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25.05.2012
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Kein Mensch will alleine sterben.

Kein Mensch will alleine sterben, alle suchen nach der Hand eines anderen.

Begegnungen im Gemeindealltag (5)

Habe ich im Leben genug Gutes getan?

Sterben und Tod – damit habe ich oft zu tun. Es kommt häufig vor, dass ich zu Sterbenden gerufen werde. Zum Beispiel in das Hospiz, das zu meiner Gemeinde gehört. Aber auch zu Hause, in den Familien, im Krankenhaus: Kein Mensch will alleine sterben, alle suchen nach der Hand eines anderen. Selbst Menschen, die wenig mit der Kirche zu tun haben, rufen danach: geistlicher Beistand in der letzten Stunde. Ich tue das gern, habe davor keine Angst. Sterben und Tod gehören für mich zum Leben dazu.

Eine sehr alte Frau lässt nach mir rufen. Ich kenne sie gut, sie ist gläubig und hat zeitlebens in der Gemeinde mitgemacht. Deshalb kann ich mit ihr auch ganz offen sprechen. Sie weiß, dass sie in Kürze sterben wird, ist aber geistig noch ganz präsent, hellwach. "Herr Pastor", fragt sie mich, "habe ich im Leben wohl genug Gutes getan, damit ich jetzt in den Himmel komme?" – "Nein", ist meine spontane Antwort. Bei vielen anderen hätte ich ganz sicher "Ja" gesagt, allein der Beruhigung wegen. Man sollte keine Diskussionen mehr führen, wenn die letzte Stunde geschlagen hat, keine Unsicherheiten verbreiten. Doch bei dieser Frau weiß ich, dass sie meinen Gedankengang versteht.

Offener Himmel

"Habe ich wohl genug Gutes getan?", fragt die Frau. "Nein!" Ich darf ein klares "Nein" sagen. Denn im Grunde genommen weiß die alte Frau: Christen fragen gar nicht danach, ob sie wohl zu Gott kommen. Denn Gott ist zu den Menschen gekommen – in Jesus Christus. Niemand muss sich deshalb den Himmel verdienen, er ist offen. Dafür stehen der Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Wir kommen also wirklich "alle in den Himmel", wie der alte Schlager singt. Aber nicht, "weil wir so brav sind", das sind wir ja gar nicht, und das wäre ja auch viel zu wenig. Sondern weil Jesus Christus unser Erlöser und Heiland ist. Nur deshalb! Ich tue das Gute, weil Gott mich zuerst geliebt hat, also aus Dankbarkeit, und nicht, um mir dadurch irgendetwas zu verdienen.

Ich kenne viele Leute, die sagen: "Wenn ja doch alle erlöst sind, dann ist es ja egal, was ich tue. Dann kann ich ja einfach so drauflos leben." Ich verstehe diesen Einwand, doch er ist falsch. Schon unter uns Menschen gilt: Wer geliebt wird, der tut das Gute nicht mehr nur aus Pflicht, schon gar nicht aus Angst, sondern allein aus Liebe. Und das ist viel mehr, denn Liebe bringt Größeres hervor als Pflicht und Angst. So ist auch Gott kein mieser Sadist, der uns im Leben testet, und kein mickriger Lohnbuchhalter, der nur zusammen rechnet, was wir bei ihm eingezahlt haben. Er ist die Liebe, die sich für uns hingibt. Er hat uns erlöst: von der Last, uns selbst bei ihm beliebt machen zu müssen. Das heißt: Ich habe nichts zu verlieren, ich kann mein Leben einsetzen für andere, ohne Angst haben zu müssen, dabei etwas zu verpassen.

Wenn das so ist, dann kommt es nicht mehr darauf an, alles im Leben richtig zu machen. Und sich womöglich dadurch bei Gott absichern zu wollen. Sondern es kommt darauf an, etwas zu wagen. Wer Christus nachfolgt, kann zuversichtlich sein, voller Hoffnung. Und braucht deshalb keine Angst zu haben: nicht einmal vor dem Tod.

Gott liebt bedingungslos

Die alte Frau ist kurz nach unserem Gespräch gestorben. Ganz ruhig, als wenn sie selig eingeschlafen wäre. Wir haben noch gemeinsam gebetet: zu Jesus Christus, unserem Erlöser.

Im Hintergrund steht die so genannte Rechtfertigungslehre: Der Mensch wird von Gott gerecht gemacht, ohne die Werke des Gesetzes, allein aus dem Glauben an Jesus Christus (vgl. Röm 3,21-22). Das bedeutet: Gott liebt mich bedingungslos und ohne Vorleistung. Er schenkt mir seine Liebe ganz umsonst – aber eben nicht vergeblich: Denn das Geschenk der Erlösung, der unverdienten Gnade, ruft nach einer Antwort im Leben hier und jetzt. Der Himmel ist nicht die Rendite eines moralisch einwandfreien Lebens, sondern die Konsequenz dessen, dass Gott mir in Jesus Christus seine ganze Liebe geschenkt hat. Diesen Glauben konnte ich mit der alten Frau teilen. Sie ist gestorben in dem Bewusstsein: Ich sterbe in Gott hinein; er liebt mich, nicht weil ich gut bin, sondern weil er gut ist.

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