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Seite: Aktuelles  >  Vortrag von Bischof Genn beim Ordenstag am 25.09.2010
10.12.2018
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Dokumentiert:

Vortrag von Bischof Genn beim Ordenstag 2010

Bistum. Am Samstag (25.09.2010) fand in Münster der diesjährige Ordenstag statt. Aus diesem Anlass hielt Bischof Felix Genn einen Vortrag zum Thema "Gott geweiht – Auf’s Ganze gehen!". kirchensite.de dokumentiert die schriftliche Fassung dieses Vortrags.

Verehrte, liebe Schwestern und Brüder aus den Ordensgemeinschaften unseres Bistums! Im Jahr des Jubiläums unseres Bistums Münster hatten Bischof Reinhard und der Ordensrat mich eingeladen, diesen Tag, zu dem Sie sich immer im Zusammenhang des Weihefestes unseres Domes versammeln, zu gestalten. Ich habe damals als Bischof von Essen hier darüber gesprochen, dass Sie als Brüder und Schwestern aus den Gemeinschaften des geweihten Lebens zu denen gehören, die die Sehnsucht nach Gott wach halten.

Heute stehe ich nun in einer anderen Rolle vor Ihnen; denn ich bin Bischof dieses Bistums, dem Sie seit vielen Jahren und Jahrzehnten in Ihren Gemeinschaften durch Gebet, Arbeit und Leiden dienen. Schon bei mehreren Gelegenheiten hatte ich die Möglichkeit, Ihnen meinen ausdrücklichen und aufrichtigen Dank zu sagen für das, was Sie tun, mehr aber noch für das, was Sie sind.

Mit den geistlichen Impulsen, die ich Ihnen heute Morgen vorlege, möchte ich diesen Dank auch inhaltlich füllen und Ihnen ganz unabhängig davon, ob Sie noch in einem aktiven Dienst sind oder im so genannten Ruhestand, Anregungen geben für das Leben in Ihrer Sendung und dem Auftrag, den Sie mit Ihren Gelübden und so mit Ihrem Entschluss, Gott in den Evan­gelischen Räten zu dienen, übernommen haben.

I. Was ist das eigentlich – "Geweihtes Leben"?

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von "Geweihtem Leben" sprechen? Versuchen wir zunächst, diesen Begriff etwas zu umgrenzen. Wir wollen uns in der Gestalt einer kurzen Umschreibung des "Raumes", den diese Lebensform in Kirche und Welt gleichsam auszufüllen hat, diesem Begriff nähern. Grenzen wir dies zunächst in fünffacher Weise ab:

1. Ordensgründungen und einzelne Berufungen zum geweihten Leben müssen zwar von der kirchlichen Autorität approbiert werden und haben einen angestammten Platz im kirchlichen Organismus. Aber sie bleiben aus der pastoralen Planung der Kirchenleitung unableitbar. In ihrem ersten Ursprung und in ihrer wesentlichen Konstitution sind sie freie, ja überraschende Verfügungen und Stiftungen des auferstandenen Herrn, der im Heiligen Geist das unfassbare Haupt der Kirche bleibt.

2. Die Berufung zum geweihten Leben ist deshalb eben eine Be-ruf-ung, also ein Ruf, der von Christus im Heiligen Geist ergeht. Der Berufene ist nicht vergleichbar mit ‚Ehren­amtlichen’, die sich ‚fulltime’ für die Kirche engagieren möchten.

3. Das geweihte Leben ist eine letztlich von Christus und dem Geist geschenkte, das ganze Leben umfassende Lebensform, die durch die Evangelischen Räte ins Dasein tritt. Es schließt somit die Ehe aus, ist aber auch nicht unbedingt mit dem Priestertum verbunden – anderenfalls wären Ordensschwestern oder Laienmönche keine Geweihten! Das geweihte Leben ist somit ein Lebensstand – ‚Rätestand’ wäre in dieser Hinsicht ein genauerer Aus­druck, der in gewisser Hinsicht weiter reicht als das Priestertum, insofern dieses eben keinen solchen Lebensstand, sondern vielmehr einen sakramentalen Status begründet. Das Priestertum scheint freilich im Verständnis der lateinischen Kirche nach dem geweihten Leben zu rufen, wobei das geweihte Leben, das in gewisser Hinsicht die umfassendere Kategorie darstellt, nicht automatisch nach dem Priestertum ruft.

