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Seite: Fragen + Glauben
30.05.2016
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Maria

"Groß sein lässt meine Seele den Herrn"

Bibelarbeit zum Magnifikat - Lukas 1,46-55:

Magnifikat: "Meine Seele preist die Größe des Herrn"

"Meine Seele preist die Größe des Herrn", der die Welt auf den Kopf stellt - Das Magnifikat (Lk 1,46–55)

1. Mit Maria wollen wir beten – Biblisches im Liturgischen

Haben Sie schon einmal eine Vesper, das Abendgebet der Kirche, mitgefeiert? Ja?! – Dann sind sie ihm auf jeden Fall schon begegnet: dem Lobpreis Mariens, nach dem ersten Wort des lateinischen Textes auch bekannt als Magnifikat (= "es rühmt, erhebt, schätzt hoch"). Das Vespergebet setzt sich nämlich nicht nur aus Eröffnung, Hymnus, Psalmen, Lesung, Responsorium/Antwortgesang, Fürbitten und Vaterunser zusammen, sondern in jeder Vesper wird auch das Magnifikat – je nachdem gesprochen oder gesungen – gebetet. Dies ist für gewöhnlich der Moment, in dem das Weihrauchfass zum Einsatz kommt. Doch auch ohne Vespererfahrung könnten Sie mit dem Magnifikat bei der ein oder anderen Gelegenheit schon einmal in Berührung gekommen sein: sei es, dass Ihnen beim Singen in Gottesdienst oder Andacht die Worte "Den Herren will ich loben" (Gotteslob Nr. 261; Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für Bayern Nr. 604) oder "Groß sein lässt meine Seele den Herrn" über die Lippen gekommen sind, sei es, dass Sie beim Lesen in der Bibel im ersten Kapitel des LkEv. über die jubelnd-lobenden Worte Mariens gestolpert sind. Möglichkeiten, dem Magnifikat bereits einmal mehr oder weniger bewusst begegnet zu sein, gibt es also genügend.

Doch wird der Text im Rahmen der Liturgie meistens nicht in erster Linie als biblischer Text und schon gar nicht in seinem biblischen Kontext wahrgenommen, sondern stärker in der betend-singenden Aneignung erfahren. Dass sich die textliche Basis im LkEv., genauer in Lk 1,46–55, findet, wird zwar in den meisten Fällen angegeben, doch bleibt die biblische Verortung durchweg ausgeblendet. Diese sei deshalb hier gleich zu Beginn skizziert: Unmittelbar vor dem uns interessierenden Text hat der Engel Gabriel der anfangs etwas verdutzt-überraschten Jungfrau namens Maria, wohnhaft in Nazaret in Galiläa, die unglaubliche Botschaft von der bevorstehenden Geburt Jesu kund getan; Maria sagt schlussendlich, nach Klärung der genaueren Umstände, "Ja!" zu diesem ungewöhnlichen Plan Gottes (vgl. Lk 1,26–38). Nach dieser wundersamen Empfängnis hält es Maria aber nicht zuhause. Als Leserinnen und Leser können wir sie auf dem Weg zu ihrer Verwandten Elisabet begleiten (vgl. Lk 1,39–45), die ebenfalls schwanger ist – auch diese Schwangerschaft wird, gerade mit Blick auf die vorausgehenden Begleitumstände, als nicht ganz normal bzw. alltäglich geschildert (vgl. Lk 1,5–25). Elisabet wird Johannes den Täufer zur Welt bringen. Das Zusammentreffen der beiden schwangeren Frauen Maria und Elisabet ist im LkEv. gewissermaßen die einzige Begegnung von Jesus und Johannes dem Täufer – als ungeborene Kinder im jeweiligen Mutterleib. Nach der Ankunft von Maria bei Elisabet geht es Schlag auf Schlag (vgl. Lk 1,40–55): Maria grüßt – Elisabet antwortet, von heiligem Geist erfüllt, mit Seligpreisung und Jubel – Maria lobt und jubelt ebenfalls, ihr wird dabei besagtes Magnifikat in den Mund gelegt.

Dieser derart verortete Text steht im Zentrum der Bibelarbeit im Marienmonat Mai, die sich in die aktuelle Reihe gut einfügt, geht es den Bibelarbeiten diesen Jahres doch um das Oberthema "Gebet(e der Bibel)".

2. Ein lukanisches Steckenpferd – Lukas als Evangelist des Gebets

Dass zum Thema "Gebet" ein Text aus dem LkEv. im Rahmen dieser Bibelarbeit vorgestellt wird, ist alles andere als zufällig oder überraschend, zumal auch die Bibelarbeiten von Januar ("Herr, lehre uns beten", Lk 11) und November ("Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden gehen", Lk 2) lukanische Texte in den Blick nehmen. Aussagekräftig ist in diesem Zusammenhang auch die Feststellung, dass alle drei großen Gebetszeiten der Tagzeitenliturgie (Stundengebet) der Kirche an zentraler Stelle jeweils auf lukanische Traditionen zurückgreifen:

  • Im Morgengebet, der Laudes, spielt der Lobgesang des Zacharias (Vater von Johannes dem Täufer) als prophetisch-geisterfüllte Reaktion auf die Geburt seines Sohnes eine zentrale Rolle: Lk 1,68–79 – nach dem ersten Wort des lateinischen Textes auch Benediktus (= "gepriesen, gesegnet") genannt.
  • Im Abendgebet, der Vesper, wird – wie schon gesagt – das Magnifikat gebetet.
  • Und im Nachtgebet, der Komplet, finden sich die Worte des greisen Simeon, den die Begegnung mit dem neugeborenen Jesus im Tempel geradezu entzückt: Lk 2,29–32 – auch bekannt als Nunc dimittis (= "nun entlässt du/lässt du gehen").

