr der Vermischung religiöser Vorstellungen und der Gefährdung der religiösen Identität. So breitete sich im 7. Jh. v. Chr. unter der Vorherrschaft der Assyrer der Sternenkult in Israel aus. Durch die Verschiebung des internationalen Machtfeldes war der Jahwe-Glaube immer neuen äußeren Einflüssen ausgesetzt. Es gab jedoch auch eine Gefährdung von innen, die in einem übersteigerten Kult an den Heiligtümern bestand, von denen es zahlreiche gab. Unter den Reformatoren Hiskija und Joschija kam es schließlich zur Beseitigung aller Heiligtümer (2 Kön 18,4.22). Liegt hierin möglicherweise ein Grund für die starke Betonung der Einheit des Namens Gottes?

Die Monolatrie zeigt sich also als entscheidender Entwicklungsschritt auf dem Weg der israelitischen Religion vom Polytheismus zum Monotheismus. Sie führte zu einer Vertiefung der Gottesvorstellung. Großen Einfluss auf diese Entwicklung hatte ein weiterer Aspekt: das Bilderverbot, das darin bestand, die Gottheit mit einem gemalten oder geschnitzten Bild darzustellen. Durch ihre Polemik gegen die fremden Götter, trug die Bildfeindlichkeit wesentlich zu einer Gottesvorstellung bei, die den Gedanken der Einzigkeit, Universalität und Transzendenz verfolgte. Jede bildliche Darstellung einer Gottheit kann zerstört oder verunstaltet werden und zeigt so ihre Nichtigkeit auf (1 Kön 18,27). Im Gegensatz dazu spricht die biblische Überlieferung von der Macht Jahwes, die keine Grenzen kennt, die sich auch auf Fremde bezieht. Dies ist der Anfang des Gedankens eines universalen Monotheismus. Von der scharfen Kritik an den fremden Göttern und dem Gedankengut der Monolatrie ist es nicht mehr weit zu der Vorstellung von Jahwe als einzigem Gott und Herr über das All. Erste Vorstellungen einer Entwicklung zum Monotheismus zeigen sich bei Deutero-Jesaja, einem zentralen Exilspropheten Mitte des 6. Jh. v. Chr.: "Vor mir wurde kein Gott erschaffen, und auch nach mir wird es keinen geben" (Jes 43,10-11). "Ich bin der Erste, ich bin der Letzte, außer mir gibt es keinen Gott" (Jes 44,6). Hier wird ein deutlicher Gegensatz zur babylonischen Göttergenealogie markiert. Jahwe lässt sich nicht in ein solches System einordnen, ein Vorher und Nachher existiert nicht. Die Existenz anderer Götter wird jedoch auch bei Deutero-Jesaja nicht geleugnet, doch erweist sich ihr Tun als Nichts (Jes 41,24). Auch die priesterschriftliche Theologie steht für das Bekenntnis zum Monotheismus. Sie schildert Jahwe nicht nur als Gott Israels, sondern erhebt ihn explizit zum Schöpfer und Erhalter des Kosmos. Die Hoffnung, dass sich der Glaube an den einen Gott für alle Völker durchsetzen könne - erst dann wäre von einem universalen, exklusivem Monotheismus zu sprechen - wird in 1 Kön 8,60 deutlich: "Alle Völker der Erde sollen erkennen, dass Jahwe Gott ist und keiner sonst". Die Realität dürfte sich jedoch in dem Bekenntnis aus Mi 4,5 ausdrücken: "Alle Völker wandeln jeweils im Namen ihres Gottes - wir wandeln im Namen des Herrn (Jahwes), unsere Gottes auf immer und ewig".

Der Monotheismus ist eine unter vielen unterschiedlichen Formen alttestamentlicher Gottesrede, sicher jedoch die bedeutendste in der Entwicklungslinie und im Erbe.

Woher kommt der Gott Jahwe religionsgeschichtlich - welche Vorstellungen haben sich mit ihm verbunden?