4. Das geweihte Leben beschränkt sich nicht nur auf Ordenspriester, auch nicht nur auf Ordensschwestern oder Laienmönche, sondern es erstreckt sich auch auf geweihte Laien, wie es z. B. bei den Mitgliedern der Säkularinstitute der Fall ist, die die Evan­gelischen Räte im Kontext eines ‚weltlichen’ Berufs befolgen. Hier wäre an den Codex zu erinnern, der Ordensleute und solche laikalen Mitglieder als gleichberechtigte, wenn auch verschiedene Vertreter des einen geweihten Lebens ansieht.

5. Die Mitglieder der Säkularinstitute betrachten ihren Beruf nicht bloß als den äußerlichen und äußeren Schauplatz irgendeines von der Pfarrei oder dem Bistum ausgehenden ‚Apostolats’. Vielmehr sehen sie in ihm einen ursprünglichen Ort ihrer Aufgabe, im innersten Kern der Welt den innersten Kern der Kirche (und umgekehrt) zu verkörpern. Man könnte deshalb sagen, dass den Säkularinstituten die Aufgabe obliegt, den weltlichen Aspekt allen geweihten Lebens überhaupt ins Licht zu stellen, und damit der Kirche in Erinnerung zu rufen, wie sehr das geweihte Leben innerlich mit dem Laientum als Grund­figur des Christentums verbunden ist. Dies bedeutet bei weitem nicht, dass die Säkular­institute ältere, auch durch Jahrhunderte bewährte Formen des geweihten Lebens ersetzen oder obsolet machen. Jede Form des geweihten Lebens braucht die je Anderen, und ebenso sehr ist jede beauftragt, Aspekte zum Vorschein zu bringen, die vielleicht nur implizit in je Anderen schlummern.

Wir können also sagen, dass das geweihte Leben dazu da ist, die Form des Christsteins in der Weise zu verkörpern, indem die dazu Gerufenen buchstäblich am eigenen jungfräulichen Leib Kirche in ihrer Form, sich in antwortender Liebe dem Herrn zu schenken, darzustellen haben. Gerade die Säkularinstitute sind ex professo dazu berufen, einen Wesenszug aller Formen geweihten Lebens ins Licht zu stellen, nämlich das Laikale in einer weltlichen und säkularen Umgebung zu leben. Insofern ist es nicht ohne Grund, dass der Herr gerade in unserer Zeit solche Berufungen des geweihten Lebens schenkt, um sie zugleich auch zu Wegweisern werden zu lassen bei der Suche nach neuen Gestalten geweihten Lebens für die Kirche von heute.

Es sei nur angemerkt, dass damit weder eine Entwürdigung noch eine Benachteiligung der verheirateten Laien gemeint ist. Im Gegenteil kann sogar das Paradigmatische des geweihten Lebens auch und gerade den Eheleute dienen, nämlich ihnen dazu verhelfen, den christlichen Radikalismus des Ehestandes tiefer zu entdecken in der Selbstverständlichkeit der gegen­seitigen Hingabe, die dann in sich auch noch einmal ein wiederum indispensables Vorbild für die Geweihten sein kann und soll. Es geht hier um ein Gefüge, in dem das Miteinander in Nähe und Distanz, in Verschiedenheit und Gemeinsamkeit, aber auch in reziproker Ange­wiesenheit füreinander Kirche in Reichtum und Vielfalt der Geistesgaben realisiert.

