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27.09.2016
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Paar

Wenn homosexuelles Handeln falsch sein soll, dann müsste es "christlich gesprochen als Handeln gegen das Liebesgebot begriffen werden", sagt Stephan Goertz.

Serie zur Bischofssynode (17): Beitrag von Stephan Goertz

Ist gelebte Homosexualität Sünde? NEIN

Die Antwort scheint auf den ersten Blick recht einfach und eindeutig zu sein. Zum einen gibt es eine Reihe von Aussagen in der Heiligen Schrift, die gleichgeschlechtliches Handeln verurteilen, und zum anderen haben die Tradition und das kirchliche Lehramt sich in der Vergangenheit diesem Urteil angeschlossen. Darum scheint festzustehen, dass homosexuelle Praktiken schwere Sünde sind, wie es im "Weltkatechismus" heißt (Nr. 2396).

In der Theologie sind jedoch Zweifel aufgekommen, ob diese Beurteilung von Homosexualität biblisch treffend begründet und theologisch-ethisch gut fundiert ist. Hinzu kommt die Frage, welcher Begriff von Sünde hinter der Aussage steht, dass jede homosexuelle Handlung stets eine Sünde sei. Die Antwort auf die Frage muss also schrittweise vorgehen und die verschiedenen Aspekte einzeln beleuchten.

Eine homosexuelle Handlung als eine Sünde zu bezeichnen, setzt zunächst voraus, dass derjenige, der so handelt, eine Schuld auf sich lädt, indem er ohne guten Grund einer anderen Person einen Schaden zufügt oder willkürlich ein Gut verletzt. Wenn homosexuelles Handeln falsch sein soll, dann muss es christlich gesprochen als Handeln gegen das Liebesgebot begriffen werden. In der Vergangenheit war man in der Tat der Überzeugung, dass es für homosexuelles Handeln keinen guten Grund geben könne, ja, dass ein solches Handeln gegen ein von Gott gegebenes Gesetz verstoße.

Was war der Grund für dieses Urteil? Die Bibel, so dachte man, verurteilt gleichgeschlechtliche Sexualität. Das stimmt – und stimmt doch auch nicht. Was die Bibel verurteilt, sind bestimmte sexuelle Handlungen zwischen Männern (Frauen kommen gar nicht vor). Eine genaue Lektüre zeigt jedoch, dass es bei diesen Handlungen entweder um Gewalt (Gen 19) oder einen Verstoß gegen zeitbedingte Moralvorstellungen (Paulus) geht. In keinem Fall verurteilt die Bibel das, was seit ca. 150 Jahren unter Homosexualität verstanden wird, also die sexuelle Ausdrucksweise der Beziehungsfähigkeit eines gleichgeschlechtlich orientierten Menschen. Homosexualität als Ausdruck der Liebe zwischen zwei Menschen, deren sexuelle Orientierung ihnen (von Gott!) gegeben und in ihrer Persönlichkeit tief und fest verankert ist, kannte die Bibel nicht.

Das heißt: Die Bibel verurteilt bestimmte sexuelle Handlungen zwischen Männern, aber nicht generell jede homosexuelle Handlung. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts galt gemeinhin, dass alle Menschen "normalerweise" heterosexuell sind und sie willentlich ihre eigentliche sexuelle Orientierung pervertieren, wenn sie eine Person desselben Geschlechts begehren.

Wenn es aber in dieser Sichtweise Homosexualität als solche nicht gibt, dann erscheint gleichgeschlechtliche Sexualität als widersinnig. Zumal als erster Zweck der Sexualität galt: "Was die Speise für die Erhaltung des Menschen ist, das bedeutet der Geschlechtsverkehr für die Erhaltung des Menschengeschlechts" (Augustinus). Unter dieser Bedingung ist Homosexualität ein Handeln gegen die Ordnung der von Gott geschaffenen Natur. Sie wird zur widernatürlichen Sünde. Denn zur Reproduktion der Gattung trägt Homosexualität nicht bei.

Stephan Goertz ist katholischer Moraltheologe in Mainz.

Stephan Goertz ist katholischer Moraltheologe in Mainz.

Unter der Prämisse, dass Sexualität immer dann unmoralisch ist, wenn sie nicht mit der "Erhaltung des Menschengeschlechts" in Verbindung steht, ist Homosexualität in der Tat moralisch falsch. So wie die Empfängnisverhütung auch. Aber wird dieses Bild von Sexualität heute noch in der Theologie vertreten? Die Humanwissenschaften haben die Bedeutung der Sexualität für die Beziehung zwischen zwei Menschen erkannt. Moraltheologen sagen seit langem: Sexualität in einer Liebesbeziehung ist menschenwürdige Sexualität. Sexualität drückt Beziehung aus und gibt ihr eine unverwechselbare und sie festigende Qualität. Diese Funktion von Sexualität steht neben ihrer Funktion für die Fortpflanzung.

Die alles entscheidende ethische Frage lautet, ob angesichts dieser Mehrfachbedeutung von Sexualität in jedem einzelnen sexuellen Akt stets die Funktion der Fortpflanzung integriert sein muss oder nicht. Versittlicht nicht das Kriterium einer echten menschlichen Beziehung die Sexualität zwischen zwei Personen? Eben darum wird Sexualität im Alter nicht negativ bewertet.

Kann Sexualität, die die Liebe zwischen zwei Menschen auf eine gerechte und verantwortliche Weise zum Ausdruck bringt, also falsch sein? Wird sie dadurch wertlos, dass Fortpflanzung nicht das Ziel ist oder sein kann? Das Konzil hat sich in dieser Sache nicht eindeutig geäußert. Aber es hat als Prinzip formuliert, dass die Sexualität in der Ehe auf eine "humane Weise" gelebt werden soll, "von Person zu Person". Es hat darauf bestanden, dass es keine Hierarchie der Funktionen von Sexualität mehr geben soll. Damit ist der alte Primat der Reproduktion offiziell überwunden worden.

Darf man daraus nicht den Schluss ziehen, wie es Moraltheologen seit mehr als 40 Jahren tun, dass Homosexualität nicht mit Schuld verbunden ist, wenn sie auf humane und gerechte Weise "von Person zu Person" gelebt wird, wenn zwei Homosexuelle ihre Liebe sexuell ausdrücken, in wechselseitigem Respekt und auf eine verbindliche Weise? Auch wenn die Dimension der Fortpflanzung dabei nicht realisiert werden kann.

Selbstverständlich kann homosexuelles Handeln für einen Christen sündhaft sein, wenn etwa die Würde oder Rechte eines anderen absichtlich missachtet werden. Dieses Kriterium gilt für Heterosexuelle wie für Homosexuelle gleichermaßen. Aus einer homosexuellen Handlung als solcher kann aber nicht auf Sünde geschlossen werden.

Ein Pauschalurteil verbietet sich daher. Wer bin ich, über es zu urteilen?

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Text: Professor Dr. Stephan Goertz | Foto: Reuters
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