
- "Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt."
Gedanken zum Thema Schuld
Geschenk der Versöhnung
Der Mensch erfährt in seinen vielfältigen Lebensbeziehungen, dass er Mitmenschen etwas schuldig bleibt oder aufgrund von Verfehlungen gegenüber sich selbst oder dritten etwas verschuldet.
Der durch Verfehlungen angerichtete Schaden hat auch eine existentielle Dimension, insofern der Mensch sich selbst bewusst wird, dass er hinter seinen eigenen Idealen oder Lebensmöglichkeiten zurückbleibt. Die Erfahrung und die Erkenntnis der eigenen Schuldfähigkeit und Schuldigkeit im Sinne eines grundlegenden Mangels der Verwirklichung des Guten bestätigt die katholische Lehre von der Erbsünde des Menschen. Sie besteht darin, dass der Mensch "auf Anraten des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an seine Freiheit missbraucht (hat), indem er sich gegen Gott erhob und sein Ziel außerhalb Gottes erreichen wollte" (II. Vatikanisches Konzil: Gaudium et Spes 13, 1).
Nach katholischem Verständnis wird diese Ursünde zusammen mit der menschlichen Natur durch Fortpflanzung und die soziale Verflechtung in den Schuldzusammenhang der Menschen übertragen, so dass sie jedem Menschen als ihm eigene Anfälligkeit zu Sünde und Schuld innewohnt.
Jedoch gehören die Begriffe Schuld/Sünde und Versöhnung/Erlösung untrennbar zusammen. Denn die Welt wird "von der Liebe des Schöpfers begründet und erhalten. Sie steht zwar unter der Knechtschaft der Sünde, wurde aber von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, durch Brechung der Macht des Bösen befreit" (II. Vatikanisches Konzil: Gaudium et Spes 2, 2). Daher schreibt der Apostel Paulus im Brief an die Römer:
"Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Römer 5, 20).
Die aktuelle Schuldigkeit des Menschen aufgrund seiner Neigung zur Sünde wird überholt durch das erlösende Geschenk der Vergebung in Jesus Christus. Denn Jesus Christus hat sich in seinem wehrlosen Tod am Kreuz "für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden" (2 Korinther 5, 21).
Die erlösende Freiheit des Menschen besteht darin, die Schuld im eigenen Leben in personaler Verantwortung im Glauben an die übergroße Barmherzigkeit Gottes zu bekennen und bekennend zu überwinden und zu verändern. Das schließt mitunter auch ein Schuldeingeständnis vor den Mitmenschen und die Wiedergutmachung nach Kräften ein.
Denn Christen erfahren im Glauben, dass Gottes ungeschuldetes Geschenk der Versöhnung der menschlichen Schuldigkeit vorausgeht und sie überholt. Schuld bleibt daher das "Vorletzte", weil es im christlichen Glauben "im Letzten" nicht um Tilgung des Geschuldeten durch Strafe geht, sondern um die Teilhabe am Reichtum der göttlichen Versöhnung und damit um die Teilhabe am dreifaltigen göttlichen Leben selbst. Darin findet das Geschenk der Gotteskindschaft jedes gläubigen Menschen seinen Sinn und sein Ziel. Daher prägt den gläubigen Christen die Haltung der Freude, des Lobes Gottes und der tätigen Nächstenliebe, wie es im Ersten Johannesbrief zum Ausdruck kommt:
"Wir wollen einander lieben, weil er uns zuerst geliebt hat" (1 Johannes 4, 19).
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