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Seite: Fragen + Glauben
23.06.2017
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Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.

Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. (Jes 11,1)

Bibelarbeit zu Jesaja 11, 1-16

"Man tut nichts Böses mehr …"

Von der Utopie eines atemberaubenden gewaltfreien Miteinanders (Jes 11,1-16)

Einleitung

Wenn wir vom "Paradies" sprechen, dann geht es in der Regel um etwas, das hinter uns liegt. Nicht selten ist die Rede vom "verlorenen Paradies". Viele neuzeitliche Schriftsteller blenden beim Thema "Paradies" denn auch eher zurück; mit Wehmut beschreiben sie unwiederbringlich Verlorenes, das nicht selten biographisch eingefärbt ist. Viele suchen Sinn und religiöse Orientierung heute vor allem in leibgebundenen Erfahrungen. Nicht die Zukunft, sondern der besondere Augenblick ist es, in dem die Fülle des Seins gesucht wird und als eine Art Kristall der Ewigkeit Distanz verschafft zu einer unübersichtlich gewordenen Weltrisikogesellschaft. An die Stelle der jenseitigen Verheißungen treten die diesseitigen Beglückungen mit wie Fetische verklärten Markenprodukten. In der Bibel ist das Thema "Paradies" gegenwärtig geblieben. Dort ist es eine Hoffnungsstätte für jetzt entfremdetes Menschsein. Das 11. Kapitel beim Propheten Jesaja trägt eine Paradiesesgeschichte vor. Jedoch die Geschichte von einem Paradies, das nicht hinter uns, sondern vor uns liegt und zum inspirierenden Ort von einem anderen Leben wird: "Dann, an jenem Tage, wohnt der Wolf beim Lamm, und der Panther ist zu Gast beim Böcklein. Und das Kalb und der Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten" (V 6).

Es kommt der Tag, so sagt doch dieses Bild, da ist die Welt nicht mehr die Welt, die wir kennen: die Welt, die unter dem Gesetz des Stärkeren steht, die Welt, in der die Großen die Kleinen fressen, die Welt, in der hinterrücks jemand durch einen Biss vergiftet wird. Da ist der Wolf zu Gast beim Lamm. Die Haustiere sind die Gastgeber. Und die wilden Tiere, die sonst reißen, sind jetzt bei ihnen zu Besuch. Und die Kinder führen das Regiment über beide. Unglaubliche Bilder.

Aufgrund mancher Naturfilme können wir uns vorstellen, was passiert, wenn ein Löwe in eine Herde einbricht! Wer kann dann die Herde noch zusammenhalten? Da gibt es kein Halten mehr. Beim Propheten Jesaja heißt es: Ein kleiner Knabe wird sie weiden, den Löwen und das Kalb, die zusammen auf der Wiese liegen. Und – welche Steigerung - der Säugling, der sein Fingerchen in jede mögliche Ritze und jedes Loch steckt, der wird seine kleine Hand in das Loch einer Schlange stecken, und keiner braucht zu erschrecken. Was für ein Paradies wird uns da vor Augen geführt, und zwar eines, das uns bevorsteht! Wer kann so etwas sagen, und wem will er das sagen? Und wer wird der Seitentrieb der Hoffnung in Person sein?

Der Schrittext: Jesaja 11

1: Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
2: Der Geist des Herrn lässt sich nieder auf ihm:
der Geist der Weisheit und der Einsicht,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.
3: (Er erfüllt ihn mit dem Geist der Gottesfurcht)
Er richtet nicht nach dem Augenschein
und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er,
4: sondern er richtet die Hilflosen gerecht
und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist.
Er schlägt den Gewalttätigen
mit dem Stock seines Wortes
und tötet den Schuldigen
mit dem Hauch seines Mundes.
5: Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften,
Treue der Gürtel um seinen Leib.
6: Dann wohnt der Wolf beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein.
Kalb und Löwe weiden zusammen,
ein kleiner Knabe kann sie hüten.
7: Kuh und Bärin freunden sich an,
ihre Jungen liegen beieinander.
Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
8: Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter,
das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
9: Man tut nichts Böses mehr
und begeht kein Verbrechen
auf meinem ganzen heiligen Berg;
denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn,
so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.

