
"Hafen der Ruhe"
Aufbruch (2)
Komm wieder zur Ruhe, mein Herz
"Meine Seele, warum bist du so unruhig in mir" (Ps 42,6)? Ist es der normale Alltagsdruck, ein unbestimmtes Getriebensein oder nur eine dumpfe Unzufriedenheit mit den Verhältnissen - in dir und um dich? Ein quälendes persönliches Ungenügen oder ein rastloses Hin und Her im Vielerlei?
Vor 2400 Jahren: "So spricht der Herr von diesem Volk: Haltlos hin und her zu schweifen, das lieben sie; ihren Füßen gönnen sie keine Ruhe" (Jer 14, 10).
Von der falschen zur wahren Unruhe
Wir sind schnell geneigt, aus der Not eine Tugend zu machen, unserer Befindlichkeit eine positive Seite abzugewinnen und sprechen gern von Lebensenergie und Antriebskräften, Dynamik und Zielstrebigkeit.
Auch theologisch lassen sich innere Ruhelosigkeit, aktivistische Motorik, Sprunghaftigkeit und Unbeständigkeit als Ausdruck menschlicher Ursehnsucht nach einer letzten Heimat überhöhen. Ganz im Sinne des Kirchenvaters Augustinus: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir, o Gott."
Was für Gläubige vielleicht "letztlich " noch plausibel klingt, empfinden andere als "fromme Einrede", theologische Vereinnahmung oder künstliche Überhöhung rein psychischer Probleme: Nervöse Spannungen, Hektik oder innere Störungen. Kein Therapeut würde hier von verdeckter oder unbewusster Gottsuche sprechen.
Was soll ein Außenstehender jedoch von dem verstehen, was ernsthafte Gläubige in der Tat nicht in Ruhe lässt?
- Der Riss zwischen der Botschaft Jesu und der eigenen Lebenspraxis.
- Persönliches und kirchliches Versagen.
- Die Sehnsucht nach Gottes Nähe und die Erfahrung von Ferne.
- Die Urspannung zwischen der Ankündigung des Reiches Gottes in Person und Wirken Jesu und der Verborgenheit seiner Herrschaft in dieser Zeit.
Zugleich teilen wir "die Unbeständigkeit dieses Lebens" mit allen anderen und bleiben auch als Gläubige auf schwankendem Boden, bedroht von Vergänglichkeit, Absurdität und Einsamkeit.
Davon zu unterscheiden die Unruhe der Boten Gottes: Bei Lukas haben es alle Gottgesandten eilig: Maria, die Hirten, die 72 Jünger… Ihre Sendung duldet weder Aufschub noch Ablenkung. Getragen von der Überzeugung "Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wovor sollte ich Angst haben?" (Gott, Hilfe, Zuflucht, Heil!) gehen sie ihren Weg und folgen ihrem Auftrag.
Weil auch wir in Gott eine "Lösung" ("Erlösung") sehen, drängen wir zu ihm hin, "unser Herz in seiner Gegenwart zu beruhigen" (1 Joh 3,19).
Wir bitten um ein "reines Herz" und einen "beständigen Geist" (Ps 51): "Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe, denn von ihm kommt meine Hoffnung" (Ps 62, 6).
"Die eigentliche Armut besteht in unserer inneren Ruhelosigkeit", sagt Bernhard von Clairveaux, der selbst ständig im damaligen Europa unterwegs war.
"Unruhe ist ein Symptom, das zum Narzissmus gehört", meint der Therapeut Peter Schellenbaum. Der auf sich Fixierte hat es schwer, sich Gott oder anderen zuzuwenden, sein "Herz in Gott zu verankern" oder "im Glauben festzumachen".
Wir kennen den Typus: Immer unter Strom, wie im Absprung, eiligen Schrittes, umtriebig, hektische Gestik, nervöse Hände, kein ruhiges Auge, schnelle Rede, immer so, als ob er noch etwas erledigen oder erreichen müsste. Ein Tausendsassa, leicht ablenkbar, meistens gespalten, selten ganz.
Auch Hiob beklagt seine Lebensnot: "Ich bin gesättigt mit Unrast, bis es dämmert" (7,4). Wie soll das "Verweilen in Gott und vor ihm" gelingen? Wo soll die wahre Unruhe aufkommen, die sich nach Gott ausstreckt, die Spannkraft der Seele, das Gottesfieber, das Ausschau hält nach dem ganz Anderen? – Alles Übungssache? Glaubensarbeit?
