Anzeige:
Werbung

kirchensite.de | Online mit dem Bistum Münster: Nachrichten aus der Kirche, katholischer Glaube, Spiritualität, Heiligenlexikon, Veranstaltungen, Seelsorge, Fürbitte, Bibelarbeiten, Dossiers.

. . . . .
Seite: Aktuelles  >  Dossiers  >  Dossier: Anna Katharina Emmerick
28.05.2017
Artikel drucken
Logo kirchensite.
Anna Katharina Emmerick

Darstellung der Anna Katharina Emmerick auf dem Gobelin zu ihrer Seligsprechung.

Annäherung an eine Selige (4)

Was ist Mystik?

Mystisch – das klingt geheimnisvoll, aber auch vage und dunkel. Warum Anna Katharina Emmerick die "Mystikerin des Münsterlandes" ist, beleuchtet der Theologe und Karmelitenpater Michael Plattig:

Dem Wort "Mystik" kann man heute an unterschiedlichsten Stellen begegnen: als Modewort im Alltag, in esoterischen Zusammenhängen oder in theologischen Abhandlungen. Oft ist Mystik ein Schlüsselwort für alles, was vage, irrational, instinkthaft und schwärmerisch ist, oder es wird verwendet, um die Bedeutung des Gesagten offen zu halten. Über einen Film etwa wurde geschrieben: "Eine fast mystische Suche nach Liebe." Da kann man nur hinzufügen: Was immer das heißen mag. Im christlichen Umfeld wirkt auf evangelischer Seite noch immer eine Kritik an der Mystik nach, die sie in eine Reihe mit Abgötterei, Alchemie, Okkultismus und Wahrsagerei stellte. Im katholischen Bereich trifft man auf Einflüsse älterer Heiligenlegenden und deren Vorliebe für das Außergewöhnliche und Heldenhafte, so dass landläufig unter "mystisch" all die außerordentlichen Phänomene wie Visionen, Stigmata etc. eingeordnet werden und Mystik als Sonderweg für wenige Heilige betrachtet wird.

Schwindel und Verzweckung

Ähnliches gilt für den Umgang verschiedener Personen mit Anna Katharina Emmerick. Die einen wollen das Ganze unbedingt als Schwindel entlarven, weil es nicht in ihr Weltbild passt. Das könnte man als protestantische Richtung verstehen. Die anderen haben ein sezierendes medizinisch- wissenschaftliches Interesse und sind nur am Phänomen, nicht aber an der Person interessiert und merken nicht, wie sie die Person damit quälen. Und schließlich die katholische Position, die Visionen verzweckte zur scheinbar göttlichen Untermauerung der wahren Lehre des Katholizismus. – Keine der beschriebenen Auffassungen wird dem Phänomen gerecht. Ich will versuchen, Mystik in ihrer eigenen Tradition und explizit am Beispiel Anna Katharina Emmericks zu erläutern. In der Tradition fällt auf, dass am Anfang eines mystischen Weges fast immer Leiden an der Wirklichkeit steht, fast Weltüberdrüssigkeit. Das kann eine Abwertung der Welt sein, meist ist es aber eher das Erspüren eines Ungenügens dessen, was erlebt wird. Dieses Gefühl baut sich meist über Jahre oder gar Jahrzehnte auf, oft unbewusst, und kann psychosomatisch sogar zu Erkrankungen führen. Zu diesem Gefühl des Ungenügens der Wirklichkeit gehört ebenso bewusst oder unbewusst eine zunächst ungerichtete Sehnsucht, die über diese Welt hinaus will und die sich in Sätzen ausdrückt wie: "Es muss doch mehr als alles geben."

Sehnsucht und Erschütterung

Durch ein Erlebnis kann nun diese Sehnsucht bewusst werden und zu radikaler Veränderung führen. In der Geschichte der Mystik gibt es unterschiedliche Erlebnisse dieser Art. Bei Antonius, dem Wüstenvater, war es das Persönlich-Angerührt-Sein von einem Wort der Schrift, das seine Situation traf, seine Sehnsucht ansprach und gleichzeitig einen Weg für ihn zeigte. Bei Franz von Assisi waren es Kerkerhaft und verschiedenste Verunsicherungen, die sein Leben erschütterten: etwa die Begegnung mit einem Aussätzigen, mit dem er plötzlich anders umgehen konnte, ihn umarmte, bis sich schließlich die Botschaft in ihm Gehör verschaffte: "Bau meine Kirche wieder auf!" Teresa von Avila entdeckte plötzlich in einer Statue, die Jesus an der Geißelsäule zeigte und die sie vorher sicher schon oft betrachtet hatte, die existenzielle Bedeutung des Leidens Jesu für sie selbst und begann ihr Reformwerk. Diese biographischen Ereignisse fallen nicht einfach vom Himmel, sondern sind der Umschlagpunkt einer oft Jahre dauernden Entwicklung – so wie der berühmte Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen bringt. Durch dieses Erleben verändert sich die Motivation der Sehnsucht, sie bekommt ein Ziel und wendet sich über die Wirklichkeit hinausgehend Gott zu. Das ist deshalb so wichtig, weil damit die Sehnsucht eine neue Richtung erhält: Aus der Abwendung von der Welt wird die Hinwendung zu einem Du, das in dieser Phase des mystischen Weges als mich liebendes, mich umfangendes, mich bergendes Du erlebt wird. Die Sehnsucht danach, aufgehoben und geborgen zu sein, wird punktuell erfüllt.

Ich und Du

Damit ist eine weitere Qualität der Sehnsucht beschrieben: die Sehnsucht nach einem liebenden Du. Im Verlauf der geistlichen Biographie ist damit neuerlich von Sehnsucht die Rede, die sich jetzt weiter entwickeln und entfalten muss. Zunächst wäre das realistische Gottesbild zu nennen. Durch Entziehung zwingt Gott den Menschen zum Überdenken seiner Bilder, Vorstellungen und Phantasien von Gott. Die Täuschung über Gott, seine Einengung in Ideen und Vorstellungen wird weggenommen. Der Mensch erfährt, dass die Begegnung mit Gott Geschenk ist und bleibt und sich jedem Zugriff und aller Machbarkeit entzieht. Gott und der Mensch bleiben frei. Gott wird zunehmend als Geheimnis erfahren, was aber nicht zur Lähmung, sondern zur Verlebendigung der Gottesbeziehung führt. Gott bleibt der je Größere und der je wieder neu zu Suchende in seiner sich offenbarenden und gleichzeitig entziehenden Geheimnishaftigkeit.

Gott und die Welt

Die Beziehung zur Welt wandelt sich in der dunklen Nacht in die leidvolle Anerkennung und teilweise Versöhnung mit der Tatsache, dass die Welt unvollkommen, endlich, begrenzt, sündhaft, vergänglich, nicht alles ist und nie alles werden kann: die Erkenntnis, dass nichts in dieser Welt Gott ist und die ersehnte Vollendung immer noch aussteht. Auch im Bezug zur Geschichte finden Mystiker und Mystikerinnen zu einem neuen Verhältnis. Es geht weder um den Ausstieg aus der Geschichte noch um Geschichtslosigkeit, es geht um Geschichtsunabhängigkeit. Es bedeutet, in der Geschichte zu stehen, ihrem zeitlichen Verlauf unterworfen zu sein und trotzdem immer schon in Abstand zu ihr zu leben, zumindest der Sehnsucht nach. Es geht nicht um Weltlosigkeit oder gar Weltflucht, es geht darum, in der Welt zu sein, ohne von ihr zu sein. Es wird eine "Weltfremdheit" beschrieben, nicht im Sinn von Lebensuntüchtigkeit, sondern als Erfahrung, dass diese Welt immer auch fremd bleibt, denn sie kann für den von der Sehnsucht nach Gott ergriffenen Menschen nicht zur endgültigen Heimat werden, denn "unsere Heimat ist im Himmel" (Phil 3,20).

Mögliches und Unmögliches

Schließlich wird auch das Selbstbild realistischer. Der Mensch erfährt sich als Teil dieser eben beschriebenen Welt, als unvollkommen, unfertig, angefochten, sündhaft, und gleichzeitig erlebt er die Differenz zu Gott als dem Ziel seiner Sehnsucht. Hier liegt der Grund dafür, dass Mystiker Sünde und Schuld oft scheinbar dramatisieren. Für ihre Wahrnehmung ist Schuld nicht mehr der Verstoß gegen eine Norm – und sei sie göttlichen Ursprungs, für sie ist Sünde eine Störung ihrer Gottesbeziehung, das Erleben eigener Unvollkommenheit und das Leiden daran aufgrund der Sehnsucht nach Vereinigung. Der gewonnene Realismus lässt zu, das Mögliche zu erkennen und zu tun und das Unmögliche zu lassen. Im Verhältnis zum Mitmenschen führt dieser Realismus zu einem sanftmütigen Umgang. Das meint nicht einen Umgang mit Samthandschuhen, sondern es ist eine Frage der veränderten Einstellung. Im Blick auf eigene Unzulänglichkeiten werden die des anderen nach wie vor als Unzulänglichkeiten erlebt, aber es ist ein barmherzigerer Umgang damit möglich.