Alle drei Texte stammen aus den Eröffnungskapiteln des LkEv. und so wird von allem Anfang dieses Evangeliums an deutlich: Gebet und Lobpreis haben bei Lk offensichtlich einen besonderen Stellenwert. Diese Vermutung kann durch weitere Beobachtungen untermauert werden: Ganz zu Beginn des Evangeliums wird expressis verbis gebetet (Lk 1,10), das letzte Wort Jesu vor seinem Tod ist ein Psalmgebetsvers (Ps 31,6 in Lk 23,46: "Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!"), und was machen die Jünger nach Jesu Auferstehung, Erscheinung und Himmelfahrt (= Ende des LkEv.)? – Natürlich: Sie "waren unablässig im Heiligtum (= Jerusalemer Tempel), preisend Gott" (Lk 24,53 = letzter Vers des LkEv.).

Untersucht man mit einer Konkordanz, die das Vorkommen aller Wörter im Neuen Testament verzeichnet, die Verwendung von "beten", "Gebet", "Gebetsstätte", so findet sich die deutliche Mehrzahl der Belege im sog. lukanischen Doppelwerk, bestehend aus LkEv. und Apg (beide Schriften stammen vom selben Verfasser, traditionell mit dem Namen Lukas bezeichnet). Beispielsweise wurde in der Urgemeinde nach der Vorstellung bzw. Überlieferung des Lk fleißig und einmütig gebetet (vgl. z. B. Apg 1,14; 2,42), Saulus/Paulus betet (Apg 9,11; 22,17), Petrus betet (Apg 10,9; 11,5), der Hauptmann Kornelius betet (Apg 10,4.30.31). Und das Gebet hat folgenreiche Wirkungen: Die Gemeinde betet für die Befreiung des inhaftierten Petrus – mit Erfolg (Apg 12,5.12). Ebenso durchschlagend ist die Wirkung des Gebets von Paulus und Silas als Gefangene im Kerker (Apg 16,25f.). Petrus heilt betend (Apg 9,40), Paulus tut es ihm gleich (Apg 28,8). Es finden sich Gebete bei Abschiedsszenen (Apg 13,3; 21,5), bei wichtigen Weichenstellungen wie der Nachwahl des Apostels Matthias (Apg 1,24), der Bestellung der Diakone (Apg 6,6) oder der Einsetzung von Ältesten (Apg 14,23).

Und auch der Blick ins LkEv. bestätigt das bislang skizzierte Bild: In keinem anderen Evangelium ist – vorrangig mit Blick auf Jesus – so oft die Rede davon, dass gebetet wird. Ja, bei allen entscheidenden Stationen legt der lukanische Jesus gewissermaßen erst einmal eine Gebetspause ein, oftmals im Unterschied zu den Erzählungen von Mk und Mt. Dies ist umso bemerkenswerter, als die drei Evangelien Mt, Mk und Lk, die sog. synoptischen Evangelien, in literarischer Abhängigkeit zueinander stehen. Konkreter: Lk hat Mk als Vorlage benutzt, d. h. an einigen Stellen lässt sich eindeutig zeigen, dass Lk in den Mk-Stoff redaktionell ein zusätzliches Gebet (Jesu) eingefügt hat. Beispielsweise bei der Taufe Jesu. Wo Mk und Mt nur von der Taufe Jesu durch Johannes erzählen, bei der nach dem Heraufsteigen aus dem Wasser der Geist Gottes mit begleitender himmlischer Stimme wie eine Taube auf Jesus herabkommt (Mk 1,9–11; Mt 3,13–17), da heißt es bei Lk: "Es geschah aber, als das ganze Volk getauft wurde und als Jesus getauft wurde und betete, öffnete sich der Himmel …" (Lk 3,21). Die Öffnung des Himmels und das folgende außerordentliche Geschehen inklusive der Proklamation als "mein geliebter Sohn" durch die göttliche Himmelsstimme werden folglich vorgestellt als eine Folge von Taufe und Gebet. Oder blicken wir auf die zweite Stelle, an der eine himmlische Stimme Jesus als "Sohn Gottes" ausweist, auf die Verklärung. Auch hier bietet uns die lukanische Version eine Gebetserweiterung: "(…) er (= Jesus) hinaufstieg auf den Berg, um zu beten. Und es wurde bei seinem Beten die Gestalt seines Gesichtes andersartig und seine Kleidung weiß aufblitzend." (Lk 9,28f.)

Jesus betet wiederholt (vgl. Lk 5,16; 9,18) und selbstverständlich geht auch der Auswahl der Zwölf eine intensive Gebetsnacht voran (Lk 6,12). Da erscheint es nur folgerichtig, dass die Unterweisung im rechten Beten (Vaterunser) bei Lk auch nicht so im Vorübergehen wie bei Mt (Mt 6,7–13) geschieht, sondern im LkEv. bitten die Jünger ihren Meister explizit um eine entsprechende Lehrstunde: "Und es geschah, als er (= Jesus) war an einem Ort betend, wie er aufhörte, sprach einer seiner Schüler zu ihm: Herr, lehre uns beten, gleichwie auch Johannes lehrte seine Schüler. Er sprach aber zu ihnen: Wann ihr betet, sagt: Vater …" (Lk 11,1f.) Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass zwei Sondergutgleichnisse von Lk, also Gleichnisse, die sich nur im LkEv. finden, ausdrücklich die Thematik des Betens – speziell hinsichtlich der an den Tag zu legenden Ausdauer sowie der rechten Grundhaltung – in den Mittelpunkt rücken: "Er sagte aber ein Gleichnis ihnen bezüglich der Notwendigkeit, dass sie allzeit beten und nicht ermüden" (Lk 18,1) – 1.) das Gleichnis vom Richter und von der Witwe (Lk 18,1–8); 2.) das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner (Lk 18,9–14). Und schlussendlich wird das Gebet Jesu in Getsemani bei Lk als so intensiv geschildert, dass "sein Schweiß wie Tropfen von Blut" auf die Erde fiel (Lk 22,44; die Verse Lk 22,43f. sind jedoch textkritisch unsicher; sie fehlen bei wichtigen alten Textzeugen und scheinen somit nicht ursprünglich, sondern später ergänzt worden zu sein – dann aber ganz im Geiste des Lk).

