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24.05.2012
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Reinhold K. Müller.

Am Ende ganz fein: Reinhold K. Müller ist es wichtig, mit seinen Krippenfiguren etwas Konkretes auszusprechen.

Reinhold K. Müller schnitzte unter vielen Vorzeichen

Leiser Protest aus Lindenholz

Erzgebirge. Die etwa 15 Quadratmeter seiner Werkstatt im Erzgebirge sind wie eine Enklave. Spärlich beleuchtet, vollgestopft mit Schnitz-Eisen, der Boden bedeckt mit Holz-Resten – all das erzählt von einem konsequenten Weg, der sich von politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen nicht beeinflussen wollte und will. Reinhold K. Müller hat immer nur eins geschnitzt: die Weihnachtsbotschaft.

Es ist der Baustoff seines Lebens. "Linde", sagt Reinhold K. Müller. "Am liebsten von einem Baum aus dem Wald." Weil er langsam und gleichmäßig gewachsen ist und kaum Äste am unteren Teil des Stammes hat. "Das ist ein Traum", sagte er, während er immer wieder in den großen Berg von Schnitz-Spänen greift, die sich unter seiner Werkbank angesammelt haben. Als "Pfostenware" kommt sie zu ihm in den kleinen Arbeitsraum seines Hauses in Stützengrün in der Nähe von Aue, mitten im Erzgebirge. "Zwölf Zentimeter dick, 30 breit, 3 Meter lang", erklärt der 60-Jährige. Was seine Werkstatt verlässt, ist weitaus filigraner. Es sind Krippenfiguren mit außergewöhnlichem Hintergrund.

Alles Handarbeit

Nur einmal kommt die Bandsäge zum Einsatz, wenn das lange Kantholz auf die Größe der Figur gestutzt wird. "Alles andere ist reine Handarbeit", sagt der Krippenschnitzer und lässt die kleinen Abfall-Späne von einer Hand in die andere gleiten, als wäre es zu schade, sie wieder auf den Boden fallen zu lassen. "Keine Norm, kein Katalog, keine Massenanfertigung." In dieser Form einzigartig in Deutschland, das hat er recherchiert. "Weil man so kein Geschäft voll kriegt", weiß er. Wohl aber ein deutliches Zeichen setzen kann. Und das war Reinhold K. Müller von Beginn an wichtig.

Als er vor 60 Jahren ein paar Zimmer weiter geboren wurde, herrschten andere Zeiten. In der Entwicklung der DDR waren seine "deutlichen Zeichen" alles andere als erwünscht. Das spürte auch Müller in seinem Leben, wenn ihm oder seiner Familie Steine in den schulischen oder beruflichen Entwicklungsweg gelegt wurden. Gerade als überzeugter Protestant waren seine Zeichen wenig beliebt bei den Funktionären. "Wir waren nicht Angehörige einer Kirche, sondern wir waren Bekennende." Deshalb war es ihm aber auch egal, ob er in irgendwelchen Akten irgendwelche Punkte bekam, weil er zur Kirche ging oder seine Kinder nicht zur Jugendweihe gingen, sondern sich konfimieren ließen.

In einer nahen Produktions-Genossenschaft begann er 1967 mit der Ausbildung in der Holzbildhauerei. Nicht, weil er bereits Fertigkeiten besaß. "Ich hatte zuvor keinen einzigen Span geschnitzt." Wohl aber weil er künstlerisches Talent besaß: "Ich hatte in meiner Jugend jede freie Minute gezeichnet." Seine neue Aufgabe war zu Beginn das Anfertigen erzgebirglicher Volkskunst, etwa regionaltypische Tiere oder Handwerker. Wenn da nicht der Westen gewesen wäre, von wo schnell Aufträge für Erzgebirgskrippen kamen." Wenn der was wollte, bekam er es auch, weil es ja Devisen brachte." Deshalb habe er in seiner Gesellenzeit kaum für den heimischen Markt Bergleute geschnitzt, sondern fast ausschließlich Krippen für den kapitalistischen Klassenfeind.

Nicht immer Gleiches

Eins habe er dabei schnell bemerkt, erinnert er sich. Er streicht sich nachdenklich durch seinen langen, grauen Vollbart und kehrt in Gedanken sichtbar in Momente zurück, die für seine weitere Entwicklung maßgeblich sein sollten. "Ich habe damals schon versucht, nicht immer Gleiches zu produzieren." Wenngleich die Vorgaben für die Krippenfiguren genau waren. Die Aussage der Weihnachtsgeschichte war ihm aber zu wichtig, als dass sie monoton und ohne großen Esprit ausgedrückt werden konnte. Immer wieder versuchte er, kleine Spielräume in den Vorgaben kreativ zu nutzen. "Mal ein etwas anderer Gesichtsausdruck, mal eine leicht veränderte Geste." Was ihm kein Renommee oder Geld einbrachte, im schlimmsten Fall aber kritische Anfragen.

