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24.05.2012
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Michael Ostholthoff

Michael Ostholthoff ist Priester des Bistums Münster und Leiter der Diözesanstelle Berufe der Kirche.

Michael Ostholthoff im Interview

"Gott ruft jeden"

Bistum. Michael Ostholthoff ist Priester und Leiter der Diözesanstelle Berufe der Kirche im Bischöflichen Generalvikariat. Er unterstützt Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, Priester zu werden oder einen anderen kirchlichen Beruf ergreifen möchten. kirchensite.de sprach mit ihm über das Thema Berufung.

kirchensite.de: Was versteht man unter Berufung?

Michael Ostholthoff: Berufung meint den Ruf Gottes an jeden Menschen. Er fordert uns heraus, mit unserem Leben Antwort zu geben.

kirchensite.de: Was ist der Unterschied zwischen Beruf und Berufung?

Ostholthoff: Vielleicht kann eine Beobachtung in unserer Sprache bei der Differenzierung helfen: Im Entscheidungsprozess für einen Beruf sprechen wir von der Berufswahl und beschreiben damit die aktive Rolle des Menschen. Eine Berufungswahl hat der Mensch nicht. Er kann sich nur zu seiner Berufung verhalten: sie verdrängen, sie nicht erkennen, oder er kann ihr nachgehen, versuchen, sie zu leben. Im theologisch-geistlichen Kontext hat mir ein Wort des Theologen Hans Urs von Balthasar aufgeschlossen, worin das Spezifische der Berufung liegt: Es geht um "Ganzhingabe". Meine Berufung ist nicht ein äußerlich bleibender Job, sie ist Erfüllung und Leidenschaft.

kirchensite.de: Hat jeder Mensch eine Berufung?

Ostholthoff: Wir Christen glauben daran, dass jeder Christ mit seiner Taufe und später in der Firmung die Berufung für sein Leben erfährt. Der Theologe Yves Congar hat einmal gesagt: "Gott ruft jeden, aber jeden mit anderer Stimme." Er ruft uns nicht einfach in eine Uniformität hinein, er ruft ins Konkrete, damit jeder Mensch den Weg findet, der ihm entspricht. In der Kirche verwenden wir den Begriff der Berufung ebenso für den spezifischen Ruf Gottes zu einem Amt, zu einem Leben im Orden oder des geweihten Lebens. Beide Dimensionen des Begriffs dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern müssen sich gegenseitig durchwirken, wenn sie nicht verkürzen wollen, was Berufung als Bedeutungsfülle für uns bereithält.

Die Liebe Gottes leben

kirchensite.de: Wozu kann man berufen werden?

Ostholthoff: Wir alle sind dazu berufen, die Liebe Gottes an dem Ort zu leben, an den wir gestellt sind. Berücksichtigt man die beiden Dimensionen des Berufungsbegriffs, dann wird man einerseits verweisen auf das kirchliche Amt und an die Lebensform nach den Evangelischen Räten. Doch auch hier dürfen wir den zweiten Brennpunkt des Themas Berufung nicht vergessen. Aus der Perspektive der allgemeinen Berufung erkenne ich natürlich auch die Berufung von anderen, für Kinder Vater und Mutter zu sein, sich in unseren Gemeinden ehrenamtlich zu engagieren, in der Pflege für andere einzustehen usw. Diese Liste ließe sich noch weit fortsetzen, wenn es dann wahr ist, dass in Gott für jeden Menschen die eigene Bestimmung gründet.

kirchensite.de: Wie können Menschen ihre Berufung erkennen?

Ostholthoff: Die wenigsten fallen von Pferden, sehen helle Lichter oder hören Stimmen. Die Menschen, die ihre Berufung erkennen, erreichen dies, indem sie immer mehr zu hörenden Menschen werden. Es ist wichtig, sich Ruhepunkte im Alltag zu schaffen, um den leisen, aber beständigen Anruf Gottes zu hören.

kirchensite.de: Wie kann man Menschen helfen, ihre Berufung zu erkennen?

Ostholthoff: Indem man sie im Gebet und im Gespräch begleitet. Es ist wichtig, ihnen die Gelegenheit zu geben, mit ihren geistlichen Erfahrungen und Fragen ins Gespräch zu kommen.

kirchensite.de: Wie kann eine Gemeinde ein berufungsfreundliches Klima schaffen?

