
Der morgendliche Blick in den Spiegel ist etwas Intimes.
Von der alltäglichen Schönheit des christlichen Glaubens (2)
Von Gott angeschaut werden
"Richtig gut siehst du heute aus!" Ein solches Kompliment hören wir gerne. Gestern war es nicht so gut. Und dabei habe ich mich so zusammengerissen. Die Anderen haben es doch bemerkt. Aber es stimmt. Ich war nicht gut beieinander.
Wie wir von unseren Mitmenschen eingeschätzt werden, ist uns nicht gleichgültig. Wir möchten einen guten Eindruck machen. Bereits nach dem Aufstehen unterziehen wir uns einem Ritual, unser vom Schlaf zerzaustes Aussehen in Ordnung zu bringen. Im Spiegel kontrollieren wir, wie es um uns steht, und ein letzter Blick gibt uns die Gewissheit: So kann ich unter die Leute gehen.
Der morgendliche Blick in den Spiegel ist etwas Intimes. Noch ist es ganz allein meine Sache, wie ich aussehe. Und doch stimmt es nicht ganz. Die Ränder unter den Augen, was werden die Kollegen denken? Meine Augen sind müde. Der Chef erwartet, dass wir topfit sind. Die Falten, du gehörst langsam zum alten Eisen. Nein, vor dem Spiegel bin ich nicht alleine. Kollegen und Chefs, Rivalen und Freunde beeinflussen mich unsichtbar mit ihren Blicken und Einschätzungen.
Was sich allmorgendlich vor dem Spiegel abspielt, ist ein kleines Vorspiel zu dem, was der Tag bringen wird, und es ist nicht unwichtig, wer mich anschaut und wie ich dabei aussehe. Im Vorteil sind zunächst jene, die blendend aussehen, souverän auftreten, Kompetenz ausstrahlen und Einfluss haben. Andere, die bescheidener ausgestattet sind, haben es da nicht immer leicht.
Zum Glück ist die Wirklichkeit komplizierter. Die Unscheinbaren müssen keineswegs weniger beliebt sein als die großen Stars. Wegen ihrer Zuverlässigkeit genießen sie oft hohes Ansehen. Wenn sie kontaktfreudig sind, haben sie viele Freunde. Vor allem mögen sich selbst gerne leiden und sind deswegen gut gelitten.
Schwerer haben es dagegen jene, die unter dem Druck stehen, immer die Besten sein zu müssen, und von der Angst getrieben werden zu versagen. Die Schauspielerin Hanna Schygulla sagte es so: "Ich schaue nicht mehr so viel in den Spiegel; denn die Augen, mit denen man sich selber anschaut, sind nicht die Augen, in denen man am besten aufgehoben ist." In der Tat, die eigenen Augen können gnadenlos sein.
Zurecht legen wir Wert auf unsere Individualität. Keine Macht der Welt darf uns die Würde nehmen. Dennoch können wir nicht übersehen, wie sehr wir von der Wertschätzung anderer abhängig sind. Wir sind auf den freundlichen Blick angewiesen, der uns hilft, uns selbst zu mögen und bei anderen gut gelitten zu sein. Im Gebet dürfen wir darauf vertrauen, von Gott angeschaut zu werden. Im Gebet dürfen wir wissen, dass wir geliebt sind, bevor wir anfangen, uns liebenswert zu machen. Beten heißt, sich mit seinem Leben der Güte Gottes auszusetzen, mit allem Dank, mit allen Sorgen und nicht zuletzt mit dem Wissen, dass seine Barmherzigkeit größer ist als unser Herz.
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Text: Ferdinand Schumacher | Foto: Anselm Thissen
13.04.2010
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