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29.09.2016
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Notfallseelsorger

Notfallseelsorger im Einsatz.

Interview mit Ursula Hüllen

Notfallseelsorgerin: Die eigene Unsicherheit durchbrechen

Bistum. Rund 20 katholische und evangelische Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger stehen den Menschen in Haltern zur Seite, die um die verstorbenen Schülerinnen, Schüler und Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums trauern. Doch was können die pastoralen Mitarbeiter überhaupt tun? Wie helfen? Ursula Hüllen ist nicht nur Diözesanseelsorgerin beim Kolpingwerk in Coesfeld, sondern seit 15 Jahren ebenfalls als Notfallseelsorgerin im Einsatz. Im Interview mit kirchensite.de gibt sie einen Einblick in diesen Dienst – und Hinweise auch für nicht direkt Betroffene.

kirchensite.de: Was können Notfallseelsorger vor Ort tun?

Ursula Hüllen: Als Notfallseelsorgerin bin ich einfach erst einmal nur da. Wichtig ist es, mich selbst zurückzunehmen, bei den Angehörigen zu sein, mit ihnen zu weinen, mit ihnen ihre Wut auszuhalten und ihre Ohnmacht zu ertragen. Dieses Gefühl, nichts mehr tun zu können, können wir Menschen sehr schlecht ertragen. Deshalb ist es wichtig, da zu sein und zuzuhören. Das hilft uns, die Situation einzuordnen und mit ihr umzugehen.

Die Notfallseelsorger können, sowohl mit den Angehörigen als auch mit den Schülern, Handlungsmöglichkeiten entwickeln, die sie aus ihrer Ohnmacht herausholen. Sie können sie zum Reden bringen.

In einem zweiten Schritt kann ich den Betroffenen Möglichkeiten aufzeigen, was ihnen in diesem Moment hilft, die Situation auszuhalten. Vielen ist der Glaube keine Hilfe mehr. Sie brauchen erst einmal andere Möglichkeiten. Das kann das Aufstellen einer Kerze ebenso sein wie das Aufschreiben der Gefühle. Schülern kann es in diesem Moment helfen, beispielsweise eine Gedenkecke zu gestalten. 

kirchensite.de: Wie können wir selbst als nicht direkt Betroffene mit der Situation umgehen?

Hüllen: Für uns gilt eigentlich das Gleiche. Wir sollten darüber sprechen. Manchmal hilft es auch, sich abzulenken. Kinder trauern beispielsweise anders. Sie können spontaner ihre Gefühle äußern wie weinen oder schreien. Sie können schneller wieder lachen, kommen leichter ins Leben und greifen Positives auf. Das heißt aber nicht, dass sie nicht trauern.

In unserem Gottesdienst in der Kolping-Bildungsstätte haben wir heute Morgen für die Opfer und die Angehörigen gebetet. Auch das tut uns gut, wenn wir sie mit in die Fürbitten nehmen.

Wichtig ist es, etwas zu tun, das unsere Ohnmacht aufbricht. So hilft beispielsweise ein Kondolenzbuch. Mit einem Eintrag können wir ausdrücken, dass wir ebenso betroffen sind. Das ist für viele Menschen ein Anker. Aber auch die sozialen Netzwerke können eine Hilfe sein. Durch meinen Eintrag habe ich schon etwas getan. Das ist für viele Menschen beruhigend. Denn wir können sonst kaum aktiv werden. Die sozialen Netzwerke bieten ein modernes Ritual. Sie haben das gleiche Recht und die gleiche Wirkung wie andere Rituale.

kirchensite.de: Wie verhält man sich im Umgang mit Betroffenen?

Hüllen: Man wechselt tunlichst nicht die Straßenseite. Jemand, der trauert, ist nicht ansteckend. Viele Menschen fühlen sich in der Situation ohnmächtig. Aber da hilft eine Floskel wie "Mein Beileid". Das zeigt dem Gegenüber, dass ich um das weiß, was geschehen ist. Die Betroffenen können dann selbst entscheiden, ob sie es dabei belassen, oder ob sie über ihre Trauer und ihren Verlust sprechen wollen. Dann sollte ich mir aber auch die Zeit für das Gespräch nehmen. Fürchterlich ist es für die Angehörigen, wenn ihre Situation ignoriert wird.

Dazu muss ich natürlich die eigene Unsicherheit durchbrechen. Sonst potenziert sie sich. Einmal durchbrochen, kommen wir miteinander ins Gespräch und kommunizieren ohne große Vorbehalte.

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