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27.03.2017
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Aus dem kirchensite.de-Archiv

Bibelarbeit im Oktober 2005

Dann geh und handle genauso!

Die Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 29-37)

Einleitung

"Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab." – Die vertraute Geschichte. Und der alte Stachel: dass es eben nicht die Frommen waren, die einen Blick für den Verletzten hatten; nicht die, von denen man zu Recht Hilfe hätte erwarten dürfen.

Der von den Nationalsozialisten ermordete Jesuit Alfred Delp (Die Zukunft der Kirche) stellte einmal fest, dass wir Christen "uns an einem toten Punkt befinden". Denn, so sagt er, "noch immer liegt der ausgeplünderte Mensch am Weg." "Wird es noch einmal der Fremde sein, der den Verletzten aufhebt?"

Der ausgeplünderte Mensch, der noch immer hilflos und entrechtet daliegt. Es dürfte nicht schwer fallen, ihn auch an den Wegrändern unserer modernen Gesellschaften zu entdecken. Die Verantwortlichkeiten sind Legion. Ein immer brutaler agierender Kapitalismus und der Primat wirtschaftlicher Interessen; das stete Kreisen um das eigene Ich und die Härte des Herzens; das Recht des Stärkeren und das Schmelzen ethischer Normen. Stichworte reichen; wir wissen, was gemeint ist.

Die Frage Alfred Delps steht im Raum: Wird es noch einmal der Fremde sein, der dem entrechteten Menschen aufhilft? Und wieder nicht die Frommen? Wieder nicht die, die sich von Gott haben ansprechen und in Dienst nehmen lassen?

Die Botschaft Jesu liegt auf der Hand: Wer sich als von Gott geliebt erfährt, wer sich diesem Anruf der Liebe Gottes nicht verschließt, sondern öffnet, wer also Gott Glauben schenkt, der gewinnt einen neuen Horizont! Einen Blick auch für die Menschen, die als Gottes Geschöpfe mit ihm leben. Einen Blick nicht zuletzt für die Verletzten und Entrechteten an den Wegesrändern unserer Zeit.

Doch wie steht es um diesen Glauben? Geht ihm nicht heute viel zu schnell die Luft aus? Und übersieht er nicht gerade darum, was er eigentlich nicht übersehen darf?

Nicht wenige Christen haben sich in ihrem Christsein längst angepasst an die Bedingungen unserer Zeit. Sie wollen nicht weiter auffallen, sich nicht wirklich unterscheiden. Also sagen sie, was alle sagen; tun sie, was alle tun. So schläft der Glaube langsam ein. Und man läuft vorbei und bleibt das Notwendige schuldig.

So gesehen bleibt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter die stetige Einladung Gottes an uns, unseren Glauben mit wachem Blick zu leben. Er will uns wachrütteln: Das Wissen um die Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus geschenkt wurde, darf uns nicht kalt lassen, sondern muss uns immer neu anspornen, in den Spuren Jesu zu gehen. Und im Namen jenes Gottes, der ein Freund der Menschen ist, muss es uns in den Ohren klingen, dieses Wort, dass Schweigen (und Wegschauen und Gleichgültigkeit) immer nur den Mördern, aber niemals den Opfern hilft (E. Wiesel)! Dort, wo es um unsere Hinwendung zu den hilfebedürftigen Menschen geht, geht es immer auch um unsere Hinwendung zu Gott, der die Menschen liebt.

U. Bach (Hosianna bei Gegenwind, Freiburg 1986) mag daran gedacht haben, als er jenes Gebet verfasste, das hier an den Beginn der Betrachtung gestellt sein soll:

Herr,
wir sind nicht selten weit entfernt von Deiner Mut-machenden Botschaft.
Aber jeden Sonntag läuten die Glocken.
Gib dem einen Sinn!
Lass uns als Glaubende Dein freimachendes Kontra annehmen und durchhalten.
Lass uns in der Liebe Knechte sein!
Herr,
lehre uns lieben
und lehre uns
glauben.
Amen.