Die Jahwe-Gottheit hat ihren Ursprung im nordwestarabischen Raum (Midian und Edom). Darauf deutet u.a. die sprachliche Form des Namens hin, aber auch die Erwähnung eines dort anzusiedelnden "Landes der Schasu JHW". Diese halbnomadischen Gruppen liegen mit den Ägyptern in einem Dauerkonflikt, der zu Zwangsdeportationen -ansiedelungen führte. Ortsnamen sind nicht selten Gottesnamen. Die Bedeutung des Namens Jahwe ist hawah (wehen) ("Er weht", "Er fährt durch die Lüfte", "Er steigt herab") und deutet auf eine Wettergottheit (Sturm- und Gewittergott) hin.

Die Züge einer solchen Wettergottheit werden später umgedeutet und mit anderen Charakteristika in Verbindung gebracht. Eine Umdeutung erfährt in diesem Zusammenhang auch die Bedeutung des Namens Jahwe, die nun von hajah hergeleitet wird (sein/wirksam sein), vgl. Ex 3,14: "Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der «Ich-bin-da». Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der «Ich-bin-da» hat mich zu euch gesandt."

Die enge persönliche Verbindung Jahwes mit den Stammvätern des biblischen Israel ist Ausdruck seiner ursprünglichen Rolle als Familien- und Sippengott innerhalb einer Familien- und Sippenreligion. Der Gott Jahwe ist zunächst der persönliche Gott, Schutz- und Bundesgott eines Stammesverbandes, dessen Mitglieder sich auf dieselben Vorfahren berufen.

Auch sein Ursprung innerhalb einer Familien- und Sippenreligion verweist zunächst auf Monolatrie, nicht auf Monotheismus. Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass gerade zu einer Zeit, zu der Jahwe Staatsgott ist, Hausgottheiten nach wie vor eine große Rolle spielen.

Bei der Beschreibung der Religion Israels, wie sie sich entwickelt hat, nicht wie sie im Rückblick erscheint, sind drei Ebenen zu unterscheiden:

- die einer familialen Religion
- die einer lokalen Religion
- die einer staatlich-nationalen Religion.

Manche der in der Bibel bekämpften "Fehlformen" lassen sich für bestimmte Epochen als verbreitete "Normalformen" plausibel machen, so z.B. die in der familialen Religion verehrte Muttergöttin und die in der lokalen und staatlichen Religion Präsenz einer Partnergöttin Jahwes (9.-7.Jh. v. Chr.).

In seinem Umfeld begegnen dem alten Israel andere Götter mit anderen Zuständigkeitsbereichen, anderen Eigenschaften und anderen Charakteristika. Anstatt diese Götter auf Dauer neben sich bestehen zu lassen oder sie einfach zu verdrängen, vereinigt der Gott Israels nach und nach einige von deren Charakteristika auf sich.

Auch die Attribute anderer "ansässiger" Götter übernimmt Jahwe: Gott/Spender des Lebens/Fruchtbarkeitsgott: Das textlich bezeugte Bildprogramm der Innenausstattung des Tempels beinhaltet Cheruben an Lebensbäumen. Lebensbäume sind auch aus der Umwelt Israels als religiöses Motiv bekannt. Im Umfeld des alten Israel fallen Recht und Gerechtigkeit in den Zuständigkeitsbereich der Sonnengottheit. Das Wirken des Sonnengottes und in Folge das Wirken Jahwes garantieren die gerechte Herrschaft des Königs, der als Vertreter seines Gottes für die Zurückdrängung des Chaos und die Errichtung einer Ordnung verantwortlich ist.

Die Übernahme fremder Attribute bedeutet so eine Kompetenzerweiterung Jahwes, die zu einer Allzuständigkeit führt. "Allzuständigkeit" wiederum ist  wesentliche Voraussetzung eines funktionierenden Monotheismus.

