
Indem Klara da stand, wo sie stand, stießen sich andere an ihr.
"800 Jahre alt – und immer noch lebendig" (6)
Sich selbst annehmen
Vom Palmsonntag dieses Jahres bis zum Fest der heiligen Klara von Assisi am 11. August 2012 feiert der Orden der Klarissen sein 800-jähriges Bestehen.
Der münsteraner Philosoph Josef Pieper schrieb einmal: "Ein Fest feiern heißt, die Zustimmung zur Welt im Ganzen auf unalltägliche Weise zum Ausdruck zu bringen. Wer die Wirklichkeit nicht im Grunde für "gut" und "in Ordnung" hält, kann kein Fest feiern." (1)
Für unser Ordensjubiläum könnte das heißen: Die Zustimmung zur Geschichte auf unalltägliche Weise zum Ausdruck zu bringen. Wer die Entwicklung unseres Ordens nicht im Grunde für "gut" und "in Ordnung" hält, kann dieses Jubiläum nicht feiern. Der Blick in unsere Ordensgeschichte zeigt gelungenes und gescheitertes Leben, doch in allem zeigt es Leben, das auch achthundert Jahre später immer noch lebendig ist. Ein Jubiläum feiern heißt also, das Leben bejahen, das all das Auf und Ab der Geschichte beseelt. Und was ist da schon Gelingen oder Scheitern? Es gibt keine Messlatte, die wir an die Vergangenheit anlegen könnten, um sie zu beurteilen. Das Vergangene spricht sich selbst das Urteil. An uns liegt es, daraus für die Gegenwart zu lernen.
Der Bezugspunkt für unseren Orden ist die heilige Klara von Assisi. Von Anfang an hat sich in ihr die Einheit in großer Vielfalt gewahrt. Am Palmsonntag 1211 ist sie aus der behüteten Welt einer Adelsfamilie der Stadt Assisi ausgebrochen und aufgebrochen auf den Weg der Armen. Ihr Leben lang hat sie darum gekämpft, in Armut leben zu dürfen. Manchmal sah es so aus, als müsse sie kapitulieren; doch am Ende durfte sie ihre eigene Regel in der Hand halten. Klara hatte den Mut zur Konfrontation und hat gekämpft, ohne andere klein zu machen.
Oft geht mir die Novelle von Stefan Zweig "Die Augen des ewigen Bruders" durch den Sinn. Da geht es um eine angesehene Persönlichkeit, die in einem nächtlichen Kampf den eigenen Bruder tötet, der auf der Gegenseite kämpft. Um niemanden mehr zu verletzen, verabschiedet sich von da an dieser mächtige Mann aus allem verantwortlichen Handeln, verletzt dadurch aber gerade die, die er liebt, und wird am Ende vor den Toren der Stadt bei den Hunden verscharrt. Auch wer niemanden verletzen will, kann doch nicht verhindern, dass andere sich an ihm verletzen.
Klara wollte niemanden verletzen oder verurteilen. Doch indem sie da stand, wo sie stand, stießen sich andere an ihr. Und indem sie für sich eine klare Entscheidung getroffen hatte, konnte sich niemand, der ihr begegnete, einem eigenen Urteil entziehen. Auch das gehört zur Selbstannahme: zu akzeptieren, dass wir nicht leben können, ohne einander Grund zum Leiden zu geben. Doch wenn wir es bejahen und nicht daraus fliehen, wird es lebendiges Leben.
Im Rückblick erinnert sich Klara nur noch an Eines und spricht dies Eine ihrer eigenen Seele als Ermutigung zu: "Geh sicher in Frieden, denn du wirst ein gutes Geleit haben. Denn der, der dich erschaffen hat, hat dich zuvor geheiligt. Und nachdem er dich erschaffen hat, hat er den Heiligen Geist in dich hineingegeben. Und immer hat er dich beschützt wie eine Mutter ihr Kind, das sie liebt." Und ihr letztes Wort im Sterben: "Du, Herr, sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast."
Es mag vieles in unserem Leben geben, das wir gern ausradieren möchten und leugnen, dass es zu uns gehört. Doch auch in den ungeliebten Momenten unseres Lebens können wir wie Klara uns selber Mut zu sprechen: Geh sicher in Frieden, denn du wirst ein gutes Geleit haben. Denn immer hat Gott dich beschützt wie eine Mutter ihr Kind, das sie liebt. – Vielleicht ist es ein gutes Gebet für heute: Sei gepriesen, Herr, weil du mich erschaffen hast.
Anmerkung:
(1) Josef Pieper, Lesebuch, München 1984, S. 161.
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