Ostholthoff: Indem sie junge Menschen im Gebet begleitet, aber sie gleichzeitig nicht einengt. Beides habe ich schon während meiner Arbeit mit den jungen Menschen erfahren: einmal Jugendliche, die sich gerade durch das innere Mitgehen und die Anteilnahme anderer Menschen aus der Gemeinde bestärkt fühlen für einen mutig zu gehenden Schritt. Ich habe aber auch schon von der Erfahrung gehört, dass sich junge Menschen einem Druck ausgesetzt sahen, weil die ganze Seniorengemeinschaft fest damit rechnete, dass aus der Pfarrgemeinde nun endlich wieder ein Priesteramtskandidat hervorgehe. Es gebraucht beides: das innere Mittragen, aber auch die Wahrung der inneren Freiheit derer, die sich auf einen neuen Weg mit Gott einlassen wollen.

Weniger Berufungen für Amt in der Kirche

kirchensite.de: Woran liegt es, dass immer weniger junge Menschen sich heutzutage für ein Amt in der Kirche berufen fühlen?

Ostholthoff: Das hat sicher mehrere Gründe: In einer Gesellschaft, in der der Glaube immer weniger sichtbar gelebt wird, scheint es nur normal, dass sich auch weniger gerade junge Menschen finden, die sich für ein so exponiertes Amt entscheiden. Der Zölibat ist sicherlich ein weiterer Faktor, der die Anfrage stellt, ob ich wirklich so existenziell meine Berufung leben möchte oder leben kann. Es gibt aber auch ganz profane Gründe. Die Geburtenjahrgänge der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind im Vergleich zu den Jahrgängen vor 20 Jahren erheblich kleiner. Da viele Priester und Ordensleute gerade aus kinderreichen Familie stammten, hat eine solche Veränderung natürlich drastische Konsequenzen für die Zahl etwaiger Aspiranten.

kirchensite.de: Wann haben Sie ihre Berufung erkannt?

Ostholthoff: In der ersten oder zweiten Klasse sollten wir Bilder über unseren Traumberuf malen. Da habe ich mich für meine Mitschüler wider Erwarten nicht als Lokomotivführer oder Flugzeugpilot, sondern als Priester gemalt. In den folgenden Jahren trat dieser Wunsch aber wieder völlig zurück. Wenn ich aber nicht gerade auf dem Fußballplatz war, war ich innerhalb der Gemeinde unterwegs: bei den Messdienern, im Jugendchor, in der CAJ oder als Lektor. Nachdem ich in der Zeit der Oberstufe zunächst den Entschluss gefasst hatte, Journalist zu werden, war für mich der Religionsunterricht an der Fürstenberg-Schule in Recke ein ganz entscheidender Faktor. Die letztendliche Entscheidung habe ich ein halbes Jahr vor meinem Abitur getroffen. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Glauben während des Studiums habe ich dann noch einmal neu entdecken dürfen, dass die Theologie und die Gemeindearbeit meine große Leidenschaft ausmachen.

Den Weg gefunden

kirchensite.de: Was hat ihnen geholfen diese Berufung zu erkennen?

Ostholthoff: Meine Mitmenschen. Ich habe betende Eltern erlebt. In meiner Familie gab und gibt es eine große Selbstverständlichkeit, sich mit dem eigenen Glauben auseinander zu setzen. Aber auch die Gemeinschaft in der Pfarrgemeinde und in der Jugendarbeit haben mir geholfen, meinen Weg zu finden.

kirchensite.de: Wem haben sie als erstes davon erzählt?

Ostholthoff: Meinen Eltern. Geahnt hatten sie wohl schon etwas, ich muss ihnen aber zugute halten, dass sie mich wirklich haben gewähren gelassen. Gefreut haben sie sich aber sehr, als ich ihnen eröffnete, welchen Entschluss ich da gefasst hatte.

kirchensite.de: Wie hat ihr Umfeld auf ihre Entscheidung reagiert?

Ostholthoff: Ausgesprochen positiv. Niemand hat explizit gesagt, dass er meine Entscheidung nicht nachvollziehen kann, aber ich konnte doch merken, dass sich andere zurückzogen, verunsichert waren und nur schwer mit dem Thema umgehen konnten.

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