
Der Jordan.
Aufbruch (3)
Holy Place - Silence Please
Morgens um fünf Uhr. Hotel in der Altstadt Jerusalems. Ich erwache, weil ein Hahn kräht. Mein christliches Bewusstsein gerät in Schwingungen: Petrus…
Mittags um zwölf Uhr. Ich stehe neben der Verkündigungskirche in Nazareth. Glockengeläute - "Angelus ": "Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft..."
Wo der Jordan Jerusalem am nächsten ist - ein " heiliger Ort": Blitzartig und wie im Zeitraffer wird mir Gottes Geschichte mit uns Menschen bewusst. Die jüdische Tradition sagt: Hier ist die Gruppe der Hebräer über den Jordan ins "Gelobte Land" gezogen. Durchzug und Hinübergang wie am Roten Meer.
Hier beginnt Johannes der Täufer seine Erneuerungsbewegung und ruft "die Leute von Jerusalem und ganz Judäa" (Mt 3,5) zur Umkehr, das heißt zu einem toragemäßen Leben, und tauft die Gottbereiten.
Hier lässt Jesus seine Taufe geschehen. Beginn seines öffentlichen Wirkens. Der Himmel reißt auf. Die göttliche Stimme. Vision seiner Sendung - nach dem Willen und "Wohlgefallen" Gottes. Die neue Sammlung des Gottesvolkes. Das ganze Leben und Wirken Jesu ist wie ein einziger Gang durch das Wasser des Todes in ein neues Leben.
Die an ihn glauben und ihm folgen sind "auf seinen Tod hin getauft" (Röm 6,3 f.).
Orte unverhoffter Begegnungen
Für gläubige Besucher Israels erscheint jeder Quadratmeter des Landes wie aufgeladen, voller Spuren göttlichen Wirkens: heiliger Boden, sprechende Steine, Orte der Erinnerung, an denen wir "zu Gott aufsteigen" (vgl. Gen 28), Räume voll transzendenter Gestimmtheit, Fenster zum Himmel. Hier und dort "Verewigungskirchen" (so der jüdische Reiseleiter), die das Gedächtnis an göttliches Wirken bewahren sollen. Die Beter an der Klagemauer erscheinen wie mit einer anderen Welt verbunden.
Und immer wieder unverhoffte Begegnungen. Gläubige Menschen aus aller Welt - erfüllt vom Gotteslob: "Halleluja, day by day ..."
Jeder Tag ein Glaubensfest. Das Gebet der jüdischen Jerusalempilger - damals: " Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn, mein Herz und mein Leib jauchzen ihm zu" (Ps 84).
Aber auch sie mussten in "ihr Land" zurück, ihren Alltag - wenig "göttliches Milieu", kein Offenbarungsraum, kein heiliger Boden, sondern durch und durch weltliche Welt und in der Regel weit davon entfernt "Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden" (Ignatius von Loyola).
Habe ich mich vielleicht selbst auch nur "in das Heilige Land" hineingesteigert? Nur gefühlsmäßige Aufwallungen, oder bin ich wahrhaft von Gott angesprochen und ergriffen? Mit welchen Folgen? Erlebnisse sind stärker als alle Worte, alle Skepsis, alle Einwände oder die Kraft von Argumenten.
Gläubige Tiefen-Erfahrungen und innere Höhenflüge prägen und flankieren das jahrzehntelange "geistliche Tun " jedes Christen. Wir wissen aber auch, dass es nicht genügt, auf den Sinai zu steigen, aus dem Jakobsbrunnen zu trinken oder seine Füße in eine der Jordanquellen zu halten.
Sich einen heiligen Bezirk schaffen
Der erfahrene "Seelenführer" Franz von Sales (1567-1622) wies darauf hin: " Was nützt es uns, Schlösser in Spanien zu bauen, wenn wir in Frankreich leben müssen?"
Leben in der Gegenwart Gottes - nicht außerhalb unserer Räume und Grenzen, nicht jenseits, sondern "vor Ort", täglich und alltäglich? Keine falschen Träume vom Klosterdasein, von Einsiedeleien oder heiligen Orten, an denen "man richtig Christ sein könnte"!
1990 habe ich deshalb für "Spirituelle Inseln" (Buchtitel) plädiert, getrieben von der eigenen Not, im Berufsalltag innerlich zu verkommen. Der ehemalige Priester und Therapeut Peter Schellenbaum formuliert ähnlich: "Sich einen heiligen Bezirk schaffen" (in: Religion hat Zukunft, 2005).
In seiner Praxis fordert er eine Klientin auf, die Arme zu öffnen, "wie wir das von der Messe her kennen, was dort die Empfänglichkeit für Gnade signalisiert". Ziel: Sich mit diesen Gebärden öffnen, empfangsbereit werden und sich so "einen heiligen Bezirk schaffen". Hier geht es aber nicht um Religion, sondern um therapeutische Praxis, speziell um die Lösung einer sexuellen Störung.
Gläubige öffnen sich der größeren Wirklichkeit Gottes und suchen dazu spirituelle Haftpunkte, um sich immer wieder auf ihn auszurichten und "die Kraft von oben" zu empfangen. Auch im dichtesten Lebensraum kann sich jeder ein kleines "Stück heiliges Land" schaffen, um sein Inneres auf die Gegenwart Gottes einzustellen: eine persönliche geistliche Oase, eine spirituelle Insel im Tag, im Wochenablauf, eine Stelle (ein Bild, ein Wort, eine Gebärde), "wo der Dornbusch brennt."
Die Bildworte zielen alle auf das Gleiche: Je mehr wir von Beruf und Alltag aufgesogen werden, von Arbeit und Medien beherrscht, "von Mächten und Gewalten" im Innern, umso notwendiger ein persönlicher Rückraum, ein geistlicher Auffangrahmen, in dem wir uns sammeln und vor Gott öffnen, uns von ihm ansprechen und berühren lassen.
Dazu gehört eine kleine "geistliche Auszeit", zu der wir uns entscheiden müssen, um dem Geheimnis göttlicher Gegenwart über ein Bild, ein Wort oder eine Gebärde nachzuspüren und uns ihm zu überlassen. "Die große Stille" ist uns nicht alle Tage gegeben.
Ziel: Unser kleines Leben "vor sein Angesicht stellen", auf ihn hin polen, Zuflucht finden "auf heiligem Boden" und sich vergewissern, dass "sein Name über uns ausgerufen ist" (Jer 14,9).
So spricht der Herr:
Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, ...
Jakob erwachte und sagte: Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht... Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.
(Gen 28,15 f.)
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Text:
Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
13.03.2009
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