10: An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein,
der dasteht als Zeichen für die Nationen;
die Völker suchen ihn auf;
sein Wohnsitz ist prächtig.

11: An jenem Tag wird der Herr seine Hand von neuem erheben,
um den übrig gebliebenen Rest seines Volkes zurückzugewinnen,
von Assur und Ägypten, von Patros und Kusch,
von Elam, Schinar und Hamat
und von den Inseln des Meeres.
12: Er stellt für die Völker ein Zeichen auf,
um die Versprengten Israels wieder zu sammeln,
um die Zerstreuten Judas zusammenzuführen von den vier Enden der Erde.
13: Dann hört der Neid Efraims auf,
die Feinde Judas werden vernichtet.
Efraim ist nicht mehr eifersüchtig auf Juda
und Juda ist nicht mehr Efraims Feind.
14: Sie stoßen nach Westen vor wie im Flug,
den Philistern in die Flanke;
vereint plündern sie die Völker des Ostens aus.
Sie ergreifen Besitz von Edom und Moab,
die Ammoniter müssen ihnen gehorchen.
15: Der Herr trocknet die Bucht des ägyptischen Meeres aus;
er schwingt in glühendem Zorn seine Faust gegen den Eufrat
und zerschlägt ihn in sieben einzelne Bäche,
sodass man in Sandalen hindurchgehen kann.
16: So entsteht eine Straße für den Rest seines Volkes,
der übrig gelassen wurde von Assur,
eine Straße, wie es sie für Israel gab,
als es aus Ägypten heraufzog.

Hintergründe und Zusammenhänge zum Verständnis. Auslegung

Spätestens die Hochzeitsfeiern in Fürstenhäusern in unserer Zeit können uns daran erinnern: Wir schauen wie gebannt auf Menschen, die Hoffnungen und Sehnsüchte von allen repräsentieren. Prinzen und Prinzessinnen im englischen, schwedischen, dänischen oder niederländischen Königshaus ‑ immer sind es Figuren, die bestaunt werden, weil sie etwas darstellen oder herausragend gut können. Längst hat sich die Werbeindustrie dieses Phänomens angenommen. Idole werden bis zu einem gewissen Teil produziert. Und doch liegt der Anlass für solche Verehrung von "idealen" Menschen tiefer: Wir brauchen Mitmenschen, an denen wir Maß nehmen und mit denen wir uns vergleichen können. Das können Repräsentanten der Religionen sein wie der Papst oder der Dalai-Lama, das können Politiker oder Wissenschaftler sein. Manchmal sind sie es nur für kurze Zeit. Gerade in königslosen demokratischen Zeiten scheinen Mitglieder von Herrscherhäusern selbst dann wichtig zu sein, wenn sie kaum mehr Herrschaft ausüben und Macht haben, wenn sie eher ornamentale Funktionen haben. Sie stehen für den Traum von Geborgenheit und gelingendem Leben für alle.

Für das alte Israel waren David und Salomo solche Gestalten. Je länger sie tot waren, desto mehr wurden sie verklärt. Je schwächer und egoistischer ihre Nachfolger auf den Thronen waren, desto mehr sehnte man sich nach den großen Rettergestalten des Anfangs mit ihrer Kraft und Weisheit, mit ihrer Güte und Gewalt. Jetzt ‑ in der Epoche des Schrifttextes aus Jesaja ‑ waren die Könige aus dem Hause Davids offenkundig am Ende. Sie hatten abgewirtschaftet und sich durch törichten Größenwahn in die Großmachtpolitik verwickeln lassen. Katastrophale Niederlagen waren die Folge.

Der Lebensbaum des Isai, des Vaters Davids, ist dürr geworden; nur mehr ein Baumstumpf ohne Grün und ohne Triebkraft ist vom Königshaus geblieben. Man muss die Trauer und Resignation einer Spätzeit mithören, wenn wir diesen Text lesen. Mitten in heilloser Zeit gibt es keine Retter- und Heilandsgestalten mehr. Alles wirkt müde und resigniert. Und genau hier ist die Vision behutsam. Sie greift nicht unmittelbar auf David und Salomo zurück. Zu viel ist in deren Zeit nicht im Sinne des Lebendigen Gottes gelaufen. Die Vision ist so angelegt, wie es die Ohnmacht der Adressaten jetzt allein vertragen kann. Der Rückgriff auf Isai verwahrt nämlich die Erinnerung an die Zeit, in der alles noch in Ordnung schien, in der wie bei einem Kind noch alle Möglichkeiten sich entfalten können, in der ein Neuanfang möglich war. Die Vision führt ihre Adressaten in der Elendssituation an einen neuen Ausgangspunkt.