Der Text

29: Der Schriftgelehrte hakte noch einmal nach und sagte zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?
30:  Jesus nahm die Frage auf und antwortete: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.
31:  Zufällig ging aber ein Priester auf jenem Weg hinab, sah ihn – und ging vorbei.
32:  Ebenso kam auch ein Levit daher an den Ort, sah ihn – und ging vorbei.
33:  Ein Samariter aber, der unterwegs war, kam zu ihm, sah ihn – und bekam Mitleid.
34:  Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Er hob ihn auf sein Reittier, brachte ihn in eine Herberge und sorgte für ihn.
35:  Am nächsten Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und was Du mehr für ihn ausgibst, werde ich Dir bei meiner Rückreise erstatten.
36:  Wer von diesen Dreien scheint Dir "Nächster" geworden zu sein für den, der unter die Räuber gefallen war?
37:  Der Schriftgelehrte antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh und handle auch so!

Hintergründe und Zusammenhänge

Zu den bekanntesten Erzählungen des Neuen Testaments gehört ohne Zweifel das sogenannte "Gleichnis vom barmherzigen Samariter", das für die Hörerinnen und Hörer des Evangeliums auch eine Beispielerzählung sein will. Lk 10, 30-35 wird gerahmt durch die einleitende Frage V29 ("Wer ist mein Nächster?") und das abschließende und klärende Gespräch zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten (V36f).

Im Zentrum der Erzählung steht das grundlegende Gebot der Nächstenliebe, wie es nach Lev 19,18 von Gott, dem Heiligen Israels, für alle Zeiten proklamiert wurde. Aus dem Kontext Lk 10, 25-29 ergibt sich, dass der Schriftgelehrte im Grunde nach den Grenzen dieser Nächstenliebe fragt. Es liegt ihm daran, den genauen Geltungsbereich der göttlichen Maxime und aller daran anknüpfenden Toraweisungen zu eruieren.

Biblisch betrachtet war die Sache längst klar. Das wird insbesondere einem Gelehrten der Heiligen Schrift nicht verborgen geblieben sein: Wenngleich die Weisung Lev 19,18 zunächst allein die Angehörigen des Volkes Israel in den Blick nahm, so weitet sich die Perspektive nur wenige Verse später auf die "Fremden" (Lev 19,34; vgl. Dtn 10,19) und damit prinzipiell auf jeden Menschen. Allerdings gab es insbesondere zur Zeit Jesu immer wieder Versuche, den universalen Anspruch des göttlichen Gebotes zur Nächstenliebe zu relativieren, indem man der Pflicht zur Nächstenliebe nur innerhalb der jüdischen Gemeinde bzw. des Kreises der "Gerechten" Geltung beimaß und die in Lev 19,34 angesprochenen "Fremden" mit den Proselyten der Gemeinde (i. e. die zum jüdischen Glauben übergetretenen Heiden) identifizierte. Vor diesem Hintergrund war der Klärungsbedarf also erheblich und die Frage des Schriftgelehrten hatte durchaus ihren Sitz im Leben.

Die Beispielgeschichte, die Jesus der Frage des Schriftgelehrten folgen lässt, ist mitten aus dem Leben gegriffen. Die Zuhörer wussten, wovon Jesus sprach, kannten die erwähnten Ortschaften und ihre besonderen Umstände (V30f): - Die Stadt Jericho liegt ungefähr tausend Meter tiefer als Jerusalem. Man muss also buchstäblich ins Jordantal "hinabsteigen", um von Jerusalem nach Jericho zu gelangen. - Der 27 km lange Weg galt zurzeit Jesu aufgrund gefährlicher Schluchten in der felsigen Wüste Juda als unsicher. Dies um so mehr, als zahlreiche Höhlen und Felsspalten ideale Verstecke und Unterschlupfe für Kriminelle aller Couleur boten. - Jericho war eine Priesterstadt. So liegt es auf der Hand, dass der Weg von Jerusalem nach Jericho nicht bloß zufällig von Priestern und Leviten gegangen wurde. – Der unter die Räuber geratene, halbtote, ausgeplünderte und nackte Mensch wird überaus plastisch geschildert. Wohl auch deshalb regte die Schilderung immer wieder Künstler zur Darstellung dieser Szene an. Die Anschaulichkeit dient im Besonderen der Betonung absoluter Hilfsbedürftigkeit.