Die sog. Deuteronomisten, eine zentrale Theologenschule, die unter anderem das Buch Deuteronomium verfasst hat, bringen die ganz besondere Bindung Israels an Jahwe nach dem Vorbild assyrischer Vasallen-/Untertanenverträge durch einen einmaligen Bund Jahwes mit Israel zum Ausdruck. Jahwe übernimmt dabei Züge eines assyrischen Großkönigs. Bei Untreue und Bundesbruch erfolgen harte Strafen (Dtn 31,20f).

In der weiteren Entwicklung wird die Ebene familialer Religion mit der staatlicher Religion verbunden und inhaltlich - nicht jedoch was den Vollzug der einzelnen Bräuche und Rituale betrifft - in eins gesetzt. Das Pessachfest, das an den Auszug und die wunderbare Errettung des Volkes erinnert, wird mit familialem Brauchtum fest verbunden: Das Schlachten (am Tempel) und Essen (im Kreis der Familie) des Pessachlammes ist ursprünglich ein Element rein familialer, von Jahwe unabhängiger Religiosität.

Parallel zum Prozess der Integration von Merkmalen und Attributen verschiedener Gottheiten, d.h. von Gottesbildern, vollzieht sich die Abgrenzung von diesen anderen Gottheiten.

Politische Bedrohung von außen wird auch als Bedrohung der eigenen religiösen Identität Israels empfunden und durch Abgrenzung und Sicherung des Eigenen entsprechend beantwortet. Die sog. "Jahwe-allein-Bewegung" profiliert Jahwe als Gegengott gegen die durch Nachbarvölker verehrten Gottheiten:

Mit dem Untergang Jerusalems und der politischen Selbständigkeit, die gerade als Bestätigung der Prophetie und als Machterweis Jahwes gedeutet werden kann, löst sich Jahwe von seiner Rolle als Staatsgott und von seiner ausschließlichen Bindung an Stadt, Land, Volk und Heiligtum. Er lenkt nicht nur die Geschicke Israels, sondern der ganzen Welt. Er wird zum Gott schlechthin.

Die Geschichte Israels wird - rückblickend - gelesen als Zeugnis der ausschließlichen Göttlichkeit des einen Gottes - verbunden mit der Hoffnung, dass auch die übrigen Völker sich dieser Erkenntnis einst anschließen werden.

Der Schritt zum Monotheismus ist - jetzt erst - getan!

Als monotheistisches Glaubensbekenntnis gilt Jes 46,9f: "Gedenkt des Früheren von einst; denn ich bin Gott und keiner sonst, bin Gott und nichts ist wie ich! Ich künde von Anfang an das Spätere, in der Vorzeit, was noch nicht geschah. Ich sage meinen Plan, der eintrifft, alles, was ich will, führe ich aus."