Bruchstücke und Ganzheit

Daraus erwächst eine Gelassenheit, die nicht mit Apathie zu verwechseln ist. Gelassenheit auf grundmystischer Erfahrung ist das realistische Erkennen der Möglichkeiten, der positiven Ansätze, der ansatzweisen Erfolge, der schon möglichen Bruchstückerfahrung von Himmel, aber eben nur in Bruchstücken, so dass auch der Mangel an Ganzheit wahrgenommen wird, die für den Menschen nicht machbar ist. Darin besteht schließlich die Spannung, in der die mystische Gelassenheit steht: keine entspannte Gelassenheit, nicht gänzliches Abfinden mit der Welt, es ist nicht Aufgehen im Weltverbesserungsprojekt christlicher Ethik, so wichtig auch diese Aspekte sind. Grundlegend bleibt die bis zum Schmerz und Leiden an der Welt sich steigernde Sehnsucht nach Gott. Dieser Schmerz ist als Leiden an der Endlichkeit der Welt nicht masochistisch, sondern wie hoffentlich gezeigt, realistisch: denn nichts in dieser Welt ist Gott, und Gott allein genügt. Allem Tun, das aus der mystischen Erfahrung folgt, dass sogar als Kriterium seiner Echtheit angesehen wird, haftet diese Unvollkommenheit und die Sehnsucht nach dem Vollkommenen an.

Maß und Maßlosigkeit

Von daher lässt sich ein Mystiker, eine Mystikerin nur mit paradoxen Formulierungen beschreiben. Sie sind zufriedene Unzufriedene: zufrieden im realistischen Blick auf die Wirklichkeit und die Versöhnung mit ihr und Unzufriedene im sehnsüchtigen Blick über diese Welt hinaus. Sie sind maßvolle Maßlose, die in der Auseinandersetzung mit der Welt ihr Maß gefunden haben und gleichzeitig maßlos über sie hinausgehen. Sie sind ruhende Getriebene: ruhend in grundsätzlicher Geborgenheit in einer Beziehung zu Gott und Getriebene in Sehnsucht nach endgültiger Vereinigung mit ihm. Mystische Erfahrung lässt sich nach dem großen Theologen Karl Rahner beschreiben als das immer radikalere Zu-sich-selbst-Kommen der Sehnsucht nach Gott in einem gleichzeitig sich vollziehenden Prozess menschlicher Reifung. Es handelt sich also nicht um ein punktuelles Ereignis, nicht um eine außergewöhnliche Erfahrung, erst recht nicht um ein nebulös-magisch-schauriges Geschehen, sondern um einen Prozess, in dem es um einen radikalen Realismus Gott, der Welt, dem Mitmenschen und mir selbst gegenüber geht. Wirklicher Realismus schließt dabei immer die Entdeckung der Geheimnishaftigkeit dieser Bezüge ein. Realistisch Gott, die Welt, sich selbst und die Mitmenschen zu betrachten, führt letztlich immer zum Erkennen und zum positiven Anerkennen ihrer Geheimnishaftigkeit und Unauslotbarkeit.

Frömmigkeit und Geheimnis

Der "Fromme von morgen" ist nach Karl Rahner ein Mensch mit mystischer Erfahrung, einer, der in einem mystischen Umwandlungsprozess steht, der sich immer wieder vertrauend der Unbegreiflichkeit Gottes öffnet und in seinem Leben der Sehnsucht nach Gott auf der Spur bleibt. Damit klärt sich auch der Begriff des Frommen. Frömmigkeit oder Frommsein beschreibt nicht eine gelegentliche religiöse Anwandlung, eine etwas verschrobene Persönlichkeitsstruktur und nicht schon das Hersagen von Gebeten. Frommsein heißt etwas von der Sehnsucht nach dem personalen Gott erspürt, erfahren zu haben und dieser Spur konsequent in seinem Leben zu folgen. Insofern war Anna Katharina Emmerick gestern bereits eine "Fromme von morgen", eine Mystikerin.

Text: P. Michael Plattig in "Kirche + Leben" | Foto: Michael Bönte
24.09.04

Das Evangelium hören

Service für Sie

Facebook

RSS-Feed Topnews

Öffnet internen Link im aktuellen FensterNewsticker für Ihr Web


Anzeigen-Sonderthema


Heiligenlexikon in "kirchensite.de"

im Heiligenkalender können Sie nach Monaten blättern. Oder wählen Sie hier nach Buchstaben aus:

 

Kontakt

  kirchensite-Redaktion:
  redaktionkirchensite.de

  Technik:
  technikdialogverlag.de

Dialogversand