
Zwei Freundinnen freuen sich über ihr Wiedersehen.
Impulse von P. Kollig: Gottes Sehnsucht nach den Menschen (1)
"Von Gott gesehen."
Trotz meiner Schwerhörigkeit konnte ich jedes Wort verstehen. Alle Passagiere im Großraumwagen des InterCityExpress hörten mit, wie sie mit einem Freund telefonierte. Wir fuhren in den Dortmunder Hauptbahnhof ein. Als wir einige Augenblicke standen, kam der Gegenzug aus Richtung Münster an. Ihre Stimme wurde noch lauter und aufgeregter. "Sitzt Du in dem anderen Zug?" Wir fuhren ab und als wir an dem Gegenzug vorbeifuhren, entdeckte sie ihren Freund im letzten Waggon. Ihr Handy in der einen Hand winkte sie ihm mit der anderen zu und schrie begeistert: "Ich habe Dich gesehen."
Es war der Anblick des Freundes – nur für einen Augenblick, der die Stimmung der jungen Frau hob. Und obwohl das laute Telefonat vorher viele nervte: Fast alle Fahrgäste im Großraumwagen freuten sich jetzt mit ihr.
Es gibt Augenblicke, die verändern. Sie stellen die Stimmung und manchmal das ganze Leben auf den Kopf. Und es gibt Menschen, für die würden wir lange Wegstrecken in Kauf nehmen, um ihnen zu begegnen – und wenn auch nur für kurze Momente. Wir kennen Menschen, deren Anwesenheit, und sei sie durch Fenster getrennt, uns positiv beeinflusst. So freut sich der kranke Mensch auf der Isolierstation, wenn er einen Vertrauten durch die schützende Scheibe sehen kann. Gefangene genießen den Augenblick, in dem sich die Sicherheitsschleusen öffnen und sie für begrenzte Zeit in einem schmucklosen Raum mit treuen Menschen reden können. Alte Menschen freuen sich oft wochenlang auf den kurzen Besuch eines lieben Angehörigen. Es tut gut, wenn wir Menschen, die wir lieben, nicht aus dem Blick verlieren. Und es tut besonders gut, von geliebten Menschen aufgesucht zu werden – ihnen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.
Vor wenigen Wochen haben viele von uns wieder einmal Weihnachten gefeiert. Es ist das Fest, an dem die Christen feiern, wie groß die Sehnsucht Gottes nach den Menschen ist. Er sucht Sie und mich. Er will uns nicht aus dem Blick verlieren. Nicht zur Kontrolle – Sein Blick ist wohlwollend und wertschätzend. So heißt es in einem alten Lobgesang aus dem 5. Jahrhundert:
Ein Auge schaut auf uns herab,
das über unsrem Leben wacht:
es sieht voll Güte unser Tun
vom frühen Morgen bis zur Nacht.
Ich wünsche Ihnen, dass dieser christliche Glaube für Sie nicht Bedrohung ist, sondern spürbares Zeichen der Solidarität Gottes mit seiner Schöpfung.
Den Blick eines Menschen spüren, das ist etwas Besonderes. Das stärkt und richtet auf. Jesus selbst kennt die Bedeutung solcher Augenblicke. Er schaut andere Menschen an, sieht ihre Not und spricht sie an. Und es tut ihm selbst gut angesehen zu werden. Künstlerinnen und Künstler bringen immer wieder jene Szenen ins Bild, in denen sich die Blicke Mariens und Jesu treffen: In der Krippe und auf dem Kreuzweg. Christinnen und Christen glauben, dass Gott auch in der Not, im Scheitern, ja selbst im Augenblick des Todes nicht wegschaut, sondern voll Güte auf uns Menschen sieht.
Diesen Glauben, der unsere Grundeinstellung zu Gott und den Menschen, zu Kunstwerken und Geschenken verwandelt, wünscht Ihnen Pater Manfred Kollig aus Münster.
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Text: Pater Manfred Kollig | Foto: Norbert Ortmanns
16.01.2012
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