Langer argumentativer Rede kurzer Sinn: Lukas erweist sich bei einem genaueren Blick, v. a. im synoptischen Vergleich mit Mk, durch und durch als Evangelist des Gebets. Das Gebet spielt im lukanischen Doppelwerk eine herausragende Rolle; an zahlreichen und zentralen Stellen in LkEv. und Apg wird gebetet. Offensichtlich wollte dieser Evangelist der dritten Generation des Urchristentums (das LkEv. wird meist auf ca. 90 n. Chr. datiert; der Entstehungsort ist umstritten: Kleinasien = heutige Türkei oder Rom), der in seiner mehrheitlich heidenchristlichen Gemeinde u. a. mit dem Schwinden der Naherwartung mit Blick auf die Wiederkunft Jesu (Parusie) und mit Spannungen zwischen Reichen und Armen zu kämpfen hatte, seiner Gemeinde die Bedeutung des Gebets in besonderer Weise nahelegen, vielleicht auch als problemlösend. Dabei scheint eine Abgrenzung von der Gruppe um Johannes den Täufer, der wie Jesus – und zeitlich bereits vor Jesus! – Schüler um sich gesammelt hat, mitintendiert gewesen zu sein (vgl. Lk 11,1: Das Vaterunser wird ausdrücklich als Gebet der Jesusgruppe eingeführt in Absetzung von der Johannesgruppe).

Dem Gebet als einem lukanischen Steckenpferd wollen wir uns im Folgenden anhand eines konkreten Textes zuwenden: des Lobpreisgebets Mariens, des Magnifikats (Lk 1,46–55). Wir nähern uns diesem lukanischen Gebet zunächst ganz formal, indem wir den Text in seiner Baustruktur, also gegliedert vorstellen. In einem zweiten Schritt wollen wir fragen, warum Lk diesen Text so pointiert mit an den Anfang seiner Jesusgeschichte gestellt hat. Was will er damit bei seinen Leserinnen und Lesern erreichen? Welche tieferen Sinnebenen lassen sich also dem Magnifikat ablauschen, wenn man es im Kontext der Gesamtschriften LkEv. und Apg liest – und zwar vor dem Hintergrund der Lebensumstände einer vermutlich kleineren christlichen Gemeinde am Ende des 1. Jh. n. Chr.? Wir gehen also, um das von Anfang an deutlich zu sagen, davon aus, dass das Magnifikat in seiner heute vorliegenden Form, nicht unmittelbar auf die historische Maria, die Mutter Jesu, zurückgeht, sondern sich (mindestens in Teilen) dem Gestaltungswillen urchristlicher schriftstellender Theologen verdankt, die ihrerseits auf alttestamentliche Traditionen zurückgegriffen haben. Das mindert – wie Sie sehen werden – die Bedeutung dieses Gebets indes in keiner Weise.

3. Gottes große Taten loben – Eine Annäherung an den lukanischen Text

Die zehn Verse des Magnifikats, gattungsmäßig ein Hymnus, lassen sich auf den ersten Blick nur schwer in Teilsequenzen, sprich Strophen, untergliedern. Es handelt sich um einen äußerst dicht gewebten Text, in dem klare Einschnitte gewissermaßen nur mit der Lupe zu finden sind. Will man den Text dennoch gliedern, so bietet sich eine Zweiteilung an, wobei die wechselnden Hauptobjekte der Aktivität Gottes zum Gliederungskriterium werden. Nachdem mit V. 46a der Hymnus als Gebet Mariens gekennzeichnet und eingeleitet wird, bilden die V. 46b–50 eine erste Strophe, die von Gottes Handeln an Maria lobend-preisend berichtet und am Ende eher allgemein das Erbarmen Gottes für die "ihn Fürchtenden" ins Wort bringt (V. 49b.50). Dabei zeichnen sich die Verse durch eine Reihe von schön gestalteten Parallelismen aus (z. B. V. 46b ist parallel zu 47a; 48a ist parallel zu 49a) und spielen mit dem Gegensatz von Groß (V. 46b.49a) und Klein (V. 48a). Zur Orientierung hier der leicht schematisiert dargestellte Bibeltext in der Übersetzung des Münchener Neuen Testaments:

Einleitung
46 Und (es) sprach Mariam:

Strophe 1: Gottes große Taten an Maria – und ein Ausblick auf die "ihn Fürchtenden"
Groß macht meine Seele den Herrn,
47 und (es) jubelte mein Geist über Gott, meinen Retter,
48 weil er schaute auf die Niedrigkeit seiner Magd.
Denn siehe, von jetzt (an) werden mich seligpreisen alle Geschlechter,
49 weil mir Großes tat der Mächtige.
Und heilig (ist) sein Name, 50 und sein Erbarmen zu Geschlechtern und Geschlechtern für die ihn Fürchtenden.