II. Schauen auf den Durchbohrten

Liebe Schwestern und Brüder, wir können nicht an der Tatsache vorbei sehen, dass das so genannte geweihte Leben in einer Krise steckt, auf jeden Fall in einer Zeit des Um- und Aufbruchs. Einer weit verbreiteten Meinung zufolge wäre diese Krise darauf zurückzuführen, dass die geweihte Lebensform nicht mehr zeitgemäß ist, und dass der Weg aus der Krise darin bestünde, die traditionellen Formen des geweihten Lebens umzugestalten im Hinblick darauf, was "den Menschen von heute" noch "zugemutet" werden könne. Ich sehe darin eine Gefahr, weil solche Anpassung die moderne Gesellschaft zum letzten Maßstab der christlichen Wahr­heit erheben würde und deshalb gar nicht fähig sein könnte, die gewünschte Erneuerung herbeizuführen. Im Gegenteil: Für unsere Überlegungen ist es vielmehr wichtig, unser Heute zu relativieren und viel mehr auf das zu schauen, was die grundlegenden Glaubensaussagen der kirchlichen Lehre uns anbieten – und das kann nur zunächst fundamental Christus sein. Wahrheit ist nämlich nicht, den letzten Maßstab des Christlichen bei der heutigen Gesellschaft oder bei der heutigen Kirche zu suchen, sondern einzig und allein in dem, was die Catholica aller Zeiten und Nationen geglaubt, und was sie gerade durch die Krise hindurch im Ordens­leben und in den anderen Formen des geweihten Lebens als tiefen geistlichen Kern entdeckt hat. All unser kirchliches Heute, also auch Formen geistlichen Lebens in der Kirche von Heute, müssen verankert sein im immer neuen Heute des auferstandenen Jesus. Indem wir Ihn anschauen, erhalten wir neues Licht, das uns erlaubt, das eigentliche heutige Problem in den Blick zu bekommen und sachgemäß zu beschreiben. Deshalb spreche ich vom "Schauen auf den Durchbohrten": Das heißt eigentlich nicht anderes, als auf den zu schauen, der ganz Gott geweiht ist und deshalb aufs Ganze gegangen ist, indem er bis zum Ende den Vater und seine Schwestern und Brüder, uns als seine Nächsten, geliebt hat und liebt. Seine Weihe besteht darin, dass er aufs Ganze ging in der Liebe.

Er, der auferstandene Christus, ist im und mit dem Heiligen Geist die einzige, souverän-freie Quelle sowohl aller geistlichen Berufungen als auch aller neuen, wirklich zeitgemäßen Formen geweihten Lebens. Der Auferstandene ist aber der am Kreuz Durchbohrte, in dessen eröffneter Seite der Apostel Thomas die Gottheit erblicken durfte. Der Evangelist Johannes beendet seine Darstellung vom Tod Jesu ausdrücklich mit dem Hinweis, dass sich in diesem Tod die Schrift erfüllt hat, speziell das Wort aus dem Propheten Sacharja: "Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben" (Joh 19,37; Sach 12,10). Dieses Wort taucht im ersten Kapitel der Geheimen Offenbarung wieder auf. In der gewaltigen Christusvision, die der Seher auf Patmos erfährt, wird der kleinen Gemeinde in Kleinasien der verherrlichte Christus vor Augen gestellt: "Jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben" (Offb 1,7). Der Blick auf den Durchbohrten wird uns helfen, die Wahrheit zu finden, die unserer Frage Richtung und Ziel gibt. Die durchbohrte Seite manifestiert die unergründliche Tiefe der väterlichen Liebe. Das Schauen auf den Durchbohrten offenbart uns den Abgrund der Liebe des Vaters im Geist.

