
Die Ströme - sie überfluten dich nicht.
Lebenshunger
Glaubst du das?
"Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Glaubst du das?" Gespräch Jesu mit Marta am Grab ihres toten Bruders Lazarus (Joh 11,24 f.). Auch bei vielen Beerdigungen die zentrale Frage: Glaubst du das? Dass Gott uns in sein ewiges Leben hineinnimmt und verwandelt? Martas Antwort: "Ja, Herr, ich glaube!", verbunden mit ihrem Bekenntnis zu Jesus als dem Sohne Gottes.
Morgen kann alles vorbei sein
Jeder lebt kurz vor seinem Tod, dem letzten Termin, der uns bleibt. "Herr, lass uns erkennen, wie sehr wir vergänglich sind" (Ps 39,5). "Meine Lebenszeit ist vor dir wie ein Nichts!" Der Tod als letzte Bedrohung an der Grenze des bisschen Gestern, Heute und Morgen.
Das Leiden an der Vergänglichkeit und Hinfälligkeit hat manchmal eine lange Dünung. Die Frage nach dem "Danach" bricht schon sehr früh auf, wenn das Unfertige und Provisorische, die Verluste und Verletzungen unseres Lebens, das Nicht-Können, Nicht-Tun und Nicht-Sein nach "Lösung" und "Erlösung" verlangen.
Das Sterben und Vergehen schon vor dem großen Tod weckt Ängste: "Die Angst des Flusses vor der Mündung" (Titel eines Hörspiels). Münden ins Nichts, ins All, in Gott? Hoffnung auf Rettung in letzter Sekunde? Wie aus einem brennenden Auto oder Haus? Aber: Rettung durch wen und wozu?
Eine gläubige Antwort: "Gott ist ein Gott, der uns Rettung bringt. Gott, der Herr, führt mich hinaus aus dem Tod" (Ps 68, 21). Glaubst du das?
Wer wälzt den Stein weg?
Als Glaubender lebe ich zielgerichtet von Szene zu Szene, ohne das Drehbuch meines Lebens zu kennen. Ich lebe auf den Augenblick hin, in dem sich Gott endgültig als Gott erweist. Dazu möchte ich mich bereiten und vorbereiten, offen sein für den Weg und das Ziel.
Glauben und Hoffen werden geschenkt, aber ich muss "mitgehen", wohin ich geführt werde. Viele Getaufte gehen nicht mehr mit. Sie sagen: Die Kirche hat mir den Weg verbaut. Die religiöse Vergangenheit belastet sie. Das "Gute von gestern" ist blockiert. Auch die eigene Lebensgeschichte macht es ihnen heute schwer, dies wieder in ihrem Leben zuzulassen. Durchaus noch ein Gespür für Wahres, Reines und Heiliges, keineswegs nur Flucht in die Ablenkungs- und Unterhaltungsindustrie.
Von Zeit zu Zeit bei einigen die innere Stimme: Halt! Du kannst nicht so weitermachen! Die Sache mit Gott ist nicht einfach vom Tisch. Auch in der Kirche sind Menschen, die ernsthaft "hungern und dürsten nach Gerechtigkeit". Und Kirche ist ja auch der Ort, wo es um jedwede Art von Bedürftigkeit und Bedürftigen geht. Vor allem: Wem könntest du helfen, wen vielleicht vor seinem seelischen oder sozialen Tod "retten"? Was bist du fixiert auf den Stein, der dich belastet?
Nur kurz durchs Bild gelaufen
Wenn keine religiöse Vergangenheit mehr aufleuchten kann, weil Jesus nur kurz "durchs Bild gelaufen" zu sein scheint, wächst in der Regel die Distanz. Vor allem, wenn es bisher gelungen ist, ohne besondere Reibungsverluste durchs Leben zu gleiten, und stärkere Wellengänge einen nicht erfasst haben, besteht die Neigung, die Gottesfrage beiseite zu schieben oder die Vorstellungen von ihm entsprechend zu filtern oder weichzuspülen.
