
In einem Buchen- und Kiefernwäldchen steht der Doppelbildstock, der auf der Vorderseite eine Krippendarstellung zeigt.
Regina und Bernhard Schotte und der barocke Doppel-Bildstock
Weihnachten in Stein gemeißelt
Dülmen. Der Doppel-Bildstock von 1736 am Haus Visbeck in Dülmen hat eine wechselvolle Geschichte. Der reumütige Ritter von Visbeck soll ihn errichtet haben. Später geriet das Glaubenszeugnis, das auf der Vorderseite das Geschehen der Weihnacht und auf der Rückseite die Kreuzigung darstellt, immer mehr in Vergessenheit, bis die Suche nach einem Fußball den Bildstock wieder ans Licht brachte.
Es war Anfang der 1950er Jahre. Die Kinder aus den Dülmener Bauerschaften Dernekamp und Ondrup mussten alle vier Wochen mit ihrem Lehrer zur Beichte gehen. Ziel der Gruppe, zu der auch Bernhard Schotte gehörte, war die Marienkapelle in Visbeck. Der Landwirt erinnert sich gut an einen besonderen Tag:
"Wir haben auf dem Platz vor der Kapelle Fußball gespielt. Dabei ist der Ball weit in die Büsche hinter den Balken geflogen, an dem früher die Pferde festgebunden wurden. Alles war mit Sträuchern und Bäumen zugewachsen. Zwei Jungen sind in das Strauchwerk gegangen, um den Ball zu holen. Aber es dauerte lange, bis die beiden wieder kamen. Sie waren ganz aufgeregt, denn sie hatten im Gebüsch Ungewöhnliches entdeckt. Zuerst haben wir gedacht, dort hätte jemand etwas hingemauert. Dann haben wir unserem Lehrer Bescheid gesagt. Er hat die Stelle freischneiden lassen, und zum Vorschein kam der Bildstock, den kaum jemand bis dahin kannte."
Das Ehepaar Regina und Bernhard Schotte kümmert sich um den Doppelbildstock. |
Inzwischen ist Bernhard Schotte 59 Jahre alt, Vater von vier Kindern und Großvater von ebenso vielen Enkelkindern. Seine Ehefrau Regina ist seit vielen Jahren Küsterin der Marienkapelle in Visbeck und kümmert sich seit zehn Jahren um die Pflege des Doppel-Bildstocks. Während auf der Vorderseite die Geburt Christi dargestellt ist, befindet sich auf der Rückseite die Kreuzigungsszene.
Im Jahr 2000 wurde das Umfeld rund um den Bildstock neu gestaltet und das Glaubenszeugnis wieder neu in Erinnerung gerufen. Später wurde der Bildstock renoviert. 2006 hat der Heimatverein Dülmen eine Tafel aus Bronze fertigen lassen. Darauf ist die Inschrift der Rückseite unter der Kreuzigungsszene nun für Besucher zu lesen. Dass diese überhaupt erhalten ist, ist laut der Festschrift des Dernekämper Schützenvereins zum 300-jährigen Bestehen Hermine Majert aus Dülmen-Ondrup zu verdanken. "Sie hat 1928 während eines Schulausflugs zur Marienkapelle den Bildstock gezeichnet und die Inschrift notiert", berichtet Schotte. In den Jahren danach geriet die Station in Vergessenheit, bis die Fußball spielenden Jungen sie im Dickicht wieder fanden.
Regina Schotte sieht sich für den Bildstock verantwortlich. Anfangs habe sie diesen vor allem zu den Maiandachten hergerichtet. "Dann habe ich die Pflege vollständig übernommen, denn ich fühle mich als Küsterin dazu verpflichtet", sagt sie. Besonders im Frühjahr, wenn das Unkraut sprießt, und im Herbst, wenn die Buchen rund um das Denkmal ihre Blätter verlieren, ist dies eine aufwändige Arbeit. "Jetzt im Winter ist es es ruhig. Da fällt nicht soviel Arbeit an."
Zahlreiche Radfahrer machen Halt an der im 18. Jahrhundert von Barock-Baumeister Johann Conrad Schlaun erbauten Kapelle und am Bildstock, denn beide liegen an zwei Radwanderwegen der Stadt Dülmen. Haus Visbeck mit seiner bewegten Geschichte gehört zu den Sehenswürdigkeiten der 100-Schlösser-Route. 1338 wurde es erstmals als Rittergut urkundlich erwähnt. "Wenn ich gerade am Bildstock sauber mache, fragen die Radfahrer nach der Geschichte des Denkmals. Dann erzähle ich ihnen die 'Sage vom Ritter von Visbeck'", berichtet die 56-Jährige. Da der Anlass für die Errichtung im Dunkeln liegt, gleichzeitig aber Geburt und Tod dargestellt wird, hat dieses wohl die Fantasie der Vorfahren beflügelt, sodass die Sage vom "Ritter von Visbeck" entstand.
Im 18. Jahrhundert wurde die Marienkapelle in Visbeck erbaut. |
Bis vor zwei Jahren wurde in der Kapelle regelmäßig am Sonntag die heilige Messe gefeiert. Bernhard Schotte bedauert, dass die Kapelle nun geschlossen ist, denn er ist in der Bauerschaft aufgewachsen. "Die Messe war immer auch ein Treffpunkt der Nachbarn. Heute bekommen wir nicht mehr so viel mit", sagt er. Auch seinem Großvater war die Kapelle ein Herzensanliegen. "Er hat damals Goldtaler einschmelzen lassen, damit die Monstranz vergoldet werden konnte." Ebenso habe sein Großvater bei der Finanzierung eines Hofs geholfen. "Dort wohnte der Organist. Er wurde von meinem Großvater unterstützt, damit er blieb."
Heute werden jedes Jahr Maiandachten in und an der Kapelle gefeiert. Ebenso besteht die Möglichkeit, sich in dem kleinen Gotteshaus trauen zu lassen. "Am Sonntag nach Fronleichnam findet eine Prozession statt", erzählt Regina Schotte. Zwischendurch erreicht sie aber auch öfter die Bitte, die Kapelle für ein Gebet aufzuschließen.
Regelmäßig zum Weihnachtsfest steht auf dem Stein vor der Krippendarstellung eine rote Kerze. "Wir haben zwar eine Vermutung, wer diese aufstellt, aber wir wissen es nicht genau", sagt Schotte. Doch eine neue Sage hat dieses Ereignis noch nicht entstehen lassen.
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Text: Michaela Kiepe | Fotos: Michaela Kiepe in
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