
Der Kirchenbesuch an Weihnachten gehört für viele zum Fest.
Zwischen Event und der Ahnung von etwas anderem
Jeder zweite Deutsche will an Heiligabend in die Kirche
Berlin. Jeder zweite Deutsche will an Weihnachten einen Gottesdienst besuchen. Alle Jahre wieder gibt es in der Vorweihnachtszeit entsprechende Umfragen - das Ergebnis fällt meist ähnlich aus.
In diesem Jahr lieferte die Zeitschrift "Daheim in Deutschland" bereits im November die Zahl. 2008 vermeldete das Leipziger Institut für Marktforschung im Auftrag der "Leipziger Volkszeitung", dass mehr als die Hälfte der Deutschen einen weihnachtlichen Gottesdienst besuchen will; das Magazin "Cicero" kam, gestützt auf Forsa, zeitgleich auf 44 Prozent. Zum Vergleich: In der Osternacht sucht nur knapp jeder dritte Deutsche ein Gotteshaus auf.
Kirchenmitglieder bevorzugen?
Im vorigen Jahr forderten einige Politiker von Union und FDP, angesichts der übervollen Gotteshäuser, Kirchenmitglieder am 24. Dezember zu bevorzugen. Es war einer der jahreszeit-üblichen Umfragen der "Bild"-Zeitung unter bundesweit wenig bekannten Mandatsträgern.
Dass einer der Befürworter aus Berlin kam, überrascht nicht: Zwar ist die Hauptstadt als religionsfern verschrien, doch an Heiligabend "brummt" es in ihren Kirchen. Allein der "Berliner Dom", evangelische Hauptkirche der Stadt, bietet von 14.30 Uhr bis 23.30 sechs Gottesdienste an - allesamt mehr als gut besucht. Ähnlich voll oder überfüllt ist es in vielen Kirchen der Stadt.
"Passagen-Religiosität"
Von einem speziellen Festtags-Service für Kirchensteuerzahler ist in den beiden großen Kirchen dennoch nicht die Rede. Die Deutsche Bischofskonferenz stellt im vergangenen Jahr klar: "Als missionarische Kirche freuen wir uns über jeden, der die Weihnachtsbotschaft hören will." Doch ist der massenweise Besuch der Christmetten Ausdruck von einer besonderen Frömmigkeit?
Der Berliner Soziologe Hubert Knoblauch, Fachmann für die Theorie moderner Gesellschaften, spricht lieber von einer "Passagen-Religiosität". Wie Taufen oder kirchliche Eheschließungen werde auch der Kirchgang zu Weihnachten als Etappe geschätzt und habe als feste "Zeremonie" selbst für eher Kirchenferne noch eine Bedeutung.
"An Weihnachten kämpft das Christentum mit seiner Popularität"
Parallel dazu nahm laut Knoblauch der gesellschaftliche "Event-Charakter" des Festes der Geburt Jesu beständig zu: Adventsmärkte, musikalische Dauerberieselung sowie Lichterketten allerorten seien die wichtigsten Anzeichen dafür. "An Weihnachten kämpft das Christentum mit seiner Popularität", fasst Knoblauch zusammen.
Das Fest habe Formen angenommen, die - siehe Weihnachtsmann - "nicht von der Kirche, sondern der Populärkultur geprägt sind". Und zu dieser Populärkultur gehöre nach wie vor der Kirchenbesuch, wie das gemeinsame Essen in der Familie. Im Grunde sähen viele an Heiligabend in den Kirchen eine Art "Event-Organisator".
"Wir brauchen Stimmungen…"
Der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn hegt trotzdem Hoffnung. Die "seltenen Gottesdienstbesucher, die nur noch zur Christmette eine Kirche betreten", hätten sich möglicherweise eine Ahnung eines besseren Wissens bewahrt, meint er: "Wir brauchen Stimmungen, in denen wir uns öffnen für Wirklichkeiten und Werte, die sich nur von denen erfahren lassen, die sich darauf eingelassen haben." Und vielleicht besäßen dafür gerade die "fernen Kirchentreuen" ein Gespür.
Der Freiburger Religionssoziologe Michael N. Ebertz kommt beim Nachdenken darüber, warum viele Menschen an Weihnachten die Kirchen aufsuchen, auf ein weiteres Motiv, den Wert der Familie, "die - allem Krisengerede zum Trotz - vielen Menschen 'heilig'" sei. Gerade bei jüngeren Kirchenmitgliedern stehe der Gottesdienstbesuch an Weihnachten im Zusammenhang mit ihrer Familiensituation. Denn: "Wohnen im Haushalt Kinder, wächst die weihnachtliche Kirchgangsneigung - auch dann, wenn man sonst nichts mit der Kirche am Hut hat."
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Text: Christoph Strack,
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