
CD-Cover der neusten Aufnahme des Paulus-Oratoriums von Felix Mendelssohn.
Oratorium von Felix Mendelssohn
Schlüsselgestalt Paulus
Paulus war für Felix Mendelssohn eine Schlüsselgestalt. Der 13-jährige Felix, aus jüdischer Familie stammend, war 1822 evangelisch getauft worden - und dieser Taufakt stand lange Zeit unter Verdacht. Felix' Vater, der erfolgreiche Bankier Abraham Mendelssohn, galt als in Glaubensfragen indifferent: ein erfolgreicher Banker, der seinen Kindern keine Chancen verbauen wollte, weil es selbst im relativ liberalen Preußen noch ein Problem war, Jude zu sein. Die Taufe als Eintrittskarte in die besseren Kreise - das war damals nicht unüblich. Es wurde belächelt, aber akzeptiert.
Doch Felix Mendelssohn war es ernst mit dem Christsein. Er wusste, dass Bekehrung ohne eine innere Verbindung mit Christus, ohne Hinwendung zu ihm nicht möglich war. Vermutlich stand er deshalb Paulus so nahe und machte ihn selbstverständlich zum Gegenstand seines ersten abendfüllenden Oratoriums, auch wenn ein Auftrag des Frankfurter Cäcilienvereins 1831 den äußeren Anstoß gab.
Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum
Paulus, der Pharisäer, der fromme Rabbiner, der durch ein Christus-Erlebnis bekehrt wurde und später entscheidenden Einfluss darauf nahm, dass auch Nicht-Juden getauft werden durften - er steht wie kein Zweiter an der Schnittstelle zwischen Judentum und Christentum. Mendelssohn komponierte weniger ein Paulus-Porträt; vielmehr ging es ihm um die Apostelgeschichte, um das Damaskuserlebnis und die gefährliche Missionsarbeit.
Als Mendelssohn die Arbeit an "Paulus" begann, hatte er seine historische Großtat schon hinter sich: Die Aufführung der Matthäus-Passion von Bach, mit der die Bach-Renaissance des 19. Jahrhunderts eingeleitet wurde. Zugleich war Mendelssohn mit Händels Werken vertraut. Ihm schwebte ein Werk vor, das die Musiksprache seiner Zeit mit den Vorzügen der Bach'schen Passionen und der Händel'schen Oratorien verbindet.
Sein Freund Julius Schubring, evangelischer Pfarrer in Dessau, verfasste den Text nach Mendelssohns Wünschen und beriet den Komponisten auch bei seinem zweiten Oratorium "Elias". Die Uraufführung fand Pfingsten 1836 in Düsseldorf statt; vor der Drucklegung bearbeitete der Komponist das Werk grundlegend. Diese heute allgemein bekannte Fassung des "Paulus" wurde 1836 in Liverpool zum ersten Mal gespielt.
Mehrere Aufführungen in Münster
Mendelssohns Oratorium wurde eines der berühmtesten Werke der Gattung. Gerade in Münster wurde es mehrfach aufgeführt; ist der heilige Paulus doch sowohl Patron des Bistums als auch des Doms. Es wurde auch häufig eingespielt: Zurzeit ist etwa ein halbes Dutzend Gesamtaufnahmen ohne weiteres im Handel lieferbar. Klassiker sind die Düsseldorfer Aufnahme von Rafael Frühbeck de Burgos (1978, EMI) oder die Leipziger Einspielung von Kurt Masur (1986, Philips).
Die neueste Aufnahme ist erst wenige Monate alt. Sie entstand in der barocken Schlosskirche zu Weilburg an der Lahn, wo die Kantorin Doris Hagel eine vielbeachtete Konzertreihe mit Alter Musik leitet. Hagels sorgfältige, recht lyrische Interpretation des "Paulus" mit der professionellen "Capella Weilburgensis" (auf alten Instrumenten) ist geprägt von fundierter Kenntnis historischer Spielweise, entwickelt aber doch bei aller Klarheit des Klangbilds viel romantische Tiefe, was auch an den ausgezeichneten Solisten Sabine Goetz und Dorothée Zimmermann sowie an Klaus Mertens in der Titelrolle liegt.
Himmlisches Stimmregister
Der Chor, die Kantorei der Schlosskirche Weilburg, steht freilich im Mittelpunkt. Berückend schön der Moment der Bekehrung, die von hohen Frauenstimmen vorgetragene Christus-Frage "Warum verfolgst du mich?" Dieser Kunstgriff hat Mendelssohn seinerzeit viel Kritik eingebracht - wurde doch Christus traditionell von einem Bass gesungen. Doch dem Komponisten war die musikalische Idee vom himmlischen Stimmregister wichtiger als die Tradition.
Dass "Paulus" in Münster, noch dazu im Paulus-Jahr, gleich mehrfach erklingt, versteht sich fast von selbst. Dabei ist Mendelssohns zweites Oratorium "Elias" noch populärer. In Münster wird es voraussichtlich im November in der St.-Joseph-Kirche aufgeführt; unter den über 20 Aufnahmen ist die 15 Jahre alter Stuttgarter Einspielung von Hellmuth Rilling zu empfehlen. Sie besticht durch ihre üppige Ausdrucksvielfalt und den mitreißenden Schwung jener dramatischen Stellen, die dem eher lyrischen "Paulus" fehlen.
Die nächsten Aufführungen:
Das Oratorium erklingt am Dienstag (21.04.2009) um 19 Uhr in der Überwasserkirche, gesungen vom Universitätschor und gespielt von Landesjugendorchester NRW. Eine weitere Aufführung ist zum Abschluss des Paulusjahrs am 27.06.2009 um 19.30 Uhr im St.-Paulus-Dom in Münster geplant. Mitwirkende sind Vokalsolisten, das Kourion-Orchester Münster, die Mädchenkantorei am Dom, die Capella Ludgeriana und der Domchor St. Paulus.
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Text: Lukas Speckmann | Foto: Archiv
21.04.2009
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