Die zweite Strophe (V. 51–55) spricht nun umfassender, also nicht mehr mit speziellem Blick auf Maria, von den konkreten Großtaten Gottes an einzelnen Gruppen, die durch bestimmte Aktivitäten oder Eigenschaften charakterisiert sind: Überhebliche, Machthaber, Niedrige, Hungernde, Reiche. Dabei bilden die V. 51.52.53 jeweils eine zweigliedrige, relativ parallel strukturierte Sequenz (mit einem kleinen Schönheitsfehler angesichts von V. 51a), wobei die jeweils augenscheinlich negative Tat Gottes in den V. 51.53 an zweiter Stelle steht, in V. 52 hingegen an erster Stelle (kursiv). Insofern rahmen die V. 51.53 den V. 52, der dadurch besonders betont wird. Wie schon in der ersten Strophe (V. 49b.50) findet sich auch hier ein Ausblick allgemeiner Natur, der in diesem Fall speziell das Erbarmen Gottes gegenüber seinem Volk Israel von den Zeiten Abrahams an betont. In beiden Fällen werden also die Strophen durch einen Ausblick auf eine spezielle Gruppe abgeschlossen, wobei jeweils das Stichwort "Erbarmen" Verwendung findet.

Strophe 2: Gottes große Taten – und ein Ausblick auf das Volk Israel
51 Er wirkte Macht mit seinem Arm,
zerstreute Überhebliche in (der) Gesinnung ihres Herzens;
52 herunterholte er Machthaber von Thronen
und erhöhte Niedrige,
53 Hungernde sättigte er mit Gütern,
und Reiche wegschickte er leer.
54 Annahm er sich Israels, seines Knechts, zu gedenken (des) Erbarmens,
55 gleichwie er redete zu unsern Vätern, dem Abraham und seiner Nachkommenschaft in den Aion.

Ohne Frage: Hier liegt ein eigentümliches Gebet vor. Vergleichen wir es mit Gebeten, wie wir sie sonst aus unseren Gottesdiensten kennen, so fehlt ihm der bittende Charakter. Auch der Dank an Gott scheint allenfalls implizit auf. Überraschend auch, dass Gott selbst eigentlich gar nicht angesprochen wird, sondern mehr über Gott gesprochen und seine Taten gelobt werden.

Ohne Frage: Ein eigenartiges Gebet, über dessen Sinn schon viele Bibelwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sich den Kopf zerbrochen und heiße Diskussionen geführt haben. Was wollte Lk mit diesem Text? Warum legt er gerade ihn der Maria in den Mund? Welche Bedeutung, welchen Sinn hat dieses Gebet für die lukanische Gemeinde? Welche Inhalte werden in ihm und mit ihm vermittelt? Drei Perspektiven wollen wir Ihnen in Auswahl (sie ließen sich ohne Mühe vermehren) vorstellen.

4. Das Magnifikat als ein programmatisches Gebet für die lukanische Gemeinde

4.1 Der Blick zurück: Das Magnifikat und das Alte Testament
Wenn Sie regelmäßige Bibelleserinnen und Bibelleser sind und die Bibel wie ein Buch, also von vorne nach hinten lesen, dann werden Sie bei der Lektüre des Magnifikats vermutlich das Gefühl eines Déjà-vu haben. Vieles von dem, was hier ins Wort gebracht wird, könnte Ihnen bekannt vorkommen – und zwar aus dem Alten Testament. Denn das Magnifikat ist wie ein Patchworktext aus einer Vielzahl von alttestamentlichen Texten kombiniert worden, die als Zitate oder zumindest als textliche Parallelen in Lk 1,46–55 eingespielt werden. Das gilt sowohl im Großen wie im Kleinen. Blicken wir also zurück in den ersten Teil der Bibel. Im Großen scheint insbesondere das Lied der Hanna aus 1 Sam 2,1–10 für das Magnifikat inspirierend gewirkt zu haben.

1 Hanna betete. Sie sagte: Mein Herz ist voll Freude über den Herrn, große Kraft gibt mir der Herr. Weit öffnet sich mein Mund gegen meine Feinde; denn ich freue mich über deine Hilfe. 2 Niemand ist heilig, nur der Herr; denn außer dir gibt es keinen (Gott); keiner ist ein Fels wie unser Gott. 3 Redet nicht immer so vermessen, kein freches Wort komme aus eurem Mund; denn der Herr ist ein wissender Gott, und bei ihm werden die Taten geprüft. 4 Der Bogen der Helden wird zerbrochen, die Wankenden aber gürten sich mit Kraft. 5 Die Satten verdingen sich um Brot, doch die Hungrigen können feiern für immer. Die Unfruchtbare bekommt sieben Kinder, doch die Kinderreiche welkt dahin. 6 Der Herr macht tot und lebendig, er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf. 7 Der Herr macht arm und macht reich, er erniedrigt und er erhöht. 8 Den Schwachen hebt er empor aus dem Staub und erhöht den Armen, der im Schmutz liegt; er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen, einen Ehrenplatz weist er ihm zu. Ja, dem Herrn gehören die Pfeiler der Erde; auf sie hat er den Erdkreis gegründet. 9 Er behütet die Schritte seiner Frommen, doch die Frevler verstummen in der Finsternis; denn der Mensch ist nicht stark aus eigener Kraft. 10 Wer gegen den Herrn streitet, wird zerbrechen, der Höchste lässt es donnern am Himmel. Der Herr hält Gericht bis an die Grenzen der Erde. Seinem König gebe er Kraft und erhöhe die Macht seines Gesalbten.