Das Schma Jisrael

Welche Bedeutung gewinnt auf diesem Hintergrund das "Schma Jisrael"? Für das nachbiblische Judentum wird dieser Text zum "Grunddogma"? Das Bekenntnis zu dem einen Gott, damit zum Monotheismus würde wohl kaum bestritten werden. Ist der kurze Text jedoch auch in der biblischen Verankerung und Überlieferung ein monotheistischer oder weist er nicht vielmehr monolatrische Züge auf? Erinnern wir für diese Frage noch einmal die vier Übersetzungsvarianten: 1. "Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig", 2. "Jahwe, unser Gott, ist ein (einziger) Jahwe", 3. "Jahwe ist unser Gott, Jahwe ist einer", 4. "Jahwe ist unser Gott, Jahwe ist einzig". Die zweite und dritte Übersetzung betonen die wesenhafte Einheit Jahwes und grenzen sich von der Vielheit seiner Erscheinungsformen in lokalen Heiligtümern ab. Die erste und vierte Übersetzung hingegen stellen die Einzigkeit Jahwes heraus. Das Bekenntnis erinnert Erfahrungen Israels mit seinem Gott ("unser Gott"). Die Einzigkeit Jahwes sagt zunächst nichts aus über die Existenz anderer Götter, sondern betont vielmehr die Einzigkeit dieser Gottheit für ein bestimmtes Volk. Paralleltexte aus dem ugaritischen Baal-Zyklus erhärten diese Vermutung: "Einzig ich bin es, der herrscht über die Götter, der fett macht Götter und Menschen, der sättigt die Mengen der Erde". Die analoge Struktur fällt ins Auge, und doch steht das "Schma" in einem spezifischen theologischen Kontext und gewinnt so an Bedeutung: 1. Der Ruf "Jahwe allein ist unser Gott" wurde zum Leitbegriff für die sei dem 9. Jh. v. Chr. entstehende Jahwe-allein-Bewegung, die im Jahwe-Glauben zum Widerstand gegen die Fremdherrschaft formierte. 2. Die Formulierung "Jahwe ist einer/einzig" diente der Durchsetzung der Vorstellung Jahwes als singulären Gott ohne Partnerin. 3. Die massiven politischen Erschütterungen durch den Untergang des Nord- und des Südreiches ließen die Frage nach der Zuverlässigkeit und Treue Jahwes aufkommen. Dem wirkt das Bekenntnis "Jahwe ist unser einer Gott" entgegen. 4. Die Einzigartigkeit ist stets Metapher einer Liebesbeziehung. Dieser Liebe Jahwes zu seinem Volk soll Israel entsprechen. Davon spricht die Antwort des Textes. Mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und mit ganzer Macht  ist das Volk aufgerufen die Liebe Jahwes zu erwidern. Seele und Herz sind dabei zwei unterschiedliche Begriffe, die zusammen ein ganzheitliches Verständnis zum Ausdruck bringen. Wird die Seele eng mit Leben, aber auch mit Hals und Kehle zusammengedacht, umfassend und aus dem Inneren heraus bekennend, gilt das Herz als Sitz des Verstandes und des Willensentschlusses, aber auch der Gefühle. Gott mit Seele und Herz und ganzer Kraft zu lieben ist so der höchstmögliche Ausdruck einer umfassenden Liebe des Menschen. Der Mensch soll die Worte "auf seinem Herzen tragen". Neben der geistigen Verinnerlichung ist damit jedoch auch gemeint sie als Inschrift auf einem Amulett auf der Brust zu tragen. Zahlreiche Siegelamulette zeugen von einer solchen Praxis. Von besonderer Bedeutung ist die Erinnerung dieses Bekenntnisses, indem es den nachfolgenden Generationen gelehrt wird. Dabei dürfte an die übliche Methode des Unterrichts durch Wiederholen gedacht worden sein. Im Privatleben und in der Öffentlichkeit sollen diese Worte rezitiert werden, vom Morgen bis zum Abend. Klar sollen sie als Kennzeichen für alle erkennbar sein. Daher soll man sie am Körper tragen und an den Häusern und öffentlichen Stadteingängen anbringen. Bis heute ist diese Praxis im Judentum lebendig, wenn die Mesusot, kleine Kapseln mit den Texten aus Dtn 6,4-9 und 11,13-21 auf Pergamentrollen geschrieben an den Türen des Hauses angebracht und die Tefillin, Gebetsriemen, angelegt werden.

Das in Dtn 6,4-5 ursprünglich monolatrisch vorliegende Bekenntnis zu Jahwe erfährt im Fremdgötterverehrungsverbot des Dekalogs seine logische Konsequenz: "Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten herausgeführt hat, aus dem Sklavenhaus. Für dich soll es nicht andere Gottheiten geben neben mir" (Ex 20,2; Dtn 5,6). Betont wird die Ausschließlichkeit Jahwes für Israel, wenn der polytheistische Kontext auch noch herauszuhören ist.

