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30.08.2016
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Prof. Hubert Wolf

Kirchenhistoriker Wolf:

"Mein Kampf" beinahe verboten

Münster. Die katholische Kirche stand in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts kurz davor, Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" zu verbieten. Aus bislang nicht genau zu ermittelnden Gründen seien die päpstlichen Zensoren aber vor dem letzten Schritt zurückgeschreckt, sagte der münstersche Kirchenhistoriker Hubert Wolf am Dienstagabend (29.12.2005) in Münster zum Auftakt eines wissenschaftlichen Symposiums über die Buchzensur der katholischen Kirche und den "Index der verbotenen Bücher".

Wolf hatte 1992 als erster Wissenschaftler überhaupt Zugang zu den vatikanischen Archiven der Inquisition und der so genannten Index-Kongregation erhalten. Bis Donnerstag präsentieren er und weitere internationale Historiker Zwischenergebnisse der weltweit beachteten Grundlagenforschung.

"Verdammungswürdige Aussagen"

Papst Pius XI. (1922-1939) habe Ende 1934 eine Kommission eingesetzt, die aus Hitlers hetzerischer Programmschrift eine Liste mit zehn zu verurteilenden Sätzen zum Rassismus erarbeitet habe, sagte Wolf, dessen Forschungen seit 1999 in einem Langzeitprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden. "Klar war, dass das Buch häretische und verdammungswürdige Aussagen enthielt", so der Kirchenhistoriker.

Die geplante feierliche Verurteilung sei aber immer wieder vertagt worden. 1938 habe der Vatikan das Thema endgültig begraben, nachdem 1937 Aussagen der Kommission - wenn auch ohne direkte Namensnennung Hitlers - in die NS-kritische Enzyklika "Mit brennender Sorge" eingeflossen seien.

Vermutungen

Wolf, der für seine Erforschung der Vatikan-Akten 2003 den höchsten deutschen Wissenschaftspreis erhalten hatte, erinnerte daran, dass der Vatikan im Jahr 1934 eines der ideologischen Grundwerke des Nationalsozialismus, Alfred Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts", auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt hatte.

Wolf sieht mehrere denkbare Ursachen, warum das zuständige "Heilige Offizium" ein Verbot von Hitlers Buch schließlich doch unterließ: Der Vatikan könnte vor der Verurteilung eines amtierenden Staatsoberhaupts zurückgeschreckt sein; der sehr deutschfreundliche Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., könnte den brisanten Schritt verhindert haben; oder Papst Pius XI. könnte das Verfahren gestoppt haben, um angesichts der angespannten Beziehungen zum italienischen Faschismus nicht noch eine weitere, deutsche Front, aufzumachen.

Veröffentlichung umfangreicher Aktenbestände

Anlass für das Symposium in Münster ist die Veröffentlichung umfangreicher Aktenbestände zur Buchzensur aus den päpstlichen Geheimarchiven durch Wolfs Wissenschaftlergruppe. Erstmals werden sämtliche Urteile der Inquisition und der 1571 gegründeten Index-Kongregation für die Zeit von 1814 bis 1917 vollständig publiziert.

In dem neunbändigen, im Paderborner Schöningh-Verlag erschienenen Projekt haben die Wissenschaftler die vielfach kontroversen Diskussionen der Kardinäle und Kleriker der Index-Kongregation aufbereitet und die biografischen Daten aller beteiligten Zensoren, Gutachter und vieler Denunzianten ermittelt. Auch Bücher und Autoren, die nach den Beratungen nicht der Zensur unterworfen wurden, wurden ermittelt.

Heine und Sartre auf dem Index

Wolfs Ziel ist die Erschließung sämtlicher Akten der römischen Glaubenswächter und ihre Publikation in einer Datenbank im Internet. Zwischen 1542 und 1966 hatte die katholische Kirche mehr als 5.000 Werke und Autoren von Luther über Galilei bis zu Heinrich Heine und Jean-Paul Sartre auf den Index gesetzt. Für Katholiken waren Besitz und Lektüre solcher Werke verboten und teilweise auch mit schweren Kirchenstrafen belegt.

Text und Foto: KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH, 01.12.2005 / Foto: Bönte

Lesen Sie außerdem in "kirchensite":
- Päpstliche Zensur-Praxis: Keine seelenlose Verdammungsmaschinerie (29.11.2005)

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