
Goldgrund der Welt.
Geistliche Impulse von Dr. Hermann-Josef Silberberg zum Advent: Gottesarbeit (2)
Lassen Sie sich finden
Werbestrategen bieten ein Sternehotel zur Partnersuche an mit dem Slogan: "Lass dich finden!" Das ruft bei mir biblische Assoziationen wach, denn: "So spricht der Herr: Ich ließ mich finden von denen, die mich nicht gesucht, wurde denen offenbar, die nicht nach mir fragten" (Jes 65,1 / Röm 10,20).
Der biblische Gott: ein Gott, der uns nachgeht, uns - ob gläubig oder glaubensfern - nicht loslässt. Hoffnung bis in unsere Zeit? Ein Gott, der sich immer schon um Menschen bemühte, sie aus ihrem "Drehkreis" herausrief und sie für sich und seine Sendung in Anspruch nahm? Ein Gott, der sich offenbarte und sich finden ließ? Ein Gott, der den von ihm Erfassten das Gefühl gab, wie von einem unsichtbaren Kraftfeld oder geistlichen Gewebe gehalten zu werden?
Die Jahweleute waren keine Gottsucher
Die Israeliten waren ursprünglich keine Gottsucher. Jahwe kam auf sie zu und berief sie als "sein Volk" - ausgewählt aus allen Völkern, in Dienst genommen als "seine Zeugen".
Die Schrift schildert Gott wie einen Liebhaber, der sich auf die Suche nach seinem Partner macht, immer wieder nach ihm fragt, ihm nachläuft und wie ein Pädagoge sein Volk in der Wüste formen will: "Ich will sie in die Wüste hinausführen und sie umwerben ... Ich traue dich mir an auf ewig" (Hos 2, 16.21). Jedoch: "Je mehr ich sie rief, desto mehr liefen sie von mir weg" (11,2). - Damals schon.
Aber Gott hat sich an sie gebunden, am Sinai und später durch seinen Sohn, als "die Zeit erfüllt war " (Mk 1).
Israel war nicht "von sich aus" fromm. Aber einmal von Gott erfasst und "seinem wunderbaren Tun an den Menschen" (siehe Psalmen), wussten sie: "Israel wird vom Herrn gerettet - für immer gerettet... Denn so spricht der Herr, der den Himmel schuf: Ich bin der Herr und sonst niemand. Ich bin der Herr, der die Wahrheit spricht und der verkündet, was recht ist. Wer hölzerne Götzen umherträgt, hat keine Erkenntnis. Wer einen Gott anbetet, der niemanden rettet" (Jes 45, 17f.). Das klingt aktuell: Hölzerne Götzen umhertragen und anbeten.
Israel aber "suchte Zuflucht beim Herrn" (s. u. a. Ps 31). Nachdem Gott sein Volk aus der Welt herausgerufen hatte, der Welt derer, die falschen Göttern nachliefen, sollten sie als Jahwes Zeugen für "diese Welt" da sein.
Aber sie waren selbst damit verwoben, wussten jedoch in ihrer Not, "dass niemand sonst rettet". Eine jahrhundertelange Erfahrung mit Gott bewahrheitet sich: "Sucht mich, dann werdet ihr leben" (Am 5,4)! Vielleicht hieße das heute: Seid ansprechbar und gottbereit.
Die andere Zielgruppe: Griechen
Paulus, ursprünglich ein Vollblutjude, trifft mit seiner christlichen Botschaft auf griechisches Denken und Fühlen. Im griechischen Tarsus aufgewachsen, kannte er seine neuen Adressaten genau. Pädagogisch geschickt geht er auf die Lebenswelt seiner Zuhörer ein, ihre Weltsicht und ihre Frömmigkeit: " Ihr seid besonders fromm, ihr verehrt die Götter, ja ihr seid von Gottes Art" (s. Apg 17).
Die Griechen werden als geborene Gottsucher angesprochen, ihre philosophische Weltsicht im Sinne der Stoa, ihr Interesse an "Gottheiten", ihre Gottesvorstellungen. Das Göttliche galt als geheimnisvolle Macht hinter allen Erscheinungen. Gleichzeitig aber ein Unbehagen an allen Formen des Polytheismus dieser Zeit, das sich auch in einer Altarinschrift auf dem Areopag in Athen zeigte: "Auf der Suche nach einem unbekannten Gott."
Paulus greift diese "ahnungsvolle Unkenntnis" auf. Er korrigiert sie, aber nicht durch zusätzliches philosophisches Wissen, sondern durch den Hinweis auf den biblischen einzigen und wahren Gott (Apg 17,24f.).