Schimmert allein durch die bloße Schilderung der Not schon der Imperativ der "Goldenen Regel" (Lk 6,31) hindurch, und erklingt im Gedanken an das Opfer bereits der Ruf zur Barmherzigkeit (Lk 6,36), erscheint es um so unvorstellbarer, dass zwei des Weges Kommende nicht das allgemein hin zu Erwartende tun, sondern - ohne Hilfe zu leisten - weitergehen (V31). Die sich wiederholende Formulierung "er sah ihn – und ging vorüber" unterstreicht dabei den Vorgang unerhörter und abgründiger Lieblosigkeit. Dass es ausgerechnet ein Priester und ein Levit sind, also "Gottesmänner" und "Kultdiener", die hier zum Inbegriff der Hartherzigkeit werden, zielt nicht allein auf die Tatsache, dass damit das zweifelhafte Verhalten gemeinhin angesehener und eigentlich vorbildlicher Frommer problematisiert werden soll. Sehr viel grundsätzlicher wird hier der Glaube und die Gottesverehrung der beiden in Frage gestellt und zugleich der Blick auf eine neue Art von Gottesdienst gelenkt, auf ein Handeln aus dem Glauben heraus nämlich, von dem her sich aller Kultdienst prophetische Kritik gefallen lassen muss (vgl. Mt 9,13; 12,7).

Mit Bedacht wird dem Verhalten der nur vermeintlich Frommen das Beispiel echter Nächstenliebe in der Gestalt eines Samariters entgegengestellt (V33). Dass es ausgerechnet ein Samariter, also ein aus jüdischer Sicht "Gottloser", ist, der den Willen Gottes erkennt und entsprechend handelt, verleiht der Erzählung zusätzliche Brisanz. Angesprochen scheint hier nicht nur die geschichtlich erwiesene Lebensweisheit, dass – wo das Licht ist – immer auch die Motten wohnen, sondern dass sich die Zugehörigkeit eines Menschen zu Gott zuallerletzt an Stand oder Stellung und zuallererst am praktischen Vollzug des Willens Gottes  ablesen lässt (vgl. Mt 12,50).

V34f schildert das von Mitleid und Liebe geprägte Handeln des Samariters im Detail: Er handelt souverän und sachkundig, "vernünftig, wie das eben die Liebe tut" (H. Schürmann): Wein desinfiziert, Öl soll lindern (Jes 1,6) und heilen (Mk 6,13). Das Notwendige erledigt der Samariter großzügig: Er transportiert den Verletzten auf seinem Lasttier, bringt ihn in eine Herberge und pflegt ihn. Er gibt darüber hinaus viel Geld - 2 Denare entsprechen einem doppelten Tageslohn – und plant nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die nahe Zukunft. So wird beispielhaft deutlich, wie echte Nächstenliebe aussehen kann und welchen Prinzipien sie folgt.

Gelangen wir somit in den Bereich der Deutung der Beispielerzählung Lk 10, 30-35, ist zunächst auf zwei Fehlinterpretationen hinzuweisen, die m. E. im Zuge einer sachgemäßen Deutung wie "Straßengräben" zu meiden wären:

Mitunter wurde im Blick auf Lk 10, 30-35 eine existentialistische Auslegung im Sinne einer Situationsethik favorisiert: Demnach käme es der lukanischen Erzählung darauf an, zu erklären, dass die Liebe – wenn sie denn Liebe sei – im rechten Augenblick erkenne, was zu tun sei. Zu deutlich jedoch steht dieser situationsethischen Deutung die prinzipielle Option des Evangeliums für die Armen als ein allgemeingültiges Gesetz entgegen.

Der Sinn der Beispielerzählung würde gleichermaßen verfehlt, wenn man Lk 10, 30-35 im Zuge einer Problematisierung der biblischen Kohärenz von Gesetz und Freiheit als eine Art Manifest der Freiheit deutete, der aus der Maxime der Nächstenliebe den Aspekt der Gesetzlichkeit zugunsten einer freiheitlichen Perspektive eliminieren würde.

Entscheidend erscheint demgegenüber etwas gänzlich anderes: Jesus spricht, indem er vom barmherzigen Samariters erzählt, in latenter Weise von seinem eigenen Lebenseinsatz aus reiner Liebe "für", d.h. "zugunsten der vielen"  und  von dem Interesse Gottes an den Notleidenden. Hinter dem selbstlosen Engagement des Samariters leuchtet also der Einsatz (vgl. Mk 2,17) und die Liebesforderung Jesu (vgl. Lk 6,30f.35) auf, in dem sich das Erbarmen Gottes manifestiert und zum Ausdruck bringt (vgl. Lk 6,35). Letztlich verständlich wird der beispielhafte Einsatz des Samariters also erst vor dem Hintergrund des Handelns Gottes in Jesus.