In diese Situation des Elends sind also diese Trostworte für ein Volk gesprochen, das mit sich vollkommen am Ende ist. Ein Volk, das sich erlebt wie ein gefällter Baum. Verschleppt nach Assur und später Babylon, von der Ausrottung bedroht, so wie es die Juden im vorigen Jahrhundert waren, in der Nazizeit. Wie die vielen Völker in unserer Welt, deren Namen wir kaum aussprechen können, verschleppt, verloren, so ist Israel in der Stunde, als dieses Wort ergeht.

Doch Gott sagt zu ihm: Du bist ein abgehauener Baum. Nur, hast Du nie gesehen, dass auch aus einem abgehauenen Baumstumpf heraus noch ein Trieb schießen kann, ein Seitentrieb – und dass damit das Leben weitergeht? "Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln wird wieder Frucht bringen. Der Geist des Herrn wird sich niederlassen auf ihm, und Gerechtigkeit wird der Gürtel um seine Hüften sein" (V 1.2.5). Das Volk, dem dieses Wort in der Stunde äußerster Verzweiflung gesagt wird, wagt zu glauben, dass Gott auch aus einem abgehauenen Baumstumpf heraus noch einmal Leben wecken kann. In demselben Glauben hat dieses Volk nach Auschwitz wieder zu glauben gewagt.

Der Baumstumpf wird wider Erwarten doch noch einmal ausschlagen und grünen. Es wird einen neuen Hoffnungsträger geben. Denn auf den neuen König wird der Geist herabkommen, - nicht zu einem bestimmten einmaligen Tun, sondern als dauerhafte Gabe. Dabei behält jedoch der Geist die Initiative. Alle Gaben wird es nur in Verbindung mit dem Geist geben. Als solche sind sie die bleibende Ausstattung für den Hoffnungsträger. Erst diese Gaben mit ihren Wirkungen befähigen zur Ausübung des Amtes, dessen vornehmste Aufgabe die Errichtung und Bewahrung des Friedensreiches in Gerechtigkeit ist.

In drei Wortpaaren wird beschrieben, was der Geist bei dem zukünftigen König bewirkt, was seine königlichen Charismen sind:

(1) Weisheit und Einsicht
(2) Rat und Kraft
(3) Erkenntnis und Furcht des Herrn

Das erste Wortpaar beschreibt die menschliche Qualifikation für dieses Amt, das zweite die dienstlichen Aufgaben, das dritte betrifft den religiösen Bereich. (In der LXX / Septuaginta kommt eine 7. Gabe hinzu, die Frömmigkeit. Von da aus ist die Siebenzahl dann in die christliche Tradition gewandert, auch weil die Vulgata sich der Septuaginta angeschlossen hat.)

Weisheit meint zuerst das praktische Wissen von den Gesetzen des Lebens und der Welt. Weise ist, wer sachkundig mit den Dingen des Lebens umgeht und sich auf alle Lebensgebiete kundig beziehen kann. Diese auch intellektuelle Ausstattung verhilft dazu, die Ordnung der Welt zur Kenntnis zu nehmen und entsprechend zu verfahren. Wer sich darin einbindet und schöpferisch wirkt, wer Antwort findet auf komplexe Probleme, kann auf das Gelingen der menschlichen Existenz hoffen.

Einsicht bedeutet, seinen Verstand einem Sachverhalt entsprechend zur Anwendung zu bringen. Ohne rechte Einsicht misslingen auch die gut gemeinten Initiativen. Einsicht hat mit Augenmaß und Entschiedenheit zu tun.

