
Sich von Gott anschauen lassen.
Perspektiven (3)
Perspektive eines Liebenden
Menschen tragen Botschaften in sich. Botschaften, die diese Menschen über ihren Tod hinaus als persönliche Merkmale hinterlassen. Ein besonderes Merkmal der im Sommer vergangenen Jahres verstorbenen Choreographin Pina Bausch zeigt sich in allen Aufführungen des von ihr in Wuppertal gegründeten Tanztheaters. Auf die Frage, was das Geheimnis der internationalen Wirksamkeit ihrer künstlerischen Arbeit sei, antwortete sie: Was ich tu’: Ich gucke. Vielleicht ist es das. Ich hab’ immer nur Menschen beguckt. Ich hab’ nur menschliche Beziehungen gesehen oder versucht zu sehen und darüber zu sprechen. Das ist, wofür ich mich interessiere. Ich weiß auch nichts Wichtigeres als das.
Pina Bausch guckte. Das ist kein kritisches Beobachten, sondern waches Wahrnehmen. In ihren Aufführungen, die mit ihrer Mischung aus Tanz und Theater die Bühnenwelt revolutionieren, spiegelte sie dem Publikum Alltag: Glück, Zerreißproben, Abgründe und Rituale. Und das alles in schonungsloser Offenheit. Von Zorn bis zur Heiterkeit, geprägt von tiefem Nachdenken über die Beschaffenheit von Leben. In ihrem künstlerischen Credo zeigt sich ihre Innensicht der Menschen. Pina Bausch sagt: Mich interessiert nicht, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt.
Im Alten Testament der Bibel bewegt sich eine schwangere Frau in die Wüste. Ihr Name ist Hagar. Ihrer Flucht gingen Streiterein und Demütigungen voraus. Hagar ist am Ende ihrer Kraft und sinkt beim Brunnen einer Wasserquelle nieder. Dort erfährt sie den lebendigen Gott, der sie in ihrer Seele – bildhaft durch einen Engel – anspricht. Gott fragt nach Hagars Lebensumständen und Hagar leugnet ihre Flucht nicht, auch wenn darauf die Todesstrafe steht. Sie breitet ihr Leben offen vor Gott aus. Und Gott nimmt diese Frau in ihrem Elend wahr, äußerlich und innerlich. Er nimmt wahr, was Hagar in ihrer verwundeten Seele bewegt.
Für viele Menschen war der Blick Gottes eine Horrorvorstellung. Ihnen wurde von Erziehenden das "Auge Gottes, das alles sieht" als starrendes, einäugiges Phantom zur Einschüchterung vorgehalten. Welch eine machtbesessene Fehldeutung, die viel Schaden anrichtete!
Gottes Blick auf uns ist ganz anders. Immer zeugt er von seinem Interesse an jedem einzelnen Menschen. Es ist der positive Blick, die Perspektive eines Liebenden, der schaut und nicht richten, sondern aufrichten will. Davon sprechen viele Texte des Alten und Neuen Testaments der Bibel.
Diesen wohlwollenden Blick Gottes erfährt auch Hagar an der Wasserquelle und gibt Gott als persönlich erlebtes Gegenüber einen Namen: El-Roi, das heißt: Gott, der nach mir schaut. Ebenso nennt sie den Brunnen Beer-Lahai-Roi, das heißt: Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut. Damit gründet Hagar vor 4000 Jahren in der Wüste ein Heiligtum, an dem ein Merkmal Gottes offenbar wurde: sein aufmerksames Schauen auf das, was ist. Nüchtern und wohlwollend.
Ihr Wahrgenommenwerden von Gott verändert Hagar zutiefst und lässt die Schwangere ihren steinigen Lebensweg mit festerem Schritt fortsetzen. Warum? Weil Hagar sich durch Gottes Wissen um sie nicht mehr in ihrer schwierigen Situation alleingelassen fühlt. Weil sie, die ägyptische Sklavin, von Gott her Ansehen und Wertschätzung erhält. Völlig unerwartet, doch unvergesslich für ihr ganzes Leben.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die berührenden Aufführungen des Wuppertaler Tanztheaters unter Leitung von Pina Bausch war deren Fähigkeit, Menschen genau zu begucken und das Wahrgenommene auf der Bühne umzusetzen. Um wie viel genauer bietet Gott uns an, uns von ihm wahrnehmen zu lassen als Voraussetzung dafür, mit ihm gemeinsam unser Leben zu gestalten, - wenn wir es wollen.
Ein alter Mann sagte mir, dass er sich gerne am frühen Morgen in seinem Zimmer auf einen Stuhl setze und sich von Gott anschauen lasse. Einfach so.
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06.01.2010
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