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Seite: Fragen + Glauben
29.06.2017
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Sodom und Gomorra

Schwefel und Feuer regnen auf Sodom und Gomorra herab (Gen 19,24).

Bibelarbeit zu Genesis 18:

"Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden"

Der biblische Text lässt aufhorchen. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Zunächst, weil dort in einer – wie ich finde – sehr schönen Weise das Verhältnis beschrieben wird, das wir Menschen zu Gott haben dürfen. Nämlich nicht das einer beziehungslosen und bloß auf Riten reduzierten Anbetungshaltung, auch nicht das einer abgestumpften und lau gewordenen Unverbindlichkeit, sondern das einer echten Freundschaft. Abraham, der zu Recht auch der "Urvater des Glaubens" genannt wird, lädt uns – könnte man sagen – ein, es ihm nachzutun: Er spricht mit Gott wie mit einem guten Freund, dem er vertraut. Er spricht mit Gott über alles, was ihn bewegt. Er ringt sogar mit Ihm - um einer guten Sache willen! Und Gott: Er lässt sich tatsächlich darauf ein, weil er ein liebender Gott ist, der uns Menschen nahe sein will, dort, wo wir das Leben leben.

Manchmal erzählen Menschen, dass sie traurig sind über das, was das Leben ihnen zumutet. Einige sagen sogar, dass sie betrübt sind über das, was Gott ihnen zumutet. Auf die Frage jedoch, ob sie Ihm das schon einmal gesagt haben, reagieren nicht wenige mit einem leicht verlegenen Kopfschütteln. Nach dem Motto: "Das darf man doch gar nicht. So kann man doch gar nicht beten!"

Viele meinen: Gebet – das ist Bitte, Dank und Lob. Und damit hat es sich dann. Der Blick auf die Erzählung Genesis 18 lädt uns ein, einen Schritt weiter zu gehen. Sie sagt: Du darfst mit Gott reden. Wie mit einem Freund! Wie kümmerlich erschiene eine Beziehung zu diesem Gott, wenn sie sich allein im Abspulen vorgefertigter Gebetsreime erschöpfen müsste!

Ich versuche, mir einen Menschen vorzustellen, zu dem sich mein Kontakt in Bitte, Dank und Lob erschöpft. Spontan fällt mir ein sehr netter Mitarbeiter unserer Diözesanbibliothek ein: Bei ihm bestelle ich Bücher und theologische Zeitschriften. Wenn die Sachen kommen, bestätige ich den Empfang. War es eine komplizierte Bestellung, bedanke ich mich natürlich noch ausdrücklicher als sonst.

Gut und schön. Aber müsste man einem Freund nicht mehr sagen können? Etwa: "Das da hat mich gefreut, das geärgert. Hier habe ich Sorge um etwas, und dieses und jenes hast Du wirklich sehr gut gefügt!" - Ohne solche Sätze gäbe es Geschäftspartner, aber keine Freundschaft.

Gott, so sagt es uns die Heilige Schrift immer wieder, ist für uns wie ein Freund, ja sogar wie ein liebender Vater. Warum reden wir dann nicht auch mit ihm wie mit einem Freund?

- Das ist die erste wichtige Botschaft dieser biblischen Erzählung, die sich wie eine Klammer um das Ganze legt: Gott, der Heilige Israels, ist nicht fern von uns. Er ist keine unbestimmbare Größe, keine numinose Energie, sondern ein Gott der Geschichte, einer, von dem die Schrift sagt, dass es seine Freude ist, unter den Menschen zu wohnen. Und als einen solchen, als einen, mit dem wir in unserem Leben rechnen dürfen und der uns in Freundschaft nahe sein will, dürfen wir uns ihm im Glauben nähern. So wie Abraham.

