Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles
11.12.2018
Artikel drucken
Logo kirchensite.
Muhammad Sameer Murtaza.

Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza.

Interview mit dem Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza

Islamische Toleranz im Konflikt

Münster. "Es gibt nicht den Islam, nur verschiedene Strömungen, die die heiligen Texte des Korans jeweils anders auslegen." Mit diesem Statement trat Muhammad Sameer Murtaza jeder Vereinfachung des Islams und seiner Ziele entgegen. Der Islam sei kein Monolith, wie manche Berichterstattung in den Medien vorzugeben versuche, sagte der Islamwissenschaftler auf einer Forums-Tagung am Donnerstag (14.11.2013) in der Bistumsakademie Franz-Hitze-Haus in Münster.

Was versteht man unter Salafiyya?

Murtaza: Die Salafiyya ist – im Gegensatz zur heutigen Verballhornung des Begriffs Salafismus und zu den Verkürzungen in der Presse – eine Reformbewegung des Islams, die ab dem 18. Jahrhundert einsetzt und versucht, sich dem Niedergang des Islams entgegenzustellen. Die Bewegung hat viel gemein mit dem Protestantismus im Christentum, weil es auch bei der Salafiyya um eine Rückkehr zur Offenbarungsschrift geht. Darauf stützt sich dann die Erneuerung. Reformen und Erneuerungen muss man gänzlich neutral verstehen.

Es gibt verschiedene Strömungen der Salafiyya im Islam. Welche sind das?

Murtaza: Jede religiöse Offenbarung kann ausgelegt werden. Wir unterscheiden vier Strömungen in der Salafiyya: Bekannt ist vor allem die "literalistische Salafiyya", etwa durch den Wahhabismus in Saudi-Arabien oder durch die Taliban. Diese Strömung nimmt den Koran wortwörtlich. Sie verweigert jede vernunftbezogene Interpretation der Texte und sakralisiert so das siebte Jahrhundert, in dem der Koran offenbart wurde. Die "reformistische Strömung" entstand im 19. Jahrhundert durch Beschäftigung mit der europäischen Aufklärung. Auch sie möchte zurück zur Quelle des Korans, aber vernunftbezogen. Demnach soll die Religion dem Allgemeinwohl der Menschen dienen. Vertreter dieser Strömung waren offen für Themen wie Demokratie, Menschenrechte, Säkularisierung, Feminismus etc.. Drittens gibt es die "ideologische Salafiyya", die im 20. Jahrhundert im Konflikt zwischen Ost und West, Kommunismus und Kapitalismus entstanden ist. Vertreter dieser Strömung sehen den Islam als Ideologie beziehungsweise als "dritten Weg" zur Gestaltung von Staat und Gesellschaft. Der Koran wird so reduziert auf eine Strategie, die politische Macht zu erlangen. Vertreter dieser Richtung ist zum Beispiel die Muslimbruderschaft in Ägypten. Die vierte Strömung ist die "literalistisch-ideologische Salafiyya": Während die ideologische Salafiyya ihr Ziel eines islamischen Staats ohne Gewaltanwendung und nur mit Überzeugungsarbeit durchsetzen will, setzt diese Strömung auf Gewalt und Revolutionen.

Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit dem Thema  "Islamische Toleranz im Konflikt". Wie tolerant geht der Islam mit Andersgläubigen und Nichtgläubigen um?

Murtaza: Der Islam ist kein Monolith. Es gibt, wie gesagt, unterschiedliche Richtungen und Tendenzen und damit auch Vorstellungen, was Toleranz gegenüber Andersgläubigen und Nichtgläubigen beinhaltet. Toleranz ist auch eine Frage von Bildung. Oftmals wurzelt die Intoleranz nämlich nicht in der Auslegung von heiligen Texten, sondern in der Angst vor dem Anderen. Wenn man einen anderen Blick bekommt, nämlich das Andere nicht als das Fremde, sondern als das zeitweilig Unbekannte anzusehen, kann man Neugierde entwickeln,  das Andere zu entdecken.

Hat der "Arabische Frühling" zu mehr Toleranz geführt gegenüber dem Anderen, also dem Westen und westlichen Vorstellungen?

Murtaza: Der "Arabische Frühling" ist verpufft. Die ideologische Salafiyya hat mit dem Wahlsieg der Muslimbrüder in Ägypten und ihrem Staatspräsidenten Mursi ihren großen Moment gehabt, ist aber letztlich gescheitert. Ich glaube, dass dieses Scheitern dazu führt, dass sich mehr Muslime von der Religion abwenden. Der ideologische Islam behauptet ja, er habe den einzigen Weg zur Lösung aller Probleme in Richtung eines idealen Gesellschaftssystems. Wenn die Lösung gescheitert ist, stellt sich für viele Muslime die Frage, ob der Islam überhaupt die Lösung sein kann. Es gibt Presseberichte, nach denen der arabischen Welt gerade der Atheismus wieder en vogue ist. So etwas  geschieht, wenn man aus einer Religion eine Ideologie macht.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. undefinedWas Muslime glauben (16.01.2013)

Interview: Karin Weglage | Foto: Karin Weglage
18.11.2013

Das Evangelium hören

Service für Sie

Facebook

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web


Anzeigen-Sonderthema


Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand