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27.06.2017
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Anna Katharina Emmerick

"Anna Katharina Emmerick war eine starke Beterin mit einem klaren Blick für die Realitäten."

Annäherung an eine Selige (5)

Und die Weinenden werden lachen

Mystik, Visionen,Wundmale, Leiden: Das alles wird mit Anna Katharina Emmerick verbunden. Wo ist da noch Platz für die Frohe Botschaft? Antworten des Bibelwissenschaftlers Thomas Söding:

Anna Katharina Emmerick hat sich intensiv mit dem Leiden Christi befasst. Was immer Clemens Brentano aus ihren Bildern gemacht hat: der leidende Jesus stand ihr so deutlich vor Augen, dass viele Menschen erschrecken. Mel Gibsons Passionsfilm, der sich auf sie beruft, vermittelt nur einen schwachen Eindruck von den Erschütterungen, denen sie ausgesetzt war. Sie war eine schwache Kranke, von der große Kraft ausging, eine starke Beterin mit einem klaren Blick für die Realitäten, eine Leidende voller Ohnmacht und Kraft. Nichts davon kann man verstehen, wenn man sie nicht als eine Zeugin des gekreuzigten Jesus sieht, voller Hoffnung wider alle Hoffnung, voller Freude mitten im Leid. Darin liegt die Herausforderung und mehr noch die Einladung der Seligsprechung.

Anna Katharina Emmerick aus der Ferne zu bestaunen und ihrer fremden Frömmigkeit Respekt zu zollen, ist nicht selbstverständlich, aber auch nicht besonders schwer. Ernster wird es, wenn man selbst die Frage beantworten will, die sie gestellt hat: Was bedeutet es, dass Jesus, der Sohn Gottes, nicht auf dem Höhepunkt einer triumphalen Karriere in den Himmel entrückt wurde, sondern einsam und verlassen auf Golgotha gestorben ist? "Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme das Kreuz auf sich und folge mir" (Mk 8,34) – wer kann ein solches Wort ertragen? Wer kann mit ihm leben?

Das Leben verlieren

Angeblich sind die Vorbehalte heute besonders stark, weil es nur noch um "Selbstverwirklichung", Ichstärke und Durchsetzungskraft gehe. Aber sind das nicht Vorurteile? Seit Generationen wird über "die Jugend von heute" geklagt; und im Zweifel sind es eher die Anderen, die das Problem haben. Die Versuchungen ändern sich, die große Versuchung, auf Kosten anderer zu leben, bleibt. Allerdings reagiert man heute auch in aller Öffentlichkeit sehr allergisch darauf, wenn man den Eindruck gewinnt, gerade den Kleinen werde zur Demut geraten und die am Boden liegen, sollten dafür auch noch dankbar sein. Ist diese Skepsis schlecht?

Die eigentliche Schwierigkeit liegt jedoch viel tiefer: Der Überlebenstrieb ist uns tief in unsere Gene programmiert. Wie kann man Jesus da glauben, wenn er warnt: "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren"? (Mk 8,34). Wir wollen etwas aus unserem Leben machen. Was soll dann das Bekenntnis Jesu: "Von mir selbst aus kann ich nichts tun" (Joh 5,31)? Wir wollen glücklich sein. Was ist dann mit der Aufforderung des Apostel Paulus an die Philipper: "Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt" (Phil 4,13)?

Alles, was die Bibel über das Leiden sagt, hat eine entscheidende Voraussetzung: Die übliche Parole "selber schuld!" ist grundfalsch. Gewiss: Sünde macht krank. Sie zerstört das Leben: nicht nur das von anderen Menschen, sondern auch das eigene. Die Sinne werden getrübt, der Blick verengt sich, das Gewissen stumpft ab oder lässt nicht mehr ruhig schlafen, die Seele wird zerfressen. Aber der Umkehrschluss, auf andere gemünzt, ist purer Zynismus. Und er wird zur Seelenqual, wenn er nach innen fixiert ist: "Was habe ich nur falsch gemacht? Gott hat mich gestraft."

Die Gnade des Kreuzes

Wenn die Kirche eine Frau, die so viel gelitten hat wie Anna Katharina Emmerick, selig spricht, stellt sie sich nicht auf die Seite der Zyniker, sondern auf die Seite Jesu. Denn der stellt sich auf die Seite der Kranken und Leidenden: "Rabbi, wer hat gesündigt, er selbst oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?" (Joh 9,2), fragen ihn seine Jünger. Kaum eine Frage im Neuen Testament ist heute, in den Zeiten von Erbgutforschung und Fruchtwasseruntersuchung, aktueller als diese. Und kaum eine Antwort Jesu ist befreiender: "Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern Gottes Werke sollen an ihm offenbar werden" (Joh 9,3). Jesus tritt dafür ein, dass der Blinde leben darf und dass sein Leiden ein Ende hat. Er macht den Blinden sehend – als Zeichen dafür, dass Gott ihn nicht vergessen und verworfen hat, sondern ihn eintauchen wird in den Lichtglanz seiner Herrlichkeit, dass ihm die Augen übergehen. Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Um davon Zeugnis abzulegen, ist Jesus gekommen.

