Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles  >  Kirche heute
29.06.2016
Artikel drucken
Logo kirchensite.
Taizé in Münster.

Taizé in Münster: Rund 4.000 Menschen füllten den nur von Kerzen erleuchteten St.-Paulus-Dom zum Gebet mit den Brüdern während der 750-Jahrfeier der Kathedrale 2014.

Zum 100. Geburtstag von Frère Roger Schutz am 12. Mai (1)

Taizé: Tiefe Stille als Mitte des Gebets

Taizé. Auf den ersten Blick ist Taizé ein verschlafenes Dorf: Auf einem Hügel im französischen Burgund stehen ein paar unverputzte Häuser, mit einer romanischen Kirche in der Mitte. Der Ort ist umgeben von Wiesen, Kühen, Kirschbäumen und Sonnenblumen. Nur die Gleise des TGV verbinden die Idylle mit der Zivilisation. Dennoch strömen im Sommer Tausende Jugendliche aus aller Welt zu dieser abgelegenen Ortschaft – um zu beten, sich auszutauschen und unter einfachen Bedingungen zu leben. Wonach suchen sie? Warum zieht der Ort seit Jahrzehnten Menschen magisch an?

Ist es die Gemeinschaft über Grenzen hinweg, die sie dort erleben? "Für die meisten ist diese Erfahrung sehr wichtig", sagt Frère Andreas. "Da spüren sie, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die sich danach sehnen, eine gerechtere und friedlichere Welt mit aufzubauen und aus dem Glauben ihre Motivation schöpfen."

Frère Andreas aus München ist gelernter Fotograf und 1995 nach einem Studium der Mathematik und Physik als Bruder eingetreten. Er hat erfahren, wie Taizé Grenzen überschreiten kann: "Mein erster intensiverer Kontakt war bei einem Jugendtreffen in Südungarn (Pecs) im Mai 1989", erzählt der 44-Jährige. "Mich hat damals fasziniert, dass sich Menschen aus Ost- und Westeuropa begegnen konnten, obwohl die Mauer noch stand."

Erfahrung von Stille

Neben Austausch und Begegnung ist die wichtigste Säule im Leben der Gemeinschaft das Gebet. Zehn Kilometer entfernt liegt Cluny, im Mittelalter eines der religiösen Zentren; der Ort, an dem das Mönchtum erneuert wurde. In Taizé lebt die monastische Tradition weiter: Dreimal täglich versammeln sich die Brüder zum Gebet – morgens, mittags und abends.

Doch die Form des Gebets ist etwas Neues. Kurze Gesänge werden mehrmals wiederholt, sodass jeder schnell mitsingen kann. Melodien und Texte prägen sich ein, klingen auch Stunden später noch im Ohr. Zehn Minuten Stille sind die Mitte des Gebets. "Jugendliche leben oft in einer sehr ›lauten‹ Welt und fühlen sich darin nicht immer so wohl, wie manche Erwachsene meinen", sagt Frère Andreas. "In Taizé machen viele zum ersten Mal eine Erfahrung von mehreren Minuten tiefer Stille, die sie mit dem Geheimnis Gottes in Berührung kommen lässt."

Dieser Ort der Ruhe und Versöhnung hat seinen Anfang im Krieg: Als Roger Schutz, ein Schweizer Theologie­student, im August 1940 nach Taizé kommt, tobt in Europa der Zweite Weltkrieg. Mit seiner Schwester und einigen Freunden versteckt er Juden vor den Nationalsozialisten. Nach dem Krieg kümmern sie sich um Waisen und deutsche Kriegsgefangene. 1949 legt Frère Roger mit anderen jungen Männern die ersten Gelübde ab. Damals ahnen sie noch nicht, welche Anziehungskraft ihre Gemeinschaft ausüben würde. Immer mehr Jugendliche kommen, um mit den Brüdern zu beten. Die kleine romanische Dorfkirche platzt bald aus allen Nähten. Ein neues Gotteshaus muss her: Die "Kirche der Versöhnung" wird gebaut.