Rat umschreibt die Wirkung und die Gabe des Gottesgeistes. Einerseits hängt sie mit Beratung zusammen, aus dem ein Plan entsteht, andererseits gehört unbedingt auch der Entschluss dazu, den gefassten Plan wirklich durchzuführen. Dabei ist entscheidend, dass die eigenen Pläne rückgebunden sind an die Pläne JHWHs. Ein König bedarf des Rates, weil er immer komplizierten Situationen ausgesetzt ist.

Stärke meint Überlegenheit und Kraft, die aus der Übersicht aus der Situation kommen. Diese Gabe ist durchaus konkret auf den Krieg bezogen, in dem es darum geht, die Feinde abzuwehren und ihren Angriffen nachhaltig Einhalt zu gebieten. Zugleich sit Stärke die Gabe, die Anvertrauten wirksam zu schützen.

Erkenntnis meint durchaus praktisches Verhalten mit Bezug auf Gott. Es hat damit zu tun, zu erfahren und wahrzunehmen, wer JHWH ist, und im Handeln entsprechen die Konsequenzen zu ziehen. Es umfasst das, was im "Kennen" eingeschlossen ist: vertraut sein mit etwas / jemandem und zugleich sich lebenspraktisch dafür engagieren. Das "Kennen" Gottes bewahrheitet sich erst im entsprechenden Engagement.

Furcht des Herrn schließlich ist eine Grundhaltung, die dazu führt, dass ich in der komplexen Lebenswirklichkeit die wirksame Gegenwart Gottes zulasse und mich entsprechend richtig verhalte und aus und in dieser Gegenwart Gottes lebe.

Alle Gaben führen dahin, dass das Tun und Verhalten ganz vom Geist Gottes bestimmt werden, dass das ganze Leben transparent ist für Gott und von seinem Wort beansprucht werden kann und ausgerichtet ist auf den, der den Geist gibt, ja dass im Leben ablesbar wird, von wem her und auf wen jemand lebt.

Nun sagt der Text bei Jesaja deutlich, dass der Geist vermittelt durch den König wirkt. So wird die Hoffnung auf dem Kontrasthintergrund der desolaten Gegenwartssituation neu geweckt. Ein neuer David und Salomo wird kommen, in einer Person. Alle positiven Tugenden der Gründerväter wird er wie geballt in sich vereinigen, und man spürt, wie hier die Sehnsucht der Menschen eine messianische Heilsgestalt malen. Dieser neue Hoffnungsträger von Gottes Gnaden wird etwa die Gottesfurcht eines Abraham und eines Mose haben, die Kampfkraft und Regierungskunst eines David, die Weisheit eines Salomo. Er ist kein dümmlicher Dilettant, der in seinem Urteil völlig abhängig ist von seinen Hofschranzen. Er hat vielmehr Sachverstand und Durchblick. Er kann planen und hat Kraft zur Entscheidung und Durchführung. Vor allem: Er ist ganz an Gottes Willen orientiert, und deshalb hat er besonders die Not der Armen und Rechtlosen im Auge.

Er heult nicht mit den Wölfen und paktiert nicht mit den Mächtigen. Er ist in souveräner Weise unbestechlich und überparteilich. Er folgt keinen Cliquen und Lobbies. Er bildet sich selbst ein Urteil. Eine ganze Litanei all der Eigenschaften, die gemeinhin selten sind unter uns Normalmenschen. Abgelesen ist das, was er nicht tut, an dem, was die Menschen an den konkreten Herrschern erlebt haben, die den Untergang Israels bewirkt haben.

Kein Wunder, dass die frühe Kirche all das in Jesus Christus erfüllt sah, im neuen unerwarteten Sohn Davids aus Mariens Schoß. Schon in den Erzählungen seiner Taufe wird nachhaltig betont, dass der Geist Gottes auf ihn herabkam und sich auf ihm niederließ. Für die Christen ist Jesus der Seitentrieb der untrüglichen Hoffnung.

