
Schön ist: Einen Sonnenuntergang genießen.
Von der alltäglichen Schönheit des christlichen Glaubens (1)
Glanz der Liebe
Wenn es uns rundherum gut geht, an einem Urlaubstag, bei einer Geburtstagsfeier oder während eines Konzerts, und wenn wir dann nach einem passenden Ausdruck für unsere Empfindung suchen, dann sagen wir einfach: Was war das schön! Das kleine Wort "schön" sagt alles. Wir könnten es nicht besser sagen. Schön ist in der Tat ein schönes Wort.
Doch wer wollte genau sagen, was das Schöne ist? Es erscheint, es berührt, fasziniert, wird empfunden und genossen, nur eines lässt es nicht zu: es lässt sich nicht definieren. Immer behält es seine Aura oder sein Geheimnis für sich.
Das Schöne lässt sich nicht unterkriegen, auch nicht von der Konsumwelt, deren Werbung einen ungeheueren Verbrauch an Schönheit hat. Sonnenuntergänge bleiben auch dann faszinierend, wenn sie tausendmal verkitscht worden sind. Ein blühender Kirschbaum ist einfach schön. Wer sollte das bestreiten.
Luxus
Das Schöne ist eine Art Luxus. Es ist nicht unbedingt nötig, den Tisch schön zu decken, wenn es nur darum geht, schnell satt zu werden. Und warum müssen es immer Blumen sein? Wäre es nicht praktischer, als Gastgeschenk einen Geldschein zu überreichen? Kaum jemand möchte in einer Welt leben, in der allein Geld und Nutzen zählen. Ohne Blumen, Geburtstagsfeiern und schöner Kleidung bliebe das Leben grau und trist. Wir brauchen das Schöne wie das tägliche Brot.
Das Schöne ist wehrlos. Es kann Gewalt und Hass nicht verhindern. Es kann sogar zum Mittel werden, um Menschen zu verführen und Unheil anzurichten. Das Schöne wird zur Lüge, wenn es sich von seinen Geschwistern Wahrheit und Gerechtigkeit entfernt. Ein Missbrauch des Schönen wäre es auch, alles schönzureden. Die Sorgen der Menschen um ihren Arbeitsplatz oder die wachsende Armut in unserem Land lassen sich nicht schönreden. Wer Unrecht und Schuld schönredet, verfehlt sich an der Wahrheit. Und wer sich gerne in Illusionen wiegen lässt, darf sich über das böse Erwachen nicht wundern. Nur dort verdient das Schöne uneingeschränktes Wohlgefallen, wo es mit der Gerechtigkeit und Wahrheit verbunden ist.
Kann es sein, dass das Schöne in unseren Kirchen eher stiefmütterlich behandelt wird? Dass es ein Leichtgewicht ist gegenüber seinen Geschwistern Wahrheit und Gerechtigkeit? Dass es unter dem Verdacht steht, bloß ästhetisch zu sein und nicht mit beiden Beinen in der Wirklichkeit zu stehen? Dass es sich seine Nischen sucht in religiösem Kitsch und in der Schwärmerei für die alte lateinische Liturgie?
Ebenbild der Liebe Gottes
Die Schönheit des Glaubens gründet in der Überzeugung: Gott ist die Liebe. Das Schöne ist der Glanz der Liebe, mit der wir von Gott geliebt werden. Wir dürfen sie wahrnehmen in der Schönheit der Beziehung von Mutter und Kind, wie sie das Kind herzt und wie das Kind mit Strampeln und Jauchzen reagiert. Die Schönheit der Güte Gottes kann sich abzeichnen im Gesicht eines alten Menschen, der seinen Frieden gefunden hat, oder im Tun eines jungen Zivildienstleistenden bei der Pflege eines Kranken. Gott schaut uns liebend an, damit wir werden, wozu wir geschaffen sind, ein Ebenbild seiner Liebe. Wir dürfen uns begreifen als Söhne und Töchter einer geheimnisvollen Zukunft, in der Schönheit, Wahrheit und Gerechtigkeit in Eintracht verbunden sind. Diese Zukunft hat jetzt schon begonnen, überall dort, wo die Liebe gelebt wird.
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Text: Ferdinand Schumacher | Foto: Michael Bönte
12.04.2010
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