Anfang der Siebzigerjahre kam Frère John das erste Mal nach Taizé. Er hatte gerade sein Studium beendet und reiste ein Jahr lang durch Europa. 1974 trat er ein. "Damals war alles noch etwas chaotisch", sagt der aus Philadelphia stammende US-Amerikaner. "Die Brüder lernten gerade erst, den Empfang der Jugendlichen zu organisieren. Die Atmosphäre war jedoch die gleiche wie heute."
 
Gegenseite Wertschätzung und Solidarität prägen seit den Anfängen den Alltag in Taizé. Es gibt kein Personal. Wer für eine Woche kommt, muss auch mithelfen bei den praktischen Arbeiten: bei der Essensausgabe, dem Putzen der Toiletten oder der Schlafräume. Das Leben in Taizé ist einfach. Die Jugendlichen teilen diese Einfachheit mit 100 Brüdern aus 25 verschiedenen Ländern.

Die Brüder leben in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie selbst. Einige arbeiten in der Töpferei, andere schreiben Bücher oder zeichnen Postkarten. Zu den Jugendtreffen gehören auch die täglichen Bibeleinführungen, die von den Brüdern geleitet werden.

Weltkirchliche Verantwortung

Jeder Bruder ist außerdem für ein Land oder eine Region zuständig. Frère John reist regelmäßig für Treffen und Vorträge nach Italien und in die USA, Frère Andreas nach Fernost. Seit 2008 besucht er zusammen mit anderen Brüdern die Jugendlichen in den asiatischen Ländern. "Manchmal ist einfach nur ein Besuch möglich, um den Menschen durch unsere Anwesenheit zu zeigen, dass wir an sie denken und Anteil haben an schwierigen Situationen", sagt er.

Tiefe Anteilnahme am Schicksal des Nächsten, Einsatz für Frieden und Versöhnung, solidarisches Miteinander – am 16. August 2015 wird dieser Herzschlag von Taizé jäh aus dem Takt gebracht: Eine geistig verwirrte Frau attackiert Frère Roger während des Abendgebets, tötet ihn mit drei Messerstichen. Der Prophet des Friedens und Kämpfer für die Versöhnung – brutal ermordet. Die charismatische Gründerfigur – von einem Tag auf den anderen aus dem Leben gerissen. Ein Einschnitt, der die Gemeinschaft verändert. Sie muss sich neu orientieren.

Vieles ist seither gleich geblieben: Es gehe immer wieder neu darum, Jugendlichen, die aus sehr verschiedenen Kontexten nach Taizé kommen, Erfahrungen mit Gottes geheimnisvoller Gegenwart zu erschließen, sagt Frère Andreas. "Wir wollen sie zu einer Haltung des Vertrauens ermutigen und dazu, sich mit ihren Gaben und Fähigkeiten in Kirche und Gesellschaft einzubringen."

Auch zehn Jahre nach Frère Rogers Tod bleibt die Anziehungskraft von Taizé: "Die jungen Leute von heute suchen immer noch nach einem Sinn in ihrem Leben", sagt Frère John. "Sie wollen sich mit anderen in ihrem Alter über existenzielle Fragen austauschen." Es gehe nicht darum, ein Programm anzubieten. Man solle sie vielmehr einladen, an dem teilzuhaben, was man selbst für bedeutend hält.

Gastfreundschaft teilen

Pastorale Jugendarbeit soll das, was Taizé lebt, nicht heißen. "Wir wollen ein Gleichnis der Gemeinschaft sein", sagt Frère John, "ein Zeichen der Botschaft Jesu, indem wir Gebet, Arbeit und Gastfreundschaft zusammen leben und mit Jugendlichen teilen."