Paulus kann an der griechisch kosmologischen Sicht ("Gott in Welt!") anknüpfen. Diese Philosophie kannte keine klare Trennung von Gott und Welt. Sie ging von der Ewigkeit der Welt aus. Gott war kein Gegenüber. Paulus kann darauf verweisen, dass auch er Gott als den Schöpfer allgegenwärtig und wirkmächtig sieht ("metaphysische Immanenz"). Aber sein Zugeständnis an den philosophischen Geschmack seiner Zeit hat Grenzen: Ihre Vorstellung von der mystischen Nähe des Göttlichen unterscheidet sich von der biblischen Nähe Gottes!
Jahwe greift ein, nähert sich, entfernt sich, er entzieht sich jedem Zugriff und ist auch nicht in philosophischer Schau (Theoria) zu erreichen. Er "öffnet" sich, wem er will. Der Mensch ist jedoch dazu bestimmt, "ihn zu suchen und zu finden" (Apg 17,27).
Die Erwähnung des Gekreuzigten und Auferstandenen, dem entscheidenden Eingriff Gottes, geht dann in schallendem philosophischem Gelächter unter. Wie wollten sie auch mehr wissen? Eine Provokation ihrer Weltanschauung. Wäre Paulus auf ihrer Denkebene stehen geblieben, hätte er die biblische Botschaft um der "Anknüpfung" willen unterdrückt. In heutiger Sprache: Er wäre mit seinem "unterschwelligen" Angebot zufrieden gewesen.
Wo die Frage nicht ist, läuft die Antwort auf
Wo Suche und Fragen ausfallen, haften auch keine Antworten. Menschen, "die Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten" und die in dem Bewusstsein leben, "dass er keinem von uns fern ist" (Apg 17,27), sind in unserem Umfeld nicht leicht zu entdecken. Gehören wir selbst dazu?
Gefragt sind Ethik und Mitmenschlichkeit - mit oder ohne Gott, wohltuende Rituale und die Heilkraft der Stille, kein verbindlicher personaler Gott, kein Gekreuzigter als "Heilbringer". Auch wir sind oft genug irritiert von der souveränen Art Gottes, wenn er uns in unserer Freiheit Unheil anrichten lässt, oder angesichts "ungerecht Leidender".
Außerdem bedient er sich für sein Zeugnis in dieser Welt nicht der Heilen und Gesunden, der Ichstarken und Durchtherapierten, sondern vorwiegend der "Mühseligen und Beladenen", der "gebrochenen Herzen" und Schwachen. Auch Israel war ja nicht gefestigt im Glauben oder "stark aus eigener Kraft", eher eine widerspenstige und ohnmächtige Volksgruppe. Paulus rühmt sich nicht seiner "Eigenkraft", sondern der "Gnade, die ihm genügen soll".
Gottes Erwählungshandeln provoziert, konfrontiert und irritiert. Seine Wege sind nicht unsere Wege, seine Gedanken nicht unsere (s. Jes 55,8). Die Geschichte der Erwählungen Gottes erreicht seinen Höhepunkt im Leben und Sterben seines "geliebten Sohnes". Er verkündet mit der Souveränität seines Vaters: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt" ( Joh 15,16). Und ebenso: "Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt" (Mt 11,6).
Seine Kraftquelle war die innere Einheit mit dem himmlischen Vater, nicht das Zusammensein mit seinen Jüngern oder gar der Beifall seiner Gefolgschaft. Weil er "alles" verließ, konnte er "alles" geben - sein Leben. Er demonstriert es seinen Jüngern am "Opfer der armen Witwe" (Lk 21,1f.).
Vom seelischen und sozialen Elend der Menschen angerührt, erbarmte er sich der Bedürftigen. Seine "Aktionen" waren Teil seiner Sendung, nicht Ergebnis aktueller Gestimmtheiten angesichts der Nöte. Sein Handeln ist exemplarisch für die "Reich-Gottes-Praxis" des Himmels.
Die Menschen spürten, in ihm "hat uns Gott heimgesucht". Wer bereit, offen und ansprechbar war, ließ sich finden. Bei ihm und durch ihn werden "die Wahrheit Gottes" und der Goldgrund der Welt offenbar. Das irritierte viele. Es brachte ihre festen Vorstellungen durcheinander. Sie verschlossen sich ihm. Sie wollten einen anderen Gott. - Damals wie heute.
Israel ist der Wahrheit Gottes gewahr geworden. Sie ist nicht das, was man "versteht", sondern etwas, das einen "bestehen" lässt, wie er es will. Jesus wollte dieses Vertrauen in Gott neu wecken - wie vorher schon viele Gottgesandte, jetzt aber in dem Bewusstsein und mit der Botschaft: Wer Gott finden will, folge mir, denn "Ich bin der Weg". Verhärtet eure Herzen nicht. Seid offen und bereit, seid "Menschen, die auf ihren Herrn warten, die er wach findet, wenn er kommt" (s. Lk 12,37f.).
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes
wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
um alle zu erleuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes (Lk 1,78.79).
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Text:
Hermann-Josef Silberberg | Foto: Hermann-Josef Silberberg
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