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Seite: Fragen + Glauben
25.05.2012
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Schattenseiten

Schattenseiten.

Aggressivität

Errege dich nicht über die Bösen

"Errege dich nicht über die Bösen, wegen der Übeltäter ereifere dich nicht" (Ps 37, 1). Das ist leicht gesagt. Wir regen uns auf und "bleiben nicht still vor dem Herrn", sondern "erhitzen uns über den Mann, der auf Ränke sinnt" (Ps 37,7), sich selbst rücksichtslos aufspielt und so seine Interessen vertritt.

Unsäglich, unausstehlich, unerträglich - dieser Mensch!

Kollegen drücken sich noch etwas anders aus. Niemand will sich mit ihm anlegen, weil er Nachteile für sich fürchtet. Zu ihm halten nur die, für die er nützlich sein könnte. Er hält alle auf Distanz, isoliert sich selbst und hat keine wirklichen Freunde. Offensichtlich verwechselt er brutalen Egoismus mit Ichstärke, demonstrative Arroganz mit Souveränität und freche Überheblichkeit mit Durchsetzungsvermögen.

Die "Erziehung zum Mut" (W. Adorno) scheint er missverstanden zu haben, wenn er höhnisch grinsend seine eigenen Ziele verfolgt und mit aggressivem Spott sein Erreichtes vor denen verteidigt, die es nicht geschafft haben. Er kann sich im System Freiheiten erlauben, die niemand erklären kann. Hat er beim Chef einen Stein im Brett oder benutzt dieser ihn auch nur für seine Zwecke?

Seine geringe Körpergröße macht ihm offensichtlich zu schaffen. Daher - seine Kompensationsschienen: Sprache, Auto, Kleidung. Sie dienen der Abgrenzung und besonderen Imagepflege. - Alles zwei Nummern zu groß für ihn. Er möchte gern sein, was er darstellt.

Manche werden größer, wenn sie sprechen. Er nicht. Er bedient sich neuer Begriffe, die für Nichtinformierte einen gewissen Verblüffungscharakter haben, und angelernter rhetorischer Floskeln. Einige Kollegen sind beeindruckt, andere redet er in Grund und Boden.

Anscheinend braucht er für seine Auftritte auch ein Auto der Nobelklasse, mit dem er Status vortäuschen kann. Besonders auffällig, wie er sich - stets overdressed für seinen Arbeitsbereich - über die Kleidung abzusetzen sucht.

Sein schleichender Gang, seine verhaltene Gestik, seine süffisante Sprache distanzieren und wirken hinterhältig. Er signalisiert: Ich bin nicht euresgleichen, nicht für niedere Dienste, bin zu Höherem berufen.

Muss alles raus?

Unser Kollege lebt nach der Leitvorstellung: Alles muss raus! Ohne Rücksicht auf die, die es trifft. Was therapeutisch hin und wieder reinigend wirkt, kann nicht das alltägliche Miteinander bestimmen. Wenn wir unsere seelischen Anmutungen frei vagabundieren ließen, entstünde ein unerträgliches Klima von Aggressivität. Menschen mit negativen Energiefeldern um sich können schlecht zusammenarbeiten.

Soweit möglich, geht man sich aus dem Wege. Insgeheim aber erregen wir uns über die "Bösen", "erhitzen uns" über die Hinterhältigen, "die auf Ränke sinnen". So staut sich auch in uns aggressives Potenzial. Und was wir "nach innen fressen", kommt irgendwann einmal - unkontrolliert und versteckt - "raus".

Unser Kollege spielt ja den Höchst-Kultivierten. Nichts geschieht hier mit der barbarischen Brutalität "edler" Faustkämpfer. Lächelnd und mit "treffenden" Worten wird jemand "zu Boden gestreckt", niedergemacht oder zur Strecke gebracht. "Der Böse" weidet sich dann noch an der Aufgeregtheit anderer und demonstriert eigene Gelassenheit mit einem antrainierten Anti-Stress-Programm.

Aber - bei ihm kommt nichts von innen. Nirgends "Kern -Kraft". Alles nur gut gemauerte Fassade. Nirgendwo öffnet er sein Herz. Er erlaubt sich nur kontrollierte Spontaneität. Nicht verwundbar werden. Auf Distanz bleiben. Herr der Szene. Alles bleibt Pose, um die eigene Überlegenheit zu demonstrieren und zu wahren.

Ist es mehr als spätpubertäres Imponiergehabe? Festgefahren auf einer eigentlich überwundenen Reifestufe? Der Schrei des Ungeliebten, der sich Gehör verschafft? Demonstrative Signale einer elementaren Lebensnot? Psychisches Elend? Drastisches Verhalten, das "Angesehensein" einfordert?

Soweit es möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden (Röm 12,18)

Nur ein "frommer Wunsch"? Paulus sagt damit ja auch: Es ist nicht möglich, mit allen Menschen in Frieden zu leben! Wenn der andere nicht will oder nicht kann?

Oder wenn ich nicht versöhnungsbereit bin und keinen Frieden in mir habe, auf Distanz bleiben will oder mich für "überlegen" halte? Mich moralisch überhebe? Mir von weltlichen oder auch geistlichen Lebenshilfe-Ratgebern vorwiegend mein positives Selbstbild festigen lasse und die dunklen Antriebe und Schattenbereiche der Seele ausblende? Den Schatten des Bösen verdränge?

"Errege dich nicht über die Bösen!" Warum tun wir es? Erhitzen uns über das Verhalten anderer, ereifern uns über den Mann der Gewalt und seine Aggressivität, sind nachhaltig beschäftigt mit "diesem Menschen"? Spiegelt er ein Stück meiner selbst, was ich nicht wahrhaben und nicht annehmen will?

Vielleicht - überdimensional das, was auch in mir steckt, wozu auch ich fähig wäre, wenn ...? Was nicht "raus" kann, weil ich nicht "darf" oder nicht kann - aus Schwäche oder Feigheit? Warum finden Millionen Zuschauer Gefallen daran, dass jemand - stellvertretend - einem Gegner eins auf die Nase gibt, ihm aufs Maul haut oder "in die Fresse schlägt"?

Der Schriftsteller Dieter Wellershoff weist darauf hin: "Es ist ja offenbar immer wieder ein beliebter Fernsehgenuss, wenn geschossen und getötet wird. Auch Kinder, die am Computer Krieg und Häuserkampf spielen, leben ihre Allmachtsgefühle aus."

Die Heilige Schrift sieht den Menschen realistisch, ungeschönt "von Paradieseszeiten an" bis hin zu Jesus: "Er wusste, was im Menschen ist" (Joh 2,25)! Niemand brauchte ihn darüber aufzuklären. Er traute Menschen alles zu, sprach nicht nur ihre positiven Potenziale an, sondern vor allem ihre Gebrochenheit, Hinterhältigkeit und Herzenshärte. Das bewahrheitete sich für ihn am eigenen Leibe.

"Das Böse im Herzen" ist real. Die alten Weisen sprachen von "Dämonen" und Leidenschaften. Errege dich nicht über die anderen, bleib bei dir selbst und richte nicht, heißt ihre ständige Empfehlung für Menschen, die an sich arbeiten.

"Liebe deinen Nächsten - er ist wie du!" (Martin Buber) - so oder so, so und so!

Eine oft mühsam erworbene Kulturdecke schützt vor brutalem Egoismus, die Weisung Gottes vor aggressiver Überheblichkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der wir unsere Interessen auf Kosten anderer durchsetzen könnten.

Was hat uns bisher vor inneren Katastrophen bewahrt? Wir wissen nicht, wozu wir fähig wären, wenn... Was macht dich so sicher - vor dem Sturz in Abgründe?

Jeder von uns wird vor Gott Rechenschaft über sich selbst ablegen müssen (Röm 14,12).

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