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24.05.2012
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Weihnachten auf See

Weihnachten auf See ist nicht immer eine romantische Angelegenheit.

Improvisation und Sehnsucht auf See

Weihnachten auf den Wellen

Es ist eine lange Liebe - stürmisch, mit Höhen und Tiefen sowie einigen Überraschungen. Das Weihnachtsfest auf hoher See oder im Hafen hat seit Beginn der christlichen Seefahrt seinen eigenen Charme. Dort, wo Wind und Wetter den Alltag bestimmten, wo das raue Klima einen rauen Umgang unter den Matrosen mit sich brachte und wo die Entfernung zur Familie, zum eigentlichen Ort besinnlicher Feiertage, Sehnsucht und Heimweh offenbarte, dort hat sich über die vielen Jahrhunderte ein Fest entwickelt, das seine Eigentümlichkeiten besitzt.

Für die Jahrhunderte währenden Verankerung des Weihnachtsfestes in der Seefahrt gibt es viele Anhaltspunkte. Vom heiligen Nikolaus als Schutzpatron der Seeleute berichten schon Jahrhunderte alte Ikonenmalereien. James Cook taufte 1777 im Pazifischen Ozean die Weihnachtsinsel, weil er sie just zum Fest entdeckt hatte. Und auch die lange Reihen von Gedichten und Liedern aus den Federn von Seeleuten, die ihre Feiertage an Bord verbringen mussten, zeigen die Verbindung, wie etwa das Gedicht eines Kapitäns aus dem Jahr 1884:

"Ja, Schnee und Hagel, Sturm und Wellen,
aus engen nie versiegtem Born,
nur Blitze, die die Nacht erhellen,
das ist die Weihnacht bei Cap Hoorn."

Da klingt schon ein wenig vom Charakter der Festtage auf See durch: Irgendwo zwischen Pflichterfüllung, derbem Männeralltag sowie exotischen klimatischen Verhältnissen auf der einen Seite und kindlichen Erinnerungen, religiösem Antrieb und an die Seeverhältnisse angepassten Bräuche auf der anderen Seite, entwickelte sich Weihnachten auf den Wellen. "Das hing immer stark vom Kapitän ab", sagt Dirk J. Peters vom Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven, in dessen Foyer derzeit die Ausstellung "Weihnachten auf See" gezeigt wird. "Das Fest an Bord konnte sich nur in dem Rahmen entwickeln, den der Kapitän zuließ."

Die Weihnachtsinsel: Entdeckt von James Cook.

Christbaum aus Tampen

Wenn er viel zuließ, war viel möglich. Das zeigen die Schautafeln, Videos und Ausstellungstücke, die das Museum gemeinsam mit dem Nordmann-Informationszentrum präsentiert. "Alle auf einem Schiff waren dann irgendwie mit der Vorbereitung des Festes beschäftigt", sagt Peters. Der Koch etwa zauberte aus den einfachen Vorräten an Bord ein mehrgängiges Festtagsmenü. Der Bordzimmermann versuchte aus den Holzresten, Tauen und etwas grüner Farbe einen Tannenbaum zu basteln. Andere Matrosen beschäftigten sich mit dem Ziehen von Kerzen, Basteln von Christbaumschmuck oder Einstudieren von Liedern und Gedichten.

"Die Vorbereitungen allein waren schon ein großes Geschenk in der sonstigen Routine an Bord", weiß Peters. Die in früheren Zeiten meist schlechten Wohnverhältnisse auf den Schiffen, die Enge in den Mannschaftskojen und der raue Befehlston konnte für ein paar Tage durchbrochen werden. Natürlich nur, wenn das Wetter mitspielte, sagt Peters: "Denn wenn Wind und Wellen dem Schiff zusetzten, ging die Arbeit des Matrosen vor."

Weihnachten war also weit entfernt von einer Romantik, wie sie die Männer an Bord von daheim kannten. Es war eher ein Arrangement des Festes mit den Gegebenheiten auf einem Schiff. Doch die Sentimentalität war groß, waren doch Verbindungen zu den Lieben daheim bis zu Entwicklung der Funktechnik kaum möglich. Man saß also mit seinen Sehnsüchten an Bord und stellte so viel Atmosphäre her, wie es ging. Viele Anekdoten zeugen von der aufrauenden Gefühlswelt der Seemänner in diesen Tagen. Etwa die des Zimmermanns, der für den "Moses", dem jüngsten Mitglied der Mannschaft, heimlich einen Weihnachtsbaum aus Tampen bastelte. Der Junge war zum Fest von Heimweh geplagt. Vor der Mannschaft wäre es aber ein Gesichtsverlust gewesen, seine Sentimentalität zuzugeben. Und so feierte der Zimmermann zu zweit mit dem Moses vor einem "sonderbaren, aber wunderschönen" Baum, wie es in der Geschichte heißt.

Romantik ging verloren

Viel ist von dieser Romantik nicht geblieben. Mit dem Aufkommen der industriellen Seefahrt, der Containerschiffe mit nur kurzen Liegezeiten in den Häfen und den kleinen, meist internationalen Besatzungen ging viel von den Weihnachtstraditionen auf See verloren. Wenngleich es durchaus Bemühungen gab, sie zu erhalten. So war es etwa seit den 1960er Jahren Vorgabe bei der großen Reederei Hapag Loyd, dass jedes Schiff, das ab Oktober im heimischen Hafen lag, einen getopften Weihnachtsbaum mitnahm, der bis Weihnachten hielt. Auch die weihnachtlichen "Grüße an Bord", welche die Seefunkstation Norddeich von 1907 bis 1998 von den heimischen Familien an die Seeleute und zurück sendete, waren noch lange wichtiger Bestandteil des Weihnachtsfestes an Bord.

Dass es auch in der heutigen Seefahrt nicht ganz ohne Weihnachten geht, erlebt Seemannspastor Werner Gerke aus Bremerhaven. Er, der mit seinen Helfern in den Festtagen sowohl kleine Weihnachtsfeiern mit Gottesdiensten auf den im Hafen liegenden Schiffen als auch eine große zentrale Weihnachtsfeier an Land für alle Matrosen macht, weiß, dass die Sehnsucht die gleiche geblieben ist wie in früheren Tagen: "Die Entfernung zur Familie wird dann immer noch besonders groß - trotz Internet."

Gerade wenn viele Nationalitäten in einer Mannschaft seien, sei die Feier oft eine sehr "bunte Folklore", wo die Bräuche aller Kulturen zum Tragen kämen. Der Charme der Improvisation sei an Bord dabei erhalten geblieben, sagt Gerke: "Ich habe auch schon ein kunterbunt geschmücktes Schiff erlebt, wobei der Weihnachtsschmuck ausschließlich aus Abfall bestand." Er habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich der ohnehin schon starke Zusammenhalt einer Crew zum Weihnachtsfest noch mehr verdichten könne. Mit wunderbaren Ereignissen, wie er sich erinnert: "Die muslimischen Matrosen und die christlichen Matrosen einer tunesischen Mannschaft feierten zuerst gemeinsam das Weihnachtsfest und später das muslimische Zuckerfest."

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Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte
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