Daraus ergibt sich zweierlei:

(1) die Erzählung vom barmherzigen Samariter ist ein Gleichnis, weil sie die Liebe und das Engagement Gottes in Jesus Christus in den Blick nimmt. Das liebevolle Mitleid, das den Samariter zur großherzigen Hilfe bewog, wirft ein Licht auf jene selbstlose Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus offenbart. Gottes liebevolle Zuwendung gilt den Menschen, die dem Tod preisgegeben waren, jetzt aber aufgrund göttlicher Initiative dem Leben neu zugeführt werden. Gottes Liebe ist ohne Maß: Sie rechnet nicht, sondern verschenkt sich, sie wird großzügig und vorbehaltlos gewährt.

(2) Die Erzählung vom barmherzigen Samariter ist eine Beispielgeschichte, insofern sie die Hörer des Wortes in die Nachfolge ruft. Der Fragende (V29) wird am Ende selbst gefragt, nun aber – im Unterschied zur Ausgangsfrage - nicht länger im Blick auf das Objekt der Nächstenliebe, sondern vielmehr im Blick auf das Subjekt dieser Liebe: Wer hat in der Geschichte als Nächster gehandelt (V36)? Die Frage wandelt sich von einer theoretischen zu der praktischen Frage nach dem jeweiligen persönlichen Engagement. Auf diese Weise wird deutlich, dass die Forderung nach Zuwendung und Nächstenliebe eine prinzipielle und allgemeingültige ist und bleibt, wobei sich allein vom Notleidenden her entscheidet, wer denn eigentlich "der Nächste" ist: derjenige nämlich, der sich von Gottes Liebe inspirieren, beflügeln und in Dienst nehmen lässt. Die Frage des Schriftgelehrten (V29) wird hier also alteriert und nimmt stellvertretend den Fragenden selbst fragend in die Pflicht, ob er sich denn im Licht des Evangeliums als Nächster zu erweisen bereit ist oder ob nicht.

Vorschlag für eine Bibelarbeit

Bibel-Teilen in 7 Schritten

  1. Einladen:  Wir werden uns bewusst, dass der Herr in unserer Mitte ist (vgl. Mt 18,20). Dies soll in einem freien Gebet zum Ausdruck gebracht werden.
  2. Lesen: Wer möchte die Verse vorlesen?
  3. Verweilen: Wir suchen nun Verse oder Gedanken aus dem Text heraus und sprechen sie laut und betrachtend aus. Dazwischen wird jeweils eine Zeit der Stille gehalten. Danach wird der Text noch einmal im Zusammenhang gelesen.
  4. Schweigen: Wir werden still und lassen in der Stille Gott zu uns sprechen.
  5. Austauschen: Wir tauschen uns darüber aus, was uns angesprochen und berührt hat. Was klingt nach? Was kann mein Denken und Handeln bestimmen?
  6. Beten: Alle sind eingeladen eine Bitte oder einen Dank an Gott zu richten.
  7. Lobpreisen: Wir singen ein gemeinsames Lied (z.B. GL 881 "Laß uns in Deinem Namen, Herr"; GL 871 "Liebe ist nicht nur ein Wort"; GL 844 "Zeige uns den Weg").

Literatur

  • H. Schürmann, Das Lukas-Evangelium (HThNT II/2/1), Freiburg 1993
  • J. Ernst, Das Evangelium nach Lukas (RNT), Regensburg 1993
  • F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas (EKK III/2), Neukirchen-Vluyn 1996
  • E. Schweizer, Das Evangelium nach Lukas (NTD 3), Göttingen 1993

Die verwendeten Abbildungen finden sich im Internet unter folgenden Links:

Kaplan Robert Vorholt, Dülmen, Oktober 2005
Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (www.bibelwerk.de)

in Kooperation mit
kirchensite – online mit dem Bistum Münster (www.kirchensite.de)

Die Bibelarbeit zum Download...

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