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25.05.2012
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Jüngstes Gericht

Darstellung des "Jüngsten Gerichts" von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle.

Von Christkönig zum ersten Advent

"Das Gericht"

Physik war nicht gerade mein Lieblingsfach in der Schule. Die ganzen Formeln, die man sich merken sollte, um irgendwelche Kräfteverhältnisse zu berechnen, waren nicht mein Fall. Aber an eine Sache kann ich mich noch sehr gut erinnern, nämlich als es um die Magnetischen Kräfte ging. Die Schule hatte so tolle große Magneten, grün und rot, um Nord- und Südpol zu unterscheiden. Rund um diese großen Hufeisenmagnete wurden Eisenspäne auf den Tisch gestreut, die dann durch die Magnetkräfte ausgerichtet wurden und so die Kraftfelder sichtbar machen konnten. Das sah nicht nur gut aus, wie die Späne da alle in eine Richtung zeigten, sondern es war zugleich faszinierend, wie unsichtbare Kraftlinien auf einmal zu sehen waren.

Dieses Bild kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn die Rede vom "Jüngsten Gericht" ist. Der Tag der großen Abrechnung, wie er mit fast beängstigenden Klängen etwa im Requiem von Mozart besungen wird. Dass am Ende der Zeit ein Gericht auf uns wartet, ist zwar Bestandteil des christlichen Glaubensbekenntnisses, aber bei vielen sehr negativ belegt. "Strenger Richter aller Sünder" wurde früher gesungen. Ist ja auch klar. Wer schon mal im Gerichtssaal war und womöglich Teil der gegeneinander streitenden Parteien, der weiß, dass das keine spaßige Angelegenheit ist. Weil man sich verteidigen muss, rechtfertigen, Anklagen standhalten usw.

Viele Künstler haben dieses so genannte "Jüngste Gericht" dargestellt. In drastischen Bildern. In der Mitte auf dem Thron ein Weltenherrscher. Rechts von ihm die Guten, ihm zugewandt. Links die Bösen, Verurteilten. Auf der Seite meist Heulen und Zähneknirschen. Ich merke in manchen Gesprächen mit älteren Leuten, dass diese Bilder tief in ihnen drinstecken. Oft verbunden mit einem gewissen Unbehagen, wenn sie an das eigene Lebensende denken. Denn so ganz sicher weiß ja niemand, auf welcher Seite er landen wird. Und ob es am Ende "reicht".

Nichts geht verloren!

Bei aller Bedrohung, die solche Darstellungen ausstrahlen, sagen sie im Kern doch etwas sehr Richtiges: Unser Leben bekommt vom Ende her seine Bedeutung, seine Ernsthaftigkeit. Es mag mir noch so sinnlos vorkommen im Moment, wenn es tatsächlich einmal als Ganzes vor Gott dastehen wird, nackt, ungeschminkt, so wie es war, dann ist nicht gleichgültig, was ich jetzt und hier tue. Nichts geht verloren. Da schaut am Ende noch mal einer drauf.

Keine Mutter würde ihr Kind bitten, ein Bild für die Oma zu malen, sich aber dann für das Ergebnis gar nicht mehr interessieren. Gott hat uns Menschen dieses Leben als Aufgabe gestellt. Manchmal als eine kaum zu bewältigende. Aber Er interessiert sich für das Ergebnis, was wir draus gemacht haben. Nicht als der Ankläger, vor dem man sich wie vor Gericht verteidigen müsste. Sondern voller Liebe und Wohlwollen. Bei unserem Tod wird alles, was gewesen ist, in das Kraftfeld der Liebe Gottes gehalten und ge-richtet. Und die vielen Bereiche meines Lebens, die noch allzu sehr von Eigeninteressen bestimmt sind, müssen dann ausgerichtet werden auf Gott. Das kann wehtun. Manches muss auch aussortiert werden, weil es in einem Kraftfeld der Liebe abgestoßen wird. Aber es wird ein schönes Bild entstehen. Wie bei den Eisenspänen im Unterricht.

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Text: Martin Sinnhuber | Foto: Archiv
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