Die immense theologische Bedeutung des Hauptgebots findet in seiner Aufnahme im Doppelgebot in Mk 12,29-31 ihren Ausdruck, wenn Jesus auf die Frage nach dem größten Gebot mit der Kombination zweier alttestamentlicher Zitate antwortet: "Das erste ist: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft (Dtn 6,4f.). Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Lev 19,18). Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden." Die Zusammenführung beider Gebote ist bedeutsam, erklärt sich das zweite Gebot aus dem ersten, aber auch andersherum. Die Mensch-Gott-Beziehung findet in der Mensch-Mensch-Beziehung ihren Ausdruck, andersrum speist sich die Mensch-Mensch-Beziehung aus der Mensch-Gott-Beziehung. Und doch zitiert der markinische Jesus im Unterschied zum lukanischen zunächst das Hauptgebot. Damit stellt er sich unmissverständlich in die alttestamentliche Tradition und stellt einen Konsens zur sonst konfliktreichen Auseinandersetzung mit seiner Gegnerschaft her. Es ist ein Bekenntnis zu Gott als dem einen und ein Bekenntnis zum Liebesbund Gottes mit seinem Volk, auf dem die neutestamentliche Ethik basiert.

3. Bibelarbeit

Sich einfinden

GL 298 Herr, unser Herr

"Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll allles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anderes ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben. Wie ich es oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens macht beide, Gott und Abgott. Woran du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich Gott". (Martin Luther)

In einer ersten Runde kann über folgende Fragen gesprochen werden: Wem oder was schenke ich besondere Aufmerksamkeit? Woran hängt mein Herz? Was ist mir das Liebste und Kostbarste? Woran finde ich Halt und Orientierung? Woraufhin lebe ich?

Die Heilige Schrift lesen

Dtn 6,4-9: Das Hauptgebot

Über den Bibeltext sprechen:

Wir sammeln erste Eindrücke dieses kurzen Textes: Woher ist der Text vertraut? Was weckt er in mir? Woran werde ich erinnert? Welche spontanen Gedanken habe ich?
Wir versuchen dem Text eine Struktur zu geben: Wie ist er aufgebaut? Wer ist der Sprecher, wer der Adressat? Wozu wird aufgerufen? Welche Antwort gibt der Text?
Der Leiter informiert über die Bedeutung und Unterscheidung von Monolatrie und Monotheismus und lässt einige wichtige in der Entwicklung der israelitischen Religion zum Monotheismus einfließen.
Was bedeutet dieses Bekenntnis heute? Wo liegen Schwierigkeiten, z.B. im interreligiösen, interkulturellen Dialog und dem Dialog mit dem Atheismus?
Im Haupt- und Doppelgebot ist das Bekenntnis zum Monotheismus stark mit dem Aufruf zur Liebe verknüpft. Welche Ausdrucksformen hat diese Liebe? Wo überschreitet sie Grenzen und wird zur Gefahr? Vielleicht lassen sich Beispiele aus Geschichte und Gegenwart finden.

Den Bibeltext ins eigene Leben übersetzen:

"In einem badischen Städtchen lebte eine Frau, die zweiundsiebzig Jahre zählte, als ihr Mann starb. Viele Jahrzehnte hindurch hielt sie allein das alte Haus in Ordnung. Ohne Hilfe kochte sie für ein Dutzend Personen und ernährte sich selbst von den Resten. Sie kannte nichts anderes als Pflicht und Arbeit. Von sieben Kindern, denen sie das Leben schenkte, hatte sie fünf großgezogen. Von all dem war sie mit den Jahren klein geworden. Mit dem Tod ihres Mannes änderte sich das Leben dieser alten Frau. Ihre Kinder, die inzwischen das Haus verlassen hatten, unterstützten sie mit einer kleinen monatlichen Summe, nachdem man den kleinen Betrieb ohne Gewinn verkaufen musste. Die alte Frau gestatte sich jetzt Freiheiten, von denen sie früher nicht einmal geträumt hatte. Jeden zweiten Tag ging sie in ein Gasthaus essen. Sie besuchte Kinos, in denen nur Halbwüchsige und Liebespaare zusammenkamen. Sie spielte Karten und begann den Rotwein zu lieben. Öfters in der Woche besuchte sie in einem verrufenen Gässchen die Werkstatt eines Flickschusters, in der, besonders am Nachmittag, allerlei nicht gerade respektable Existenzen herumsaßen. Hier wurde viel gelacht und zwischendurch über die würdigen Autoritäten der Stadt losgezogen. Mit ihrem früheren Familienleben schien die alte Frau abgeschlossen zu haben. Obwohl sie das große Haus allein bewohnte, nahm sie die sehr beengt wohnende Verwandtschaft nicht auf. Selbst ihren von auswärts kommenden Sohn wies sie ab und schickte ihn in ein Hotel. Dafür unterstützte sie andere Leute, die sie sich nach ihrem Gutdünken aussuchte. Auf ihren Ausflügen nahm sie ein junges Mädchen mit, eine halb Schwachsinnige, die in dem Gasthaus arbeitete, wo sie zu speisen pflegte. Diesem "Krüppel", wie die Verwandtschaft das Mädchen nannte, kaufte sie einen großen Hut mit Rosen darauf, während sie ihrem Enkel das Kommunionkleid versagte. Den Pfarrer, der sie besuchen kam, lud sie, wie allgemein behauptet wurde, ins Kino ein. Die alte Frau, deren Lebenswandel von manchen für unwürdige gehalten wurde, fühlte sich keineswegs vereinsamt. Sie sah gesund aus und erfreute sich einer ausgeglichenen Stimmung. Im Sommer stand sie zuweilen morgens früh um drei Uhr auf und spazierte durch die leeren Straßen der Stadt, die sie auf diese Weise für sich allein hatte. An einem Herbstnachmittag starb sie unerwartet, auf einem Stuhl am Fenster sitzend. Bei ihr war der "Krüppel", den sie für den Abend ins Kino eingeladen hatte. Sie war vierundsiebzig Jahre alt geworden."
(aus: Bertolt Brecht, Die unwürdige Greisin, in: Geschichten, Gesammelte Werke II, Frankfurt/M. 1967, 315-320.)

Drei Sätze, die den Schlüssel zum Verständnis der Erzählung liefern, fügt Bertolt Brecht an: "Genau betrachtet, lebte sie hintereinander zwei Leben. Das eine, erste, als Tochter, als Frau, als Mutter, und das zweite einfach als Frau B., eine alleinstehende Person ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln. Das erste Leben dauerte etwa sechs Jahrzehnte, das zweite nicht mehr als zwei Jahre."

Ein Leben, das nur in Dienst genommen wird, wird verkümmern. Nachdenklich machen beide Leben dieser Frau. Auch das zweite ist nicht im Ganzen stimmig. Extreme Verhaltensweisen prallen aufeinander. Lässt sich ein Mittelweg finden? Was bedeutet Liebe zum Nächsten? Liebe zu sich selbst? Welcher Freiraum ist nötig, um diese Liebe entwickeln und leben zu können?

GL 297: Gott liebt diese Welt

4. Weiterführende Literatur:

  • Braulik, Georg, Deuteronomium 1-16,17, NEB, Würzburg 1986.
  • Merklein, Helmut (Hg.), Gott und die Götter, WuB 11 (1999).
  • Söding, Thomas (Hg.), Ist der Glaube Feind der Freiheit? Die neue Debatte um den Monotheismus, QD 196, Freiburg 2003.
  • Stolz, Fritz, Einführung in den biblischen Monotheismus, Darmstadt 1996.
  • Striet, Magnus (Hg.), Monotheismus Israels und christlicher Trinitätsglaube, QD 210, Freiburg 2004.
  • Veijola, Timo, Das 5. Buch Mose. Deuteronomium, ATD 8,1, Göttingen 2004.
  • Walter, Peter (Hg.), Das Gewaltpotential des Monotheismus und der dreieine Gott, QD 216, Freiburg 2005.

Dipl.-Theol. Esther Brünenberg, September 2006
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster
www.bibelwerk.de

in Kooperation mit
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(www.kirchensite.de)

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