
Maß halten mit Hilfe einer Waage.
Geistlicher Impuls zur Fastenzeit: Die sieben "Todsünden" (3)
Geiz und Völlerei
Was hat es mit Geiz zu tun, wenn man sich einen Flachbildfernseher für um die tausend Euro anschaffen soll? Bisher dachte ich immer, geizig sei derjenige, der das viele Geld, das er hat, nicht ausgeben will – nicht einmal für noch so ehrenwerte Dinge. Aber offensichtlich meinten die Damen und Herren aus der Reklamebranche, in Zeiten wachsender Privat-Insolvenzen und zunehmender Kinderarmut sei Geiz einfach eine gute Sache. So nach dem Motto: Wenn ich schon kein Geld habe, kann ich es wenigstens für einen günstigeren Fernseher nicht ausgeben. Wie zynisch ist das denn?
Auch wenn es diesen grausligen Werbespruch Gott sei Dank nicht mehr gibt: Diese Kampagne hat mich deshalb so aufgeregt, weil sie eine waschechte, eine im biblischen Sinn diabolische Versuchung war, die mit voller Absicht auf die Schwachstelle des Menschen schlechthin zielte: Wie schaffe ich es, bei möglichst geringem Einsatz so viel wie möglich herauszuschlagen – und sei es auf Kosten von gerechten Löhnen, fairem Wettbewerb und fairem Handel, auf Kosten des Klimas und globaler Gerechtigkeit?
Ein anderes Beispiel: So grandios und überwältigend die Spendenbereitschaft hierzulande für die Erdbeben-Opfer von Haiti auch war – muss es nicht dennoch beschämen, dass es wieder einmal erst einer so unvorstellbaren Katastrophe bedurfte, damit Menschen nachhaltig geholfen wird – in einem Land, dessen Spitzenposition auf der Armutsliste der westlichen Welt überhaupt erst ein solches Ausmaß an Opfern zuließ? Muss es zudem nicht nachdenklich machen, wenn bereitwillige Helfer aus Deutschland anfangs nicht einmal wussten, wie sie in das Erdbebengebiet kommen sollten, weil alle Flieger in die benachbarte Dominikanische Republik von sonnenhungrigen Winterflüchtlingen ausgebucht waren, die – natürlich völlig arglos - ihre schönsten Wochen auf der Karibikinsel verbringen wollten?
Geiz und Völlerei nennt das die christliche Spiritualität – und zählt sie zu den sieben so genannten "Todsünden". Warum ist das so? Ich glaube, dass diese beiden Grundübel, die den Hals nicht vollbekommen können, die brutale Fratze einer großen Angst sind – nämlich der Angst vor einer unglaublichen Leere. Die Angst, das alles nicht reichen könnte zum Leben. Das alles nicht genügt. Dass mein kleines Leben und das, was ich bin, dass das alles ohne ständige Steigerung nicht genügt für Erfolg und Anerkennung bei meinem Partner, meinen Freunden, meinem Umfeld. Dass all das nicht genügt, um Ansehen zu haben. Und wo Genügen und Begnügen nach ertraglosem Stillstand klingen, muss sich sogar das Vergnügen lohnen, muss der große Spaß die kleine Freude übertrumpfen. Selbst wenn ich entspannen will, muss ich "abschalten", "runterfahren", brauche eine "Auszeit" - ganz so, wie man das Maschinen gönnt. So weit sind wir. Das Gegenteil von Gewinn ist Verlust, Zeit ist Geld und Gleichmaß ist bedrohlich. Also besser sich zusammenreißen, alles zusammenhalten und scheffeln, was das Zeug hält.
Mal im Ernst: das ist doch unmenschlich! Und jeder weiß das! "Die Unfähigkeit, Maß zu halten, die Sucht, die Selbstsüchtigkeit, bedroht nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Gesundheit", sagt der Berliner Eine-Welt-Experte Pater Wolfgang Schonecke. Und er fährt fort: "Völlerei, in allen Formen, führt zu spiritueller Blindheit. Kein Wunder, dass in einer konsumfixierten Gesellschaft Religion irrelevant ist."
Und ich finde, auch vor diesem Hintergrund hat die Fastenzeit, die vor einer Woche am Aschermittwoch angefangen hat und um deren befreienden Sinn bezeichnenderweise jede Religion weiß, ihre ganz besondere Aktualität. Denn die Fastenzeit ist eben kein Pflichtprogramm für ein edles-christliches Leben, sondern eine Zeit sinnvoller Bescheidung, der Genügsamkeit, des Maßhaltens. Vielleicht lohnt es sich sogar, tatsächlich auch einmal das Fasten zu versuchen, wenn es Alltag und Gesundheit erlauben. Nach anfänglichen Hungergefühlen und Kopfschmerzen, auch einer Zeit innerer Leere, folgt oft die Erfahrung einer großen Freiheit und Klarheit des Geistes. Und, wer weiß, womöglich auch die Erfahrung, dass ich Anerkennung und Ansehen im Tiefsten nicht machen kann, sondern längst gekannt und angesehen bin. Von Partnerin oder Partner hoffentlich, von Gott auf alle Fälle. Unwiderruflich. Und das genügt.
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