
"Gott, du mein Gott, dich suche ich."
Gottsuche (1)
"Gott, du mein Gott, dich suche ich"
An einem Wochentag in einem Berliner Museum schlendern wir durch die Räume, bleiben hier und da stehen und sehen uns verschiedene Bilder an. In einem Raum stoßen wir auf eine Gruppe Menschen, die sich vor einem großformatigen Gemälde versammelt hat.
Ein Museumsführer weist auf den Bildhintergrund hin und fragt in die Runde: "Was sehen Sie?" Stille. Dann beginnt das Rätselraten. Es wird gemutmaßt, diskutiert. Und eine weitere Frage: "Was sehen Sie noch?"
Die Gruppe tritt näher an das Gemälde heran, schaut genauer, überlegt, tauscht Beobachtungen aus. Auch wir merken, dass uns das Bild zunehmend interessiert. Es gibt so viel zu entdecken. Wir stehen neben fremden Menschen, schweigen, tauschen Eindrücke aus, lachen, zweifeln und befragen das Bild. Immer wieder: das Bild.
Der Museumsführer verlässt den Raum. Die Gruppe diskutiert weiter. Der Museumsführer kommt zurück. Viel Zeit vergeht, und als wir das Museum verlassen, haben wir im Grunde nur dieses eine Gemälde wirklich gesehen.
Romano Guardini, einer der großen Theologen der Moderne, schreibt über die Auseinandersetzung mit Kunst: "Das echte Verhalten vor dem Kunstwerk besteht darin, dass man still wird, sich sammelt, eintritt, mit wachen Sinnen und offener Seele schaut, lauscht, miterlebt. Dann geht die Welt des Werkes auf."
Kreative Auseinandersetzung
Mit diesen Überlegungen spricht Guardini die Wichtigkeit der kreativen Auseinandersetzung mit Kunst an. Wenn ich innerlich und äußerlich beweglich bin beim Anschauen eines Bildes, entdecke ich darin immer neue, immer tiefere Dimensionen. Ich überlasse mich nicht vorgegebener Interpretation, sondern ich schaue selber. Auf diese Weise erfahre ich das Kunstwerk als lebendiges Gegenüber.
Solche Betrachtungsweise braucht Zeit und Vertrauen, dass das, was bei der Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk erlebt wird, sinnvoll ist. "Ja", würden die Mitglieder der Museumsgruppe und auch wir sagen, "das, was wir entdeckt haben, werden wir nicht mehr vergessen. Wir haben 'sehen' geübt."
Sehen üben
"Sehen" üben. "Entdecken" lernen. Dem eigenen Wahrnehmen, dem eigenen Erfahren trauen neben allen Interpretationen und Datierungen.
Und wenn solch ein kreativer Ansatz auch für die Begegnung mit Gott gilt? Und wenn es wichtig wäre, gerade im Glauben an Gott persönlich aktiv zu sein, weil der Glaube sonst in Institutionen und Interpretationen erstickt? Aber wie?
Vielleicht genauso, wie es Romano Guardini bei der Auseinandersetzung mit Kunst vorschlägt: im Stillwerden, sich Sammeln, sich Einlassen auf Gott mit wachen Sinnen und offener Seele.
Gott im banalen Alltag
Stellen wir uns vor, unsere Wirklichkeit wäre eine Bilderwelt Gottes, die von uns betrachtet werden will, um Gott in seinen unterschiedlichsten Offenbarungen darin zu entdecken? Nicht nur in Sternstunden, sondern gerade im banalen Alltag. Auch da bist Du, Gott?, würden wir staunen und uns wundern. Wir würden anfangen uns zuzutrauen, Gott in unserer eigenen Unruhe zu erfahren, in unserer frohen Lebenslust, in einem Schicksalsschlag, in einem einzigen Wort.
"Gott, du mein Gott, dich suche ich", beginnt der 63. Psalm aus dem Alten Testament der Bibel. Auf ihn werde ich in dieser Woche immer wieder eingehen. Bereits in der ersten Zeile wird die paradoxe Spannung dieses Textes deutlich: Zum einen verwendet der Psalmist die vertrauensvolle Anrede "Gott, du mein Gott", fährt aber sogleich fort: "dich suche ich."
In dieser Spannung lebt lebendiger Glaube: Ahnung von Gottes Nähe, andererseits immer wieder Dunkelzonen scheinbarer Gottferne.
Die Museumsgruppe im Berliner Museum gab dem großformatigen Gemälde Chance, seine Welt zu offenbaren. Entdecken wir Gottes Offenbarungen in unserer Welt?
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Text: Petra Fietzek | Foto: Michael Bönte
15.08.2011
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