Die Parallelen liegen offen zutage. Hier wie dort werden die Großtaten Gottes hymnisch von einer Frau im Kontext von Schwangerschaft und Geburt besungen, hier wie dort wird von Umkehrungen gesprochen: Große und Mächtige werden entmachtet, Wankende und Schwache gestärkt. Natürlich gibt es auch Unterschiede: Ist Maria während des Gebets noch schwanger, so hat Hanna bereits geboren. Formuliert Hanna ihren Lobpreis, ihr Magnifikat, als dankbare Reaktion auf eine von Gott geschenkte Schwangerschaft und Geburt, die sie als Kinderlose sehnlichst erwünscht hat, so wird ein solcher Wunsch von Maria gerade nicht erzählt. Maria wird von der Schwangerschaft vielmehr überrascht und kommt – sprichwörtlich – "wie die Jungfrau zum Kinde". Und natürlich sind die Väter verschieden und die jeweils gezeugten Söhne (Samuel und Jesus) auch. Dennoch stellt das Lied der Hanna eine der wichtigsten Parallelen zum Magnifikat in Aufbau und Thematik dar.

Neben dieser Anspielung im Großen finden sich viele weitere, größere und kleinere Parallelen zum Magnifikat im Alten Testament: aus den Psalmen, den Samuelbüchern, aus Habakuk, Genesis, Ezechiel, Jesaja, Micha usw. Jenseits aller spannenden und für das Verständnis des Magnifikats sicherlich gewinnbringenden Detailvergleiche ist eines angesichts dieser Vielzahl alttestamentlicher Prätexte (Vorbilder) sicher: Wenn Lk (oder vorlukanische Theologen) das Magnifikat (von dem manche Exegeten annehmen, dass es zunächst ein rein jüdischer Hymnus war) so kräftig mit alttestamentlichem Material (Kolorit) anreichert, dann will er damit sagen und zeigen: Auch die Jesusgeschichte, die einen Neuanfang Gottes mit seinem (geweiteten) Volk darstellt, steht in bleibender Kontinuität zur bisherigen Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel. Diese neue Geschichte ersetzt nicht einfach die bisherige. Vielmehr soll und muss die Jesusgeschichte aus der Perspektive der alttestamentlichen Heilstaten Gottes gelesen werden. Zugespitzt: Das LkEv. (und das gesamte NT) lässt sich nicht lesen und verstehen ohne den ersten Teil der christlichen Bibel: das Alte Testament. Dies zeigt das Magnifikat in aller Deutlichkeit.

4.2 Der Blick nach vorne: Das Magnifikat als Präludium lukanischer Zentralthemen
"Meine Seele preist die Größe des Herrn, der die Welt auf den Kopf stellt" – so haben wir unsere Bibelarbeit überschrieben. Die Welt steht Kopf, so erzählt es das Magnifikat in mindestens dreifacher Weise:

Die Welt steht Kopf zum Ersten: An der einfachen Frau Maria, aus nicht eben vornehmen Verhältnissen stammend (Niedrigkeit), vollzieht Gott derart Großes, dass sie von Stund an dafür von allen Generationen seliggepriesen wird. Aus einer Kleinen wird eine ganz Große.

Die Welt steht Kopf zum Zweiten: Machthaber wurden von ihren Thronen gestürzt und Niedrige von Gott im Gegenzug erhöht, so ganz gegen den alltäglichen Lauf der antiken und wohl auch der gegenwärtigen Lebenswelt.

Die Welt steht Kopf zum Dritten: Nicht die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer, sondern: Die Reichen gehen leer aus und die Armen wurden mit Gütern (nicht nur mit Nahrungsmitteln!) gesättigt.

Die Welt steht Kopf – das ist für das LkEv. und die Apg typisch. Die Großen und Mächtigen wurden und werden weiterhin (so erzählt es Lk im Fortlauf seiner Jesusgeschichte) entmachtet, die Reichen gehen leer aus, die Kleinen, die am Rand stehen, die Armen, sie werden von Gott erhöht. Im Magnifikat werden dabei wie in einem musikalischen Präludium zentrale Themen und Gedanken des lukanischen Doppelwerkes bereits ein- und angespielt. Insofern blickt das Magnifikat nicht nur zurück auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk im Alten Testament, sondern auch voraus auf die Jesusgeschichte, wie Lk sie erzählt bzw. erzählen wird. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden also bei der Lektüre der zweiteiligen Erzählung des Lk diese Themen wiederentdecken. Zwei Schlaglichter seien genannt.

Schon die Geburtsgeschichte Jesu (Lk 2,1–20) ist eine solche Welt-auf-den-Kopf-Stell-Geschichte. Zur Zeit der Regentschaft des Kaisers Augustus, dessen Macht so groß ist, dass der ganze Erdkreis zum Zwecke der Steuerschätzung "aufgezeichnet" werden soll, wird, so erzählt es Lk, in äußerst ungünstigen Umständen und in einer Situation der scheinbaren Niedrigkeit (als Bett für das neugeborene Kind dient eine Futterkrippe für Tiere) der wahre Weltenherrscher geboren: Jesus. Das ist der An­spruch, der Glaube des Lk und seiner Gemeinde: Obwohl die Welt augenscheinlich faktisch von römischen Kaisern beherrscht wird, die ihren Willen der Welt aufok­troyieren können, ist mit Jesus der wirkliche Herr und Retter für alle Menschen geboren (auch wenn sein Lebensweg das so gar nicht zu belegen scheint), hinter dem der eine und einzige Gott steht. Für die lukanische Gemeinde steht damit die Welt auf dem Kopf.

