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24.05.2012
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Professor Thomas Söding und Rabbiner Moshe Navon

Der Neutestamentler Professor Thomas Söding und Rabbiner Moshe Navon (rechts) arbeiten gemeinsam am Forschungsprojekt der Universität Bochum.

Interreligiöses Forschungsprojekt

Gemeinsames Gebet von Juden und Christen

Bochum. "Das Gebet ist der Ort, wo zur Sprache kommt, was einer Religion heilig ist", sagt der katholische Bibelwissenschaftler Professor Thomas Söding. Daher brauche es ein jüdisch-christliches Gespräch im Fokus einer Theologie des Gebets. Dieses weiterentwickeln wolle ein Forschungsprojekt an der Ruhr-Universität Bochum.

Das Projekt, das Söding zusammen mit dem jüdischen Forscher und liberalen Rabbiner Moshe Navon entwickelt hat, setzt auf den interreligiösen Dialog und führt an den Anfang des Christentums: Es zeigt, dass jüdisches Beten von Beginn an zur christlichen Liturgie gehört hat – und zwar nach den kanonischen Zeugnissen ebenso wie im Blickwinkel heutiger Wissenschaft. "Juden und Christen können zusammen beten – nicht alle Gebete, aber die elementaren", meint Söding.

Dabei bezieht der Neutestamentler eine Gegenposition zu der Ansicht, dass ein gemeinsames Gebet von verschiedenen Religionen zu Gott unmöglich sei: Weil die Gottesvorstellungen zu stark voneinander abwichen, sei es unehrlich, gemeinsam zu beten. "In der katholischen Kirche ist die Skepsis gegenüber multi-religiösen Feiern letzthin deutlich gestiegen. Dies gilt in erster Linie für christlich-islamische Feiern. Eine Besonderheit ist jedoch das jüdisch-christliche Verhältnis", sagt Söding und macht auf die untrennbare Beziehung von Judentum und Christentum aufmerksam: Jesus war Jude; in der Urkirche waren alle Frauen und Männer der ersten Stunde jüdisch. Jesus hat am Gebetsleben seines Volkes teilgenommen. Die Judenchristen haben mit dem Bekenntnis zu Jesus ihre jüdischen Gebete nicht verworfen oder vergessen, sondern in den Gottesdienst der Kirche mitgebracht. So heißt es in der Apostelgeschichte: "Sie hielten fest ... an den Gebeten" (Apg 2,42).

Diese Bibelstelle und weitere Stellen im Lukas-Evangelium deutet Söding so: "Lukas erzählt und bespricht das urchristliche Gebet im Kern als jüdisches Beten, um die Spiritualität der Kirche dauerhaft im Gebet Israels zu verwurzeln, wie es Jesus geteilt, entwickelt und vermittelt hat. Er lässt dazu ein Judentum der Frommen im Land entstehen, die messianische Hoffnungen lebendig halten." Ähnlich bewertet Moshe Navon, der 2003 den Doktor-Titel in Bibelstudien an der Hebräischen Universität Jerusalem erwarb, das wissenschaftliche Ziel, die Wurzeln der jüdischen und christlichen Liturgie vor 2.000 Jahren sichtbar werden zu lassen: "In dem lukanischen Doppelwerk – Evangelium und Apostelgeschichte – ist eine wichtige Urkunde der jüdischen Gottesdienstgeschichte versteckt, die noch auf ihre Entdeckung wartet. Den Gebeten in den Kirchen und Synagogen, die eigentlich einander zuriefen, hat während der fast 2.000 Jahre nur unser Vater im Himmel allein zugehört."

Jesus als Beter der Psalmen

Sich eingehend mit den Psalmen im Markus-Evangelium beschäftigt hat Söding. Jesus gilt für ihn als Hörer der Psalmen, als Exeget der Psalmen und als Beter der Psalmen. So hört Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens die Gottesstimme im Psalmwort aus dem offenen Himmel über dem Jordan, damit der als geliebter Sohn (Ps 2,7) sein Werk beginne, die Königsherrschaft Gottes aufzurichten: "In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: 'Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden'" (Mk 1,9-11).

Die Taufe Jesu im Jordan zeigt das Fenster in der Turmtür der Kirche St. Martinus in Ahaus-Wessum.

Die Taufe Jesu im Jordan zeigt das Fenster in der Turmtür der Kirche St. Martinus in Ahaus-Wessum.

Dieses Gotteswort im Psalmwort hören auf dem Berg der Verklärung die drei von Jesus ausgewählten Jünger, die ihn zusammen mit Elija und Mose sehen, damit sie nach Ostern, auch wenn sie es noch nicht verstehen, Jesus in die Zusammenhänge stellen können, die Jesus selbst hergestellt hat: mit Gott und seinem Volk, mit dem Messiaskönig und der Gottesherrschaft.

Besonders in der Passionsgeschichte werden die Gebete Jesu mitgeteilt. Alle sind entweder direkte Psalmworte oder stark von ihnen inspiriert. So endet das Letzte Abendmahl beispielsweise mit dem "Lobgesang", dem Pascha-Hallel. Am Kreuz schreit Jesus den Klageruf des leidenden Gerechten heraus: "Und zur neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: 'Eloï, Eloï, lema sabachthani', das heißt übersetzt: 'Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?'" (Mk 15,34 / Ps 22,2). Jesus als Beter der Psalmen steht seinerseits für alle ein, die unschuldig leiden und keine eigenen Worte finden.

Eine Motivation, sich mit dem Neuen Testament zu beschäftigen und das Forschungsprojekt anzugehen, sieht Moshe Navon in dem Wirken des jüdischen Gelehrten Leo Baeck, der 1938 die Schrift "Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte" herausgab. Nach der Jahrhunderte langen "geistlichen Entfremdung" von Judentum und Christentum gelte es, die gemeinsamen Quellen gemeinsam zu entdecken.

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Text: Johannes Bernard | Fotos: Johannes Bernard in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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