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11.02.2012
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Beweinung Jesu (15. Jh.).

Beweinung Jesu (15. Jh.).

Geistliche Impulse von Hermann-Josef Silberberg zur Fastenzeit: Nachfolge (2)

Salome sprach: Ich bin deine Jüngerin

Erstaunlich die Art, wie Jesus mit Frauen umging. Sie gehörten auch zu denen, "die er rief". Auch sie wollten von Jesus lernen, in seine Schule gehen - hinter ihm her, sehen, wie sich bei ihm das "Herrsein Gottes" zeigt und durchsetzt.

Einige Frauen werden ausdrücklich erwähnt: Johanna, Susanne, Maria, die Mutter von Jakobus und Jose, Salome und viele andere, immer wieder aber Maria von Magdala (Mk 15,40f.; Lk 8,1f.; Joh 20,1).

Auch Maria, die Mutter Jesu, muss bei ihm lernen, ist Mutter und Schülerin des Sohnes. Für eine gläubige Jüdin ist sein Umgang mit Gesetzlosen (Zöllnern und Sündern) nicht weniger provozierend wie sein Umgang mit Frauen: "Die Jünger wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach" (der Samariterin; Joh 4, 27).

Schülerinnen und Freundinnen

In außerbiblischen Zeugnissen wird die Vertrautheit Jesu mit Frauen besonders betont. Das so genannte Thomasevangelium (2.-3. Jh.) überliefert mehrfache Gespräche mit Salome (s. Überschrift). Sie gehört auch zu den Frauen, die bei der Kreuzigung Jesu "von weitem zusahen" (Mk 15,40) und als erste zum Grab Jesu gingen, "um ihn zu salben" (16,1). Salome ist die Frau des Zebedäus, die Mutter von Jakobus d. Ä. und Johannes, nicht zu verwechseln mit der Tochter der Herodias, der Salome, die auf Wunsch ihrer Mutter das Haupt des Johannes forderte (Mk 6,21-29).

Die Evangelien berichten nichts von einer besonders engen (partnerschaftlichen) Beziehung Jesu zu seiner Schülerin Salome. Sie steht in der Reihe der anderen Zeugen, denen "das Geheimnis des Reiches Gottes anvertraut ist", denen, "die Jesus schon in Galiläa nachgefolgt waren und ihm gedient hatten" (Mk 15,41). Sie war also eine Jüngerin der ersten Stunde und hatte sicher auch erfahren, wie Jesus inmitten einer Männerrunde einer Sünderin begegnet war, sich von ihr hatte berühren, die Füße küssen und salben lassen.

Diese Frauen sympathisierten nicht nur mit Jesus – sie begleiteten ihn wie "die Zwölf " u. a.: Einige Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalene, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen (Lk 8, 1-3).

Jesus brauchte keine Lebenspartnerin. Er war ganz erfüllt von seiner Beziehung zum himmlischen Vater, wie die Evangelien einhellig bezeugen. "Seine Speise war es, den Willen des Vaters zu erfüllen" und ganz seiner Sendung zu folgen. Deshalb konnte er einen unbefangenen Umgang mit Frauen pflegen, revolutionär in seinem Umfeld.

Der erwachsene Jesus lebte offenbar nicht in einer klettenhaft klebrigen Mutterbindung, und auch seine Mutter Maria zeigte keine anklammernde Fürsorglichkeit, die den Sohn bei seinem Sendungsauftrag gehindert hätte.

Das oben zitierte Gespräch ("Ich bin deine Jüngerin!") enthält eine für die Nachfolge  bedenkenswerte Weisung Jesu: "Ich sage dir: Wenn der Jünger leer ist, wird er voller Licht sein, aber wenn er geteilt ist, wird er voller Finsternis sein."

Fehlt in keinem Jesusfilm

Maria von Magdala ist die bekannteste Jüngerin Jesu. Ein bevorzugtes Objekt phantastischer Spekulationen: Freundin, Geliebte, Lieblingsjüngerin Jesu?

Die Evangelien bieten wenig biographische Informationen über die Frau aus Magdala: Bekehrte Sünderin, von sieben Dämonen befreit, nach der Mutter Jesu die meistgenannte Frau in den Evangelien (zwölf Mal). Als Erstzeugin der Auferstehung fast im Rang einer Apostolin, auf gleicher Ebene mit Petrus und Johannes.

Auch eine Schülerin der ersten Stunde, auch nahe der Kreuzigung. Sie flieht nicht wie die Männer, sondern folgt und dient Jesus bis zuletzt.

Ein lebendiges Argument in der orthodoxen Kirche von heute in der Diskussion über die Diakonatsweihe von Frauen: Schülerin und Gesandte, Mitarbeiterin Jesu und Zeugin, Angestellte Gottes und dabei lebenslang Novizin in der Schule des Herrn - wie die Männer. Diesen ist sie in ihrer Leidensfähigkeit immer schon überlegen. Eine große Trauernde unter dem Kreuz: "Man hat ihr alles weggenommen!" (Joh 20, 1-9) – Jesus ist nicht mehr fassbar, immer unfassbarer.

