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06.12.2016
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Klaus Nelißen in der Sendung "Hör mal" bei WDR 2

"Is god dead?"

"Is god dead?" "Ist Gott tot?" Am Karfreitag vor 50 Jahren machte diese Frage Schlagzeilen. Sie erschütterte die US-Öffentlichkeit und brachte weltweit eine Debatte ins Rollen. Pastöre, Prediger und Pietisten liefen Sturm: Denn das renommierte Time-Magazine, hatte auf der Titelseite in dicken roten Lettern diese Frage gestellt: "Is god dead?"

Hinter der Frage steht eine Feststellung, ein Satz, den der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche schon vor knapp 130 Jahren zu Papier brachte: "Gott ist tot". Ein Satz mit Donnerhall – der die Gelehrtenkreise seitdem umhertreibt.

Wohlgemerkt: Dieser Satz ist nicht zu verwechseln mit "Es gibt keinen Gott", was heute Atheisten meist schnell über die Lippen kommt. Denn Nietzsches Satz trägt einen Verlust-Schmerz in sich. Denn dieser Satz sagt ja nicht "Gott hat nicht existiert". Er sagt: Schlimmer noch: Gott ist uns abhandengekommen. Weggestorben.

Mich bewegt dieser Satz schon seit geraumer Zeit. Und zwar immer genau an diesem Tag, am Karfreitag. Denn für mich als gläubigem Christ, ist heute der Tag, wo ich diesem Gedanken vielleicht am nächsten bin. Und dazu muss man den Satz in dem Zusammenhang hören, in dem ihn Nietzsche geschrieben hat: In seiner Schrift "Die Fröhliche Wissenschaft" ruft ein Verzweifelter aus: "Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet!" Für mich ist das ein Karfreitagssatz.

An Karfreitag versuche ich, die Geschichte Jesu mal nicht "vom Happy End" her zu denken, von der Auferstehung an Ostern. Heute ist der Tag, an dem Jesus gestorben ist. Und ich lese die Erzählungen des Leidens und Sterbens über diesen Mann, von dem ich glaube, dass er Gottes Sohn war. Und dann trifft mich die feige Art, wie sie Jesus getötet haben: durch Verrat. Selbst sein Freund Petrus verleugnet ihn. Und wäre das nicht genug: mit dem Kreuz haben sie die damals übelste Todesstrafe gewählt. Und dann meditiere ich über die Todesszene, wie sie Markus im ältesten Evangelium beschreibt: Jesus bäumt sich auf und ruft: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

Wenn ich das lese, dann trifft mich Nietzsches Satz vom Tod Gottes mit einer unbeschreiblichen Wucht. Denn ich merke: Im Tod Jesu offenbart sich radikal, wozu die Menschheit in der Lage ist. Nämlich: zu fast allem. Die Menschheit ist sogar in der Lage, den Sohn Gottes ans Kreuz zu nageln.

"Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet", schreibt Nietzsche. Mir wird klarer und klarer: Das ist vielmehr eine Aussage über die Abgründe der Menschheit als eine Aussage über Gott. Und ich denke daran, wie oft diese Abgründe in der Menschheitsgeschichte schon offenbar wurden – und auch heute.

All das beschäftigt mich an Karfreitag. Und dann treibt mich der Gedanke um, was gewesen wäre, wenn damit tatsächlich alles aus gewesen wäre: der Sohn Gottes stirbt am Kreuz. Wenn Gott dann quasi gesagt hätte "Liebe Leute: macht Euren Dreck doch alleine auf der Erde!" Ich denke, Gott hätte alles Recht dazu gehabt.

Mehr heute nicht dazu. Wie gesagt: Heut ist kein Tag fürs Happy End… Heute ist der Tag der sagt, wozu Menschen fähig sind.

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Text: Klaus Nelißen
Mit freundlicher Genehmigung des Öffnet externen Link in neuem FensterKatholischen Rundfunkreferats beim WDR
25.03.2016

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