In sich ist das Kapitel Jes 11 sorgfältig gegliedert und legt viele Bezüge frei. Die Schilderung des Endgerichts gegen die gewalttätige Macht Assur gipfelt in der Beschreibung der totalen Verwüstung von großgewachsenen, imposanten Bäumen als Metapher dieser selbstherrlichen Macht (s. Jes 10,33-34). Doch in eins damit, aus demselben Handeln Gottes, beginnt eine neues Geschehen, das Jes 11 umfasst. Damit wird indirekt die Frage aufgenommen, ob die Entwaldung das letzte Wort ist, ob es Hoffnung auf eine gerechte Weltordnung gibt. Die Gliederung des Kapitels zeigt die atemberaubende Perspektive aus JHWHs Handeln. Denn aus dem toten Baumstumpf Isais wächst das Reis, das vollkommene Werkzeug des Geistes JHWHs, und tritt seine Herrschaft zur Sicherung des Weltfriedens an (11,1-5). Die Folge seiner gerechten Herrschaft ist vollkommene Harmonie (11,6-9), die dadurch geprägt ist, dass es am Ende zu einem völlig konfliktfreien Umgang, einem Spiel zwischen dem Menschen in seiner wehrlosesten Erscheinungsform als Säugling und dem Tier in seiner heimtückischsten und gefährlichsten Gattung (Loch / Viper) kommt. Undenkbares wird Wirklichkeit: Böses und Gewalttat werden zur Utopie, für sie ist kein Platz mehr.

Jes 11,10 bindet die folgenden Verse 11-16 an Vers 1-9 an. Hier wird das "Reis" (V1) als "(Feld-)Zeichen für die Nationen" ausgelegt, das ihre Aufmerksamkeit erregt und ausrichtet auf Gottes Handeln. Der Abschnitt 11,11-16 besteht aus 2 Segmenten: Gottes Handeln hat jeweils Folgen (11-14/15-16). Die Herrschaftsvision wird in ihren Konsequenzen für die Völkerwelt beschrieben. Neben dem Ende der Tyrannei und der Neuordnung der Völkerwelt gibt wohl auch der Wunsch nach der Wiederherstellung des davidischen Königtums (V 13-14) dem Abschnitt eine besondere und auch fremde Färbung. In allem erscheint JHWH als Herrscher, der sein Volk Israel nicht aufgibt, auch wenn es der "Rest seines Volkes" (V 11) ist. Er führt es zum Zion und alles wird ohne Gewalt geschehen. Mit dem Reis aus Isais Stamm beginnt das Gottesvolk seine Geschichte aufs Neue, es beginnt einen neuen Exodus (s. 11,15-16).

Aus dem Wirken des unerwarteten, wenngleich ersehnten Hoffnungsträgers bildet sich das messianische Reich. Er ist das Scharnier zwischen der Zeit des Elends und dem messianischen Paradies. Nur, wie soll man daran glauben? Wir können nicht glauben, ohne dass wir im Herzen immer wieder sagen: Wir bekennen es vor Dir, Gott, wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, dass es mit unserer Welt, mit unserem Leben noch hoffnungsvoll weitergehen könnte. - Sind wir nicht in den letzten Jahren wirklich Zeugen geworden, dass der Wolf einkehren kann beim Lamm? Großmächte, die sich wie Raubtiere gegenseitig in Schach gehalten haben, lernen einander zu trauen, vorsichtig. Wie lange wurden das ganze Geld, die ganze Intelligenz und die ganze Konzentration darauf verwendet, das Gleichgewicht der Schrecken aufrecht zu erhalten. Immer wieder ist zu erleben, dass tatsächlich Waffen zur Seite gelegt werden, wie man sich darum bemüht, sich mit den kleinen Völkern der Erde an den Verhandlungstisch zu setzen, - in Fragen des Klimawandels, der Sicherung der Finanzmärkte und anderer Fragen. Wie viele sich den Kopf darüber zerbrechen, dass es im Nahen Osten, in Nordafrika, in Afghanistan, im Irak, in Korea und anderswo Frieden geben kann. Wie viele sich darüber Sorgen machen, dass alle Völker eine Lebenschance erhalten! Wir erleben es, dass tatsächlich der Sinn für Gerechtigkeit und nicht mehr nur der Sinn für Wachstum, Expansion und Gewinnmaximierung unter uns Platz greift, dass es wirklich Menschen gibt, die sagen: Schluss mit den Zinsen, die wir reichen Nationen erheben, Schluss mit dem Aufrechnen dessen, was wir da in die sogenannte Entwicklungshilfe hineingesteckt haben. Wir kommen nur gemeinsam weiter, wenn wir wirklich einander begegnen, wie in dieser Paradiesesgeschichte: die Starken und die Schwachen, die Tiere und der Mensch.