Fast eine wörtliche Entsprechung findet der V. 53 des Magnifikats ("Hungernde sättigte er mit Gütern und Reiche wegschickte er leer") in den Seligpreisungen und Weherufen von Lk 6,20–26. Dort heißt es: "Selig die Armen, den euer ist das Königtum Gottes. Selig die Hungernden jetzt, denn ihr werdet gesättigt werden … Jedoch wehe euch, den Reichen, denn weg habt ihr euren Trost. Wehe euch, ihr Gesättigten jetzt, denn ihr werdet hungern …" Auch hier stellt Gott alles auf den Kopf. Die Reichen werden arm und die Armen werden satt werden. Das ist ein Spezifikum des Lk. Bei ihm gilt: Leichter geht das sprichwörtliche Kamel durch das Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Reichtum ist für Lk solange schlecht und für den jeweils Reichen geradezu gefährlich, wie die Besitztümer nicht mit Armen solidarisch geteilt werden, so dass es allen besser geht (vgl. als Negativbeispiele für den falschen Umgang mit Reichtum: Lk 16,19–31; 18,18–30; als Positivbeispiel: Lk 19,1–10). Wer reich ist, hat bei Lk insofern nur eine Chance: Er muss seinen Reichtum für andere und nicht für sich selbst einsetzen. In diesem Punkt ist Lukas radikal. Gott steht bei ihm solidarisch auf der Seite der Armen und zu kurz Gekommenen. Wer reich ist und persönlich materiell reich bleiben will, der lebt gefährlich. Auch in diesem Punkt hat Lk die Vision einer verkehrten Welt vor Augen. In seiner Gemeinde soll im Idealfall aller Besitz so eingesetzt werden, dass er allen dient. In der Apg schreibt er diesen Idealzustand der auch in diesem Punkt vorbildlichen Urgemeinde zu: "Alle Glaubenden waren an demselben Ort, und sie hatten alles gemeinsam, und die Güter und die Besitzungen verkauften sie und verteilten sie an alle, inwieweit einer Bedarf hatte" (Apg 2,44f.). Das ist das lukanische Ideal, das er bereits im Magnifikat, dem "Lied vom heiligen Umsturz" (H.-J. Venetz), anklingen lässt.

4.3 Der Blick über den Text hinaus: Das Magnifikat als Identifikationspunkt für Gruppen innerhalb der lukanischen Gemeinde
Schließlich werfen wir abschließend mit dem Magnifikat auch einen Blick in die personale, gruppenspezifische Zusammensetzung der lukanischen Gemeinde. Lk schreibt, so eine große Zahl von Exegetinnen und Exegeten, für eine mehrheitlich heidenchristliche Gemeinde, für Menschen, die ihrer Herkunft nach aus den Völkern und nicht aus dem Judentum stammen. Dabei hat er eine spezielle Gruppe von Heiden ganz besonders im Blick: die Gottesfürchtigen. Mit diesem Begriff bezeichnet man Heiden, die am Judentum großes Interesse haben, den Übertritt zur jüdischen Religion aber nicht vollziehen. Gottesfürchtige stammen – soziologisch betrachtet – meist aus der Mittel- und Oberschicht. Am Judentum faszinieren sie besonders der klare Monotheismus und die ausgearbeitete jüdische Ethik. Und doch kommt für diese Gottesfürchtigen eine öffentliche Konversion zum Judentum nicht in Frage, da die damit verbundene Einhaltung der Speise- und Eheregeln wie auch die für Männer obligatorische Beschneidung ihnen vielfältige Nachteile in ihren gesellschaftlichen heidnischen Kontexten eingebracht hätten. So ist die Einhaltung der jüdischen Speiseregeln für die in diesem soziologischen Milieu durchaus häufigeren Einladungen zu Dinnerpartys und Geschäftsessen äußerst hinderlich. Zudem galt die Beschneidung bei Griechen und Römern, also der heidnischen Lebenswelt der Gottesfürchtigen, als eklig und obszön. Das machte einen Übertritt zum Judentum alles andere als attraktiv.

Gottesfürchtige leben insofern auf der Grenze. Sie nehmen am Synagogengottesdienst teil, sind aber nicht Teil des auserwählten Gottesvolkes. Sie unterstützen – oft auch massiv finanziell – die örtlichen jüdischen Gemeinden, gehören aber nicht wirklich dazu, weil sie für das Judentum essentielle Regeln nicht einhalten können/wollen. Im Christentum fanden sie hingegen eine echte Alternative, stammte die christliche Bewegung doch aus dem Judentum, übernahm eine Vielzahl von dessen Regeln und den Monotheismus. Allerdings boten die christlichen Gemeinden, d. h. zunächst also die jüdischen Jesusanhänger, den Gottesfürchtigen mehr als die örtlichen jüdischen Synagogalgemeinden. Sie konnten durch die Taufe Vollmitglieder der Gemeinden werden, ohne sich beschneiden lassen oder die hinderlichen Speisegesetze einhalten zu müssen – ein Punkt, um den im Urchristentum heftig gerungen worden ist (vgl. Apg 15; Gal 2). Die Gottesfürchtigen waren insofern für die urchristliche Mission eine gute Klientel. Vor allem Paulus hat das verstanden und sich immer wieder an Gottesfürchtige gewandt.

