
Es gibt Menschen, die meinen, sie kommen an Weihnachten zu kurz.
Impulse von P. Kollig: Gottes Sehnsucht nach den Menschen (4)
"Von Gott verwandelt."
Wenige Tage nach dem Weihnachtsfest besuchte ich einen guten Bekannten. In seinem Wohnzimmer sah ich sofort ein neues Kunstwerk und bewunderte es. "Das habe ich mir selbst zu Weihnachten gegönnt", sagte er mir. Seine anschließenden Erläuterungen zum Künstler und dessen Werk habe ich bestenfalls zur Hälfte mitbekommen. Zu sehr beschäftigte mich sein Satz: "Das habe ich mir selbst zu Weihnachten gegönnt."
Mein Bekannter ist katholisch. Und er sagt von sich, dass er "gut katholisch" ist. Was immer dies bedeutet, ich möchte es ihm nicht absprechen; schon deshalb nicht, weil es ihm wichtig ist.
Um so mehr überrascht mich bis heute sein Satz: "Das habe ich mir selbst zu Weihnachten gegönnt." Mich bewegt die Botschaft, dass einer meiner guten Freunde glaubt, er komme an Weihnachten zu kurz. Er müsse sich selbst etwas gönnen, weil andere Menschen ihm nichts gönnen. Er müsse sich selbst beschenken, weil andere ihm vielleicht nicht das Richtige schenken.
Ich spüre, dass ich an diesem Punkt mit meinem Freund nicht auf einer Wellenlänge bin. Das darf so sein und ich sage es ihm. Denn mein Glaube an Jesus Christus führt mich auf eine andere Spur. Er zeigt mir einen Gott, der sich um mich sorgt. Juden und Christen glauben an einen Gott, der sich um uns Menschen sorgt wie "eine Henne um ihre Küken". Die englische Mystikerin Juliana von Norwich hat im 14. Jahrhundert bekannt, dass sich Gott um uns sorge wie eine gute Mutter. Papst Johannes Paul I. hat gesagt, Gott sorgt sich um uns Menschen wie ein guter Vater und eine liebende Mutter. Das gehört zu den herausragenden Bekenntnissen seines 33-tägigen Pontifikats.
Mein Glaube lässt mich auf einen Gott vertrauen, der mich von der Sorge befreit, zu kurz zu kommen. Dieser Gott lässt mich hoffen, dass er mir zur rechten Zeit die richtigen Menschen schickt, die mir schenken, was ich zum Leben brauche.
Mein Bekannter meldet dabei Zweifel an: "Siehst du nicht, dass diese deine Rechnung für viele Menschen in der Welt nicht aufgeht? Wie sorgt sich denn Gott um die Menschen, die von Krieg und Terror, von Tsunami und Erdbeben, von Hunger und Krankheit heimgesucht werden? Du hast gut reden", beschließt er seine Gegenrede.
Ja, ich habe gut reden. Große Katastrophen und schwere Krankheit blieben mir bisher erspart. Widerstände, Neid, Manipulation und große Herausforderungen in meinem Beruf aber habe ich schon erlebt. Was ich bisher glauben konnte, das möchte ich auch glauben wollen, wenn noch größere Herausforderungen in mein Leben eintreten: Dass Gott nicht nur als Mensch in die Welt kam, sondern auch bis heute als Mensch in dieser Welt anwesend ist. Gott ist wie ein guter Wegbegleiter und eine treue Wegbegleiterin. Er ist ein großer Gönner. Vor allem und unter allen Umständen gönnt er uns das Leben.
Niemand von uns hat sich selbst gemacht. Wir verdanken unser Leben den beiden Menschen, die wir Eltern nennen. Viele, aber leider nicht alle, können sagen, dass sie ihr Leben der Liebe zweier Menschen verdanken. Ich selbst bekenne, dass ich mein Leben auch der Güte Gottes verdanke, die mir in meinen Eltern begegnet ist. Gott und meine Eltern haben mir mein Leben gegönnt. Seitdem ich dies so sehe, muss ich mir keine Sorge machen, zu kurz zu kommen.
Diesen Glauben, der unsere Grundeinstellung zu Gott und den Menschen, zu Kunstwerken und Geschenken verwandelt, wünscht Ihnen Pater Manfred Kollig aus Münster.
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Text: Pater Manfred Kollig | Foto: Michaela Kiepe
19.01.2012
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