Und es ist nicht anders in der Kirche. Was heißt es, als Kirche den Weg Gottes zu gehen? Was ist mit all den machtvollen Darstellungen und Plänen, mit all dem Beharren auf dem, was sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet hat, was nicht selten eine Unbeweglichkeit mit sich bringt, manches wie tot aussehen lässt?

Ich glaube diesem Wort des Jesaja, dass diese Vision nur wahr wird, wenn wir wirklich den Weg Gottes gehen. Wenn das nicht nur ein bisschen Taktik ist für die ersten Übergangszeiten, sondern wenn wir wirklich den Weg gehen, den Gott gegangen ist, als er Gast wurde bei uns, ein Kind wurde unter uns. Dieser kleine, tapfere Glaube, der Glaube an den Seitentrieb, ist auch der erste Glaube der Christen. Auch sie haben sich nicht anders gefühlt als eine ganz kleine Herde, als ein Seitentrieb. Sie haben auch Jesus nicht anders gesehen: Er ist ein Seitentrieb, der noch einmal austreibt, weil Gott mit seiner Welt noch nicht zu Ende ist. Er ist arm geboren, er ist arm gestorben, doch Gott wird durch ihn diese Welt verwandeln. So haben die Christen angefangen zu glauben. Und ich meine, das ist auch die wunderbare Trostbotschaft, die große Frage an uns: "Wagt ihr daran zu glauben?" Auch in dieser Weltstunde? Auch am Beginn des dritten Jahrtausends? Auch in einem Augenblick, wo der Weltenbaum morsch zu sein scheint und zusammenzubrechen droht? Wagt ihr daran zu glauben, dass es diesen Seitentrieb Hoffnung gibt? Es ist herausfordernd, wie der Text zusammenhängt: Der geistbegabte Hoffnungsträger ist die Ermöglichung des neuen Paradieses.

Der zweite Teil der Vision zeigt, dass der paradiesische Frieden nicht im leichten Zugang zu erringen ist. Aussöhnung geht bis in die tiefsten Wurzeln des Herzens. Die geheimen Bilder von Restauration lassen sich möglicherweise so verstehen, dass hier die ursprünglichen, gottgewollten Verhältnisse wiederhergestellt werden. Sie dienen dem Ziel, dass das Volk des Herrn nun das Land der Zerstreuung verlassen und im Land des Herrn wohnen kann, als sein Volk. Dann kann die Utopie des atemberaubenden gewaltfreien Miteinanders Wirklichkeit werden. Doch zuvor ist immer wieder die Ohnmacht angesichts der messianischen Verheißung auszuhalten. Diese Ohnmacht bringt unerhörte Spannungen mit sich, die auszuhalten nur in der Kraft des Geistes möglich ist.

Es gilt für das Zusammenleben unter uns. Alles auf der großen Weltbühne ist doch getragen von Menschen, - von Menschen in ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, von ihrem Anfangen aus einer Hoffnung, weg von der Todesspirale. "Entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding." So singen wir an Weihnachten. Wenn wir den Weg Gottes gehen, dann ist Hoffnung für unsere Welt, und darin liegen die Freude, die Verheißung und der Ernst der Hoffnung. Dass wir wirklich umdenken und umkehren, wie der es sagt, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. "Wenn ihr nicht umkehrt und wieder werdet wie Kinder, könnt ihr in das Reich der Himmel nicht hineinkommen" (Mt 18,3). Wenn ihr nicht umdenkt und umschaltet, wenn ihr nicht aufhört, Geld und Macht und Waffen gegeneinander aufzubauen, wenn ihr nicht das alles an der Seite lasst und das Vertrauen von Kindern zueinander gewinnt, könnt ihr eine Welt, in der Kinder wirklich Zukunft haben, nicht aufbauen.

Vielleicht ist der Zuruf des Jesajawortes: Wenn das gelingt, wenn ihr in eurem eigenen Innern das Kind wiederentdeckt, das doch in jedem von euch steckt, das Kind mit seiner Sehnsucht nach Hoffnung und nach Vertrauen, wenn ihr dieses Kind in euch wieder lebendig werden lasst, könnt ihr an einer neuen Welt mitbauen; dann werdet ihr auch den Kindern, die unter euch aufwachsen in dieser Welt, eine Chance einräumen, ihnen eine Welt zu hinterlassen, in der auch für sie noch Hoffnung ist.