Mit Worten von Papst Benedikt, der uns unermüdlich an Christus und sein ewiges, immer neues Heute erinnert, wollen wir das geweihte Leben als eine liebende Antwort auf die Liebeshingabe Gottes im durchbohrten Christus neu entdecken. Was sehen wir da? Die leidenschaftliche Liebe Gottes zu seinem Volk, das Wunder der vergebenden Liebe, in der Gott am Kreuz sozusagen seine eigene Gerechtigkeit "überwindet":

"Die leidenschaftliche Liebe Gottes zu seinem Volk – zum Menschen – ist zugleich vergebende Liebe. Sie ist so groß, dass sie Gott gegen sich selbst wendet, seine Liebe gegen seine Gerechtigkeit. Der Christ sieht darin schon verborgen sich anzeigend das Geheimnis des Kreuzes: Gott liebt den Menschen so, dass er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und auf diese Weise Gerechtigkeit und Liebe versöhnt" (Deus caritas est 10).

In der durchbohrten Seite Jesu erreicht die Offenbarung der vergebenden väterlichen Liebe ihren höchsten Gipfel.

Der Vater ist sozusagen der grundlose Grund alles Wirklichen. Aber genau deshalb offenbart sich im Durchbohrten auch der Grundcharakter aller Wirklichkeit schlechthin. Im Licht, das der offenen Seitenwunde Christi entströmt, entdecken wir deshalb neu, dass sowohl das gött­liche als auch das geschaffene Sein schön, gut und wahr ist, weil dieses Sein sich in seinem tiefsten Grunde (sowohl in Gott als auch in der Welt) mit der Liebe identifiziert. Das heißt aber, dass die Liebe, so wie sie sich in Christus dargetan hat, kein müßiger Zeitvertrieb im Abseits von der alltäglichen Wirklichkeit ist. Im Gegenteil: Sie bildet eben den glühenden Kern des Wirklichen selbst. Die Welt kommt mit anderen Worten erst im Licht des Durch­bohrten zu ihrer vollen und eigentlichsten Wahrheit als Welt.

Ich betone das deshalb so ausdrücklich, liebe Schwestern und Brüder, um deutlich zu machen, dass für unsere Auffassung als Christen die Welt dem Kern der Kirche nicht fremd ist. Deshalb erscheint auch der Laie, in dessen ersten Aufgabenbereich die Welt fällt, als Grund­figur des Christseins überhaupt. Christsein bedeutet Laie sein, und Laie sein bedeutet, in der Welt für die universale Reichweite der Kirche als Sakrament der Einheit der Menschen, ja aller Kreaturen, mit Gott und untereinander einzustehen. Ich sage das mit einem Wort von Papst Benedikt XVI. aus seiner Enzyklika "Deus caritas est":

Dieses Handeln Gottes nimmt seine dramatische Form nun darin an, dass in Jesus Christus Gott selbst dem "verlorenen Schaf", der leidenden und verlorenen Mensch­heit, nachgeht …. In seinem Tod am Kreuz vollzieht sich jene Wende Gottes gegen sich selbst, in der er sich verschenkt, um den Menschen wieder aufzuheben und zu retten – Liebe in ihrer radikalsten Form. Der Blick auf die durchbohrte Seite Jesu, von dem Johannes spricht (vgl. 19,37), begreift, was Ausgangspunkt dieses Schreibens war: "Gott ist Liebe" (1 Joh 4,8). Dort kann diese Wahrheit angeschaut werden. Und von dorther ist nun zu definieren, was Liebe ist. Von diesem Blick her findet der Christ den Weg seines Lebens und Liebens (Deus caritas est, 12).

Ich möchte hier noch einen Passus aus der Enzyklika Spe salvi einfügen. In ihr nämlich spricht Benedikt von der Präsenz des ewigen Lebens im durchbohrten Christus. In dieser ver­hüllten, aber realen Gegenwart der absoluten Liebe Gottes und deshalb auch der heilen Schöpfung im Durchbohrten sieht er die tiefste Begründung der spezifisch christlichen Hoff­nung in ihrer all umfassenden Universalität. Für diese universelle Hoffnung aus Liebe Zeugnis abzulegen, ist Grundaufgabe der Kirche und deshalb Grundaufgabe jedes Christen, vor allem Grundaufgabe des Laien in seinem ganz und gar weltlichen Dasein. Benedikt schreibt:

"Der Glaube ist ein  "habitus", das heißt eine dauernde Verfasstheit des Geistes, durch die das Ewige Leben in uns beginnt und der den Verstand dahin bringt, solchem beizustimmen, was er nicht sieht. Der Begriff der "Substanz" ist also dahin modifi­ziert, dass in uns durch den Glauben anfanghaft, im Keim könnten wir sagen – also der "Substanz" nach – das schon da ist, worauf wir hoffen: Das ganze, das wirkliche Leben" (Spe salvi, 7).