Und auch in der lukanischen Gemeinde scheinen sie einen wichtigen Teil der Mitglieder auszumachen. Insbesondere in der Apg werden immer wieder Gottesfürchtige genannt, die als positive Identifikationsfiguren für die Leserinnen und Leser dienen können (vgl. etwa Apg 10,2.22.35; 13,16.26; 18,7). Und es scheint fast so – um zum Magnifikat zurückzukehren –, als habe Lk die Gottesfürchtigen schon vom Beginn seiner Jesusgeschichte an im Blick. Nicht nur, dass er sein Werk einem gewissen Theophilos, einem Gottesfreund, widmet, hinter dessen sprechendem Namen manche Exegeten eine Anspielung auf die Gottesfürchtigen vermuten, nein, auch im Magnifikat selbst scheinen diese Gottesfürchtigen einen literarischen Platz gefunden zu haben, wenn es in V. 50 heißt, dass das Erbarmen Gottes allen Geschlechtern gilt, die Gott fürchten – und das trifft wortwörtlich auf die Gottesfürchtigen zu. Wenn dem so ist und Lk hier (unabhängig von den Intentionen seiner zweifellos vorhandenen Vorlagentexte) tatsächlich an Gottesfürchtige denkt, dann bietet das Magnifikat einen äußerst pointierten Ort, an und in dem sich sowohl Juden als auch Gottesfürchtige wiederfinden können. Beiden Gruppen gilt ungebrochen und in gleicher Weise das Erbarmen Gottes, was – um einen letzten Blick auf die Komposition des Magnifikats zu werfen – besonders dadurch betont wird, dass die Rede von den Gott Fürchtenden und die Rede vom Erbarmen Gottes gegenüber seinem Knecht Israel jeweils die beiden Strophen beschließt und zusätzlich durch das Stichwort Erbarmen miteinander verbunden ist (V. 50.54f.). Beide Gruppen dürfen auf das Erbarmen Gottes, sein gutes Mitsein mit ihnen in der Welt, hoffen. Beide Gruppen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Ein wunderbares Präludium, das eben auch die Gottesfürchtigen der lukanischen Gemeinde in Gottes Heilshandeln einschließt.

5. Mit Lukas das Magnifikat beten

Drei Perspektiven haben wir im Blick auf das Magnifikat, jenen Text, der wie nur wenige andere biblische Texte (etwa das Vaterunser) regelmäßigen Eingang in die Liturgie gefunden hat, vorgestellt. Nach der Lektüre dieser Bibelarbeit werden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das Magnifikat vielleicht anders oder bewusster beten. Nicht nur wissen sie jetzt, dass das Magnifikat ohne das Alte Testament und das Judentum kaum zu verstehen ist, dass es in jeder Zeile alttestamentliche Texte und Traditionen einspielt; nicht nur wissen Sie jetzt, dass das Magnifikat mit Blick auf spezielle Gruppen in der lukanischen Gemeinde gelesen werden kann. Vor allem wissen Sie, und das ist uns der wichtigste Punkt, weil er auch in unsere Lebenswelt nach wie vor hineinpasst: Wer das Magnifikat mit Maria und Lk betet, der verkündet: Gott steht unverbrüchlich auf der Seite der Armen und Unterdrückten. An ihnen hat sich, so erzählt es Lk und so betet es Maria, Gott immer wieder als ein guter, lebensförderlicher Gott erwiesen, und er wird es, so die christliche Hoffnung, immer wieder tun – auch durch und mit uns. Denn es gilt auch: Wer das Magnifikat als Reicher betet, dem schreibt Lk zugleich ins Stammbuch: Bedenke genau, was du mit deinem Reichtum machst …

6. Anregungen für eine eigene Bibelarbeit – Bausteinangebote

Im Folgenden soll keine bis ins letzte Detail ausgearbeitete Bibelarbeit vorgelegt werden, dafür finden Sie einige Bausteine für eine Auseinandersetzung mit dem Magnifikat.

Zum einen bietet es sich gerade bei diesem Text an, neben der trockenen Textarbeit auch den Gesang nicht zu kurz kommen zu lassen. Hierfür finden sich unterschiedliche Vertonungen und musikalische Umsetzungen, z. B. "Den Herren will ich loben" (Gotteslob Nr. 261; Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für Bayern Nr. 604), "Groß sein lässt meine Seele den Herrn" (z. B. Troubadour für Gott. Neue Geistliche Lieder, hrsg. vom Kolping-Bildungswerk Diözesanverband Würzburg, Würzburg 61999, Nr. 538) oder eines der unzähligen Magnifikats.

Zum anderen bringt das Magnifikat ein revolutionäres Gottesbild zum Ausdruck. Gott wird gezeichnet als jemand, der die Welt inklusive der gängigen gesellschaftlichen Hierarchien auf den Kopf stellt. Dies lässt sich konkret greifbar mit einer Reflexions-Aktions-Kombination mit einer Gruppe erarbeiten und erfahrbar machen.

Schritt 1: Ausgehend von der Situation Mariens als junger, unverheirateter, aber trotzdem schwangerer (!) Frau aus nicht allzu wohlhabenden Verhältnissen wird ihre Position in der gesellschaftlichen Status- und Herrschaftspyramide erörtert. Tendenziell ist sie eher unten anzusiedeln.

Dies ist zu visualisieren, beispielsweise mithilfe eines großen Plakates an einer Pinnwand, das in "Oben" und "Unten" geteilt und auf das eine gesellschaftliche Statuspyramide aufgemalt ist. Entsprechend wird Maria "unten" notiert. Visualisierungsmöglichkeit Nr. 2: Ein hohler Glaszylinder wird mit "oben" (hier muss die Öffnung sein) und "unten" beschriftet und Maria wird in gut sichtbarer Art und Weise (z. B. kleines Püppchen, beschrifteter Holzklotz) in diesen Glaszylinder hinein getan.