Die jungen Erwachsenen nehmen aus dieser Erfahrung nicht nur etwas mit, sie lassen auch etwas dort: "Uns Brüdern geben die Jugendlichen Hoffnung" sagt Frère Andreas. "Sie können mit ihren Gaben und Fähigkeiten die Zukunft positiv gestalten und haben aus dem Gebet und der Gottesbeziehung ein Gespür bekommen für die Verantwortung, die wir Menschen in der Welt haben."

Gemeinschaft von Taizé

Die Communauté de Taizé ist eine ökumenische Gemeinschaft im Burgund, Frankreich. Etwa 100 Brüder aus 25 ­Ländern teilen dort das monastische Leben. Sie sind Katholiken, Mitglieder verschiedener evangelischer Kirchen oder Anglikaner. Im Zweiten Weltkrieg hat Frère Roger (1915-2005) den Orden gegründet. Heute gibt es kleine Gemeinschaften der Brüder, so genannte Fraternitäten, in allen Erdteilen: zum Beispiel in Bangladesch, Brasilien und Kenia.

Nach Taizé kommen jedes Jahr Tausende Jugendliche aus der ganzen Welt. Schwestern des belgischen Ordens Soeurs de Saint André helfen seit den Sechzigerjahren bei den Jugendtreffen. Zu jedem Jahreswechsel organisiert die Communauté ein Jugendtreffen in einer europäischen Stadt, dieses Jahr in Valencia, Spanien. Daneben gibt es kleinere Treffen auf allen Erdteilen.

Gedenkjahr 2015 in Taizé

Die ökumenische Gemeinschaft von Taizé feiert 2015 ein Fest- und Gedenkjahr. Neben dem 100. Geburtstag des Gründers Frère Roger (1915-2005) am Dienstag (12.05.2015) jährt sich im August zum zehnten Mal sein Todestag; vor 75 Jahren wurde mit einem Hauskauf in Taize der erste Stein für die spätere Communauté gelegt. Thema des Festjahres ist Solidarität.

Die große Gedenkwoche zum Höhepunkt beginnt am 9. und endet am 16. August; an diesem Datum wurde Frère Roger 2005 während des Abendgebetes von einer geistig verwirrten Frau erstochen. Zu den Feiern werden Vertreter verschiedener Kirchen erwartet.

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche von A bis Z: Taizé

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.taize.fr

Text: Claudia Schwarz | Foto: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
11.05.2015

Dossier: Heiliger Paulus

Der heilige Paulus ist Patron des Bistums Münster und des münsterschen Domes.

Bischof Felix Genn

Sein Leben – sein Wirken – seine Texte.

Glaubenswissen

Scheidung: Nur durch den Tod.

Caritas Jubiläum

Welche Gründe zum Feiern die Caritas sieht, das erläutern Josef Leenders als Vorsitzender und Heinz-Josef Kessmann als Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Münster.

EU-Austritt

Ex-Präsident des EU-Parlaments Pöttering: EU muss sich nach "Brexit" auf Werte besinnen.

Kinder- und Jugendseelsorge

Rückenwind für Ideen.

Psalm 121

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

Telefonseelsorge

Anonyme Hilfe rund um die Uhr.

VIDEO-Tipp ...

Freiwilligendienst im Ausland: "Besser als rumreisen"

Reisesegen

Kein Segen für Blech.

Durch das Jahr

Aus dem Saulus wurde kein Paulus...

Bürchereien

Vielfältiges Medien-Angebot zum Ausleihen.

Geistlicher Impuls

Familiengebet: Familien-Alltag.

Diözesanpilgerstelle

Wer das Ziel der eigenen Glaubensfindung, die Sinnsuche, spirituelle Impulse in den Vordergrund rückt, kann seinen Weg auf einer der vielen Pilgerreisen finden.

Heiligenlexikon

30. Juni: Heiliger Otto von Bamberg.

Mit der Bibel leben

Petrus und Paulus.

Wallfahrtsorte

Herzfeld: Heilige Ida.

Das Evangelium hören

Service für Sie

Facebook

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web


Anzeigen-Sonderthema


Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand