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25.05.2012
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Thomas begegnet dem Auferstandenen Christus.

Thomas begegnet dem Auferstandenen Christus.

Thomas im Evangelium

Vom Sinn des Unsichtbaren

Ist das nicht gemein, dass der 1. Mai in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt? Ausgerechnet der Tag der Arbeit, an dem sonst die Arbeit ruht, an einem sowieso arbeitsfreien Tag? Arbeitnehmerfreundlich ist das nicht gerade - aber so ist das nun mal in diesem Jahr. Und selbst, wenn der 1. Mai auf einen Wochentag, einen "Werktag" fällt: Es gibt immer noch viele, viele Menschen, die trotzdem arbeiten müssen.

Wie auch immer: Ehrlich gesagt, finde ich das gar nicht so schlecht, dass der 1. Mai in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt. Denn eigentlich hat jeder Sonntag etwas mit Arbeit zu tun - oder besser gesagt: mit der Ruhe nach der Arbeit, mit Erholung, mit Muße. Denn der Mensch - wer wüsste das nicht - ist mehr als die Leistung, die er bringt, mehr als das Können, das er sich angeeignet hat, mehr als ein kleines Teilchen im Bruttosozialprodukt. Sich daran zu erinnern - dazu ist an jedem Sonntag Gelegenheit.

Von diesem Sonntag geht alles aus, der Sonntag ist der Anfang - und er erinnert mich an den Anfang von allem: an die Schöpfung, an Gott. Und Gott hat keinen Menschen geschaffen als Arbeitsmaterial, als "manpower", wie das die Wirtschaftsleute sagen, sondern als mich, als Person, die weit mehr ist als das, was ich schaffe, was ich leiste, was ich "bringe". Ich bin ich, ich bin Geschöpf, wertvoller als alles andere auf dieser Welt, denn ich bin Geschöpf Gottes. Daran glaube ich.

Es gibt mehr als das, was sichtbar, zählbar ist, was in Bilanzen und Personalplänen schwarz auf weiß festzuhalten ist. An diesem ersten Sonntag nach Ostern wird in den katholischen Kirchen eine Sonntags-Geschichte erzählt. "Am ersten Tag der Woche", heißt es da, kam der auferstandene Jesus zu den Jüngern - wie auch immer man sich das konkret vorzustellen hat. Alle waren da - außer Thomas, warum auch immer. Später erzählen ihm die restlichen Jünger von dieser außerordentlichen Begegnung - aber Thomas glaubt ihnen kein Wort und sagt: "Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich einen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht."

Kurzum: Exakt eine Woche später, also wieder am ersten Tag der Woche, kommt Jesus erneut zu ihnen - und diesmal ist Thomas dabei. Und was macht Thomas? Obwohl Jesus ihm sagt, er solle genau das tun, was er tun wollte, erzählt das Evangelium gerade nicht, dass er seine Finger in die Wunden von Jesus legte. Er sagt einfach nur: "Mein Herr und mein Gott!" Anders gesagt: Da, wo er anfassen, ergreifen, begreifen wollte - da wird er selber ergriffen von einer ganz anderen Wirklichkeit.

Genau das feiern wir Christen an jedem Sonntag im Gottesdienst: Während wir an den Werktagen die Arbeit in den Griff bekommen müssen, da lassen wir uns am Sonntag von einer Wirklichkeit ergreifen, die zwar nicht mit Händen zu greifen und in Zahlen festzuhalten wäre, die aber weit mehr ist als unser Mühen nach Auskommen, Erfolg, Sicherheit, mehr als unser Rackern und Machen und Tun. Ich kann Ihnen diese Erfahrung nur wärmstens ans Herz legen, denn sie rückt so manche verquere Sicht auf uns Menschen wieder gerade, die meint, wir wären eigentlich vor allem dazu auf dieser Welt, um etwas zustande zu bringen, zu leisten, zu schaffen.

In dieser Erfahrung begegne ich allen Ernstes dem, der alles geschaffen hat. Gott. Der Religion des Christentums geht es um nichts anderes, als unser Leben, alles, was uns widerfährt, auf Gott zurückzubinden. Nicht anderes heißt nämlich Religion als dies: Rückbindung. Will sagen: Ich muss - und kann - nicht alles selber schaffen in meinem Leben. Das meiste ist mir sowieso geschenkt. Diese Erfahrung schenkt mir Muße, Ruhe, Erholung. Kraft für mehr als die nächste Woche. Kraft für ein ganzes Leben. In diesem Sinn: Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag - an diesem 1. Mai.

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