Aber was ist mit denen, die nicht geheilt werden? Die ungetröstet sterben? Sind sie, von denen viele in die äußerste Gottesfinsternis geraten, nicht doch verraten und verkauft? Am Karfreitag wird in der Liturgie vom Knecht Gottes gelesen: "verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut" (Jes 53,3) – aber: "Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Opfer hingab" (Jes 53,10). In jenem Schmerzensmann hat sich Jesus wieder erkannt.

Coesfelder Kreuz

Das Coesfelder Kreuz, das Anna Katharina Emmerick besonders wichtig war und das auf dem Reliquiar für die Seligsprechung nachgebildet ist, stellt diesen Jesus vor Augen. Für das Neue Testament ist das Kreuz Jesu nicht nur ein geschichtliches Ereignis, sondern lebendige Gegenwart und immer neuer Zuspruch: Jesus hat das Leiden nicht gescheut; er hat es nicht gesucht, aber letztlich hat er es angenommen – im Gebet. Und deshalb ist er allen Leidenden nahe, gerade wenn sie schreien: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

In Jesus aber ist Gott selbst an der Seite der Leidenden – und nicht nur an ihrer Seite, sondern tief in ihrem Herzen und in ihrer Seele: so intensiv, dass selbst der Tod nichts gegen Gottes Liebe vermag. Das Kreuz scheint allen Recht zu geben, die Gott nicht zutrauen, dass er Mensch geworden ist, damit die Menschen am Leben Gottes selbst Anteil haben können. Aber wer es mit den Augen Jesu betrachtet, der kann das Kreuz – meist, wie in der Fastenzeit, unter Schleiern tief verbogen – als Zeichen der Hoffnung für die Leidenden sehen, die mit ihrem Leid nicht fertig werden.

Gott lässt sie nicht im Stich. Er ist ihnen dann am nächsten, wenn ihnen am allerbängsten ist. Wer davon einen Hauch nur spürt, ist inmitten größter Armut unendlich reich. Nicht Freude am Leiden, sondern Freude im Leiden ist die Botschaft des Evangeliums – eine Freude, wie sie diese Welt nicht geben kann, wie sie Selige und Heilige aber erfahren haben und bezeugen können.

Das Leben gewinnen

Wenn die Kirche glaubt, dass Anna Katharina selig ist, legt sie im Namen Jesu Zeugnis ab von einer Hoffnung mitten im Tode und über den Tod hinaus. "Wer sein Leben um meinet und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten"(Mk8,35). Kreuzesnachfolge ist der Weg zum Leben, weil nur die Liebe zählt. So wie Jesu Leben in der neunten Stunde von Golgota nicht gescheitert ist, sondern seine Sendung vollendet, so zeigt sich auch im Leiden und Sterben von Menschen, die ihm nachfolgen, nicht das nackte Grauen des Nichts, sondern der heiße Atem der Liebe. Jesus, ob erkannt oder nicht, geht den Weg durch den Tod ins Leben mit; er hat ihn selbst bereitet.

Das ist nicht nur die Verheißung für die Starken, die so stark sind, dass sie ihr Leben für andere hingeben können. Es ist auch eine Verheißung für die Schwachen, die so schwach sind, dass sie nichts mehr geben können – als ihre Schwäche. So eine war Anna Katharina Emmerick. Dass sie die Wundmale Christi trug, ist – wie bei Paulus und Franziskus – der leibliche Ausdruck ihrer Kreuzesnachfolge. Sie wollte mit ihrem Leiden nicht demonstrieren. Sie wollte in ihrem Leiden Jesus nahe sein. Mehr noch: Sie wollte ihr Leiden so annehmen, dass es ihr Anteil gebe am Leiden Christi. Denn sie glaubte, dass Jesus ganz und gar Anteil nimmt an ihrem Leiden und dem aller anderen Menschen.

Sie glaubte, dass es in Christus eine Gemeinschaft der Leidenden gibt und dass diese Leidensgemeinschaft auf die Erlösung von allem Leid ausgerichtet ist, dass aber die Erlösung nicht über das Leiden der Menschen hinweg, sondern durch dieses Leiden hindurch geschieht – das körperliche und das seelische. Das ist der Glaube Anna Katharina Emmericks, dem Jesu Verheißung gilt: "Selig, die ihr jetzt weint: Ihr werdet lachen" (Lk 6,21).

Text: Dr. Thomas Söding | Foto: Michael Bönte
30.09.04

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