Wie Sie alle wissen, hat das Konzil von der Berufung aller zur Heiligkeit gesprochen. Diese Berufung besteht nun genau darin, der Welt diese Grundsubstanz der göttlichen Liebe, die letztlich die Gabe ewigen Lebens ist, zu bringen und damit die Welt selber zu heiligen und heil werden zu lassen. Indem Christen die Hoffnung, die im Durchbohrten bereits da ist, weiter schenken, verwirklichen sie eine universale Liebe und tragen dazu bei, dass eine Hoff­nung, die Gott selber für die Welt hat, sich erfüllt. Sendet er nämlich seinen Sohn in die Welt, so verbindet sich damit, wie Hans Urs von Balthasar einmal gesagt hat, die Hoffnung Gottes selbst, dass die Sendung des Sohnes gelingt. Das darzustellen ist Aufgabe und Sendung der Christen für die Welt.

Allerdings dürfen wir hier aber auch genau eine Verbindung zur Aufgabe des geweihten Lebens sehen, und Papst Benedikt XVI. stellt es mit folgenden Worten dar:

"Der Glaube gibt dem Leben eine neue Basis, einen neuen Grund, auf dem der Mensch steht, und damit wird der gewöhnliche Grund, eben die Verlässlichkeit des materiellen Einkommens, relativiert. Es entsteht eine neue Freiheit gegenüber diesem nur scheinbar tragenden Lebensgrund, dessen normale Bedeutung damit natürlich nicht geleugnet ist. Diese neue Freiheit, das Wissen um die neue ‚Substanz’, die uns geschenkt wurde, hat sich nicht nur im Martyrium gezeigt ….. Sie hat sich vor allem in den großen Verzichten von den Mönchen des Altertums bis hin zu Franz von Assisi und zu den Menschen unserer Zeit gezeigt, die in den neuzeitlichen Ordens­bewegungen für Christus alles gelassen haben, um Menschen den Glauben und die Liebe Christi zu bringen, um körperlich und seelisch leidenden Menschen beizustehen. Da hat sich die neue ‚Substanz’ wirklich als ‚Substanz’ bewährt, ist aus der Hoffnung dieser von Christus berührten Menschen Hoffnung für andere geworden, die im Dunkel und ohne Hoffnung lebten. Da hat sich gezeigt, dass dieses neue Leben wirk­lich ‚Substanz’ hat und ‚Substanz’ ist, die anderen Leben schafft. Für uns, die wir auf diese Gestalten hinschauen, ist dieses ihr Tun und Leben in der Tat ein ‚Beweis’, dass das Kommende, die Verheißung Christi, nicht nur Erwartung, sondern wirkliche Gegenwart ist, dass Er (Christus) wirklich der ‚Philosoph’ und der ‚Hirte’ ist, der uns zeigt, was und wo Leben ist." (Spe salvi, 8).