Das ist grundlegend. Hinzu kommt eine Facette Gottes, die bei den Menschen heute mitunter ein wenig in Vergessenheit zu geraten scheint oder sogar bewusst verdrängt wird. Genesis 18 erzählt nämlich auch von einem Gott, dem es nicht nur nicht egal ist, wie wir Menschen leben, sondern der – freilich auf seine eigene, besondere Weise - zur Verantwortung zieht und also Rechenschaft über ein gelebtes Leben fordert. Das hören wir heute nicht gerne. Lieber erscheint manch einem jene weithin unbestimmte höhere Macht, die uns Glück bescheren, ansonsten aber in Ruhe lassen soll. Die Vorstellung mag nicht verwundern: Religionspädagogen, Katechetinnen und Katecheten hatten sich insbesondere im Nachklang der 60iger Jahre sehr stark auf die Betonung der – wie es oft hieß – "hellen Seiten Gottes" konzentriert. Dabei hatte man natürlich Gutes im Sinn: Man wollte die kirchliche Verkündigung aus früherer Engführung befreien, wo es anscheinend nur Sünde, Teufel und Höllenstrafe gab, und stattdessen die Strahlkraft und Weite des Evangeliums neu vor Augen führen. Doch so falsch das eine war, so verkürzt ist auch das andere. Genesis 18 ermutigt uns zu einer tieferen Sicht der Dinge: Gott ist ein Gott der Liebe und der unbedingten Zuwendung zu den Menschen. Aber diese Liebe will als solche an- und ernst genommen werden. Es ist nicht einfach egal, ob Menschen den An-Ruf der Liebe Gottes in den Wind schlagen oder ob nicht.

Der Text: Gen 18, 20-33

20: Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.
21: Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.
22: Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.
23: Er trat näher und sagte: Willst Du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?
24: Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst Du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?
25: Das kannst Du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst Du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?
26: Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.
27: Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.
28: Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst Du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.
29: Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er. Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.
30: Und weiter sagte er: Mein Herr, zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.
31: Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten.
32: Und nochmals sagte er: Mein Herr, zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.
33: Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg, und Abraham kehrte heim.

Hintergründe:

Ein Ringen mit Gott
Abraham ringt mit Gott. Es geht um die uralte Menschheitsfrage: Wie kann es der gerechte Gott, "der die ganze Erde richtet" (V25), zulassen, dass "Gerechte mit Frevlern dahin gerafft werden" (vgl. V23)?  Sollte Gott nicht, um die Gerechten zu schonen, davon absehen, die schuldverfallene Stadt zu vernichten? Das ist die Frage, die Abraham treibt. Es geht hier nicht etwa um Fürbitte für Sodom, auf die weder formal noch inhaltlich etwas im Gespräch verweist.

Nachdem Jahwe vor Abraham stehen geblieben war (V22b), ergreift dieser nun die Gelegenheit, das Problem, das ihn bedrückt, dem Richter der Welt (vgl. V25) vorzutragen. Zunächst noch vorsichtig, von Mal zu Mal mutiger, bringt Abraham seine fragende Bitte vor – sogar auf die Gefahr hin, dahingehend missverstanden zu werden, er wolle in Gottes Heilsplan hineinreden. In sechs Anläufen kommt er auf seine Sache zu sprechen (V23b-25/ 27-28a/ 29a/ 30a/ 31a/ 32a), und Jahwe gibt ihm geduldig auf alle Fragen hin Recht (V26/28b/29b/30b/31b/32b).

Erster Redegang (VV23-26)
Abraham tritt an Jahwe "heran" (V23a), um ihm die Frage zu stellen, die ihn bewegt. Es ist das erste Mal, dass ein Mensch im Gespräch mit Gott nicht bloß antwortet, sondern anfängt, zu reden (B. Jacob, Genesis 450).

"Willst Du wirklich Gerechte mit Frevlern dahinraffen?" (V23b). Die programmatische Frage steht als Überschrift über dem Ganzen, alles Folgende ist von hier aus zu verstehen. Sie versperrt zugleich eine Interpretation, die darauf abhebt, es ginge Abraham mehr um "einen Strafaufschub für das ganze Gemeinwesen" wegen einer kleinen Zahl Unschuldiger denn um deren Verschonung. Der letzte Vers der Rede Abrahams schafft Klarheit: Kann Jahwe wirklich "Gerechte mit Frevlern (…) töten, so dass es dem Gerechten erginge wie dem Frevler?" (V25). Sollte Jahwe, "welcher die ganze Erde richtet, nicht Recht üben" (V25), d.h. den Unschuldigen gerecht und den Schuldigen schuldig sprechen (vgl. Dtn 25,1)? Die rhetorischen Fragen in V23 und V25 lassen erkennen, worum es Abraham geht: Jahwe kann als gerechter Richter nicht derlei tun! Die Frage, die damit im Raum steht, lautet, ob Gott nun
die schuld- und sündenbeladene  Majorität Sodoms, welche die Vernichtung verdient hat, um des Überlebens einer Minorität in ihr wohnender Gerechter willen vom Untergang verschont.