Ein alter Therapievorschlag: Wenn sich der Mensch entzieht der Mannigfaltigkeit und kehrt sich ein zu Gott, kommt er zu Einigkeit (Angelus Silesius, 17. Jh.).
Von der falschen zur wahren Ruhe
Vielleicht ist unsere Gemütsverfassung von ganz anderem psychischen Zuschnitt? Sesshafte Behäbigkeit, selbstzufriedene Bürgerruhe, eine innere Starrheit, die sich so schnell nicht aus der Fassung bringen lässt.
Dem entsprechend wird auch die Botschaft Jesu gefiltert werden, so dass sich damit weiterhin "in Ruhe und Frieden leben" lässt. Das geistige und seelische Gehäuse schottet sich dann gegen alles ab, was nach Aufbruch drängt und Veränderung bringt.
Im Gleichnis Jesu hatte es der "Zuhause-Gebliebene" schwerer umzukehren als der "Verlorene". Jesus machten die am meisten zu schaffen, die ihn nicht an sich herankommen lassen wollten oder konnten: Verhärtete Fromme mit ihrer scheinbaren religiösen Sicherheit im Nacken, Selbstgerechte und Unbarmherzige, immun gegen Einsicht und Kritik, umkehrresistent. Auf ihre Weise auch "Mühselige und Beladene". Jesus verspricht allen zu: "Ich werde euch Ruhe verschaffen, kommt zu mir" (Mt 11)! Aber der Mann aus N. macht die "im Guten Verhärteten" zunächst einmal unruhig. Seine Impulse heißen: "Mit ihm Gehen", "Gemeinschaft haben mit ihm" und "ihm folgen". Aufbruch, Umdenken und Anders-Leben.
"In das Land seiner Ruhe zu kommen" (Ps 95) war eine alte Heilsvorstellung in Israel. Jesus verspricht dieses Heilsgut in der Bindung an ihn. Es ist "der Friede des Herrn", den Christen sich ständig zusprechen – "Friede in Christus", "der alles Verstehen übersteigt" (Phil 4,7). Das Ineinander von Sabbatruhe, Friede in Gott und "ewiger Ruhe". Ein Heilsgut, das wir ersehnen und das sich in jeder intensiven Christusbeziehung schon realisiert.
Meister Eckhard bringt es in die Kurzfassung: "Soviel in Gott, soviel in Frieden". Unser Problem: das Soviel oder Sowenig, das Mehr oder Weniger. Wir wissen: Innerirdische Ruhe und vorübergehender Seelenfrieden sind nie identisch mit der von Gott geschenkten Ruhe. "Das Ruhen in Gott ist gegenüber dem Versagen der Aktivität aus Mangel an Lebenskraft etwas völlig Neues und Eigenartiges... Dieser Zustand ist mir zuteil geworden", bekennt Edith Stein.
Orthodoxe sehen selbst in der Grabesruhe Jesu einen Zusammenhang mit der Feierruhe Gottes am siebten Tag. Persönlich suchen und finden sie diese Gottesruhe im immerwährenden Jesusgebet.
Wir - die weniger Heiligen - haben das Bild des Jüngers vor Augen, der "an seinem Herzen ruht", und ahnen dieses himmlische Beziehungsglück vielleicht in kleinen Momenten der Gottversunkenheit: "Heimkehr in den Hafen seiner Ruhe" - eine alte biblische Vorstellung aus der Seefahrerwelt. "Der Friede Gottes, den die Welt nicht geben kann." Ein Vorschein unendlichen Glücks, unabhängig von unserer psychischen Verfassung oder den sozialen Verhältnissen, diesseitig nicht herstellbar und ganz anders als das wohlige Gefühl, "im Hier und Jetzt zu ruhen".
Aber es ist möglich, "die Weisen Seiner Nähe" zu suchen und das Beziehungsglück zu finden,
"damit in der Unbeständigkeit dieses Lebens unsere Herzen dort verankert seien, wo die wahren Freuden sind" (Oration).
Komm wieder zur Ruhe mein Herz!
Denn der Herr hat dir Gutes getan. (Ps 116,7)
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