Hier erscheint das geweihte Leben als eine Gabe, die über den normalen Lebensgrund, der im Unterhalt von Gütern gesucht wird, hinausgeht und existenziell aus der Grundsubstanz des Christlichen lebt, die die durchbohrte Seite des Gekreuzigten als Liebe gezeigt hat, die Hoff­nung möglich macht. Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, spreche ich immer wieder davon, wie wichtig es ist, dass es Sie gibt, und zwar nicht deshalb, weil Sie Funktionen aus­üben, sondern weil Sie sind. Sie sind eine Grundsubstanz der Hoffnung für die Kirche. Sie wollen sich Gott weihen und deshalb gehen Sie auf’s Ganze. Deshalb gibt es für Sie keinen Ruhestand, sondern Sie bleiben in Ihrer Sendung und Berufung, ob Sie aktiv oder passiv tätig sind. Ein solcher Ordenstag wie der heutige kann Sie darin nur ermutigen, ist aber immer, Jahr für Jahr, für den Bischof Anlass, Ihnen zu danken und zugleich diesen Dank einfließen zu lassen in den großen Dank, den Christus seinem Vater darbringt, weil sein Leben, sich Gott und den Menschen zu weihen, in der Auferstehung als Gelungenes wirklich da ist. Indem wir auf den Durchbohrten schauen, schauen wir auf den, dessen Leben als durchbohrte Liebe in der Auferstehung zur Vollendung gekommen ist. Was kann uns eigentlich von dieser Liebe scheiden, was kann uns Angst machen, in dieser Liebe zu leben?

III. Gott geweiht – Auf’s Ganze gehen

Papst Johannes Paul II. hat in seinem Schreiben zur Jahrtausendwende Novo Millennio Ineunte den Weg der Kirche durch das neue Jahrtausend in die Perspektive der Heiligkeit gefasst. Nur darum kann es gehen; der Papst greift damit auf, was bereits im fünften Kapitel der Kirchenkonstitution des II. Vatikanischen Konzils behandelt wurde. Der Papst ist sich dabei bewusst, dass es schwierig ist, einen Pastoralplan oder überhaupt seelsorgliche Planung unter der Perspektive der Heiligkeit zu formulieren. Heiligkeit lässt sich nicht planen. Was das aber bedeutet, formuliert er mit den eindringlichen Worten:

"Wer die seelsorgliche Planung unter das Zeichen der Heiligkeit stellt, trifft in der Tat eine Entscheidung mit Tragweite. Damit wird die Überzeugung ausgedrückt, dass es widersinnig wäre, sich mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden zu geben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt wird, wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist" (NMI 31).

Schlichtweg gesagt: Es geht darum, vom Durchschnittschristen zu dem Christen zu werden, der der Taufe gemäß lebt, ihr gerecht wird und sich ihrer würdig erweist. Das passt genau in unser Thema. Das geweihte Leben ist ein existentiell erbrachter Beweis dafür, dass es nicht um den Durchschnitt geht, sondern darum, der Einwohnung des Heiligen Geistes in uns und der Einverleibung in den Leib Christi Gestalt zu geben. Oder anders gesagt: Sie sind der Beweis dafür, dass intime Teilnahme am Quellbereich des Christentums und Sendung sich füreinander verwenden, im Heiligen Geist - und nur in ihm – liegt nämlich beides ineinander. Ich könnte es noch pointierter sagen: Weil wir uns gesandt wissen vom Quellbereich des Herzens unseres Herrn, sind wir Gesandte in die weltlichsten Bereiche der Welt hinein, um sie von dort her dem Herrn zuzuführen. Das aber kann aktiv und passiv geschehen; denn wenn Sie betend und leidend dem Herrn Menschen und Dimensionen der Welt anvertrauen, ist dieser Mensch, sind diese Menschen, ist diese Dimension der Welt dem Herzen des Herrn nahe gebracht.

Zum Schluss seien fünf Kreise der Nachfolge Christi in den Gelübden genannt, in denen sich dieses Ineinander – mitunter dramatisch – abspielt. Dabei will ich nicht übersehen, dass das, was hier über die Geweihten gesagt wird, durchaus auch unter anderen Situationen analog für alle Christenmenschen gelten kann:

1. Das geweihte Leben steht konstitutiv unter dem Zeichen eines scheinbaren Paradoxons, das das ganze christliche Leben charakterisiert. Auf der einen Seite können wir nur deshalb hoffen, weil die väterliche Liebe immer schon gesiegt hat. Christlich ist Hoffnung ein Unterwegssein innerhalb des schon geschenkten Ziels. Auf der anderen Seite ist diese Hoffnung eben darum Hoffnung und nicht etwa bloßer unbekümmerter Besitz, weil die väterliche Liebe nirgends siegt als im durchbohrten Sohn. Die Auferstehung ist zwar ein neues Ereignis jenseits des Todes, aber der Auferstandene lässt diesen Tod nicht hinter sich, sondern verwandelt ihn ins ewige Leben hinein. Der Auferstandene ist der Durch­bohrte, sonst könnte man kaum auf die "Auferstehung des Fleisches" hoffen. Hoffnung im christlichen Sinne bedeutet Sieg in der Niederlage, Besitz im Nicht-Besitz. Hier darf ich erinnern an die Verbindung von Hoffnung und geweihter Armut, die Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über die Hoffnung herstellt.

2. Die durchbohrte Seite des toten Christus offenbart den Abgrund der väterlichen Liebe. Die Durchbohrung macht gerade aus dem, was von der Welt aus der unheilbarste Bruch ist, die Quelle nicht nur des Heils, sondern auch des Heilseins, der Intaktheit des Seins in seiner Schönheit, Gutheit und Wahrheit. Im Licht des Durchbohrten erblicken wir das Umsonst der Liebe als das, was die Wirklichkeit zu allererst als wirklich ausmacht. Von hier aus, liebe Schwestern und Brüder, könnte man eine Auseinandersetzung beginnen, und zwar zunächst einmal mit der westlichen Interessensüchtigkeit, die wir alle aus unserer Umgebung, aber auch von uns selbst her kennen. Was meine ich damit? Die Gabe, das Sein, die die Wirklichkeit darstellt, wird nicht empfangen, sondern ich will mich ihrer bemächtigen, sie für mich gebrauchen, indem ich zum Beispiel frage: Was bringt das mir? Umgekehrt erfahren wir heute in der Begegnung  mit dem Buddhismus eine Dimension eines Lebensentwurfes, die selbstlos zu sein scheint, weil sie die Gabe nicht nehmen will, aber umgekehrt in die Versuchung gerät, sich doch ihrer in noch feinerer Weise zu bemächtigen. Mir scheint es heute notwendig zu sein, gerade für die kontemplativen Gemeinschaften, deutlich zu machen, worin der Unterschied zwischen ihrer empfangenden Haltung und dem, was der Buddhismus vorlebt, darzuleben. Den Geweihten, in welcher Form des geweihten Lebens auch immer, fällt die Aufgabe zu, das Umsonst der Liebe zu verkörpern, in dessen Licht sie berufen sind, die innere Logik aller weltlichen Wirklichkeiten, den Logos, den Sinn, in allen Bereichen, ob Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder Kultur, neu zu lesen (Logos kommt von Legein=Lesen), zu bedenken, zu denken, und, wenn möglich, gewaltlos zu gestalten.

3. Die Hoffnungsstruktur des geweihten Lebens bedeutet natürlich nicht, dass der Geweihte sich irgendwo jenseits der Welt und ihrer Bedrängnisse einnisten darf oder kann. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil sie aus der eschatologischen Erfüllung hervorsprudelt, ist die liebende Hoffnung, die in Christus verharrt und bleibt, beides zugleich: Ein Bleiben in der Welt und ein Verharren unter der Bedrängnis dieses Äons. Liebende Hoff­nung ist ein Bleiben, das in dieser Weltzeit immer auch ein Darunterbleiben ist (grie­chisch könnte man sagen: ein menein und zugleich ein hypo-menein). Die Catholica bezeugt nicht nur, dass die Welt mit Gott versöhnt ist, sondern trägt kraft des schon in Christus vorhandenen Versöhntseins dazu bei, freilich mitunter im geschehen-lassenden Erleiden.