Der Erzähler, der überzeugt zu sein scheint, dass sich auch in der verderbtesten Stadt noch Gerechte finden, will also sagen: Da Gott die Gerechten nicht einfach mit den Frevlern töten will, wird er keinen ganzen Ort auslöschen. Allerdings kann Er als Richter der ganzen Welt (vgl. V25) die tatsächliche Schuld von Menschen auch nicht einfach ignorieren. Vergebung geschieht hier nicht blindlings und unter Absehung von Schuld, sondern geradewegs und im Angesicht von Sünde und Todverfallenheit. Indem Jahwe den Ort aus der Verhaftung mit der Schuld der Vielen herausnimmt, verschont er zusammen mit dem Ort auch die Mehrheit seiner sündigen Bewohner vom Untergang. Gott macht also die Vergebung der vielen von der Gerechtigkeit der wenigen abhängig.

Wie klein darf die Gruppe von Gerechten am Ende ausfallen, um deretwillen Verschonung gewährt wird? Abraham beginnt in V24 mit der angenommenen Zahl von 50 Gerechten. Die Fünfzigschaft bildet im Bereich des Militärs und nach Ex 18,21.25 eine Untergruppe innerhalb eines größeren Ganzen. Jahwe bestätigt: 50 Gerechte reichen, um der sündigen Stadt zu vergeben (V26). Aber werden sich dort 50 Gerechte finden lassen?

Zweiter Redegang (V27-28)
Abraham ist sich der Brisanz seines Redens mit dem "Herrn" (adonai) bewusst. Es erscheint ihm nahezu tollkühn, aus eigenem Antrieb heraus das Gespräch mit Jahwe, dem Heiligen Israels, zu suchen und zu wagen, zu reden – schließlich ist er nur "Staub und Asche" (V27). Die formelhafte Wendung (vgl. auch Hiob 30,19; 42,6; ähnlich Jes 40,5) hebt hier die Größe und Heiligkeit Gottes besonders hervor.

Abraham setzt den Fall, dass an den 50 Gerechten fünf fehlen könnten. Er ist ein Anwalt für die Gerechtigkeit. Und er hat sich in der Vergebungsbereitschaft Jahwes nicht getäuscht.

Dritter bis sechster Redegang (V29-32)
In weiteren vier Anläufen (V29.30.31.32) setzt Abraham die hypothetische Zahl von Gerechten ohne weitere Erklärungen zunächst um 5 auf 40, dann – jeweils um 10 – auf 30, 20, schließlich auf 10 hinab, um daraufhin von sich aus das Gespräch abzubrechen (vgl. V32).
Dabei nimmt er das Stichwort "finden" aus Jahwes Antwort (V28b) auf (V29, entsprechend V30.31.32): "vielleicht finden sich dort nur 40" (V29). Der Herr antwortet von nun an ebenso kurz und bündig: "Ich will es nicht tun (d.h. vernichten)" (V29.30) bzw. "Ich will nicht vernichten" (V31.32): "um der vierzig" (V29), "um der zwanzig" (V31), um "der zehn willen" (V32). Beim 4. und 6. Anlauf schickt Abraham eine Beschwichtigungsformel "Ach, Herr, zürne doch nicht" (V30.32) voraus, während er beim 5. Anlauf das Bekenntnis der Unerhörtheit seiner Intervention von V27 wiederholt (V31). So bleibt trotz der Kürze die Besonderheit des von Abraham gewählten Weges gewahrt, die nur Dank der unendlichen Zuneigung Gottes möglich sein kann.