Das Wort des Jesaja führt uns wieder an die Wurzel, führt dahin, dass wir wieder an den Seitentrieb der Hoffnung zu glauben wagen, bei uns selbst und bei denen, mit denen wir umgehen, auch wenn es aussieht, als sei da kein Leben mehr. Oft wächst es an unerwarteter Stelle neu. Das Wort wünscht uns wohl auch, dass wir die Kindersehnsucht und die Kinderträume in uns nicht begraben, sondern sie mit den Kindern wichtig nehmen und in der Kraft des Geistes Gottes wahrmachen.

Anregung für eine Bibelarbeit:

Gebet zur Eröffnung:
Du lebendiger Gott,
mit deinem Wort
kommst du uns entgegen.
Öffne unsere Ohren und unser Herz,
dass wir unter den vielen Worten,
die erklingen,
heute das eine hören,
das uns stärkt,
das uns tröstet,
das uns fordert
und das uns voranbringt
auf dem Weg zu dir.
Dir sei Lob in Ewigkeit.
(Egbert Ballhorn)

1. Auf den Bibeltext zugehen:
- Leiter(in) schlüsselt das Wort "Paradies" in seiner vielschichtigen Bedeutung in der Heiligen Schrift auf.
- Frage in den Kreis, welche Assoziationen sich einstellen, welche literarischen Zeugnisse evtl. bekannt sind, welche Vorbedingungen für ein "paradiesisches Leben" erfüllt sein müssten.
- Bezüge zur gegenwärtigen weltpolitischen Situation herstellen

2. Dem Bibeltext begegnen:
- Der Schrifttext Jes 11,1-16 wird reihum gelesen; dabei ist hilfreich, wenn allen Tln ein strukturierter Text vorliegt; Sachfragen können aufgenommen und besprochen werden; die Struktur des Textes sollte in ihrem inneren Zusammenhang erschlossen werden.
- Ein Bild von einem Zweig aus einem gefällten Baumstamm sollte allen in die Hand gegeben werden, um konkrete Einfälle bzw. Erinnerungen dem Text aus Jesaja zuzuordnen.
- Die Geistesgaben sollten in ihrem Gefüge erschlossen werden. Dann können Parallelen zu den Geistesgaben gesucht werden, auch wie sie in kirchlichem Zusammenhang verstanden werden.

3. Mit dem Bibeltext weitergehen:
- Alle Tln bekommen ein Blatt und könnten folgenden Satz ergänzen: "Wenn ich dem "Reis aus dem Stamm Isai" etwas ans Herz legen und bitten könnte, dann möchte ich ihm sagen …"
- Alle bekommen einen Zettel mit einem Schriftwort: Jes 51,3; Jes 33,21; Sach 14,8; Jes 27,6; Jes 30,23-25; Jes 65,25; Jes 9,6; Hos 2,20; Jes 65,20-24; Sach 8,4-5; Jes 25,8; Jes 26,19; Jes 25,9-12; Jer 31,31-34; Offb 2,7; entsprechend sollte jede/r den zugeteilten Text vortragen und in Verbindung mit dem zuvor ergänzten Satz bringen.
- Psalm 126 zum Abschluss beten

Buchhinweise

Ulrich Berges, Jesaja. Der Prophet und das Buch (BG 22), Leipzig 2010

Willem A. M. Beuken, Jesaja 1-12 (HThKAT), Freiburg-Basel-Wien 2003

Edmund Arens (Hg.), Zeit denken. Eschatologie im interdisziplinären Diskurs (QD 234), Freiburg-Basel-Wien 2010

Zum Herunterladen:

  1. Leitet Herunterladen der Datei einBibelarbeit zu Jesaja 11, 1-16: "Man tut nichts Böses mehr …"

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de/bibelarbeiten

Text: Spiritual Dr. Paul Deselaers, Münster, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de) in Kooperation mit kirchensite.de – online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de) | Foto: twinlili (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.pixelio.de)
Januar 2011

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