4. Die Gelübde bringen es mit sich, zwischen dem Ja des Verharrens und einem Nein zur Flucht aus der Welt zu stehen. Das ist geradezu ein Kampf, treu in der Berufung zu bleiben und in dieser Berufung der Welt zu dienen. Der Christ kann nicht aus der Welt fliehen, wenn er zugleich bei dem bleibt, der sein Ursprung ist. So geht er auf’s Ganze. Er wird nämlich mit hinein genommen in das Geschehen der Erlösung, nicht, weil er durch Gehorsam, Armut und Jungfräulichkeit vollkommener wird als die anderen, sondern weil gerade das zum Mitvollzug der Antwort gehört, die Maria ursprünglich im "Ja" von Nazareth und unter dem Kreuz als Erste in der Kirche gelebt hat. Wer sich dem Erlöser zur Verfügung stellt und Ihm alles gibt – und das tut man mit den Gelübden -, braucht sich nicht zu wundern, dass es ihm auch genommen wird. Nur so kann Paulus von seinem apostolischen Dienst sagen, dass er sich seiner Leiden freut und in seinem Fleisch ergänzt, was an dem Leiden Christi noch aussteht, für seinen Leib, der da ist die Kirche (Kol 1,24). Es geht darum, in der Welt vor Gott zu verharren und nicht vor Gott in die Welt zu fliehen, sondern mitzuwirken an dem, was Sein ist.    

5. Damit ist geweihtes Leben eucharistisches Dasein auch und gerade mitten im Drama des Kampfes in der Welt um den Sieg des Erlösers und seiner Liebe. Es ist nicht deshalb bloß eucharistisches Dasein, weil der Geweihte von der eschatologischen Vollendung der Welt her in die Welt zurück lebt, sondern auch, weil er am Geheimnis teilnehmen darf, dass Vater und Sohn durch die gegenseitige Gabe, die wir "Welt" nennen, einander beschenken und überraschen. Geweihtsein ist nicht zuletzt deshalb Dankbarkeit, weil es teilnimmt an einer Art von Geburt, nämlich der Geburt, dass aus dem Schoß der Welt die eschatologische Frucht in Gott hinein gegeben wird, weil Menschen ihre Welt, ihre Schöpfung, ihr Leben, ihren Leib einbeziehen lassen in das Erlösungsgeschehen. Indem sie in diesen Vorgang einsteigen, an dieser Geburt und Fruchtbarkeit beteiligt sind, offen­bart sich ihnen zugleich, was geschieht, wenn der Vater dem Sohn dankt für sein Werk, und der Sohn dem Vater dankt für seine Gabe, wenn Vater und Sohn im Heiligen Geist seit Ewigkeit her in Liebe sich beschenken und sich in der Liebe immer wieder neu über­raschen. In diesem Heute der Ewigkeit Gottes, das sich ständig ereignet, liegt auch das Heute der Kirche und ihrer Herausforderungen. In dieses Heute Gottes ist das Jetzt der irdischen Kirche und das jeweilige Heute ihrer Herausforderungen hineinzustellen. Von diesem Heute Gottes her wird die Antwort gegeben auf das geweihte Leben in neuer Gestalt und auf die Suche nach Formen geistlichen Lebens für die Kirche von heute. Erst an dieser Geburt offenbart sich uns vollkommen, was für ein unvergängliches, ewiges Ereignis der gegenseitige Dank von Vater und Sohn im Heiligen Geist immer schon ist. Dieses Ereignis ist auch das eigentliche Heute, von dem her es gilt, das jeweilige Heute der irdischen Kirche und ihrer Herausforderungen zu betrachten.

Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Sinne leben Sie Ihr Leben – Gott geweiht und gehen aufs Ganze, auch wenn Sie manchmal Ihre Schwachheit und Zerbrechlichkeit sehr unmittelbar erfahren. Und dennoch braucht die Kirche dieses Zeugnis. Wirken Sie weiter mit, damit Sein Erlösungswerk fürs Heute sich durchsetzt. Wenn Er aufs Ganze gegangen ist und dies täglich in der Eucharistie uns schenkt, was bleibt uns anders, als die Antwort gemäß Seinem Ruf zu geben?

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  1. undefinedOrdenstag: "Grundsubstanz der Hoffnung" (26.09.2010)
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Text: Bischof Felix Genn
25.09.2010

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