Aufs Ganze gesehen kündet Gen 18 von Gottes Gerechtigkeit, aber auch von Gottes Liebe und Vergebungsbereitschaft. Die Zuwendung Jahwes geht soweit, dass er sich von Abraham sogar an die eigene Prärogative erinnern lässt, "der (gerechte) Richter der ganzen Welt" zu sein (V25), wenn es darum geht, dass einer verdorbenen Stadt der Untergang droht (vgl. V17.20.21). Abraham plädiert für eine Eingrenzung der Strafgerechtigkeit um jener göttlichen Gerechtigkeit willen, die nicht zulassen kann, dass Gerechte zusammen mit Frevlern vernichtet werden (VV23-32). Jahwe stimmt dieser Eingrenzung zu, auch wenn eine sündenverfallene Mehrheit um einer gerechten Minderheit willen der gerechten Strafe entgeht.

Die in Gen 18 entfalteten theologischen Topoi der Verschonung der Sünder  und des Verzichtes auf gerechte Strafe  werfen ein Licht auf das stellvertretende Sühneleiden des leidenden Gottesknechtes (Jes 53). Jes 53 entwirft die große Hoffnungsperspektive, dass die "Vielen" geheilt werden durch den leidenden Gerechten, der leidet, nicht obwohl, sondern weil er gerecht ist. In der Fluchtlinie solchen Nachdenkens über den unermesslichen Heilswillen Gottes scheint schließlich und endlich Jesus Christus selber auf, der als der Unschuldige für die Vielen Tod und Sünde auf sich nahm und sein Leben hingab als Lösegeld (Mk 10,45), um durch die Kraft der Auferweckung die Macht der Sünde zu brechen (vgl. Röm 6,9; 1Kor 15,54f.).

Vorschlag für ein Bibelgespräch

Ankommen
Gemeinsam singen oder beten: "Ich steh’ vor Dir mit leeren Händen, Herr" (GL 621, 1+2)

Lesen
Jemand liest Gen 18 vor

Klären
Inhaltliche Fragen werden besprochen.
Was spricht an?
Wo setze ich ein Fragezeichen?

Nach-Denken
Bischof Dr. Reinhard Lettmann gibt in einem seiner Bücher (R. Lettmann, Lebensnahes Beten. Gedanken über unser Sprechen mit Gott, Kevelaer 1979, S. 31ff.) zu bedenken:

Walter Kasper bezeichnet das Gebet als den "Ernstfall des christlichen Glaubens" (Einführung in den Glauben, Mainz 1972, S. 79). Ist unser Gebet wirklich so ernst zu nehmen?
Was geschieht im Gebet? Wir stehen vor Gott. Wir wissen uns von ihm angesprochen und öffnen uns ihm. Wir lassen uns von ihm ergreifen und lassen uns auf ihn ein. Genau das aber ist Glauben. Gebet ist Vollzug des Glaubens, Wirklichwerden des Glaubens. Das Gebet ist der Ernstfall des christlichen Glaubens.
Beten ist nur möglich aufgrund des Glaubens an die Wirklichkeit Gottes. Andernfalls ginge das Gebet in die Leere, würde sinnlos. Das Gebet ist ein Bekenntnis des Glaubens an Gott.
Das Gebet, auch das stille Gebet ohne Worte, ist Antwort auf die Wirklichkeit Gottes und sucht nach Antwort. Wort und Antwort aber gibt es nur zwischen Personen. So setzt das Gebet voraus, dass Gott nicht irgendeine unpersönliche Kraft, ein letztes Geheimnis in Form eines "Es" ist, sondern eine Person, die ansprechbar ist, die das Gebet hören kann und die in der Lage ist, es auch zu erhören und zu beantworten.
Das Gebet lebt von dem Glauben, dass Gott sich dem Menschen zuwendet und dass er für den Menschen da ist. (…) Wer betet, rechnet mit der Wirklichkeit Gottes. Er spricht nicht nur über Gott, sondern spricht ihn an. Das Gebet ist Stellungnahme zur Wirklichkeit. Stellungnahme bedeutet aber auch Entscheidung. Im Gebet zeigt sich die Entscheidung des Glaubens in der Hinwendung des Menschen zu Gott. Der betende Mensch nimmt Stellung zu Gott, aber auch zu seiner eigenen Wirklichkeit. Er weiß sich als Geschöpf Gottes. Diese Bezogenheit auf Gott ist unverlierbar und unaufgebbar. Im Gebet nimmt der Mensch sie nicht nur zur Kenntnis, sondern verwirklicht sie.
Im personalen Gegenüber zu Gott verwirklicht der Mensch sein Menschsein. Er wird im Gebet zum Gesprächspartner Gottes.
(…)
Das Gebet ist der Ernstfall des christlichen Glaubens. Wenn es so ist, dann gibt es keinen Glauben ohne das Gebet. Gebet ist wesentlich für den Glauben. Es ist keine Nebensächlichkeit, keine Randerscheinung. Es hat vielmehr für das christliche Leben allergrößte Bedeutung.