Auch Christen kennen Phasen, in denen sie Jesus und seine Botschaft nicht besonders ernst nehmen. Gott ist auch für sie nicht immer "gegenwärtig", scheint nicht in unsere Lebenswelt hineinzuragen. Sonst käme er häufiger zur Sprache. Auch in den Kirchen kann sich Gottesmüdigkeit breit machen, obwohl weiterhin von und zu ihm gesprochen wird. Vielleicht ist es die "unwürdige" Art, die Routine oder das Gewohnte, das manchmal abschreckt, so dass wir uns in den Reihen derer wiederfinden, die gar nicht auf den Gedanken "Gott" kommen.
Ist heute wieder eine Zeit für Propheten gekommen, die den Hunger und Durst nach Gott neu wecken müssen?" Gott, mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir" (Ps 65). Der erfahrene Spiritual Johannes Bours (gest. 1988) bekannte am Ende seines Lebens, was ihn in den letzten fünfzig Jahren am tiefsten berührt und beschäftigt hätte: "Das war für mich persönlich nicht die Nazizeit und der Krieg, sondern der rapide und fast totale Glaubensabbruch in den letzten zwanzig Jahren."
Heute, nach weiteren zwanzig Jahren, scheint der weit verbreitete Mangel an Gottverlangen das zentrale Merkmal unserer Erlösungsbedürftigkeit zu sein. Wo die Frage nicht ist, geht die Frohbotschaft ins Leere. Der durchaus vorhandene soziale und seelische Hunger nach wahrem und authentischem Leben kann jedoch nicht einfach als Gottverlangen theologisch vereinnahmt werden.
Sehnsucht nach dem Glauben von einst
Einige "Ehemalige" treibt weiterhin eine Unruhe, die vermuten lässt, dass sie mit Gott noch nicht fertig sind. Arnold Stadler, Theologe und Schriftsteller, spricht in seinem Werk "Salvator" (2008) von der "Sehnsucht nach dem Glauben von einst", denn "Gott war ihm mit der Zeit abhanden gekommen". Und: "Immer noch wartete er, wenn er auch schon lange nicht mehr wusste, worauf. Und dann gab es noch das Verlangen nach dem ganz Anderen, als wäre dies der neue Name für Gott."
Mehrfach die Bemerkung: "Mitten in diesem Leben traf ihn der Satz: Ich werde bei dir sein!" Hier berühren sich der Jahwe des Alten Testamentes und die Verheißung des Auferstandenen: "Ich bin bei euch alle Tage!" (Mt 28,20)
Der marxistische Sozialphilosoph Max Horkheimer sprach in einem berühmten Spiegelinterview (1970) von der "Sehnsucht nach dem ganz Anderen", ohne sich inhaltlich festzulegen. Er bekannte sich zu einem Absoluten, das "die transzendente, nicht zu beschreibende Wahrheit" ist. "Marx ist meinem Gefühl nach vom Messianismus des Judentums bestimmt worden, während für mich die Hauptsache blieb, dass Gott nicht darstellbar ist, dass aber dieses Nichtdarstellbare der Gegenstand unserer Sehnsucht ist."
Der "ehemalige" Christ Stadler und der "ehemalige" Jude Horkheimer treffen sich in der Frage aller Fragen. Und ihre Antworten sind verblüffend ähnlich.
Haben viele Zeitgenossen sie nur scheinbar beiseite geschoben? Wo brechen sie vielleicht unverhofft wieder auf, die Fragen nach Gott, Sünde und Tod? Nicht nur bei einer Trauerfeier.
Fürchte dich nicht; denn ich erlöse dich und rufe dich beim Namen, mein bist du. Gehst du durch Wasser, ich bin bei dir, durch Ströme, sie werden dich nicht überfluten. (Jes 43, 1.2)
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Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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