
Patmos.
Impuls von Hermann-Josef Silberberg: Bruchstellen
Die Höhle der Offenbarung
Eine Reiseleiterin will mich unbedingt beiseite schieben. Warum? Hinreichend freier Raum und nur wenige Besucher. Ich stoße mit meinem Kopf an einen dreifach gerissenen Felsspalt. Wie sich herausstellt: der magische Punkt der Offenbarungsgrotte des Sehers von Patmos. Der Legende nach die "Einbruchsstelle" des Heiligen Geistes. Ein heiliger Ort. Hier geschah Offenbarungsempfang. So feierlich muss man es ausdrücken.
Ein Haftpunkt des Himmels
Was der unbekannte Seher später beschreibt, muss ihm teilweise selbst widerfahren sein. So spricht der Herr: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und mir öffnet, werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten, ich mit ihm und er mit mir" (Offb 3, 20).
Verbannt oder freiwillig auf der Insel, der Seher war bereit im Dunkelraum einer Höhle. Er hat Gottes Klopfen gehört und sein inneres Gehäuse geöffnet. Er hat ihn eingelassen, seine Stimme und seine Botschaft.
Die Höhlenlegende spricht von einem "Einbruch Gottes". Das klingt nach Gewalt, gebieterischem Klopfen und Überwältigtwerden. Keine sanfte Gottesberührung wie bei Elija in der Wüste. Der Lebensfluss wir jäh gestört, das Gleichmaß eines schönen Inseldaseins plötzlich unterbrochen. Gott meldet sich zu Wort, von außen, von oben, von anderswoher: "Ich hörte eine Stimme, die ich noch nie vernahm" (Ps 81,6)! Offenbarung geschieht, widerfährt ihm. Der Mann auf Patmos denkt sich nichts aus, sondern empfängt Botschaften. Gott lässt ihn hören und sehen, was er ihm mitteilen will.
Die Felsspalten in der Höhlendecke deuten symbolisch darauf hin, dass hier ein Lebensgehäuse erschüttert wird. Risse entstehen, Bruchstellen, Einlassstellen. Wir wissen nicht, was das Leben des Sehers von Patmos erschüttert hat, was ihn für die göttliche Stimme bereit und empfänglich gemacht hat. Ob der Panzer einer natürlichen Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit erst aufgebrochen werden musste, damit Gott eintreten konnte?
Eine Stimme, laut wie eine Posaune
Wir möchten gern mehr erfahren, was geschieht, wenn Gott sich mitteilt, öffnet, offenbart: "Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat" (Offb 1,1). "Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine Stimme, laut wie eine Posaune", sagt der "Bruder Johannes" (1,9.10). Die Stimme sprach: "Schreib, was du siehst, in ein Buch und schicke es an die sieben Gemeinden" (1,11)!
Das Hören wird vom Schauen überlagert. Der Seher von Patmos hat Visionen von dem, "was bald geschehen muss" (1,1). Offenbarung deckt etwas auf. Die großen Propheten der Geschichte Gottes mit den Menschen kritisieren zunächst die jeweils herrschenden Verhältnisse und formulieren ihre Vision einer heileren Welt im Namen Gottes. Sie ermutigen zu einem Leben, das der Wahrheit Gottes und des Menschen entspricht.
Die frühesten Weisungen Jahwes ergingen an Nomaden und Hirten, spätere an Bauern und Sesshafte, schließlich an Stadtbewohner mit ihren spezifischen Lebensnöten. Je nach Kultur und Sprache musste die Ermutigung zum Leben anders aussehen als zur Zeit des Sehers auf Patmos. Er steht am Ende einer tausendjährigen Offenbarungsgeschichte. Sein Werk ist das letzte Buch der Bibel. Es enthält zeitbedingte Ausblicke auf das "Letzte" des Lebens und der Geschichte.
Wir stehen heute oft ratlos vor seinen historisch eingefärbten Visionen und Sprachgebilden. Aber die Kirche hat sie ins Neue Testament übernommen. Denn "Gott hat auf vielerlei Weise gesprochen" (s. Hebr 1,1), von Abraham bis zu Johannes auf Patmos, vor allem aber "durch seinen Sohn"! Er ist für Christen der Offenbarer schlechthin. Seine Botschaften sind "voll von Ewigkeit" (J. A. Heschel).
Meine Augen haben das Heil geschaut
Wenn wir die heiligen Schriften lesen, hören oder betrachten, stellt sich in der Regel nicht sofort die große Erleuchtung ein. Manchmal werden wir etwas aufgeschreckt in unserer Art, unbekümmert und wie selbstverständlich dahin zu leben. Auch kennen wir positive Momente, in denen die Worte der Bibel mit unserem Leben korrespondieren.
Häufiger werden jedoch unsere Bahnen vom "Wort des Lebens" unterbrochen. Die Risse in der Felsenhöhle von Patmos galten als Einlasstore "des ganz Anderen". Jähe Unterbrechungen des alltäglichen Lebensflusses und die Bruchstellen in unserer Biographie signalisieren Vergleichbares, wenn wir bereit sind.
Ob krisenhafte Erschütterungen oder nur normale Schnittstellen in einem Lebenslauf, an denen wir unsicher, durchlässig oder besonders offen sind, sie machen uns empfänglich für "Weisungen" und "göttlichen Beistand". Die Kirche "vermittelt" ihn in der Verkündigung und in Gestalt der sieben Sakramente.
Auserwählten Offenbarungsempfängern wurde die gläubige Lesart und Deutung auch unserer Lebensgeschichte in besonderem Maße geschenkt. Was ihnen "einleuchtete und offenbar wurde", bleibt maßgebend für alle künftigen Deutungen. Deshalb bitten wir immer wieder darum, dass auch unsere Augen geöffnet werden für das Wunderbare dieser Weisungen.
Die Offenbarungsworte sind für die Empfänger keine illusionären Gespinste, sondern "Worte ewigen Lebens". Sie "ergingen an sie" oder "seine Rede geschah zu ihnen" mit der Seinsmacht Gottes. Manchmal wehrten sich die Empfänger, meistens nahmen sie die Weisungen demütig auf wie Maria
.
Auch heute kann der Gläubige beten:
Gepriesen sei der Herr, der Wunderbares an mir getan, und mir seine Güte erwiesen hat (Ps 31,22):
- mir einen Zugang schenkt durch alles Zeit- und Kulturbedingte hindurch,
- ein Gespür für die Heiligkeit seiner Weisungen jenseits aller textkritischen Fragen,
- die Erfahrung, IHN in seinem Wort zu finden.
Mit der Bibel, dem Buch der Offenbarungen, hat Gott "ein Gedächtnis seiner Wunder gestiftet" (Ps 111,4). Sie bietet uns keine persönliche Auskunft an und enthält keinen "Strömungsfilm" über unserer nähere Lebenszukunft. Sie öffnet unsere Augen für das Wirken Gottes in Schöpfung, Geschichte und unserer eigenen Lebenswelt: Gott wirkt wie Liebe wirkt und zeigt uns durch Jesus von N. den Weg, auf dem die Gottesherrschaft kommt.
Wer dem Offenbarer nahe gekommen ist, kann in das Lied des greisen Simeon einstimmen:
Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden, denn meine Augen haben das Heil gesehen, dass du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. (Lk 2,29-32)
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Text:
Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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