Bischof Reinhard schreibt weiter (ebd. S. 22ff.):

Wir sprechen zu Gott wie zu einem Menschen. Dürfen wir das?
"Gott, merk auf meine Hilfe! Herr, eile mir zu helfen!" Aus diesem Wort spricht eine Kühnheit, die nur aus der Vertrautheit zu verstehen ist. So kann man nur mit jemandem reden, den man kennt, bei dem man sich nicht vorher anmelden muss, mit dem man nicht erst einen Termin absprechen muss. Wir müssen mit ihm auf vertrautem Fuß stehen, sonst könnten wir nicht so mit der Tür ins Haus fallen, sonst wäre es unanständig, so zu drängen. Nur wenn wir jemanden kennen, wissen wir, dass wir dies tun dürfen. Er nimmt es uns nicht übel. Er kennt uns und unsere Ungeduld.
(…)
Aus diesem Ruf spricht aber auch ein großes Vertrauen. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns hört, dass er sich uns zuwendet, dass ihm im Augenblick nichts wichtiger ist als wir.
Noch einmal: Dürfen wir so mit Gott reden? Stellen wir ihn uns nicht allzu sehr nach dem Bilde eines Menschen vor, und übertragen wir nicht menschliche Verhaltensweisen in unzulänglicher Weise auf Gott? Wird Gott hier nicht zu einer Karikatur erniedrigt?
Jesus fordert uns im Gleichnis vom bittenden Freund auf, so zu beten: "Einer von Euch hat einen Freund und geht um Mitternacht zu ihm und sagt: Freund, leih mir drei Brote! Denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten. Wird dann der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder sind mit mir zu Bett gegangen; ich kann nicht aufstehen und Dir etwas geben? Ich sage Euch: Wenn er auch nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht" (Lk 11, 5-8).
"Gott, merk auf meine Hilfe! Herr, eile mir zu helfen!" Wir dürfen so beten. Jesus selbst fordert uns dazu auf. Aber dieses ehrliche Gebet stellt eine Frage an uns. Ist es von uns aus ehrlich gemeint? Wir rufen Gott in aller Eindringlichkeit zur Aufmerksamkeit auf. Fragen wir uns aber umgekehrt: Sind wir beim nun folgenden Gebet aufmerksam? Gott soll seine Aufmerksamkeit auf uns richten. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf ihn? Sind wir uns dessen bewusst, wenn wir unsere Gebete mit diesem Ruf einleiten, dass wir uns an Gott wenden? Sind wir mit unserem Herzen dabei?
Dieses Gebet ist nicht nur eine Aufforderung an Gott. Es ist zugleich eine Mahnung an uns, mit dem Herzen dabei zu sein, wenn wir nun beten: "Gott, merk auf meine Hilfe! Herr, eile mir zu helfen!"

Gebet
Gemeinsam wird das Vaterunser gebetet

Ausklang
Gemeinsam singen oder beten: "Sprich Du das Wort, das tröstet und befreit" (GL 621, 3)

Buchhinweise

C. Westermann, Genesis I/2, Neukirchen-Vluyn 1981

L. Ruppert, Genesis. Ein kritischer und theologischer Kommentar. 2. Teilband. Gen 11,27 – 25,18 (fzb 98), Würzburg 2002, S. 390-396

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Mehr Informationen im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de/bibelarbeiten

Text: Dr. Robert Vorholt, Ruhr-Universität Bochum, Katholisches Bibelwerk im Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bibelwerk.de), in Kooperation mit kirchensite – online mit dem Bistum Münster (Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de) | Foto: Archiv
September 2009

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