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Seite: Fragen + Glauben
25.05.2012
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Das Zeitliche segnen.

Jesus auf dem Arm des Simeon: Bildstock in Wadersloh-Liesborn.

Abschiedlich leben (5)

Das Zeitliche segnen

In dieser Woche haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert, ein Fest, das geprägt ist vom Motiv des Abschieds. Dieses Motiv findet sich immer wieder bei denen, die mit Jesus zu tun bekommen, in ganz verschiedenen Schattierungen. Und so habe in dieser Woche Abschiedsszenen des neuen Testaments angeschaut. Bisher waren es Abschiede mitten im Leben. Heute, am Ende dieser Woche, möchte ich mit Ihnen einen Abschied am Abend des Lebens in Blick nehmen. Es geht um die Gestalt des greisen Simeon, so, wie sie uns der Evangelist Lukas vor Augen malt.

Simeon steht ganz offensichtlich an seinem Lebensende. Und doch kann und will er noch nicht gehen. Er mag sich mit dem Tod noch nicht anfreunden. Etwas hält ihn noch. Da ist noch eine Sehnsucht in ihm, die bisher unerfüllt geblieben ist, aber an deren Erfüllung er durch Gottes Wirken nicht zweifelt. Er wartet darauf, den Messias zu sehen, den Trost Israels, wie es heißt. Was mag alles in diesem Warten mitschwingen? Simeon möchte wohl mit seinen Augen schauen und seinen Händen berühren, dass Gottes Verheißungen wahr sind, dass Gott sich wirklich seines Volkes und jedes einzelnen annimmt. Simeon hofft bestätigt zu sehen, dass Gott niemanden verloren gehen lässt. Und das erst recht jetzt, als er vor der großen Schwelle des Todes steht. Erst dann könnte er getrost Abschied nehmen.

Und dann begegnet der Mann am Ende seines Lebens dem, der noch ganz am Beginn des Lebens steht. Es ist der Säugling Jesus von Nazaret, der von Maria und Joseph in den Tempel getragen wird. Sofort sehen seine Augen, die vom langen Warten geschärft sind, tiefer. Intuitiv erkennt er: In diesem Kind sagt Gott endlich sein Amen zu seinen großen Hoffnungen und denen der Menschen. Simeon empfängt, wie es wörtlich übersetzt heißt, das Kind in seine Arme. Er kann Jesus als den annehmen, der er ist, als Retter, als Erlöser. Diese Berührung macht den alten Mann glücklich. Alles in ihm lebt ein letztes Mal auf, um dann einer tiefen Erleichterung Raum zu geben. Ja, es ist wahr, was Gott verheißen hat, er kann sich darauf verlassen. Das, was ihm noch fehlte, ist nun eingetreten. Die Gelassenheit des Simeon bricht sich Bahn in einem der bewegendsten Abschiedsgebete der Bibel:

"Nun lässt Du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast. Ein Licht zur Erleuchtung der Heiden, und Herrlichkeit für dein Volk Israel."

Begegnung mit Christus macht "lebenssatt"

Mit Jesus, dem Messias, in seinen Armen hat Simeon Frieden gefunden. Im Deutschen kennen wir für das Sterben die alte, sehr schöne Wendung: Das Zeitliche segnen. Simeon kann nun das Zeitliche segnen. In der Begegnung mit Jesus Christus ist es ihm ermöglicht worden. Jetzt ist er im besten Sinn des Wortes lebenssatt, gesättigt mit einer Lebensverheißung über den Tod hinaus. Simeon muss nun sein Leben nicht länger festhalten, er kann es lassen, weil er sich gehalten weiß auch im Abgrund des Todes. Gottes Treue zu seinem Geschöpf wird mit dem Sterben nicht enden. Im Dunkel des Todes wird ihn wirklich Gottes Licht erfassen. Die Psychoanalytikerin Verena Kast hat einmal gesagt: "Der kann sich trennen, der auf weitere Bindung vertraut" (S. 175). An Simeon wird genau das anschaulich.Im Nachtgebet der Kirche, der Komplet, wird dem Beter das schöne Abschiedsgebet Simeons jeden Abend auf die Lippen gelegt. Ganz bewusst gestaltet die Kirche damit die manchmal heikle Schwelle zur Nacht. Die Nacht hat schon immer als ein Art Vorerfahrung des Todes gegolten. Denn sie zwingt uns loszulassen, was wir tagsüber kontrolliert und in der Hand haben. Wir müssen die Regie über unser Leben für die Dauer des Schlafens abgeben. Was mag während dieser Zeit in uns hochkommen? Welche Bilder und Emotionen des Tages werden wohl in uns weiterwirken? Werden wir zur Ruhe kommen, das Zeitliche des letzten Tages segnen können? In dieser Unsicherheit werden wir angehalten, mit den Augen des Simeon auf den zu schauen, der ihm ermöglicht hat, in Frieden Abschied zu nehmen. Das Vertrauen auf Gott, das ihn erfüllt hat, soll sozusagen auf uns abfärben. Damit die Seele am Beginn der Nacht ein wenig erleichtert aufatmen und loslassen kann..

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Text: Michael Höffner | Foto: Almud Schricke
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