
In der Leidenschaft die Liebe entdecken.
Sex – Wollust - Fleischeslust
Von Liebe und Gesetz
Lassen Sie uns über Sex reden. - Nicht so gerne? Lieber über "Wollust" oder "Fleischeslust"? Das klingt nicht ganz so schlüpfrig, nicht ganz so unheimlich - aber, seien Sie ehrlich, auch ein bisschen wie von einem anderen Stern. Es gab Zeiten, und die sind noch gar nicht so lange her, da hatte man den Eindruck, es gäbe kaum ein anderes Thema in der Kirche, weil hochoffizielle Verlautbarungen sich viel und gern um die Themen Verhütung und vorehelicher Geschlechtsverkehr drehten; ein Journalistenkollege von mir, ein altgedienter, kirchenfreundlicher Moderator des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, machte sich damals im privaten Gespräch in der Hannoveraner S-Bahn ernsthaft Sorgen, die katholische Kirche könnte zu einer Art "Unterleibsreligion" verkommen. Und dann kam, Gott sei Dank, Benedikt XVI. und seine erste Enzyklika "Deus caritas est" - "Gott ist die Liebe". Für mich ein bis heute unübertroffenes päpstliches Dokument.
Dennoch: Bis heute steht im Katalog der sieben so genannten "Todsünden" die "Wollust". Ohnehin denken die allermeisten Menschen, wenn sie nur das Wort "Sünde" hören, als erstes an eben das, was man sich so unter "Wollust" vorstellt. Und so kommt es, dass die berüchtigte "sündige Meile" die Gegend mit den roten Laternen ist - statt zum Beispiel das Börsenviertel.
Wie auch immer. Auch wenn es Jahrhunderte brauchte, bis die Kirche in der Leidenschaft auch die Liebe entdeckt - wenn man genau hinschaut, dann verteufelt die so genannte "Todsünde" der "Wollust" auch reichlich anderes als reine Lust. Im Kirchenlatein steht da nämlich "luxuria", was auch "Genusssucht" heißen kann. "Luxuria" - da klingt freilich auch Luxus mit, also "Übermäßigkeit" und Besitz über die Maßen. Dieser Begriff "Luxuria" ist aber auch verwandt mit einem Begriff aus der Medizin, nämlich mit der "Luxation", von der Orthopäden sprechen, wenn ein Gelenk ausgerenkt ist. Will sagen: Da ist etwas sehr Natürliches an eine Stelle verschoben, die die Natur nicht dafür vorgesehen hat.
Und genau mit dieser wunderbaren Wortverwandtschaft nähern wir uns dem Grund dessen, was "Wollust" zur "Todsünde" macht: Wo Sexualität die Liebe zu einem anderen Menschen "verrenkt" und ihn zum puren Objekt meiner eigenen Befriedigung macht - da wird die Sache schief, weil ich diesen Menschen nicht mehr als selbstbestimmten, liebenswerten und liebenswürdigen Menschen wahrnehme, sondern als einen, der für die Befriedigung meiner Bedürfnisse da zu sein hat. Darum ist das Sündige daran nicht die Sexualität, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Lust vor der Würde steht - und nicht die Liebe, die ich doch selber zutiefst ersehne und brauche zum Leben.
In den katholischen Gottesdiensten dieses Sonntags wird ein wunderbarer Satz verkündet:. Jesus sagt da: "Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten." So rum wird ein Schuh draus: Wer liebt - und Gott ist die Liebe - hält die Gebote, weil alles unter dem größten Gebot Gottes steht, dem Gebot der Liebe. Das ist Gesetz. Das Gesetz der Liebe. "Liebe - und tu, was du willst", hat Bischof Augustinus vor 1500 Jahren gesagt. Die Liebe ist das Gesetz - und so ist Gott das Gesetz. Wer liebt, erkennt nicht nur einen anderen Menschen, der erkennt, der erfährt Gott. Etwas Größeres gibt es nicht. Und mit Kleinerem sollten wir uns zumindest nicht begnügen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen schönen Sonntag!
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Text: Markus Nolte | Foto: Michael Bönte
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