Milieuforscher:
Kirche darf sich nicht ins Ghetto zurückziehen
Frankfurt. Milieuforscher Carsten Wippermann rät der katholischen Kirche davon ab, sich in ein selbst gewähltes "Ghetto" zurückzuziehen, indem sie sich auf eine streng katholische "Kernklientel" konzentriert.
"Wenn Kirche tatsächlich Kirche für die Menschen sein will, kann sie nicht kategorisch sagen, ich konzentriere mich auf ein bestimmtes Segment, von dem wir wissen, dass es nach und nach immer kleiner wird", sagte der Theologe und Soziologe am Freitag (21.10.2011) in Frankfurt in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Denn dann drohe die Kirche "zu einer Institution von immer weniger Eingeweihten in einer immer kleineren Nische zu werden".
Nach dem Papstbesuch hätten einige die Worte von Benedikt XVI. als eine Art "Zielgruppenformulierung" angesehen, sich vor allem an den Menschen zu orientieren, "bei denen unsere Botschaften in der Weise ankommen, wie wir sie formuliert haben". Wippermann hält es dagegen für wichtiger, auch neue Wege in Seelsorge und Verkündigung zu gehen und dabei auch auf bisher kirchenferne Milieus zuzugehen, ohne "den theologischen Kern aufzugeben oder substanziell zu verändern".
Wenn man feststelle, dass viele Menschen in modernen Milieus mit den aktuellen kirchlichen Botschaften und Antworten nur noch wenig anfangen könnten, müsse man schon die Grundsatzfrage stellen, so Wippermann: "Sind die Fragen der Menschen falsch? Oder sind die Antworten, die Kirche im Moment gibt und in den letzten 10, 20, 50, 100 Jahren gegeben hat, heute noch für alle Menschen die richtigen?"
Wippermann ist Professor für Soziologie an der Katholischen Stiftungsfachhochschule Benediktbeuern und war einer der Initiatoren der Sinus-Milieu- und Kirchenstudie von 2006. Jetzt hat er ein aktualisiertes Milieumodell entwickelt und in einer neuen Wertestudie aufgezeigt, welche unterschiedliche Bedeutung Wertebegriffe in den verschiedenen sozialen Milieus haben.
Nach seinen Erkenntnissen spielen Glaube, Religion und Spiritualität "in allen Milieus eine wichtige Rolle". Doch die Fragen, die in dem Zusammenhang gestellt werden, unterschieden sich deutlich - ebenso die Zufriedenheit mit den Antworten. Ein Milieu wie die Traditionellen etwa habe ein Verständnis von Kirche als Volkskirche, in dem "die Glaubenswahrheiten einfach und fertig vorgegeben" seien.
Modernere Milieus dagegen wollten keine fertigen Antworten, sondern diese selbst formulieren und finden. Dabei stelle sich, so der Milieuforscher, schon die Frage, "ob das nicht sehr viel christlicher, katholischer ist, den Heiligen Geist auch immer wieder wirken zu lassen, als den Heiligen Geist einmal in eine fertige Form fest eingegossen immer nur weiter zu tragen".
Die katholische Kirche tue sich hier aber weiterhin sehr schwer, beobachtet Wippermann: "Sicher nicht zuletzt deshalb erreicht sie auch primär traditionelle und konservative Milieus, andere Milieus hingegen oft nur noch ausschnitthaft oder gar nicht mit ihren Angeboten und ihrer kommunikativen Stilistik."
Buchhinweis
Carsten Wippermann: "Milieus in Bewegung - Werte, Sinn, Religion und Ästhetik in Deutschland", Echter Verlag, 227 Seiten, 48 Euro.
Mehr zum Thema in kirchensite.de:
Text:
KNA Katholische Nachrichtenagentur GmbH
21.10.2011
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