
Armut als totale Abhängigkeit von anderen.
Elemente klösterlichen Lebens – für alle (6)
Arm
Zum menschlichen Leben gehört unweigerlich die Erfahrung von Armut in verschiedenster Form. Es fängt mit unserer Geburt an: Armut als totale Abhängigkeit von anderen. Es zieht sich durch unsere Kindheit: Armut im Angewiesensein auf die anderen. Es begleitet unser Erwachsensein: Erfahrung der Armut darin, nicht über das, was das Leben kostbar macht, verfügen zu können. Es bestimmt unser Alter: Armut in der Erfahrung der immer enger werdenden Grenzen. Es ist von Anfang bis Ende die immer gleiche Armut in verschiedener Gestalt: Wir können über unser Leben nicht selber verfügen. Die Liebe, die uns leben lässt, ist immer reines Geschenk und nie verfügbar. Wir sind arm, weil wir nur aus diesem Beschenktsein leben können, auch wenn wir vielleicht materiell manchmal dieses Angewiesensein verdecken.
Und was wir als Erfahrung zunächst nur erleiden, und zwar als etwas erleiden, was unser Leben mindert, kann sich in Lebensreichtum wandeln, wenn ich es bewusst annehme.
Zum Leben in der Nachfolge Jesu gehört es notwendig, diese Armut unseres Lebens zu bejahen und sie sogar zu suchen. Dabei ist es nicht der Verzicht, den wir suchen, sondern das, wozu der Verzicht uns befreit.
Wenn Sie gern Musik hören oder selbst in einem Chor mitsingen, können Sie sich vielleicht die folgende Situation ausmalen: Da steht ein großer Chor kurz vor Beginn des Konzerts. Der Dirigent hat den Taktstock erhoben, um den Einsatz zu geben. Da nimmt plötzlich einer der Sänger sein Handy und beginnt zu telefonieren. Eine Sängerin packt ein Buch aus und liest. Ein anderer legt die Noten zur Seite und greift lieber zu einem Stück Kuchen, das er mitgebracht hat – alle sind irgendwie beschäftigt mit irgendetwas. Zwar gibt der Dirigent Zeichen, doch es passiert nichts. Kein Chorgesang, nur rascheln, räuspern, knistern mit Papier. Wie kann dieses Bild etwas über Armut aussagen?
Die Chormitglieder können ihren Einsatz zum Lied nicht aufgreifen, weil sie schon etwas anderes in Händen haben: Handy, Buch, Kuchen – was auch immer. Sie sind schon besetzt und nicht frei für den Einsatz.
Armut in der Nachfolge Jesu bedeutet Freiheit für den Einsatz. Die Sänger und Sängerinnen lassen alles andere weg, weil sie gemeinsam ein Lied singen wollen, nicht weil Handy, Buch oder Kuchen keinen Wert hätte. Wenn ich die Armut der leeren Hände akzeptieren will, brauche ich also zunächst eine Entscheidung für das Lied, das ich singen will. Und zwar gemeinsam mit anderen, in Solidarität mit denen, die nichts haben. Erst gemeinsam werden wir ein Chor.
Und dann kommt noch dazu, das Lied mit meiner Stimme zu singen. Vielleicht habe ich nur eine ganz kleine Stimme, die aber trotzdem im Chor nicht fehlen darf.
In ihrer Lebensform, die Klara von Assisi uns Schwestern ans Herz legt, schreibt sie, dass wir uns nichts aneignen sollen, weder Haus noch Kloster noch irgendetwas. (KlReg VIII,1.)
Leistungen, Besitz und was immer wir vorführen könnten, ist nicht unser Eigenes. Es ist erworben und kann uns auch wieder genommen werden.
Wer sich etwas an-eignet, der tut zum Eigenen etwas dazu, was nicht dazu gehört. Er versucht sich im Grunde größer zu machen. Klara ermutigt uns, einfach nur zu sein, die wir sind. Der Wert, den Gott unserem Leben gibt, wird nicht größer, wenn wir uns irgendetwas dazu schaffen. Und er wird nicht kleiner, wenn wir so manchen Ansprüchen nicht nachkommen können. Was jede und jeder einzelne vor Gott ist, das ist unendlich kostbar und das braucht keine Vergrößerung.
Sich bewusst für die Armut zu entscheiden, ist keine Abwertung der Welt. Wir lassen das, was wir haben, nicht einfach wie eine heiße Kartoffel zur Erde fallen. Sondern in voller Wertschätzung der Güter dieser Welt halten wir sie in offenen Händen Gott hin. Ihm wollen wir das "Lied" singen, das unser Leben ist, und dafür müssen wir Hände und Herz frei haben.
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Text: Schwester M. Ancilla Röttger | Foto: Michael Bönte
13.06.2009
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