Heute vermutet er, dass es dieser Hang zur Individualität war, der ihm die Möglichkeit der Meisterausbildung zunächst verwehrte. Es dauerte lange, bis sich dort endlich Türen öffneten. "Ein harter Kampf, mit vielen Demütigungen", erinnert er sich. Was sich ihm dann aber eröffnete, bezeichnet er als "großes Geschenk" und breitet zur Veranschaulichung seine Arme so weit aus, dass sie in seiner kleinen Werkstatt fast von einer Wand zu anderen reichen.

Er bekam nicht nur den Meisterbrief, sondern durfte auch die Prüfung zum "Anerkannten Kunsthandwerker" durchlaufen. "Davon gab es nur etwa 380 in der ganzen DDR-Zeit." Fotografen, Spielzeugmacher, Weber, Töpfer ... – und eben ihn als Krippenschnitzer. "Ich durfte mich selbstständig machen." Er schüttelt heute noch den Kopf, wenn er an dieses Glück denkt. "Ich war privilegiert, konnte selbst entscheiden, für wen ich arbeite, musste keinen errechneten Bedarf erfüllen." Nur ins Ausland durfte er nicht liefern. Das war ihm aber auch nicht wichtig. "Denn ich hatte in jenem System plötzlich eine Freiheit, die es eigentlich gar nicht gab: Ich durfte Gedanken ausleben."

Es gab noch mehr

Nicht laut, nicht reaktionär, schon gar nicht aggressiv. Eher leise und mit der subtilen Kraft künstlerischen Tuns. Dabei aber konsequent, sagt Müller: "Ich konnte mit ein paar Holzfiguren ausdrücken, dass es noch mehr gab als den Sozialismus." Als eine Art "Gegenpropaganda" habe er seine Schnitzereien gesehen. "Die Weihnachtsgeschichte als Signal an die Menschen, sich Gedanken über das System zu machen." Eine Kraft, die er mit den Jahren intensiver einsetzte. Er wurde deutlicher, etwa als er begann, auf die Rückseiten seiner Rechnungen das Weinachts-Evangelium zu drucken.

Er sei also ein wenig ein "politischer Schnitzer" gewesen, blickt er mit einem unter seinem Rauschbart kaum wahrnehmbaren Schmunzeln zurück. Seine leuchtenden Augen aber verraten, dass er sich dabei ein wenig "spitzbübisch" gefühlt hat. Was nur funktioniert habe, weil viele seiner offiziell linientreuen Kunden daheim das tragende Gefühl des Weihnachtsfestes leben wollten. Sein stiller Protest aus Lindenholz wurde geduldet, weil er im dörflichen Rahmen blieb und nicht zur großen Propaganda wurde. Und weil das Gefühl des Weihnachtsfestes unabhängig von der politischen Gesinnung Sehnsüchte in den Herzen der Menschen weckte.

Die Wende war für ihn daher nicht wirklich eine. "Ich bin in kein Loch gefallen, auch wirtschaftlich nicht." 1989 hatte er so viele Aufträge in der Schublade, dass "sie wohl bis zur Rente gereicht hätten". Mit dem Ende der DDR schrieb er alle seine Kunden mit der Frage an, ob sie ihre Bestellung aufrecht halten oder lieber für ein Auto sparen wollten. Für ihn selbst stellte sich die Frage, ob er mit den Möglichkeiten der Marktwirtschaft nun in die Massenproduktion einsteigen  oder weiter Kunsthandwerker bleiben wollte. Er entschied sich, seinen bisherigen Weg konsequent weiterzugehen. "Denn in der Massenproduktion wäre mein Gefühl für die Aussage in meinen Figuren völlig verloren gegangen."

Deutlicher Fingerzeig

Eine Konsequenz mit einem Effekt, der nachdenklich macht. Denn hatte er mit seiner Art der Fertigung bislang leise Kritik am sozialistisch-totalitären System geübt, so zeigte sich darin auch gegenüber den folgenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen ein stiller und doch deutlicher Fingerzeig: "Im Konsum und in der Massenproduktion geht das wichtige Gefühl der Einzigartigkeit verloren." Die Freude an dem, was individuelle Gefühle im Besonderen ausdrückten, verschwänden. Der einzelne Mensch fühle sich und seine Gedanken nicht mehr ernst genommen, die Lebensgeschichte verliere an Wert. "Wenn es aber nur noch Masse und Konsum gibt, dann braucht es gerade individuelle Leuchtfeuer", denkt Müller weiter.