Schritt 2: Nun wird darüber nachgedacht, wer (mit Maria) noch "unten" in der bzw. in unserer Gesellschaft zu finden ist (möglich sind z. B. Arme, Bettler, Hungernde, Prostituierte, Ausgebeutete, Ohnmächtige …) und wer "oben" steht (möglich z. B. Reiche, Manager, Wohlhabende, Satte, Mächtige, Ausbeuter, Herrschende …). Auch diese Personen sind jeweils entsprechend zu visualisieren. In der Folge füllt sich das Plakat bzw. der Glaszylinder.

So sieht es in unserer Welt, in unserer Gesellschaft aus!

Schritt 3: Nun wird der Blick auf die etwas ungewöhnliche Schwangerschaft der Maria gelenkt: Bei diesem Jesus hat Gott in Gestalt des heiligen Geistes irgendwie seine Hand mit im Spiel. Die Schwangerschaft Mariens wird biblisch auf das Wirken Gottes zurückgeführt, ergo wird dieses Kind ein ganz besonderes sein. Und wenn Gott selbst bereit ist, Mensch zu werden, dann darf/kann natürlich auch in unserer Welt nicht einfach alles beim Alten bleiben, dann kann der normale alltägliche Trott nicht einfach weitergehen. Jetzt wird Lk 1,46–55 (Magnifikat) gelesen.

Schritt 4: Lied (s. o.).

Schritt 5: Es kann sich ein Gespräch über den gehörten/gelesenen Text anschließen, vielleicht ähnlich der Methode des Bibelteilens. Auf jeden Fall sollten folgende, oben ausgeführte Aspekte des Textes (vgl. 4.2 und 4.3) herausgearbeitet werden: Gott greift ein – und zwar revolutionär. Gott stellt die Welt gewissermaßen auf den Kopf, Gott kehrt die gesellschaftliche Status- und Herrschaftspyramide um. Gott spielt das Spiel von "Oben" und "Unten" nicht mit bzw. Gott lässt sich auf die normalen Spielregeln nicht ein. Die Reichen werden nicht immer reicher, dafür geht es mit den Armen bergauf. Entsprechendes gilt für die Mächtigen und Ohnmächtigen: Die Ersteren werden von ihren Thronen gestürzt, Letztere werden hinaufbefördert. Das Wirken Gottes verändert Welt und Gesellschaft grundlegend!

Dies ist zu visualisieren, indem entweder das Plakat oder der Glaszylinder umgedreht und auf den Kopf gestellt werden.

Schritt 6: Jetzt können in freien Bitten die Hoffnungen, Erwartungen, Wünsche mit Blick auf revolutionäre Veränderungen an Gott herangetragen werden. Dabei sollten auch unsere eigenen Beitragsmöglichkeiten in den Blick kommen ("Gott, hilf uns, dass wir fähig werden …" bzw. "Gott, hilf mir, dass ich …").

Schritt 7: Zum Abschluss münden die Bitten in das Vaterunser, bevor mit einem Segen geendet wird.

Buchhinweis:

B. Heininger, Art. Magnificat. I. Neues Testament, in: Religion in Geschichte und Gegenwart V (42002) 679f. (Lexikonartikel mit instruktiven Informationen).

T. Hieke, Ein Psalm, der von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugt. Das Magnificat (Lk 1,46–55) als Brückentext zwischen zwei Geschichten Gottes mit seinem Volk, in: Trierer Theologische Zeitschrift 116 (2007) 1–26 (arbeitet den Zusammenhang zwischen dem Magnifikat und den alttestamentlichen Zitaten auf, wobei die Methodik nicht unumstritten ist).

H.-J. Klauck, Gottesfürchtige im Magnifikat?, in: New Testament Studies 43 (1997) 134–139 (Ideengeber für die These zu den Gottesfürchtigen im Magnifikat).

B. Kowalski, Das Magnificat (Lk 1,46b–55) als Lesehilfe im Lukasevangelium, in: Theologie und Glaube 89 (1999) 41–58 (spürt den Bezügen zwischen Magnifikat und dem Rest des LkEv. nach).

N. Lohfink, Lobgesänge der Armen. Studien zum Magnifikat, den Hodajot von Qumran und einigen späten Psalmen (SBS 143), Stuttgart 1990 (untersucht Elemente der Armenfrömmigkeit im Magnifikat).

N. Neumann, Lukas und Menippos. Hoheit und Niedrigkeit in Lk 1,1–2,40 und in der menippeischen Literatur (NTOA 68), Göttingen 2008 (neueste Studie, die sich mit der Erzählweise in Lk 1f. beschäftigt).

D. Schinkel, Das Magnifikat Lk 1,46–55 – ein Hymnus in Harlekinsjacke, in: Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft 90 (1999) 273–279 (analysiert Kompositionstechnik und Gattung des Magnifikats).

H.-J. Venetz, Der Evangelist des Alltags. Streifzüge durch das Lukasevangelium, Kevelaer 2006 (gut verständlicher Überblick zum gesamten LkEv.).

Zum Herunterladen:

  1. Leitet Herunterladen der Datei einBibelarbeit im Mai: "Meine Seele preist die Größe des Herrn", der die Welt auf den Kopf stellt – Das Magnifikat (Lk 1,46–55)

Mehr Informationen im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.kirchensite.de/bibelarbeiten

Text: Markus Lau (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) / Christian Schramm (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) in Kooperation mit kirchensite.de | Foto: Michael Bönte
18.05.2009

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