Am Beginn ihres neuen Glaubens nach Ostern steht die totale Verunsicherung. Die vertrauten Bilder und Vorstellungen, an die sich ihr Glaube bisher klammerte, verschwinden mit dem Gang zum leeren Grab: Die Leere und der Stein!

Verschwunden? "Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte" (Joh 20,8). Die Männer sind gegangen, Maria aber bleibt.

Am Ende der Szene das große Credo - für alle Zeiten: " Ich habe den Herrn gesehen" (Joh 20,18)! Maria von Magdala - die erste Zeugin des Auferweckten!

Angesichts des leeren Grabes vorher schon "der andere Jünger": "Er sah und glaubte" (20,8). Später auch das Bekenntnis: " Wir haben den Herrn gesehen " (Joh 20,25).

Alle zusammen werden in der jungen Kirche miteinander beten, wie der Herr sie zu beten gelehrt hat:

- Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen – heute.
- Erlass uns unsere Sünden - von gestern.
- Führe uns nicht in Versuchung – morgen.

Die  Koordinaten eines Christenlebens sind für alle vorgezeichnet, die Achsen des Kreuzes symbolisieren vertikal das Gottesverhältnis und horizontal unsere Art, mit Menschen umzugehen wie Jesus.

Mutter und Sohn

"Wie wenig wissen wir eigentlich über Maria!" Therese von Lisieux (1873 -1897) machte diese ernüchternde Feststellung in einem Jahrhundert, in dem die Marienverehrung blühte wie nie zuvor (dazu ein fragwürdiger Mutter- und Reinheitskult jenseits biblischer Textbefunde).

Wir folgen hier nur einer Spur, dem Verhältnis von Mutter und Sohn in der Fassung des Johannesevangeliums. Hier hören wir fast beiläufig: "Ist das nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen" (Joh 6,41)?

Nirgends der Name Maria! Evangelisten sind keine Reporter oder Historiker im heutigen Sinne. Sie spiegeln eine bestimmte Glaubenssicht der frühen Kirche: "Der vierte Evangelist ist kein Augenzeuge Jesu... Er hat es gewagt, seinen Jesus ganz anders sprechen zu lassen, als der historische Jesus tatsächlich gesprochen hat. Wusste er, dass man Gültiges zuweilen neu sagen muss, damit es die nächste Generation versteht" (Michael Theobald)?

Das Johannesevangelium bringt zweimal die Mutter Jesu in Szene: In Kana beim Weinwunder und unter dem Kreuz zusammen mit dem Lieblingsjünger. In beiden Fällen können wir nicht wissen, wie es historisch war. Wir haben "nur" die johanneische Botschaft, d.h. seine Sicht.

Der Befund ist so ernüchternd wie die Feststellung Thereses. Von herzlich warmer Mutter-Sohn-Beziehung keine Spur. In beiden Szenen die Anrede "Weib" – "Frau" (günai). Das klingt auch für semitische Ohren schroff und abweisend. Hier ist keine menschlich familiäre Ebene spürbar. Das Verhältnis Jesu zu seiner Mutter erscheint distanziert und befremdend. Am Ende - unter dem Kreuz eine Geste der Fürsorge: Der Sohn kommt seiner Rechtspflicht nach, für seine Mutter zu sorgen.

Erst im Mittelalter entdeckte man die tiefere Dimension dieser Szene: Maria als Abbild der Kirche! Im Johannesevangelium erscheint Maria als Jüngerin ihres Sohnes, die auf ihre Weise ihr Kreuz mit ihm auf sich nimmt. So steht sie - wie spätere Generationen mit ihren Leidensgeschichten - unter dem Kreuz als die Schmerzensmutter, die sich endgültig von ihrem "Kind" lösen muss, wie sich auch Jesus "von den Seinen" trennt. "Er wusste, dass nun alles vollbracht war" (19,28). Dieser Sendung war Maria untergeordnet.

Es begann in Kana. Noch nichts von der "Mutter des Glaubens", der Schwester im Glauben oder der Himmelskönigin. Sie dient dem Heilsplan Gottes mit seinem Auserwählten. Das Handeln Jesu wird allein von Gott bestimmt, nicht von Maria. Wie die anderen Jünger und Jüngerinnen wird sie auf "seine Stunde" verwiesen. Sie kann nur beiläufig drängen: "Was er euch sagt, das tut!" Sie teilt mit anderen das Verstehen und Nichtverstehen der "Offenbarung seiner Herrlichkeit". Für andere wird sie zur Wegweiserin (Hodegetria). Als Mutter steht sie ihrem Sohn am nächsten, als Jüngerin bleibt ihr "der Heilige Gottes" fremd bis zur Kreuzigung. Denn sie erlebt ihren Sohn als jemanden, der das "Nur-Menschliche" übersteigt.

Unter dem Kreuz wird sie zur Repräsentantin eines Glaubens, den die heilige Therese von Lisieux als dunkle Nacht in der Erfahrung der Abwesenheit Gottes beschreibt.

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