Und das ist der Grundgedanke, der ihn heute antreibt. "Es geht keine Krippe anonym raus." Jeder, der sich für eine seiner geschnitzten Weihnachtsdarstellungen interessiert, muss mindestens einmal bei ihm vorbeikommen, auch wenn der Weg in das kleine Dorf für viele sehr lang ist. Aber der Moment, in dem sich jemand auf einen der zwei wackeligen Stühle setzt, um über sich, sein Leben und seine ganz persönliche Vorstellung einer Krippe zu sprechen, ist für Müller die entscheidende Initialzündung.

"Es wird ein Beziehung aufgebaut", sagt er. "Mit vielen Gefühlen, die meine Kunden mitbringen." Und Müller investiere am Ende auch sehr viel von sich selbst. Weil er die Hintergründe der Menschen aufnimmt und sie schon im Kopf bearbeitet. Weil es  ein langer Weg der Auseinandersetzung ist, bis er das erste Stück Holz in die Hand nimmt. Weil er auch während der Schnitzarbeit immer wieder zum Telefonhörer greift, um nachzufragen, ob er mit seiner Interpretation richtig liegt. Am Ende habe er immer so viel Energie und Zeit eingebracht, dass "ich jedes Stück nur schweren Herzens weggebe".

Was er zunächst mit den groben Eisen bearbeitet, um sich mit immer feinerem Werkzeug in immer detailliertere Bereiche vorzuarbeiten, läuft "ungezählte Male" durch seine Finger. "Besonders der Anfang fällt schwer", verrät er. In diesem Moment hängt viel ab von seinen Vorzeichnungen und Grundschnitten. "Da habe ich oft weiche Knie." Später, wenn er bemerkt, dass er die Armhaltung der Figur richtig berechnet hat und dass der Faltenwurf des Gewandes sich so entwickelt wie in seinen Vorstellungen, dann werde die Arbeit "immer schöner". Bis hin zu jenem " besonderen Moment", in dem die Mimik sichtbar wird, in dem zu erkennen ist, "ob sie ängstlich, erfreut, böse oder traurig ist".

Maria auf dem Koffer

Er stellt kein Puppenhaus her, er erzählt eine uralte, heilige Geschichte, das ist ihm bei jedem Arbeitsschritt bewusst. "Das Aktuelle und das Persönliche bringt der Kunde mit." Er erinnert sich dabei gern an den Ostberliner Historiker, der sein ganzes Leben lang im Kopf "seine Krippe" gebaut habe. Erst nach 1990 raffte er sich auf und fand über viele Umwege in die Werkstatt von Müller. "Er hat hier gesessen und stundenlang erzählt – über seine Kindheit, über Glauben, über Hoffnung, eigentlich über alles, was ein Leben ausmacht." Am Ende entstand eine riesige Pyramiden-Krippe mit ganz konkret ausgesuchten Details. "Etwa Maria und Josef, die im Stall auf ihren Koffern sitzen sollten – eine Erinnerung an eigene Fluchtzeiten."

Müller hat bemerkt, dass fast alle, die seine Werkstatt betreten, ein Stück weit in ihre Kindheit versetzt werden. "Denn hier ist das ganze Jahr Weihnachten." Dass wissen auch die Kinder im Dorf, die ihm gern einmal einen Brief an den Weihnachtsmann in den Briefkasten werfen. Eine Atmosphäre, die auch er und seine Familie genießen. Nicht selten geht er abends noch mal in seinen Arbeitsraum, wenn nur die kleine Arbeitslampe brennt. "Einfach um die Stimmung aufzunehmen." Manchmal kommen dann auch seine Frau, seine beiden Söhne oder die Enkeltochter dazu. "Eine wundervolle Bestätigung." Denn dann kann er spüren, welche Ausstrahlung die Weihnachtsbotschaft in die Welt haben kann, zu jeder Zeit des Jahres. "Und darum ist es mir immer gegangen." In sozialistischen Zeiten genauso wie in den heutigen Zeiten des Konsums und der Hektik.

Mehr zum Thema im Internet:

  1. Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.krippenschnitzerei.de

Mehr zum Thema in kirchensite.de:

  1. Öffnet internen Link im aktuellen FensterDossier: Advent und Weihnachten

Text: Michael Bönte | Foto: Michael Bönte in Öffnet internen Link im aktuellen FensterKirche+Leben
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